Bitte langsam sprechen — Wenn man das Wort „Kapitalismus“ langsam genug ausspricht, so dass sich im Sprechen sein Geschmack auf der Zunge entfalten kann, denn stellt die fühlbar gewordene Sprache das Vertraute im fremden Wort her, indem das Ohr „Kapital ist Mus“ hört.

Theater — Jedes Mal, wenn irgendwo unter dem alles erstickenden Tuch des Familiären ein schreckliches Verbrechen geschieht, offenbaren die Medien der Contentindustrie ihren Charakter. Sie sprechen in ihrer Berichterstattung von einem „Familiendrama“ oder von einer „Tragödie“, beides dem Theater und dem Film entlehnte Begriffe. In dieser Wortwahl spiegelt sich trefflich das Dargebotene als eine Inszenierung; nicht etwa die berichtete Tat, sondern ihre unterhaltsame mediale Aufbereitung.

Recherche — Es ist sehr einfach, den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten zu erkennen. Wenn beide das gleiche tun, sagt der Blogger „ich google„, und der Journalist sagt „ich recherchiere„.

Je me cherche moi-même — Im Vorübergehen ein Schaukasten. Etliche Zettel werben für Quacksalberei und „esoterische“ Angebote. Darunter auch ein Kurs zur so genannten „Selbstfindung“, natürlich gewiss nicht billig. Könnte ein Wort klarer machen, wie entfremdet die Menschen von sich selbst sind? Und könnte ein Angebot klarer machen, wie gut das Geschäft mit der Entfremdung der Menschen von sich selbst ist.

Werbung — Die Werbung ist ein besserer Spiegel der Gesellschaft als jede noch so vorgeblich „kritische“ Reportage in jenen Medien, die sich in erster Linie über den Transport von Werbung finanzieren. Die Werbung muss nur richtig gelesen werden. Jede Lüge der Werber offenbart die Wahrheit, die sich hinter ihr verbirgt. Die vielen Quacksalbereien und „Gesundheitsprodukte“, die darin angeboten werden, sind ein Spiegelbild der allgemeinen Krankheit; die Tatsache, dass Lebensmittel als „ökologisch“ und „biologisch“ angeboten werden, ist ein Spiegelbild der Tatsache, dass die Menschen vor allem denaturierte und widerliche Nahrung in sich hineinstopfen müssen; die kosmetischen Produkte, mit denen Menschen ihre wahre Erscheinung verbergen, spiegeln die Tatsache, dass jeder Mensch sich nur unter einer Maske in der Öffentlichkeit zeigen kann, die sein wahrstes und innerstes Sein verbirgt; der ständige Appell an „Fitness“ und „Kraft“ ist eine Reflektion der allgemeinen Lethargie und Kraftlosigkeit; die bild- und wortreich beschworene Freiheit spiegelt die umfassende Versklavung und Verknastung der meisten Menschen in einem Käfig von Sachzwängen und existenziellen Ängsten; das allgegenwärtige Ideal der Jugend in allen Bildern ist der trübe Widerschein der Tatsache, dass den Menschen ihre wirkliche Jugend geraubt wird; die in ekstatischen Bildern aufgezeigte Freude des Genusses ist das Gegenbild des allgemeinen Unglücks der lebenden Menschen; die vielen erotischen Angebote und „Partnerbörsen“ geben zutreffend wieder, dass den Menschen befriedigende Sexualität und tieferes Miteinander fehlt; der ständige Verweis auf „billg“ und „sparen“ ist schließlich das Spiegelbild der allgemeinen und stetig zunehmenden Verarmung eines immer größeren Anteiles der Menschen. Man könnte in der Tat eine ganze Zusammenstellung des Pathologischen in der heutigen Gesellschaft mit Bildern und slogans aus der Werbung illustrieren.

Sättigungsbeilage — Auf einer Packung Müllfraß, so genannte „Erdnussflips“, findet sich die Angabe „Mit 32 Prozent Erdnüssen“. Der Denkende fragt sich unwillkürlich, ob die restlichen 68 Prozent wohl Sägespäne seien.

Schule — Die Gebäude einer staatlichen Zwangsschule lassen sich sofort als Schulgebäude erkennen. Ihre architektonische Ästhetik ist nach dem Vorbild der Fabrik geschaffen. Darin spiegelt sich wider, dass das Schulsystem ein Kind des Fabriksystemes ist, dass seine Aufgabe nicht die Vermittlung von Wissen oder gar Bildung ist, sondern die Zurichtung von Menschen zu leicht verwertbaren und leicht austauschbaren Batterien im betrieblichen Produktionsprozess.

Freizeit — Über dem Eingang ein beleuchtetes Schild, Aufschrift „Freizeitparadies“. Es ist eine Spielhalle. Geht man hinein, so sieht man darinnen Menschen, die in scheinbarer Gefühllosigkeit und ohne ein Zeichen besonderer Freude mechanisch Geld in laute, flackernde und schnelle Maschinen werfen. Kein Wort wird miteinander gesprochen, nur ein unterdrückter Fluch ist manchmal zu hören oder eine Bitte beim Wechseln der Banknoten. Wenn das das „Paradies“ ist, möchte man die Hölle gar nicht mehr sehen.

Fiat nox — Die ununterbrochene, nächtliche Beleuchtung der Städte hat für die Menschen in den Städten sogar die Sterne vom Himmel gefegt, nur wenige sind noch sichtbar. Der gestirnte Nachthimmel ist fremd geworden. Kein Wunder, dass diese Menschen allerhand andere „Stars“ anhimmeln.

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