Wir wollen darüber schweigen, dass ein Bürger den anderen mied, dass fast kein Nachbar für den anderen sorgte und sich selbst Verwandte gar nicht oder nur selten und dann nur von weitem sahen. Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen — als ob sie nicht die ihren wären […] Viele starben, die, wenn man sich um sie gekümmert hätte, wohl wieder genesen wären.

Nein, hier beschreibt nicht jemand die gegenwärtigen Zustände unter der Heimsuchung einer zum allesfressenden Moloch gemachten Wirtschaft und einer davon bedingten, stetig fortschreitenden Vernichtung sämtlicher menschlichen Bindungen und Werte. Das Zitat stammt aus der Novellensammlung „Decamerone“ von Giovanni Boccacio, in welcher dieser Zeuge seiner Zeit in einer noch heute bedrückenden Weise beschreibt, was für ein umfassender Zerfall mit der Ankunft des „Schwarzen Todes“ im Florenz des 14. Jahrhunderts einher ging.

Heute bedarf es solcher Pestilenzen nicht mehr, um wirklich jedes, auch noch das blutsverwandtliche, Miteinander zu zerrütten; heute genügt hierfür der Trockenrausch des Konsumismus, die Angstpeitsche der Armut und die so genannte „Flexibilität“, die den Opfern von den Profiteuren dieses Irrsinnes abverlangt wird.

Die unmittelbare Reaktion der mittelalterlichen Gesellschaft auf die tödliche Seuche des „Schwarzen Todes“ und die eigene Machtlosigkeit gegenüber einem übergeordneten Prozess waren übrigens Pogrome gegen gesellschaftliche Randgruppen, vor allem gegen Juden. Auch dies mag eine Nähe zur Seuche des gegenwärtigen Wirtschaftens herstellen — denn auch in viel jüngerer Zeit reagierten die Menschen auf Krisen des Wirtschaftssystemes, indem sie Mordpöbel aller Art bildeten. Dieser Irrsinn. Ist noch nicht unterbunden.