Sie hatte ihren Befund vom Psychiater bekommen, und sie hatte ihn selbstverständlich gelesen — Arztbriefe sollte man ja öffnen und lesen. Die Beleuchtung ihrer pathogenen Lebensumstände war schon oberflächlich und ließ das Wesentliche, nämlich ein jahrelanges Mobbing am Arbeitsplatz, weg. Und als sie den Befund und die Beobachtungen des Arztes las, wurde sie fassunglos. Unter anderem wurde darin auch erwähnt, dass sie „ungepflegt“ sei und sich selbst „vernachlässige“. Sie sagte hierzu sofort, dass das Doktorchen wohl die kaputten Schuhe und die abgetragene Kleidung gesehen hat, und nicht etwa eine Frage dazu gestellt hat, sondern im Stillen seinen Schluss daraus gezogen habe, dass sie nicht so herumliefe, wie es von einer Frau erwartet wird. Sie trägt die kaputten Schuhe und abgetragene Kleidung nun aber nicht, weil sie sich vernachlässigt, sondern weil sie arm ist. Wenn der Magen knurrt, nimmt man nasse Füße in Kauf.

So entsteht Diagnose. Ein ärztlicher Stempel, der dem Leben aufgedrückt wird, nach dem schließlich andere aus dem Papier heraus ihre Urteile fällen. Als wenn ihr das Leben nicht schon Stempels genug eingestanzt hätte!

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