Vor noch gar nicht so langer Zeit gab es Telefonzellen. Sie waren nicht nur gelb und wegen dieser Signalfarbe sofort sichtbar, sie waren auch Zellen, also abgeschlossene Räume im öffentlichen Raum. Die Tür war schwer und dämpfte den Schall; die Geräusche von außen drangen nur gedämpft hinein und das in der Zelle geführte Telefonat drang nur gedämpft nach außen. Diese Form spiegelte die Auffassung wider, dass ein Gespräch, und sei es auch ein Telefongespräch, einer gewissen Privatheit bedarf, die auch mit gestalterischen Maßnahmen zu schützen ist — und zwar völlig unabhängig davon, wie banal oder persönlich wichtig die Inhalte eines solchen Gespräches sind.

Die Telefonzelle ist genau so aus dem öffentlichen Blickraum verschwunden, wie die Anschauung einer schützenswerten Sphäre des Privaten für obsolet erklärt und aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt wird. Die öffentlichen Münzfernsprecher der heutigen Zeit stehen ungeschützt vor dem Tosen der Straße im Freien, und die Menschen, die sich dieser Apparate bedienen, kämpfen gegen dieses Hindernis für das sprechende Miteinander an, indem sie mit sehr lauter Stimme in das Mikrofon sprechen, so dass eventuell umstehende Menschen sehr leicht dem Gesprächsverlauf folgen können. Die meisten Menschen haben heute jedoch ein Handy. Und. Sie benutzen es an allen nur denkbaren Orten. Überall lassen sich heute die kleinen Geschäfte, die bitteren Familiendramen, die Freundschaften und die schutzlos gewordenen Beziehungen akustisch verfolgen, sie werden dem Ohr geradezu aufgedrängt. Niemand scheint mehr ein Empfinden dafür zu haben, dass für eine persönliche Kommunikation ein geschützter, privater Raum von Nöten ist. Es mag eine pure Koinzidenz sein, dass die Austilgung dieses Empfindens durch die Neugestaltung des öffentlichen Münzfernsprechers nur kurz nach der so genannten „Wiedervereinigung“ erfolgte, aber es ist auch eigentümlich passend, dass diese Neugestaltung in eine Zeit fiel, in der die im Alltag fühlbare Illusion des Kontrastes zu einem Überwachungsstaat DDR nicht länger aufrecht erhalten werden musste; eine Entwicklung, an deren Ende die heutigen staatlichen Allheitsträume einer totalen Prävention und Überwachung stehen, die zu einem angemessenen Unbehagen führen, das sich im Wort von der Stasi 2.0 Bahn bricht.

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