Zeitgenosse: „Kommt dir dein Schreiben nicht selbst lächerlich vor? Wenn du so viel Zeit und Arbeit in dein Blog steckst, warum gehörst du nicht den ganz ‚großen‘ und bekannten Bloggern?“

Nachtwächter: „Weil ich meine Leser nicht unterhalten, nicht ablenken, nicht in den medial vermittelten, irrationalen Glaubenssystemen bestätigen will. Genau das müsste ich tun, um eine große Anzahl Leser regelmäßig zu meinem Blog zu locken und sie zu massenhaften Verlinkungen zu animieren. Ich müsste mein Schreiben von der Aktualität meines eigenen Lebens und Denkens befreien, um es an den abstrakten medialen Begriff von Aktualität anzupassen. Die Themen müsste ich mir vom Medienbetrieb mit seinen aktuellen Nachrichten aus der Politik, aus dem Sport und vom Boulevard de la turd vorgeben lassen, damit sie wie diese heute gesucht und morgen vergessen werden. Dabei würde ich von meinem eigenen Schreiben entfremdet, es würde zu einer Arbeit ohne Wurzel in meinem Leben. Und das suche ich zu vermeiden (es gelingt nicht immer, aber es ist den Versuch wert), um die ganze damit verbundene Mühe niemals zu einer Arbeit werden zu lassen, die, so wohl sie intrinsisch motiviert ist, sich wie eine externe Bedingung auf mein Leben setzt, als kraftraubender Selbstzweck, der den Humor auffrisst. In der Folge dieser Meidung entsteht das, was ich eben schreibe, und es ist bei aller Wichtigkeit, die es für mich selbst hat, genau so marginalisiert wie mein gesamtes Leben. So etwas entfaltet keine breite Attraktivität, oder, um es mit den technischem Wort einer am Wettbewerb orientierten Betrachtung zu sagen: es generiert keine hohen Zugriffszahlen. Die Ästhetik der verschwundenen Wahrheit in den Medien stellt völlig andere Anforderungen als eine vielleicht unbeachtliche, aber doch wenigstens echte Stimme. Mit Essig kann man keine Fliegen fangen.“

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