Archive for Mai, 2009


Die leeren Räume

Was sollen wir nehmen
Um sie zu füllen;
Diese leeren Räume
In denen die Wellen
Des Hungers
Tosen?

Sollen wir Kurs setzen,
Jenseits dieser See
Von Gesichtern
Auf der Suche nach mehr
Und mehr
Applaus?

Sollen wir eine neue Gitarre kaufen?
Sollen wir einen kraftvolleren Wagen fahren?
Sollen wir die ganze Nacht durcharbeiten?
Sollen wir uns in Kämpfe einmischen?
Die Lichter anlassen?
Bomben werfen?
Reisen in den Osten machen?
Krankheiten beschränken?
Knochen vergraben?
Häuser abbrechen?
Telefonisch Blumengrüße versenden?
Zu Saufen anfangen?
Zum Therapeuten gehen?
Kein Fleisch mehr essen?
Kaum noch schlafen?
Menschen als Haustiere halten?
Hunde dressieren?
Ratten rennen lassen?
Geld im Speicher sammeln?
Schätze eingraben?
Muße ansparen?
Doch uns dabei wirklich niemals entspannen…
Mit unserem Rücken an der Wand?

Pink Floyd, Empty Spaces (The Wall) | YouTube-Direktlink
Die Übelsetzung und alle Verhörer sind von mir

Leider kann so ein Video bei YouTube nur einen sehr kleinen Eindruck davon vermitteln, wie dieses Zusammenspiel von Animation und Musik im Kino wirkt.

Der ethische Terminator

Die Wunder der Technik machen vieles möglich, und zwar vor allem dann, wenn sie zusammen mit technophilen Bullshit und skrupelloser Lust am Profit daherkommen. Zum Beispiel gibt es vielleicht schon bald an allen Fronten robotische Mordwaffen, deren programmiertes Mordtun in viel höherem Maße so genannten „ethischen“ Maßstäben verpflichtet ist als das Tun derjenigen Leute, die für derartige Monströsitäten forschen, darin investieren, sie herstellen lassen und sie verkaufen. Es ist doch tröstlich, dass über den technischen Fortschritt endlich auch einmal etwas Ethik in das Rüstungsgewerbe kommt. Wenn am Ende aller Kriege und aller Geschäfte mit den Kriegen die Erde einmal postnuklear menschenleer sein sollte, denn könnte die Ethik doch noch einen Sieg davongetragen haben.  :mrgreen:

via Fefe

Monster

Ob die Menschen wohl etwas mehr Freude an der Technik hätten; ob sie die wunderbaren Möglichkeiten einer an Maschinen delegierten Arbeit wohl besser genießen könnten; ob sie wohl allesamt davon überzeugt wären, dass die Technik den Menschen zu dienen da ist und nicht umgekehrt; wenn…

Kiessortierer

…wenn ihnen die Technik nicht — unnötigerweise — zum größten Teil monströs, hässlich, lärmend, unverständlich, kalt und fremd gegenüberträte und damit alles verneinte, was einem Menschen ein Bewusstsein für den Wert seines Lebens geben kann?

bbPress 0.9.0.4 in Deutsch

Vor fast anderthalb Jahren hatte ich in meinem damals noch nicht umgezogenem Blog eine deutsche Sprachdatei für die damals aktuelle WordPress-Version 0.8.3.1 veröffentlicht. Obwohl diese Sprachdatei mittlerweie so veraltet ist, dass sie mit einer aktuellen bbPress-Version kaum brauchbar ist, wird sie immer noch recht häufig heruntergeladen. Deshalb habe ich beschlossen, diese Übersetzung für die gegenwärtig stabile Version zu überarbeiten und zum freien Download zur Verfügung zu stellen.

Download-Link: Deutsche Sprachdatei für bbPress 0.9.0.4,  Anrede in der „Sie“-Form.

Als Lizenz für diese Sprachdatei ist die Allgemeine Lizenz für Freie Musik sinngemäß anzuwenden. Diese Übersetzung darf also bearbeitet und beliebig verwendet werden, aber jede Weitergabe muss kostenlos, frei von begleitender Werbung und frei von jedem Zwang einer persönlichen Registrierung sind.

Installation

  • Im Verzeichnis bb-includes ein Unterverzeichnis languages anlegen, wenn dieses Unterverzeichnis noch nicht existiert. (Wer eine Alpha der kommenden Version 1er-Versionen verwendet, muss stattdessen das Verzeichnis my-languages im Installaitonsverzeichnis anlegen und verwenden.)
  • In dieses Unterverzeichnis languages die Datei de_DE.mo kopieren.
  • Wenn es sich um eine bereits laufende Installation von bbPress handelt, denn muss noch die Datei bb-config.php angepasst werden, indem die Zeile define ("BB_LANG", "de_DE"); hinzugefügt wird. Wird eine neue Installation mit dieser Sprachdatei vorgenommen, denn kann die deutsche Sprache im Installationsskript ausgewählt werden.

Sprachliche Entscheidungen

Obwohl ich die Sprache zum Teil erheblich überarbeitet habe, bin ich doch meinen alten Prinzipien treu geblieben und habe eine „Techsprache“ verhindern wollen, so weit es geht.

Dies sind die wesentlichen Entscheidungen:

  • Die Anredeform „Sie“ ist im deutschen Sprachraum universeller verwendbar, deshalb bin ich von der „Du“-Form abgerückt.
  • Ich habe deutsche Begriffe verwendet, wo immer dies ohne Verrenkungen möglich war. Die Website als Ganzes heißt „Forum“, die darin verfügbaren „Boards“ sind „Bretter“, auf denen es „Themen“ gibt, zu denen „Mitglieder“ ihre „Beiträge“ schreiben und „veröffentlichen“. Die „Administration“ ist eine „Verwaltung“, der allmächtige Forenadmin ein schlicht tönender „Hausmeister“ und die „Trolls“ bleiben — und da spreche ich mir selbst aus der Seele — „Deppen“.
  • Einige etwas angestaubt wirkende Ausdrucksweisen wurden durch hoffentlich bessere Wörter ersetzt. Die „jüngsten“ Beiträge sind jetzt die „aktuellsten“ Beiträge geworden, und es gibt hierzu „frischeste“ Antworten. Unglückliche Superlative wie „das Neueste“ werden vermieden, da eine Steigerung von „neu“ unsinnig ist.
  • Das englische Wort „Tag“ übersetze ich nun nicht mehr als „Etikett“, sondern als „Schlagwort“, um die vertraute Ausdrucksweise von WordPress zu übernehmen. Schließlich werden die beiden System gern zusammen benutzt, da sollte auch die Sprache eine gewisse Nähe repräsentieren. An einer Stelle musste ich jedoch von der WordPress-Sprache abweichen, und das ist beim Worte „Themes“, dass mir zu nahe beim Wort „Thema“ steht — deshalb sind die „Themes“ zu „Designs“ geworden. Der frühere Begriff „Erscheinungsbilder“ ist von mir allerdings in die Mülltonne unbrauchbarer Begrifflichkeiten entsorgt worden.

Wer für sein Webprojekt noch ein kleines, zweckmäßiges und elegantes Forum ohne eine tonnenschwere „Community-Mache“ benötigt, aber bislang von bbPress Abstand genommen hat, weil es eben kein bbPress in deutscher Sprache gab, der sollte sich jetzt einmal bbPress mit dieser Sprachdatei anschauen.

Und wer ein Bedürfnis spürt, sich für diese Übersetzung auch finanziell zu bedanken, der kann mir eine Spende für eines meiner Alben zukommen lassen. Wer ein solches Bedürfnis nicht spürt, der lasse es einfach bleiben und freue sich über eine alle bereichernde Kultur des freien Gebens und Nehmens, die in der BRD zurzeit mit sehr fadenscheinigen Begründungen unter Beschuss genommen wird.

Kriegswaffenkontrollgesetz

Man möchte denken, dass der Waffenproduzent und sein Freund, der Politiker, sich beim gemeinsamen Champagner ungefähr das Folgende denken: Nein, wir liefern keine Waffen in Krisengebiete, das würden wir niemals tun. Die ganzen Länder, in die wir unsere Waffen liefern, sie werden doch erst nach unserem Geschäft zu Krisengebieten.

Öffentliche Meinung

Öffentliche Meinung — Bezeichnung für eine große Seifenblase, die von Presse und Massenmedien aufgeblasen wird.

Die Zensur

Die Zensur ist das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können.

Johann Nepomuk Nestroy

Schweizer Schule

Wer die Welt erkannt hat, der hat einen Leichnam gefunden, und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.

Jesus aus Nazaret zugeschrieben, Thomas-Evangelium, Logion 56

Bei etwas bedächtiger, zurückgelehnter Betrachtung des Prozesses, der über die Gesellschaften abläuft, kommt trotz allen Ernstes die Heiterkeit von allein.

Diese ganzen Menschen, die den Rückschritt der Erkenntnis dadurch hervorrufen wollen, dass sie sich „wissenschaftlich“ klingende „Argumentationen“ für ihre Religion ausdenken, um einigermaßen solide begründete Erkenntnis besser verwerfen und ihre wünschenswerte Weitergabe an einen möglichst großen Teil der lebenden Menschen besser sabotieren zu können — ob sie sich hierfür nun das image eines „ismus“ anziehen, indem sie solches Trachten „Kreationismus“ nennen, oder ob sie etwas gelungener vom „intelligent design“ alles Seienden sprechen, in welchem sich die Intelligenz des göttlichen Schöpfers offenbaren soll — alle diese menschlichen Strebungen zur scheinbar wissenschaftlichen Begründung von Glaubensinhalten sind ja nicht vorbildlos. Sie haben sogar ein Vorbild in relativ junger Zeit, das ihnen allerdings nicht schmeicheln kann.

Es war der einfallsreiche und fröhlich zu lesende schweizer Autor Erich von Däniken, der vor einigen Jahrzehnten damit begann, die biblischen Berichte und andere alte Mythen an die moderneren Bedürfnisse anzupassen, scheinbar naturwissenschaftlich zu verpacken und ihnen so eine neue Glaubwürdigkeit vor allem beim halbgebildeten Publikum zu geben, indem er recht phantasievoll massenhaft historische Anomalien erfand und die „alten Götter“ zu neuen Astronauten machte. Was. Sich übrigens auch als ein recht gutes Geschäft erwies. Selbst die schreibende Methodik von Dänikens ist recht ähnlich, konnte dieser doch auch niemals starke Belege für seine recht ungewöhnlichen Thesen liefern und appellierte deshalb lieber mit gut zusammengetragenen, aus ihrem historischen Kontext gerissenen Fundstückchen an den irrationalen Glaubenswillen entwurzelter Menschen in einer Welt, die fremd geworden ist und keinen Halt mehr zu geben vermag. Die von Däniken gewünschte Interpretation dieser bunten Sammlungen wurde auch immer gleich mitgeliefert (dies auch immer wieder gern unter Ausblendung störender Fakten wie etwa der Übersetzung von Hieroglyphentexten zu den zahlreichen Abbildungen) und gab der Wahrnehmung des Lesers so auch gleich die „richtige“ Straße, so dass sich Sach- und Lachbuch für Sach- und Lachbuch eine moderne Parareligion mit fernen UFO-Göttern formen konnte. Diese hat bis heute eine erstaunlich große Zahl von Anhängern, und diese können ohne Probleme mit intellektuellen Rissen in ihrer „Argumentation“ zunächst eine halbverstandene Bibel und gleich darauf eine noch weniger verstandene Quantentheorie „zitieren“. Was die Kreationisten anders machen, sind eigentlich nur zwei Dinge: Sie verzichten auf eine moderne Umdeutung der antiken Textkörper, sondern nehmen sie wörtlich. Und. Sie verzichten auf die Haltung der Toleranz gegenüber Andersgläubigen.

Drüber und Drunter

Die Forderung, an einen Gott oben in den Himmeln zu glauben, wäre für viele Menschen vielleicht erträglicher und zuträglicher, wenn der Gott, an den in solcher Forderung geglaubt werden soll, wenn dieser Gott den Menschen nicht die Erde und das Leben mit allen seinen fröhlichen, niederen Lüsten zerstören wollte und sollte.

Nationale Quälerei

Wenn die „nationale Sicherheit“ der USA so sehr davon abhängt, dass auch ja kein Bildmaterial der jahrelang praktizierten Folter in den menschenverachtenden KZs der Bush-Ära an die Öffentlichkeit gelangt, denn spiegelt sich darin so ganz nebenbei wider, worauf dieser Staat USA und die ganz typische Lebensart seiner Bewohner und seiner Beherrscher beruht — nämlich darauf, dass Menschen ein Leben voller Quälerei und Todesangst durchstehen müssen. Und das. Nicht nur in Guantanamo.

Übers Bloggen (17): Twitter

Diutschin sprechin, Diutschin liute in Diutischemi lande.

Annolied, um 1090

Zumindest in Deutschland ist Twitter außerhalb eines relativ kleinen, technikaffinen und meist auch bloggenden Benutzerkreises völlig unbekannt. Es ist auch schwierig vorstellbar, dass ein „normaler“ Mensch diesen kurzen, auf 140 Zeichen beschränkten Mitteilungsschnipseln etwas entnehmen könnte, das seinem Dasein Wert hinzuzufügen vermöchte. Unter den Bloggenden sieht man dies freilich ganz anders, hier wird Twitter durchaus wertgeschätzt. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass ein Gutteil jener früheren Blogs, die durch nicht nach besonderer sprachlicher Eleganz strebende, kurze Mitteilungen oder durch eine Form des kurzen Sprachwitzes geprägt wurden, heute kaum noch zu finden ist — für diese spezielle Form erweist sich Twitter als ein adäquateres Medium. Vielleicht auch deshalb. Weil hier, unter den Bedingungen einer durch technische Entscheidung künstlich erzwungenen Kürze, niemand eine in ihrer sprachlichen Präsentation besonders „lesenswerte“ Form erwarten würde.

In gewisser Weise ist diese Entwicklung ein Voranschreiten jenes Prozesses, der schon durch die strukturlose Leichtigkeit des Bloggens vorgezeichnet wurde. Nachdem die im Wesentlichen chronologische Präsentation eines Blogs das Veröffentlichen im Internet von übergeordneten, eher technischen, strukturellen Erwägungen befreite und damit auch jenen Menschen eine Stimme gab, die sich keine Gedanken über die leichte Navigierbarkeit ihrer Website machen wollten oder konnten, fällt mit einem Dienst wie Twitter ein weiteres Hemmnis für jedermanns Mitteilung im Netze in sich zusammen: Die Anforderung einer Fähigkeit zum eleganten oder doch wenigstens originellen und damit interessanten sprachlichen Ausdruck. An Stelle dieser Anforderung — die übrigens mit dem Maß der erworbenen Bildung und damit vor allem in Deutschland auch stark mit dem ökonomischen Hintergrund der persönlichen Herkunft korreliert ist — tritt die andere Forderung nach gedrängter, auf den Punkt kommender Kürze im Ausdruck. Andere sprachliche Anforderungen treten dahinter zurück, und ganz so, wie schon zuvor Menschen beim chatten, nehmen deutschsprachige Twitterer viel häufiger als deutsche Blogger auch oft die nächste, vielleicht drängendste Reform der deutschen Rechtschreibung vorweg, die Abschaffung der schwer beherrschbaren und für den Leser wenig hilfreichen (und damit eher sinnlosen) Großschreibung von Nomen.

Es ist interessant, zu beobachten, dass die technische Entscheidung einer beschränkten Textlänge dazu führt, dass Menschen den Mut zur Mitteilung finden — auch den Mut zu Mitteilungen, die sonst wohl niemand für mitteilenswert gehalten hätte. Aber die inhaltliche Qualität des in erdrückender Quantität Mitgeteilten lässt schnell das weitere Interesse erlahmen. Verglichen damit ist noch der dürfigste chat eine Quelle gedanklicher Anregung. Man muss wohl sehr an das überteuerte und karge Kommunikationsmedium SMS gewöhnt sein, um diesem Stil überhaupt etwas abgewinnen zu können.

Viel interessanter am „Phänomen Twitter“ ist seine Überschätzung. Diese ist. Vor allem eine Überschätzung durch jene twitternden Blogger, die technische Möglichkeit an sich für etwas wertvolles zu halten scheinen. Auf der anderen Seite dieser Überschätzung steht die schlichte Tatsache, dass die Mehrzahl der Menschen (zurzeit noch) nicht einmal weiß, was „dieses Twitter“ überhaupt sein soll. [Von 21 Menschen, die ich in einer etwas obskuren Stichprobe beim Betteln befragt habe, wussten es nur zwei. Aber jeder hatte eine Vorstellung davon, was eine Website ist.]

Maßgeblich für den Erfolg von Twitter wurde eine einfache API — eine leicht zu programmierende Schnittstelle, mit der andere Programme auf Twitter zugreifen können. Tatsächlich ist die API dermaßen einfach, dass ich ein schlichtes Shell-Skript (unter Benutzung von curl) zum Twittern geschrieben habe. Wegen der einfachen API gibt es relativ viel Software für Twitter, sowohl völlig eigenständige Programme speziell für Twitter als auch Plugins für einige IM-Clients, andere Internet-Software und für fast alle Blogsysteme. Damit fügt sich Twitter recht nahtlos in jene Umgebung ein, die einem eher technikaffinen Blogger schon aus seinem Internet-Alltag vertraut ist. Die Benutzung ist recht komfortabel — und die Möglichkeit, eine SMS zu twittern, ist auch eine Möglichkeit, sich in einer sonst ungekannten Unmittelbarkeit zu äußern und darin von seinen followers wahrgenommen zu werden.

Twitter ist somit mehr als nur ein eingeschränktes Blog. Twitter ist so etwas wie ein gehetztes Blog auf Amphetaminen.

Und. Wie auch nach der Einnahme von Amphetaminen, wird das Mitgeteilte oft ein wenig drängend, unzusammenhängend, wirr, egozentrisch, nichtig. Das „gedopte Bloggen“ in Twitter ist oft keiner größeren Aufmerksamkeit wert, und wer schon einmal gesehen hat, wie jemand an seinem Rechner die ganze Zeit einen größeren Twitter-Client laufen lässt, ohne dem Strom der Tweets einen besonderen Blick zu schenken, der kann den Verdacht nicht mehr abschütteln, dass es sich hier um einen reinen Selbstzweck handelt. Es werden von vielen Menschen und technischen Quellen „Inhalte“ produziert, die bei ihren Empfängern mit einer gewissen Wertlosigkeit ankommen. Die Kommunikation ist endlich von der Möglichkeit der Mitteilung emanzipiert; was Wunders, dass sich da nur noch selten eine Absicht der Mitteilung im Mitgeteilten kundtut!

Dennoch könnten die Programmierer von Blogsystemen viel von Twitter lernen, wenn sie sich dazu bereitfänden. Dies sind nur die wichtigsten Punkte:

Radikale Einfachheit — Sowohl die API als auch die Bedienung im Web-Frontend sind sehr einfach und beinahe sofort zu verstehen. Dies steht im starken Gegensatz zur jüngeren Entwicklung bei Blogsystemen, die den bloggenden Menschen immer mehr Komplexität aufbürden, auch um den Preis, dass eine mit AJAX realisierte „Anwendung im Browser“ zuweilen recht schwerfällig wird. Technik ist nun einmal dafür da, den Menschen zu dienen, nicht umgekehrt — aber genau diese „Kleinigkeit“ scheint Programmierern manchmal im Streben nach immer mehr features aus dem Sinn gefallen zu sein.

RSS-Feeds — Jedes Blogsystem bietet RSS-Feeds an und es gibt recht gute Software, um diese Feeds zu verwalten, zu archivieren und zu lesen. Dennoch entscheiden sich viele Blogger dazu, ihre neuesten Postings automatisch (mit einem Plugin) oder händisch zu twittern. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass viele Menschen mit der technischen Möglichkeit eines RSS-Feed eher überfordert sind und deshalb gar nicht auf die Idee kommen, einen Feed zu abonnieren. Twitter bietet sich hier als eine einfache, aber gewiss nicht optimale Alternative an, um solche potenziellen Leser wenigstens auf den neuesten Post aufmerksam zu machen. In der Folge existiert eine beachtliche Anzahl von Twitter-Kanälen, deren Inhalte nur aus Überschriften und Links auf Blog-Postings bestehen, dies natürlich unter Verlust jeglicher Meta-Auszeichnung (Kategorien, Tags). Hier sollte eine bessere Möglichkeit geschaffen werden können, die sich auch von technisch unerfahrenen Menschen einfach benutzen lässt.

Blog-Follow — Eine weitere Eigenart von Twitter, die gewiss für die Beliebtheit Twitters wichtig wurde, ist die Einfachheit, mit der jeder Nutzer einem Twitter-Kanal „folgen“ kann. Es spricht aber nichts dagegen, eine entsprechende Funktionalität in ein Blogsystem einzubauen, hierfür bedürfte es nur eines im Blog fest eingebauten RSS-Aggregators. Dieser würde bei jedem Zugriff im Hintergrund aktiv werden und holte in regelmäßigen Abständen die Feeds der „verfolgten“ Blogs ab, um sie für den Blogger (oder auch auf einer Seite im Blog) chronologisch darzustellen. Der Vorgang des Hinzufügens eines Feeds könnte sehr einfach gestaltet werden, wenn nur die Meta-Informationen im HTML-Quelltext ausgewertet würden, denn dort finden sich in der Regel auch die Feed-Adressen.

Raum für Kurzes — Ein gewöhnliches Blogsystem ist zurzeit bemerkenswert ungeeignet, kurze Mitteilungen zu transportieren, wenn es neben diesen kleinen Abrieben des Daseins auch größere, gut ausgearbeitete Texte enthalten soll. Schon der Editor für normale Blogpostings ist zu überfrachtet, um mal „eben schnell“ eine kurze Nachricht zu verfassen, desweiteren würden die langen Texte des Blogs in einer Flut des Belanglosen untergehen. Besser wäre es, wenn eine Möglichkeit vorgesehen wäre, etwas wie eine „kurze Statusmeldung“ in einem einfachen Texteingabefeld zu verfassen, den aktuellen Status getrennt von den normalen Blogpostings darzustellen und die Möglichkeit zur Anzeige eines chronologischen Status-Archives zu implementieren. Auf diese Weise könnte so etwas wie ein „Blog im Blog“ realisiert werden, und zwei sehr verschiedene Formen der persönlichen Mitteilung erhielten eine jeweils angemessene technische Schnittstelle unter einer gemeinsamen Software. Die Tatsache, dass Blogger etwa solche Nichtigkeiten twittern, dass sie jetzt in die Badewanne gehen, spiegelt wider, dass sie so etwas zwar mitteilen wollen, aber in ihrem Blog keinen geeigneten Raum dafür sehen.

Gegen den Strom

Unser Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.

Francis Picabia

Zeitgenosse: „Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.“

Nachtwächter: „Oh nein, Bruder, kein Mensch sollte sein Leben wegwerfen, indem er sich mit dem Strom treiben lässt oder seine beschränkte Kraft vergeuden, indem er gegen den Strom zu stratzen versucht. In aller Ruhe zum Ufer zu schwimmen, aus dem viel zu kalten Fluss herauszusteigen und den aufrechten Gang zu lernen — das allein ist die Haltung, die einem Menschen ansteht.“