Wenn ihr den seht, der nicht aus der Frau geboren ist, werft euch mit dem Gesicht zu Erde und betet ihn an. Dieser ist euer Vater.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Thomas-Evangelium, Logion 15

Man kann viel über eine Religion lernen, wenn man sich die „heiligen Schriften“ dieser Religion anschaut — dies allerdings nicht in der gebückten Haltung, die so typisch für den Umgang der blindwütig Glaubenden mit dieser Überlieferung ist, sondern im aufrechten Gang, mit oben getragenem Köpfchen. Dabei wird ein so Schauender in der Betrachtung jeder Religion feststellen, dass zwar in großer Allgemeinheit von heiligen Überlieferungen die Rede ist, deren jeder einzelne Buchstabe als ein großes Geschenk an die Menschheit erachtet wird; dass solche Rede aber noch lange nicht bedeutet, dass alle diese Überlieferungen in der Theologie und der religiösen Praxis den gleichen Stellenwert bekämen. Nein, vielmehr. Ist es so, dass bestimmte Schriften für die religiöse Praxis und die dahinterstehende Theologie unabdingbar sind, während aus anderen Schriften zwar hin und wieder einmal ein tröstlich oder drohend Wörtchen herausgepickt und den Glaubenden als gefügig machendes Wort Gottes serviert wird, dass diese Schriften neben dieser gelegentlichen Verzweckmäßigung aber nur eine sehr untergeordnete Rolle in der Religion spielen, dass sie im besten Fall noch dazu dienen, die von der Religion zu Kernteilen erhobenen Überlieferungen zu „stützen“.

Die mosaische Religion ist sich dieser Tatsache sehr bewusst, und sie unterscheidet die Grade der Heiligkeit in den Büchern ihres Tenach, mit der Thora als völlig unabdingbare Grundlage jeder religiösen Praxis und weiterem Schriftgut von eher historischem oder ergänzendem Charakter. So ehrlich sind die meisten anderen Religionen gegenüber ihren hochgehaltenen Schriften zur Untenhaltung der Knechte freilich nicht.

Für den Denkenden gibt diese Randerscheinung aller Religion Anlass zu einer interessanten Fragestellung, die viel Licht auf die betrachtete Religion zu werfen vermag: Welche Anteile der religiösen Bücher könnten aus dem jeweiligen Kanon der heiligen Schriften entfernt werden, ohne dass die religiösen Grundaussagen mit diesem Schritt gefährdet würden?

Diese Frage an die christliche Religion gestellt, liefert ein interessantes Ergebnis. Es könnte ohne Gefahr ein Großteil der Schriften aus der jüdischen Überlieferung entfernt werden, und die Technik der christlichen Mission trägt dieser angesichts einer mehr als tausendjährigen Tradition christlichen Judenmordes wenig überraschenden Tatsache Rechnung, indem sie den Menschen einfach nur ein so genanntes „Neues Testament“ in die Hände drückt, wenn diese auch einmal in „der Bibel“ lesen sollen — mehr Bibel bedarf es nicht, außer vielleicht zum Angstmachen.

Doch auch aus dem so genannten „Neuen Testament“ könnte man noch einiges herausnehmen, zum Beispiel den Großteil der Berichte über das Reden und Wirken eines gewissen Jesus aus Nazaret. Denn dieses Leben und Wirken eines wundertätigen jüdischen Rabbis und zuweilen wirren Redners spielt für die christliche Religion nicht die geringste Rolle, es reicht die in vielen Briefen wortgewaltig dargelegte Deutung des Pharisäers Saulus — der sich in dieser Funktion denn aber doch lieber Paulus nannte — dass dieser Jesus der völlig sündlose Sohn „Gottes“ ist, der stellvertretend für die Menschen den Tod auf sich genommen hat, und dass es nur eine Forderung gibt, wenn man in den Genuss dieses von „Gott“ gewollten, barbarischen Menschenopfers kommen möchte, nämlich die Forderung, das zu glauben. Natürlich meint dies, es genau so zu glauben, wie es Paulus immer wieder geschrieben hat. Alles weitere spielt eine nur untergeordnete Rolle für die christliche Religion und wird bestenfalls dazu verwendet, die Gläubigen mit Höllenangst gefügig zu halten, während sie die heilige Leiche unter dem Symbol des römischen Galgens anbeten.

Diese Ignoranz gegenüber dem Leben eines mit dem Munde hochverehrten Jesus ist ein trefflicher Spiegel der allgemeinen Lebensverachtung in der christlichen Religion. Wo Kreuze aufgestellt werden, kommen die richtigen Galgen für Andersgläubige und die Kriegswaffen gleich hinterher, bis auf den heutigen Tag.

Der einzige Grund, weshalb die Geschichten über das Leben Jesu und die paar überlieferten Sprüchlein in dieser Judasreligion des ständig neu aufgeführten Jesusmordes weiter überliefert werden, ist ihre psychologische Funktion. Wer trotz der Gehirnwäsche von Kind auf und des gesamten menschlichen Zerbruchs vom religiösen Betrieb angewidert ist, kann, so er wenig kritischen Geist hat, beim Lesen der Bergpredigt zu glauben beginnen, dass er ein „besserer Christ“ ist. Und. Damit eben Christ bleiben. Dass hingegen auch nur ein einziges Mal auf Grundlage der gleichen Bergpredigt staatlich betriebener Massenmord an ausgewachsenen Menschen mit Lebenswillen von offizieller christlicher Seite verurteilt worden wäre, ist mir nicht bekannt. Von dieser Seite wird nur das harmlose Ausleben privater Lebenslust verurteilt, etwa im Sex — und das einzige, was diese Judasjünger „Mord“ nennen, ist, wenn eine Frau verhütet oder abtreibt, statt einfach neun Monate ihre Strafe fürs Ficken im Bauche zu tragen und dabei ganz nebenbei die Mächtigen mit neuem Menschenmaterial für die militärische und wirtschaftliche Verwurstung auszustatten.

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