Wer sich bilden will, muss zuerst einmal zu zweifeln verstehen, denn der Zweifel im Geist führt zur Entdeckung der Wahrheit.

Aristoteles

Der Planet Merkur ist in unserem Sonnensystem derjenige Planet, der den geringsten Abstand zur Sonne aufweist. Weil er so nahe an der scheinbaren Sonnenscheibe steht, kann er nur kurz vor Sonnenaufgang oder kurz nach Sonnenuntergang in der Dämmerung gesehen werden. Die Umgangssprache der alten Griechen gab diesen beiden Erscheinungen des Merkur zwei verschiedene Namen; sie nannten unseren Merkur „Apollo“, wenn er morgens sichtbar wurde, sie nannten ihn hingegen „Hermes“, wenn er abends sichtbar wurde. Dass es sich dabei um das selbe Objekt handelte, haben allerdings noch die griechischen Astronomen herausgefunden, es lag keineswegs auf der Hand.

Der Philosoph Heraklit, von dem nur wenig Text erhalten ist und dessen spekulatives Weltbild aus heutigem Wissenstand heraus oft ein wenig kindisch wirkt, hat aus dieser Tatsache und der ähnlichen Erscheinung beim Planeten Venus einen für seine Zeit bemerkenswerten Schluss gezogen: Er kam zu der Auffassung, dass Merkur und Venus wohl nicht um die Erde, sondern um die Sonne kreisen müssten.

Um diesen Gedanken überhaupt denken zu können, musste Heraklit bereit sein, das gängige kosmologische Modell seiner Zeit im Zweifel zu ziehen. Nach diesem gedanklichen Schritt fand sich schnell ein anderes Modell, das potenter war, die beobachteten Erscheinungen im Kosmos zu erklären. Vor Heraklit hatten sich gewiss Tausende von Menschen Gedanken über diesen einen Aspekt ihrer Umwelt gemacht, haben sich gefragt, warum Merkur und Venus immer nur in Sonnennähe sichtbar wären, aber nur die wenigsten von ihnen werden mit vergleichbarem Mut den richtigen Gedanken gedacht haben, denn sie ordneten alle Erscheinungen in ihrem kulturell bedingten Erklärungsmodell ein — und zwar ohne ein besonderes Bewusstsein darüber zu haben, dass sie auf diesem Weise in einem Glaubenssystem gefangen blieben. Wie zählebig dieses Glaubenssystem war, zeigt sich unter anderem darin, dass Heraklit trotz seiner Einsicht in einen Teil der wirklichen Verhältnisse das geozentrische Modell des Kosmos nicht aufgab.

[Übrigens sollte niemand aus heutiger Sicht zur Auffassung gelangen, dass die Erscheinungen des gestirnten Himmels den damaligen Menschen so fremd waren, wie sie es heute vielen heutigen Menschen geworden sind. In einem Umfeld, dass keine abstrakten Massenmedien und kein künstliches Licht kennt, ist der nächtliche Sternenhimmel mit allen seinen Erscheinungen eine ständige Anregung für den Geist und die Psyche; ein Teil der unmittelbar erlebten Wirklichkeit des eigenen Daseins. Wie sehr die damaligen Menschen das Geschehen am Firmament als psychische Spiegelfläche ihres eigenen Daseins empfanden, zeigt sich bis heute im unverhohlen astralen Charakter der überlieferten ursprünglichen Religion, und der Aberglaube der heutigen Astrologie ist ein immer noch psychisch wirkmächtiger Abklatsch der damaligen, psychisch verständlichen, aber objektiv falschen Deutungen — ebenso wie die viel leichter erträgliche Tatsache, dass die Planeten noch heute die Namen der längst auf dem Müllhaufen obsoleter Zivilisation geworfenen Gottheiten tragen.]

Der Planet Merkur hat sich später noch ein zweites Mal als sehr anregend für den Fortschritt des menschlichen Weltverständnisses erwiesen.

Dieser Planet ist nicht nur der sonnennächste unter den Planeten, seine Bahn um die Sonne weist auch besonders starke Abweichungen von der Kreisform auf, sie ist stark elliptisch. Auf ihrem sonnennächsten Punkt, dem Perihel, führt die Bahn den Planeten rund 46 Millionen Kilometer nahe an die Sonne heran, auf ihrem sonnenfernsten Punkt, dem Aphel, sind es rund 70 Millionen Kilometer. Perihel und Aphel kreisen, wenn man sich diese beiden abstrakten Orte der Bahn einmal als Punkte denkt, mit geringer Geschwindigkeit um die Sonne.

Im 19. Jahrhundert glaubten die meisten Wissenschaftler, dass die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Gestirne im Weltraum bewegen, durch die Newtonsche Physik vollständig bekannt seien. Doch die astronomischen Beobachtungen Merkurs ließen sich trotz aufwändiger Rechnungen nicht im Einklang mit den Gesetzen der Gravitation bringen.

Nun schien jeder Zweifel an der Newtonschen Mechanik absurd. Denn diese erklärte jede andere Beobachtung der damaligen Zeit mit großer Genauigkeit.

Deshalb ging man davon aus, dass eine weitere, noch unbekannte Kraft auf die Merkurbahn einwirken müsse. Und die im Rahmen der bekannten Physik nahe liegendste Idee war es, einen bislang unentdeckten Planeten anzunehmen, der durch seine Gravitation Einfluss auf die Bahn des Merkur nimmt und so die beobachteten Störungen hervorruft. Dass ein noch sonnennäherer Planet als Merkur sich über Jahrtausende hinweg der Beobachtung entziehen konnte, verwunderte dabei nicht besonders — schon die Beobachtung des Merkur ist nur in der Dämmerung möglich und deshalb schon etwas schwierig.

Zudem gab es in Neptun bereits einen Planeten, der in gleicher Weise auf Grund von sonst unerklärlichen Bahnstörungen von benachbarten Planeten vorhergesagt und schließlich auch entdeckt wurde — ein wahrer Triumph der Newtonschen Physik, wobei allerdings auch das Glück ein wenig mithalf, weil John Couch Adams und Urbain Jean Joseph Le Verrier sich bei der recht komplexen Analyse der großen Bahnunstimmigkeiten des Uranus und der kleineren Unstimmigkeiten in den Bahnen Jupiters und Saturns verrechnet hatten, so dass Johann Gottfried Galle und Heinrich Louis d’Arrest den Neptun eher zufällig in der Nähe der prognostizierten Position vorfanden. Immerhin, die Methodik war gut und diese Kleinigkeit mit dem Rechenfehler, der angesichts der in mühsamer Handarbeit gelösten, komplexen Systeme nichtlinearer Differentialgleichungen völlig verständlich war, sie wurde eher ein wenig unter den Teppich gekehrt…

Kein Wunder also, dass das Problem der Merkurbahn auf die gleiche Weise angegangen wurde.

Am 2. Januar 1860, gut anderthalb Jahrzehnte nach dem prognostischen Erfolg, der zur Entdeckung des Planeten Neptun führte, erklärte Le Verrier in einer Vorlesung, dass sich die anomale Merkurbahn durch die Annahme eines weiteren Planeten innerhalb der Merkurbahn oder vielleicht auch durch einen zweiten Asteroidengürtel zwischen Sonne und Merkurbahn erklären ließe.

Wieso zwischen den beiden Prognosen Le Verriers, einer Vorhersage des transuranischen Planeten und einer Vorhersage eines innermerkurischen Planeten, fast 15 Jahre lagen? Nun, das findet eine eher banale Erklärung: Er scheint einfach nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein. Denn im Jahre 1859 erhielt er einen Brief vom Amateur-Astronomen Lescarbault, in welchem er dem berühmten Astronomen davon berichtete, dass er einen runden, schwarzen Fleck vor der Sonne vorbeiziehen sah, der möglicherweise ein Planet sein könnte. Aus den mitgeteilten Beobachtungsdaten errechnete Le Verrier eine Bahn des Planeten und erinnerte sich in diesem Moment wohl an das leidige theoretische Problem mit der Merkurbahn. Da der hypothetische Planet nach Le Verriers Berechnungen allein nicht für die Abweichung in der Merkurbahn verantwortlich sein konnte, kam Le Verrier auf die Idee, dass es in direkter Sonnennähe eine Ansammlung von Objekten geben könnte, die dem damals längst bekannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter ähnlich sei — der scheinbar in einem Sonnendurchgang beobachtete Körper könnte eines der größeren Objekte darin sein. Dieser noch zu entdeckende Planet bekam von Le Verrier den Namen „Vulcan“. [Von dort kann Mr. Spock allerdings kaum kommen, er würde von ionisierender Strahlung und der großen Hitze regelrecht gegrillt worden, bevor er die Enterprise auch nur gesehen hätte.]

Die berechnete Bahn machte wegen ihrer großen Sonnennähe eine direkte Beobachtung des postulierten Planeten unmöglich — er wäre einfach vom Sonnenlicht überstrahlt worden. Doch im Jahre 1860 bestand eine Chance, den Planeten während einer totalen Sonnenfinsternis zu beobachten, und getragen von der Autorität und vom Drängen Le Verriers versuchten etliche Astronomen, Vulcan direkt zu beobachten. Sie scheiterten alle.

Es gab in der Folgezeit noch einige „Beobachtungen“ Vulcans, teilweise von namhaften Astronomen. Eine Bestätigung dieser „Beobachtungen“ durch andere Astronomen blieb jedoch immer aus. Was diese Menschen gesehen und auf Grundlage ihres Glaubenssystemes als Vulcan interpretiert haben, weiß niemand — aber Vulcan kann es nicht gewesen sein, weil dieser Planet nicht existiert. Kein Beteiligter hat einen Grund gehabt, Lügengeschichten zu erfinden, die bei der ersten Überprüfung durch andere Astronomen in sich zusammenfallen würden; alle haben sie etwas gesehen und haben dies so gesehen, wie es ihrem Glauben entsprach. Vermutlich haben sie Asteroiden mit stark elliptischen Bahnen in sonnennahen oder erdnahen Bahnabschnitten fehlgedeutet, und vielleicht geht die initiale Beobachtung Lescabaults ebenfalls einen Asteroiden zurück, der die Erde in großer Nähe passierte. Die Existenz derartiger Asteroiden war bis ins 20. Jahrhundert hinein unbekannt, während die Vulcan-Hypothese wohlbekannt war.

Es stellt sich natürlich noch eine Frage: Was ist für die anomale Umlaufbahn des Merkur um die Sonne verantwortlich? Diese verbleibt in allen Irrungen als gebieterisches Faktum und will erklärt sein.

Die gleichermaßen einfache und geniale Erklärung für diese und eine Handvoll anderer rätselhafter Erscheinungen gelang im Jahre 1916 einem Niemand; einem in wissenschaftlichen Kreisen damals völlig unbekannten Angestellten bei einem Patentamt, der den Mut hatte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und eine eigene Theorie zu erarbeiten und zu veröffentlichen: Albert Einstein. Die Spezielle Relativitätstheorie erklärt die Gravitation nicht mehr als eine irgendwie vermittelte Anziehungskraft zwischen Massen, sondern als eine von Massen verursachte Krümmung der Raumzeit. Insbesondere sind die raumzeitlichen Verzerrungen in direkter Sonnennähe schon recht stark, sie führen von außen betrachtet zu einer Verlangsamung aller Abläufe und reichen gerade hin, um die beobachteten Abweichungen der Merkurbahn zu erklären.

Einstein hat sich nicht gerade beliebt damit gemacht, dass er den Menschen den Glauben an einen absoluten Raum und eine absolute Zeit genommen hat. Gut, dass Einsteins Zeitgenossen so zivilisiert waren, dass sie seine Theorie einfach nur widerlegen wollten — und darin stets scheiterten, bis heute scheiterten. Ein Fortschritt der Erkenntnis ist eben nur möglich, wenn bestehende Erklärungsmodelle mit aller Hingabe angezweifelt werden. Aber das wusste ja schon Aristoteles.