Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Mt. 7, 2

Gern und gar nicht einmal selten berufen sich die vielen Anhänger der modernen christlichen Religion in einer christlich geprägten Gesellschaft auf die geschichtliche Tatsache der Christenverfolgung im imperium romanum und zahlreiche vergleichbare Barbareien in späterer Zeit, die bis in die Gegenwart hinein anhalten. Ja, so gern stellen sie sich in ihrem sicheren Leben als die potenziell Verfolgten hin, dass sie in dieser Haltung verbleiben, wenn sie längst schon auf der Seite der Verfolger stehen; stets willens und bereit, jedem anders gläubigen Menschen sein Recht zu entziehen und allein ihren Glauben und die sich damit verbindenen Forderungen an die Lebensweise eines gläubigen Menschen zur verbindlichen gesellschaftlichen Norm für einen jeden Menschen zu machen. Die. Gern auch mit Gewalt durchgesetzt werden soll; mit staatlicher Gewalt, dem Knüppel des Polizisten, dem Schwarzstift des Zensors und dem Gittertod des Gefängnisses; und so dies noch nicht geht, doch wenigstens mit Ausgrenzung, Vereinsamung, Arbeitslosigkeit, Armut und der Schmach täglich massenmedial verbreiteter Lügen zur Verunglimpfung der nicht folgsamen Menschen, die keine Christen sein wollen. Und bei jeder Gelegenheit betonen sie, diese angeblich Verfolgten, die sich gar gern einen Fisch an ihr Auto klatschen, um auf diese Weise eine Kontinuität zu den verfolgten Christen Roms aufzubauen, dass alles andere als ihr einzig wahrer Glaube mit allen seinen Forderungen Barbarei wäre. Und. Sie führen dabei zum mörderischen Hohn auf jene, die einst ihre religiöse Entscheidung mit dem Leben bezahlten, die für sie gar nicht weiter persönlich bedeutsame Verfolgung gegen Christen in ihrem Mund, die ihnen jetzt endlich das Recht geben soll, selbst Verfolger im Namen ihres dreigespaltenen Gottes zu sein. Und. Wenn sie sich nur stark und sicher und von der von ihnen gewollten Gewalt geschützt genug fühlen, denn jammern sie auch gern darüber, wie schwierig doch ihr Leben als Christ sei; wie viel Mut, Entschlossenheit und Anstrengung doch dazu gehöre, sich so ganz auf die Anforderungen des heiligen Gottes auszurichten. Während. Sie als äußerst intolerante gesellschaftliche Majorität längst ein Umfeld geschaffen haben, in dem das Christentum und der allzu weltliche Vorteil schon seit undenkbaren Zeiten ein und dasselbe geworden sind.

Jene aber, deren Leben jeden Tag Mut angesichts der kleinen Anfeindungen und großen Nachteile, Entschlossenheit zum Leben der subjektiven Einsicht und Erkenntnis und ein unfassbares Maß der Anstrengung beim Widerstehen gegen die konformistische Forderung nach völliger Anpassung an den gesellschaftlichen Standard der christlichen Religion erfordert, das sind jene, die von den Christen bei jeder sich bietenden Entscheidung angefeindet werden; ja, bis zur geforderten Kriminaliserung in christlichen Gesellschaften oder — so fern eine solche noch nicht durchsetzbar ist — doch wenigstens bis zur Pathologisierung ihres Lebens angefeindet werden. Egal, ob sie etwas anderes glauben — es gibt ja keine Ungläubigen, es gibt nur anders Gläubige — ob sie homosexuell sind, ob sie harmlosen privaten Vergnügen frönen, die den Christen verwehrt bleiben, ob sie die Benutzung ihres Hirnes und seiner Möglichkeiten für einen angemessenen Weg zu Einsicht und Erkenntnis halten oder ob sie ganz einfach nur die gewaltsame Forderung der staatstragend und herrschaftserhaltend gewordenen christlichen Religion ablehnen, weil sie ihre Freiheit mehr lieben als ein gebückte Leben, das dem Wort vom „Leben“ spottet. Diese Nichtchristen, sie sind unter den Bedingungen eines quasi verpflichtend und unhinterfragt selbstverständlich gemachten Christentums längst das Äquivalent der verfolgten Christen geworden, und ihre christlichen Verfolger, sie getrauen sich noch in kindischem Stolz und völliger Schamlosigkeit, zu ihrer Gewalt die verlogene Pose eines Verfolgten einzunehmen. Um zu erkennen, dass die Anhänger dieser Religion, deren Symbol keineswegs zufällig ein römischer Galgen geworden, den als gesellschaftliche Außenseiter überlieferten, historischen Jesus aus Nazaret bei der ersten sich bietenden Gelegenheit totschlagen würden, zeigte er sich in der heutigen Zeit, muss man kein Profet sein.

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