Beim so genannten „Amoklauf“ in Winnenden — es handelte sich ja keineswegs um eine rohe, aus dem Augenblick erwachende Wut, wie sie das Wort vom „Amok“ eigentlich verheißt, sondern um die planvolle Tat eines Menschen, der endlich zum Täter werden wollte — hat sich nicht nur der zuvor in seinem Umfelde eher unauffällige Mörder Tim eine Maske vom Gesicht gerissen, die ihn wohl schon lang nicht mehr atmen ließ. Auch die Medien der Contentindustrie haben sich eine Maske vom Gesicht gerissen, diese jedoch eher, um schneller den möglichen Profit verschlingen zu können. Eine fürchterliche Tat wurde für eine Gesellschaft von Voyeuren aufbereitet, so dass der vorübergehend Betrachtende gar nicht weiß, was er grauenhafter finden soll: Die Tat des Täters; die sekundenhektische Berichterstattung derjenigen Schreibtischtäter, die dort den Content herausarbeiten mussten, der die Zuschauer und Leser zur Werbung lockt, wie eine Maus von einem Stück Käse in die Mausefalle gelockt wird; oder aber die Tatsache, dass inzwischen ein großer Teil der Menschen in ihrer Gier nach faszinierendem, kitzelndem Spektakel so kalt geworden ist, dass die Rechnung der Journaille und der vielen Sender mit ihren breaking news auch aufgegangen ist.

Wann immer ein Fühlender und Denkender in den letzten Tagen irgendwo die Worte „breaking news“ flackern sah, wusste er genau: Es handelt sich um ein als „Neuigkeit“ ausgegebenes Nichts, dass seine völlige Unkenntnis jeglicher Fakten hinter starken affektiven Reizmitteln verbergen musste und darin nur noch zum Erbrechen reizt, wenn man seinen Gaumen ernsthaft befragt.

Gar nicht überraschend ist es, dass dieser Medienbetrieb in jede nur mögliche Falle getappt ist, von gefälschten „Chats“, die sich als Imagehosting mit Kommentarfunktion erwiesen und ein reines Produkt der Bildbearbeitung waren bis hin zu jenen als recherchierte Wahrheit ausgegebene Spekulationen über eine stationär behandelte, psychische Krankheit des Mörders. Wo das Stakkato atemloser Aufpeitschung niederer Instinkte zum neuen Zweck eines simulierten Journalismus verkommen ist, da kommen endlich auch ARD, ZDF, Spiegel, ja selbst die vorm spießigen Bildungsbürgertum mit ihrem Staubimage spielende Frankfurter Allgemeine Zeitung dort an, wo die Bildzeitung im Fehlen besserer Absichten — oder doch wenigstens irgendwelcher Vorwände besserer Absichten — gleich begonnen hat. Dem Ruf der Bildzeitung hat es geschadet, dem wirtschaftlichen Erfolg aber keinen Abbruch getan — es ist ein Blatt, das ich immer in die Hand bekomme, wenn ich ein „Lügenblatt“ bestelle; es ist ein Blatt, das kein Feingeistiger und Gebildeter zu lesen zugibt, das sich aber doch jeden Tag massenhaft verkauft und das noch massenhafter gelesen wird, weil es in seinem gedruckten Brüllen kaum zu übersehen ist. Sämtliche gegenwärtigen Massenmedien in der BR Deutschland erziehen ihre Nutzer zum Voyeurismus. Und. Damit zur Verantwortungslosigkeit. Sich selbst und anderen Menschen gegenüber.

Das Wort, dass es sich bei der Presse um eine vierte Gewalt im Staate handele, ist nur zu wahr, denn ohne die medial feilgebotene Spannerei als Surrogat für den Journalismus könnten die Legislative, Jurisdiktive und Exekutive kaum für längere Zeit in jener Menschenverachtung und Korruption erhalten werden, in der sie sich seit zweieinhalb Jahrzehnten befinden. In der Tat. Es handelt sich um eine Gewalt, und zwar um das Spiegelbild der gleichen kalten Gewalt, die sich gerade erst unter großer Aufmerksamkeit dieser Gewaltmedien in einem kalten Mordlauf komprimiert hat. Allerdings wird diese Gewalt eben so wenig in Frage gestellt, wie man erwarten kann, dass einmal jemand nach einem Leben voll vom täglichen Hirnbeiz durch diese Medien die Frage stellen wird, warum die ganzen Mordläufe verzweifelter Jugendlicher in der BR Deutschland mit ermüdender Regelmäßigkeit an einer Schule stattfinden. Jene LAN-Parties, auf denen meist jugendliche Menschen die so genannten „Killerspiele“ spielen — das ist wohl roh genug, so dass sich die Mehrzahl der Menschen damit begnügen kann —  bleiben jedenfalls auffällig von derartigen Exzessen verschont.