Weil man sich im Glauben versteift hat, so und nicht anders sehe die Zukunft aus. Netz, Internet, verdrahtet, gefollowed, Echtzeit. Selbst wenn es die Zukunft wäre: Man müsste erst mal erklären, warum das ausserhalb einer Peergroup Bedeutung hat.

Don Alphonso in der Blogbar zur re:publica

Gestern habe ich eher beiläufig gelesen, dass die aktuelle Version des Internet-Explorers das Gopher-Protokoll nicht mehr unterstützt. Die meisten jüngeren Netznutzer werden angesichts des Wortes „Gopher“ ein frisches Fragezeichen im Gesicht haben, aber wer schon etwas länger dabei ist, der kennt diesen alten Vorgänger des heutigen WWW mit seinem HTT-Protokoll noch. [Es heißt übrigens nicht „HTTP-Protokoll“, denn das „P“ steht bereits für „protocol“. Genau so wenig, wie das LC-Display ein „LCD-Display“ ist, und schon gar keine „LCD-Display-Anzeige“, wie ich es neulich in einem Katalog lesen durfte.]

Gopher hat vieles vorweggenommen, was für das spätere WWW prägend werden sollte. Ein besonderes Merkmal war die damals revolutionäre Möglichkeit, Verweise auf Ressourcen anderer Server zu setzen, eine frühe Form des heute so vertrauten Hyperlinks auf andere Websites, die bei technisch inkompetenten Richtern in der BR Deutschland immer wieder einmal zu seltsamen Rechtsauffassungen führen.

Wer einen „richtigen Browser“ verwendet und einmal einen Eindruck davon bekommen möchte, wie so ein Server die Inhalte präsentierte, der schaue sich doch einfach den Gopher-Server von quux.org an, so lange es ihn noch gibt. Die einfache Präsentation der Inhalte spiegelt auch die Tatsache wider, dass das Protokoll in einer Zeit entwickelt wurde, in der es kaum graphische Software gab — viele damalige Gopher-Clients arbeiteten, wie die meiste andere Software für Netzwerk-Dienste auch, im Textmodus. Als in den frühen Neunziger Jahren die ersten graphischen Browser aufkamen, war die Unterstützung des Gopher-Protokolles noch ein Muss, so wichtig und verbreitet war dieses Protokoll vor allem in universitären Umfeld. Es verschwand erst langsam mit dem Siegeszug des bunteren und tendenziell weniger strukturierten WWW, der erst 1995 begann. Heute jedoch vereinigt das WWW immer mehr Frontends für andere Netzdienste in sich und ist wohl auch deshalb für viele heutige Menschen schlicht „das Internet“ geworden.

[Um überhaupt noch einen laufenden Gopher-Server zu finden, musste ich schon ein bisschen im Netz wühlen. Es gibt nicht mehr viele, der Link könnte auf einen der letzten, laufenden Gopher-Server führen. Etliche Verweise dort funktionieren schon nicht mehr, und die Inhalte werden offenbar auch nicht mehr gepflegt.]

Aber. So gut und verbreitet es damals auch war, Gopher ist vergessen. Ein völlig obsoletes Protokoll. Wenn einige moderne Webbrowser auch heute noch „Gopher sprechen“, ist dies ein Nachhall aus einer längst vergangenen Zeit, an die sich unter den Bedingungen des Ewigen September kaum noch jemand erinnern mag.

So mag es wohl in nur einem Jahrzehnt von heute aus rückblickend auch mit vielen anderen, neuen Diensten im Internet geschehen sein, die zurzeit vielen Menschen noch wichtig erscheinen — und zwar. Besonders mit den neueren, von Inhalten und erkennbaren Strukturen oft völlig losgelösten Diensten, die so prägend für den Begriff vom „Web Zwo Null“ geworden sind. Die gegenwärtige Vielfalt verschiedener, oft völlig sinnfreier Dienste und die nicht vorhandene Interoperabilität ihrer Protokolle führen schon jetzt zu einer „Balkanisierung des Internet„, das doch gerade erst in der Internet-E-Mail und dem WWW zu konvergieren begann. Wenn etwas Brauchbares, Wohlbekanntes und gut Entworfenes  in Vergessenheit fallen kann, wieviel eher denn das Nutzlose, Unbrauchbare, außerhalb eines kleinen Nutzerkreises kaum Bekannte und nach reinen Anforderungen einer möglichen Vermarktung wie ein informationeller fast food Entworfene?