Er ist zwei Köpfe kleiner als ich. Und. Er bettelt. Er ist einsam, denn das ist die Folge eines Lebens als gesellschaftlicher Außenseiter. Das ist wohl auch der Grund, weshalb seine Stimme einen Klang bekommen hat, der in gleicher Weise zynisch und aggressiv wie angenehm zurückhaltend ist. Der Jüngste ist er nicht mehr, aber das sieht man erst auf dem zweiten Blick.

Denn. Obwohl er einsam ist, ist er nicht allein. Er führt einen Hund mit sich, und das ist das Bemerkenswerte an dieser Begegnung. Denn neben seinem Hund. Wirkt er noch kleiner. Sein Hund ist eine riesen Deutsche Dogge, und man fragt sich bei diesem Anblick unwillkürlich, wo wohl die versteckte Kamera ist — zu surreal sieht die Szene aus. Aber es ist keine versteckte Kamera. Es ist Wirklichkeit.

Als er mich anbettelt, gebe ich ihm zu verstehen, dass ich selbst vom Betteln lebe; wir teilen eine Zigarette von meinen letzten Krümeln Tabak und ein paar warme Quäntchen Wort, von denen wir Herzen der Gosse oft zu wenig bekommen. Und irgendwann frage ich ihn zwischen Wetter und sporadischen Erlebnissen und Plänen und Taten und Träumen, wie er sich überhaupt mit einem so großen Köter durchschlägt, der doch wohl auch einen großen Hunger hat.

Die Antwort ist nur im ersten Moment verblüffend. Er braucht, so sagt er, den Hund, um die Wohnung halten zu können. Das Futter für den Hund ist niemals das Problem, denn der Metzger gibt dem Hund bereitwilliger als jedem Menschen das, was er nicht mehr verkaufen kann. Aber nicht nur der Metzger sei so gestrickt, setzt er fort, sondern alle geben ihm mehr beim Schlauchen, wenn er mit dem Hund an der Straße steht, ja, es reicht für die Bude und einen täglichen Bauchvoll. Er hat den Hund damals eigentlich nur von einem Bekannten genommen, der für längere Zeit ins Krankenhaus musste, weil er es nicht übers Herz brachte, dass dieser tolle Hund im Tierheim landet, und irgendwie schlägt man sich ja immer durch. Doch dann entdeckte er sehr schnell, dass es sich mit dem Hund müheloser und besser bettelt, dass die Menschen viel eher zum Geben bereit sind, wenn sie ein Tier in Armut sehen. Als wenn sie einen Menschen in Armut sehen. Und schließlich sagt er noch, dass er in den Augen der ganzen Arschlöcher hier als verarmter Mensch noch wertloser als jedes Haustier ist, und genau das. Hat er lernen müssen in den letzten Jahren. Und. Wie er das so bitter sagt, klingt er gar nicht grimmig, obwohl er mit seinen kurzgeschorenen Haaren und seinem recht kalten Blick sehr aggressiv aussieht, sondern er klingt. Sehr resigniert. Ganz wie jemand, der von seiner Gesellschaft in täglicher Dressur mit Zuckerbrot und Peitsche gelernt bekommen hat, was sein Platz ist.

Und er sagt, nicht im bellen Kommandoton, sondern in eigentümlich leiser und fast lieber Stimme zu seinem Hund: „Platz!“

Mit fröhlichem Gruß an A.

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