Die moderne Zeit mit ihren ganz besonderen Anforderungen an die „Flexibilität“ und „Virtualität“ der Menschen ist ja voll des Schwachsinns. Ein etwas älterer, in Zeiten des Web Zwo Null aber wieder etwas aus der Mode gekommener  Schwachsinn ist zum Beispiel das Voranstellen des englischen Possessivpronomens „my“ vor einem beliebigen Dienst im Internet. Bevor es „MySpace“ gab, erfreute etwa „My Yahoo“ mit dieser sprachlichen Konstruktion. Dieses undeutsche Wort bedeutet in erster Linie, dass man kein wirkliches Eigentum mehr an den Dingen hat, die man unter diesem My Banner auf die Website anderer Leute gestellt hat — und so mancher dieser Internet-Anbieter ist inzwischen schon mit allen seinen angebotenen My Diensten verschwunden, offenbar, weil nicht genügend von My Money bekommen hat, um damit ein langfristig tragfähiges Geschäft zu haben.

Auf diesem Hintergrund ist der auf der Titelseite präsentierte, sprachliche Griff ins Klo, mit dem die hannöversche Umsonst-Zeitung „Hannover am Sonntag“ ihre Leser zum Pfingstwochenende kopfschütteln machte…

my heimat - Lokales Bürgerportal

…durchaus eine gelungene Realsatire auf die Heimatlosigkeit der städtischen Nomaden. Wenn es. Wohl auch eigentlich eine (natürlich nicht als solche gekennzeichnete) Werbung für ein weiteres, mutmaßlich überflüssiges Internet-Angebot sein sollte, das mit der kostenlos gegebenen Tätigkeit der Menschen — Originaltext aus dem Artikel: „Jeder kann mitmachen“ — Profit über massenhaft eingeblendete Reklame zu schlürfen versucht. Ganz so, als ob das gewöhnliche Bloggen an anderer Stelle nicht einfach und ausgereift genug wäre. Und denn findet sich in den AGB auch noch der tiefere Grund, warum unter den „Partnern“ dieses tollen Projektes (unter anderem) die ganzen Publikationen des hannöverschen Madsack-Verlages zu finden sind, denn am normalen Bloggen stört die Zeitungsmacher doch ein bisschen das Urheberrecht [Die Hervorhebung im Zitat ist von mir]:

Der Nutzer gewährt MYHEIMAT mit dem Einstellen von Inhalten, wie z.B. Beiträgen, Texten, Bildern und Videos ein räumlich und zeitlich unbeschränktes, jedoch nicht exklusives Nutzungsrecht an den jeweiligen Inhalten. MYHEIMAT ist unter Wahrung des Urheberpersönlichkeitsrechts und des Persönlichkeitsrechts des Nutzers berechtigt, die eingestellten Inhalte für eigene Zwecke zu nutzen, zu vervielfältigen, zu verbreiten, drahtgebunden oder drahtlos auf Abruf zur Verfügung zu stellen (Online-, Zugriffs-, und Übertragungsrecht), zu archivieren und in Datenbanken aufzunehmen, sowie in Printmedien aller Art (insbesondere Zeitungen und Zeitschriften) zu nutzen. Zur Bearbeitung der von Nutzern bereitgestellten Inhalte ist MYHEIMAT nur insoweit berechtigt, als dies zur grafischen Darstellung, aus redaktionellen Gründen und/oder zur Verbindung mit anderen Werken erforderlich ist.

Kurz: Wenn man schon keine Heimat mehr hat, so dass man dieses „my heimat“ im Internet braucht, denn kann man sich auch gleich sein komplettes Schreiben, Fotografieren, Filmen und was immer sich da noch auf anderer Leute Bereicherungsmaschine stellen lässt, mal eben zeitlich unbegrenzt denen übergeben, die es als billigen Content in diversen journalistischen Produkten verwursten wollen. Klar, dass so ein Konzept einer Journaille gefällt, die sich zum Partner eines solchen Bestrebens macht. Aber ob da so ein toller Content entsteht, wenn jeder einigermaßen vernunftbegabte Mensch einen Bogen um diese Ausbeutung 2.0 macht, das wird sich wohl noch im Verlaufe der kommenden Wirtschaftskrisen zeigen — wenn nämlich aus den feuchten Vermarktungsträumen nichts geworden ist und ein Insolvenzverwalter sich um die Reste einer verachtenswerten Geschäftsidee eines lichtscheuen Gesindels kümmert.

Advertisements