Alle offiziellen Maßnahmen und Förderungen der Republik Irland können es nicht aufhalten, dass die — in meinen Ohren übrigens recht wohlklingende — irische Sprache vom endgültigen Verklingen bedroht ist. Es hilft nicht einmal, dass für die verbliebenen, vielleicht sechzig- bis achtzigtausend aktiven Sprecher des keltischen Idioms alle Ausschilderungen zweisprachig gehalten sind, dass das Irische zur offiziellen Amtssprache der Republik erhoben wurde, dass es im staatlichen Rundfunk verwendet wird und dass es an den regulären Schulen als Pflichtsprache gelehrt wird.

Wer in Irland „etwas werden will“, lernt Englisch und spricht es im Alltag so oft wie möglich, um darin eine große Geläufigkeit zu bekommen. Die englische Sprache ist der Schlüssel für den individuellen sozialen Aufstieg geworden. In der allgemeinen Wahrnehmung sind die Sprecher des Irischen vor allem zurückgebliebene, bäuerliche Menschen in schlechter sozialer Lage; niemand mag gern zu dieser Klasse gehören. Dass sich einige gewohnheitsmäßig gebrauchte Redensarten halten, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die meisten Iren die gesprochene, geschriebene, gedachte und zum Handeln führende Sprache die englische geworden ist, während eine ganze Sprachkultur immer mehr auf eine folkloristische Dekoration reduziert wird.

Jede Sprache formt das Denken ihrer Sprecher. In der irischen Sprache gibt es eine bemerkenswerte grammatikalische Erscheinung bei den Zahlwörtern. Die meisten modernen Sprachen kennen den Unterschied zwischen Kardinalzahlen (eins, zwei, drei) und Ordinalzahlen (erster, zweiter, dritter). Diese beiden Kategorien sind auch im Irischen bekannt. Darüber hinaus gibt es im Irischen noch zwei weitere Kategorien von Kardinalzahlen, die verschiedene Formen bilden. Die eine Form wird verwendet, wenn Gegenstände gezählt werden (amháin, dhá, trí), die andere Form wird verwendet, wenn Personen gezählt werden (duine, beirt, triúr).

In dieser grammatikalischen Eigenheit der irischen Zahlwörter spiegelt sich ein großer Respekt vor der Person als solcher; ein Widerstreben. Menschen. Mit den gleichen begrifflichen Kategorien zu erfassen, die für materielle Werte und Gegenstände gebraucht werden. Wo in der Abstraktion der Zahl rechnerisch alles miteinander kommensurabel gemacht werden kann, baut diese Sprache ein (schwaches) begriffliches Hindernis auf und zeigt somit ein aus der Vergangenheit herüberhallendes Bewusstsein darüber, dass sich das Leben eines Menschen nicht beliebig verrechnen lässt.

Von daher ist es gar nicht überraschend, dass eine so denkende Sprache unter den Bedingungen des gegenwärtig über die Gesellschaften ablaufenden Prozesses verstummt — dieses Verstummen der einst europaweit gesprochenen keltischen Sprachen begann bereits im ausgedehnten imperium romanum, und es setzt sich bis heute fort.

Dank an I., der mich auf diese Eigenart des Irischen und ein paar Hintergründe aufmerksam gemacht hat, und: Viel Erfolg auf der Hannover-Messe! Ich hoffe, die Zahlwörter in einer mir vollständig unverständlichen Sprache sind richtig geschrieben… 😉

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