„Der Kaiser ist ja nackt…“

Die Herrschenden des alten Ägypten hatten die Mehrzahl der Gebäude mit Lehmziegeln errichten lassen, insbesondere auch alle Verwaltungsbauten des ägyptischen Staates und selbst noch ihre Paläste. Die Gebäude, die in solcher Bauweise entstanden, waren nicht sehr beständig, und sie sollten es wohl auch nicht sein, denn andere Gebäude zeigen bis auf den heutigen Tag, dass man in Ägypten sehr genau wusste, mit welchen Materialien und in welcher Ausführung ein beständiges und die Zeitalter überdauerndes Monument zu bauen ist. Doch diese Bauweise in Stein wurde stets nur für zwei Klassen von Gebäuden angewendet, für Grabstätten und für Tempel. In dieser antiken, kulturellen Sonder- und Gleichbehandlung des Totenkultes und des religiösen Kultes spiegelt sich deutlich der vom Tode geborene Charakter der Religion; ihr Ursprung im Verlangen des Individuums nach einer zwar illusionären, aber doch individuell psychisch wirkmächtigen Aufhebung des Todes. Die einzig zu diesem Zweck verwendeten Steine stellen sich — ebenso wie der Hang zur monumentalen und den Augenschein geradezu erschlagenen Architektur — als eine besondere Maßnahme zum Schutze dieser Vorstellung dar; als jene Form des Schutzes in Wucht, Penetranz und Aufwand, wie ihn nur jede unmittelbar erkennbare Form der Lüge und des Selbstbetruges benötigt.