Archive for November, 2008


Wintereinbruch / Innensommer

Fahrradständer mit Werbung für Langnese-Eis: SUMMER INSIDE!

Auch die zwölffache Wiederholung des dümmlichen claims „Summer inside“ einer Eismarke kann niemanden erwärmen, wenn sie im Schneeregen herumsteht.

Neun Dead

Ein Fernseher, laufend. Auf dem Bildschirm ist Bewegung. Ein großer roter Knopf blinkt unten als stilisierte Grafik unentwegt vor sich hin, als ob er nicht nur betätigt, sondern geradezu heruntergeboxt werden soll. Überall flackern und rollen Texte, schreien grafisch von Gewinnen und offenen Geldleitungen. Ein Zähler wird sekundenweis herabgezählt und eine Einblendung verkündet den „ultimativen“ Countdown, der verstreicht, ohne dass es zu irgendeinem Ereignis käme. 1200 Euro. Eine Frau steht inmitten dieser Wüste aus allsinnlichem Geiststopf, die Brust ist hüpfeblank und das Köpfchen unter dem langen, blonden Haar recht hohl. Es muss gähnend hohl sein, denn aus dem daran angeschlossenen Mündlein bellen affektiert vorgetragene Schablonentexte, die keinerlei mentale Regung bei der Sprecherin verraten. Anrufen kann man sie, wenn man durchkommt, für hohen Preis anrufen. Oder auch für hohen Preis beim Versuch scheitern, was gewiss der Regelfall sein wird, denn in den acht Minuten haben gewiss tausende angerufen. So sieht also aus, was des Nachts in die Zimmer der Schlaflosen flackert, was ihnen schnelles Geld verspricht.

Im Hintergrund das Bild eines Tieres, darüber eine mit Linien gezeichnete Matrix gelegt, deren Felder durchnummeriert sind. In weißer Schrift auf rotem Grund die Frage, die man beim Anruf beantworten soll: „Wo ist das menschliche Gesicht?“

Wer seine Sinne beisammen hat, versteht die Frage richtig und schaltet schleunig um. In dieser Sendung gibt es kein menschliches Gesicht.

Krebsplacebo

Zu den enigmatischen psychischen Erscheinungen gehört der Placebo-Effekt. Es ist möglich, einem Menschen eine objektiv wirkungslose Medizin ohne jeden pharmazeutischen Wirkstoff zu verabreichen, und nur durch die psychologische Wirkung dieses sozialen Vorganges kommt es in vielen Fällen zu einem körperlichen Effekt, welcher der Einnahme eines richtigen Medikamentes entspricht.

Dieser Effekt ist den Pharmakologen wohlbekannt, und in jeder Erforschung eines Wirkstoffes wird durch rigide Maßnahmen sicher gestellt, dass die Ergebnisse nicht durch den Placebo-Effekt verfälscht werden können. Er ist vielleicht eines der deutlichsten Beispiele dafür, dass die systemischen Prozesse im Menschen von wesentlich höherer Komplexität sind als die recht einfachen Regelkreise, in die eine wissenschaftliche Medizin bei der Behandlung von Krankheiten eingreift. Ein bloßer, rein psychologischer Glaube an eine Wirksamkeit kann eine messbare physiologische Wirkung hervorrufen. So mancher ausbeuterische Quacksalber verdankt seine immer wieder einmal auftretenden Erfolge dem Placebo-Effekt, so manches wundertätige Bildlein oder Örtchen der großen Religionen wohl auch — und selbst der gemeine Hausarzt von nebenan mag da nicht hintan stehen und schreibt immer wieder einmal medizinisch fragwürdige Dinge auf seine Rezepte, um solche Wirkungen hervorzurufen. Im Placebo-Effekt spiegelt sich die Tatsache, dass der psychische Mensch der eigentliche Mensch ist deutlich wider.

Neben dieser allgemein bekannten Tatsache gibt es auch eine weniger bekannte Tatsache im Zusammenhang mit Placebos. Diese können nicht nur Wirkungen, sondern wie jedes wirksame Medikament auch ungewollte und zuweilen bedrohliche Nebenwirkungen entfalten — das kann so weit gehen, dass eine ansonsten völlig harmlose Substanz abgesetzt werden muss, nur weil damit verbundene rätselhafte psychologische Abläufe zu sehr greifbaren körperlichen Ergebnissen führen. Der negative Placebo-Effekt kann durchaus lebensbedrohlich werden.

In diesem Zusammenhang ist es eine interessante Frage, ob die Gesundheitswarnungen auf Tabakprodukte nicht ebenfalls schädlich sein könnten. Das soll nicht heißen, dass Rauchen an sich harmlos wäre, denn das ist es nicht — es handelt sich immer noch um die Aufnahme sehr schädlicher und wirksamer Gifte. Aber die politisch gewollte, ständige Verbindung der Tabakprodukte mit Zusicherungen eines qualvollen Todes, Fruchtschädigungen bei werdenden Müttern und schwerer Krankheiten könnte dieser physiologischen Schädlichkeit eine weitere Schädlichkeit hinzufügen, die durch den psychologischen Prozess des Glaubens an solche kaum noch bewusst wahrgenommenen Zusicherungen ausgelöst wird und einen negativen Placebo-Effekt hervorruft. Diese Möglichkeit ist keineswegs absurd, und sie lässt sich auch langfristig nachweisen, indem in den folgenden Jahrzehnten bei langjährigen Studien ein sprunghafter Anstieg der Schädlichkeit des Rauchens festgestellt werden wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass politische Gestaltungsideen absurde Konsequenzen haben und eher das Gegenteil des Gewünschten hervorbringen — denn zu einem Verbot des Handels und Gebrauches dieser Alltagsdroge hat man sich ja doch nicht durchringen können, da es nicht durchsetzbar ist und finanzkräftigen Interessen widerspricht.

Vor einigen Monaten besuchte ich mit einem gläubigen Zeitgenossen eine katholische Wallfahrtskirche. Überall standen dort die Votivgaben, zu stärken den hoffnungslosen Glauben. Mein Freund war fasziniert von einer Wand von Krücken und von Krücken voll, während ich nur zynisch anmerken konnte, dass ich eine Handvoll Beinprothesen sehr viel überzeugender gefunden hätte. 😉

Der Vollrausch

Die alles umfassende Kraftlosigkeit und Bewusstlosigkeit, in der ein Mensch im Vollrausch herumliegt, sie ist ein Spiegelbild der täglich erlebten Machtlosigkeit, ein somatisiertes Abbild der objektiven Ohnmacht des Bewusstseins, die in solchen Räuschen ihren Untergang sucht.

Naturwald

Dort, wo man die sonst so romantisch verklärte Natur ausnahmsweise einmal sich selbst überlässt, statt sie mit hohem Aufwand dem zivilisatorisch gewünschten Rahmen einer leicht konsumierbaren Erlebniswelt und nutzbaren Wirtschaftsfläche anzupassen…

Naturwald - Hier wird der Wald seiner natürlichen Entwicklung überlassen. Wir bitten Sie daher, auf den Wegen zu bleiben. Kranke und tote Bäume werden nicht gefällt. Ein Betreten der Fläche erfolgt auf eigene Gefahr. Landeshauptstadt Hannover, Forstbetrieb

…scheint sie vor allem eines zu sein: ziemlich gefährlich.

Nein, dieses jetzt schon einige Wochen alte (und deshalb noch sonnig grüne) Bild stammt nicht aus einem gefährlichen Urwald, sondern aus Hannovers kleinem Stadtforst „Eilenriede“ — dieser ist übrigens der einzige Trost, den die Stadt zu bieten hat.

Meiner Auffassung nach kommt mit jeder Botschaft, die über das dezentrale Medium des Internet übermittelt wird, auch eine übergeordnete Botschaft, die jeder Mensch wahrnehmen sollte. Diese Botschaft des Internet eröffnet große gesellschaftliche Chancen, die in den politischen und wirtschaftlichen Erörterungen über das Internet regelmäßig übersehen werden.

Die Massenmedien vor dem Zeitalter des Internet verdanken ihre besondere gesellschaftliche Stellung einem Oligopol der Produktionsmittel für die Anfertigung von Informationsträgern. Sie werden zentral herausgegeben, die Mehrzahl der Empfänger kann auf die dargebotenen Informationen und Wertungen keinen Einfluss nehmen. Da dieses Oligopol in besonderer Weise mit politischen Strukturen verflochten ist und wirtschaftlichen Abhängigkeiten unterliegt, werden die zentralmedial dargebotenen Informationen tendenziell zu einer Stütze des herrschenden Systemes. Sie sind konservativ, jeder gesellschaftlichen Entwicklung entgegen gerichtet, die zu einer kulturellen Modernisierung und zur Entwicklung des menschlichen Potenziales unter gewachsenen technischen Möglichkeiten führen könnte. Wie sehr die zunehmende Verblödung vieler Menschen und ihre Unfähigkeit zum verantwortlichen Handeln trotz der gegenwärtigen gesellschaftlichen Anforderungen in diesem gewachsenen medialen Apparat wurzelt, wird durch bloßes Betrachten evident.

Das ist ein Selbstzitat, weil ich mir heute den ganzen Tag lang darüber Gedanken gemacht habe, unter welcher Lizenz ich in Zukunft meine Musik veröffentlichen werde. Das Zitat stammt aus einer schier endlosen Begründung vor den eigentlichen Lizenzbedingungen, die mir aber so gut gefallen haben, dass ich es nicht übers Herz brachte, sie einfach rauszukürzen. (Ich befürchte, dass ich das denn doch einmal tun muss.)

Das ganze Ergebnis meines Nachdenkens befindet sich trotz seiner jetzt schon fürchterlichen Textmenge immer noch in einem eher fragmentarischen Zustand, und inzwischen bin ich so „betriebsblind“ geworden, dass ich sogar anfange, das objektiv wirre Geschreibsel doch „für ganz gut“ zu halten. Um meinen diesbezüglichen Optimismus mal ein wenig zu dämpfen, stelle ich es hier einfach mal in seiner unreifen Form zum freien Download und zum freudigen inhaltlichen Zerreißen durch interessierte Leser zur Verfügung. Vielleicht hat ja sogar jemand genug juristische Kenntnisse, um mir Hinweise auf dringend erforderliche Präzisierungen und „gefährliche“ Formulierungen zu geben — denn in meinem direkten Umfeld ist juristischer Sachverstand nicht vorhanden. 😉

Rechtschreibfehler und Stilblüten dieses Entwurfes sind bei der Duden-Redaktion einzureichen, damit sie in die nächste Reform der deutschen Rechtschreibung eingearbeitet werden können.

So, und jetzt muss ich unbedingt etwas angenehmeres betrachten. Es gibt eine Art von Schreibarbeit, die ich wirklich hasse.

The web to zero

Erst wenn das letzte mit kommerziellem Ansinnen, Bergen von Risikokapital, mieser Planung und fehlerhaften Funktionen ins Internet gestellte Stück Software so sehr mit aufdringlicher, gewaltsamer, flackernder, brüllender und überrumpelnder Werbung geflutet ist, dass es für Menschen kaum noch benutzbar ist — erst dann werden die Investoren wohl bemerken, dass Menschen das Internet nicht wegen der Werbung benutzen, sondern ganz im Gegenteil.

Werber und andere Affen. Werden es noch nicht einmal dann bemerken. :mrgreen:

Mit fröhlichem Gruß an jamoritz

Nur der Vollständigkeit halber…

…möchte ich kurz an dieser Stelle wiederholen, was ich eben in mein Künstlerprofil bei Jamendo eingetragen habe:

Ich habe alle meine Alben von Jamendo entfernt.

Dies ist mir nicht leicht gefallen. Doch die gegenwärtige Geschäftsidee von Jamendo, die gesamte Website durch so genannte „Layer Ads“ zu verhunzen, lässt mir keine andere Wahl.

Es ist unzumutbar, dass sich Reklame für teilweise widerliche und menschenverachtende kommerzielle Angebote über die eigentlichen Inhalte legt, um auf diese Weise die Inhalte zu überdecken und zu einem bloßen Lockvogel umzuwidmen, der dazu dienen soll, Leute zur Reklame zu locken. Leider hat sich Jamendo als vollständig uneinsichtig gezeigt und Vertreter von Jamendo haben sich dahin zurückgezogen, mit wirtschaftlichen Sachzwängen zu argumentieren, wo es um das Werk von Menschen geht.

Wie andere so etwas sehen, ist mir gleich. Der Abrieb meines Lebens ist jedenfalls mehr als das Äquivalent des Wurms eines Angelhakens, mit dem Menschen zu einer derartigen Überrumpelung gelockt werden sollen.

Ich finde es beachtlich, dass Jamendo zu einer gewaltsamen und die Nutzer überrumpelnden Werbeform gegriffen hat, die bislang vor allem für Websites typisch war, die pornografische und illegale Inhalte transportierten. Aber dies mag auch einen Einblick in den Geist derjenigen Menschen geben, die Jamendo zurzeit betreiben. Für mich ist es ein Umfeld, in das ich nicht gehöre und in das meiner Auffassung nach kein feinsinniger Mensch gehört. Tatsächlich betrachte ich Jamendo nach dieser Entscheidung als „tot“, auch wenn die Leiche ihren Zustand noch gar nicht bemerkt hat. Alles, was an Jamendo einmal gut war, ist in diesem Bestreben nach Wertschöpfung entwertet worden. Das Fehlen jeglicher offizieller Kommunikation gegenüber den davon betroffenen Künstlern und der wenig versöhnliche und geradezu scheußliche Ton der Moderation in den Foren auf Jamendo umgibt diese Entwertung mit einer Kälte, in der gewiss nichts mehr gedeihen wird, was auch nur den bescheidenen bürgerlichen Maßstab des Anspruches genügen kann, geschweige denn einem Anspruch nach wirklicher Tiefe.

Ebenfalls liefert die hier gewählte Form der Reklame einen tiefen Eindruck in den Charakter derjenigen Anbieter, die Werbung in dieser Form schalten. Eine Empfehlung für die Produkte, die von diesen Anbietern angeboten werden, ist der sich darin offenbarende Charakter nicht.

Der mir verschiedentlich entgegengebrachte Verweis auf AdBlocker aller Art zielt ins Leere. Es gehört zur Tatsächlichkeit der gewählten Werbeform, dass AdBlocker durch Einsatz jener Webtechniken umgangen werden sollen, die an sich für ganz andere Zwecke entwickelt wurden. In dieser Vorgehensweise, die Entscheidungen und technische Vorrichtungen von Internetnutzern vorsätzlich ignoriert, um ihnen doch noch eine unerwünschte Reklame zuzumuten, zeigt sich eine bemerkenswerte Nähe einer formal legalen Werbeform zur Seuche der Spam. Eben das ist es ja, was Übelkeit daran auslöst.

Ich habe meine Entscheidung einige Tage vorher an verschiedenen Stellen angekündigt und mit der Aufforderung begleitet, meine hier unter CC-Lizenz veröffentlichten Alben über Filesharing zu verteilen. Wer noch etwas von meiner Musik haben möchte, bediene sich einfach der populären Clients fürs Filesharing und suche nach dem Namen „Elias Schwerdtfeger“.

Hier wird es niemals mehr etwas von mir geben. Der noch vorhandene Künstleraccount wird in den nächsten Wochen von mir gelöscht werden, im Moment dient er noch ausschließlich der Kommunikation dieser Entscheidung, damit darauf gesetzte Verweise für eine Übergangszeit nicht ins Leere laufen.

In den kommenden Wochen wird es eventuell eine Zweitveröffentlichung meiner Alben geben, die dann allerdings nicht mehr unter einer CC-Lizenz verfügbar sein wird. Stattdessen werde ich ein eigenes Lizenzmodell entwickeln und verwenden, das jegliche Weitergabe und Verwendung zu kommerziellen Zwecken ausschließt, ohne dass vom Lizenztext die werbefinanzierte Weitergabe legitimiert wird. Dieses Vorhaben hält mich auch davon ab, eine Veröffentlichung bei einem Mitbewerber Jamendos zu platzieren, vielmehr werde ich die gesamte Veröffentlichung auf eigene Kosten machen und versuchen, sie über ein Spendenmodell zu finanzieren. Sollte sich dies als nicht durchführbar erweisen, denn wird es fortan wohl nichts mehr im „World Wide Web“ von mir geben.

Die Tatsache, dass mein geänderter Text zur Erläuterung nicht sofort erscheint, lässt mich vermuten, dass er dort vielleicht auch niemals erscheinen wird. Auch finde ich es persönlich beachtenswert, dass ich die Löschung meiner Alben gegenüber Jamendo begründen muss und das meine von mir explizit zur Löschung vorgesehenen Alben zurzeit immer noch verfügbar sind. Sollte man bei Jamendo so sehr in die Toilette gegriffen haben, dass man zusammen mit der neuen, überrumpelnden und besonders widerwärtigen Werbestrategie auch noch die Löschung bestehender Inhalte technisch verhindert, denn werde ich das als Kampfansage betrachten.

Die Oktober-Ausgabe von »Erwachet!«

Immer wieder fragen sich Menschen, was diese so genannten „Blogs“ eigentlich sind. Natürlich könnte man sich — wenn man schon nicht über einen anderen Internet-Zugang verfügt — einfach in die nächste Bibliothek oder in das nächste Internet-Café begeben, um sich mal in aller Ruhe so ein paar Blogs anzuschauen. Wenn man wegen eines bislang eher indifferenten Verhältnisses zum Internet völlig unbeleckt von jeder Fähigkeit und Fertigkeit ist, könnte man dabei natürlich auch jemanden fragen, der schon weiß, wofür spezielle Angebote wie Technorati oder die Google-Blogsuche gut sind, damit man auch zielstrebig ein paar Blogs im Internet finde. Dabei bekäme man in einem fröhlichen Stündchen schon einen ganz passablen Eindruck von der Bandbreite dessen, was in der einfachen Form einer chronologisch geordneten Publikation im Internet möglich ist und in welcher Bandbreite diese Möglichkeiten von so genannten „Bloggern“ ausgeschöpft werden.

Dabei würde man eine Reihe recht ernüchternder Feststellungen machen. Hinter dem zunächst fremden Klang des zusammenfassenden Wortes „Blogs“ verbergen sich eine ganze Reihe oft recht banaler Ausflüsse des menschlichen Lebens im Internet, die zum Teil auch sehr interessant sein können, aber manchmal eben auch so oberflächlich, gewöhnlich oder gar niederträchtig wie die Menschen sind, die so etwas jeden Tag machen. Vielleicht kommt man dabei sogar schon nach einer einzigen Stunde zu der Einsicht, dass die Zusammenfassung unter dem abstrakten Wort „Blogs“ viele Formen des netzöffentlichen Publizierens zusammenfasst, die gar keine richtige Gemeinsamkeit haben, wenn man einmal von der rein technischen Darbietung aller dieser Tätigkeiten in einer vor allem chronologisch dargebotenen Veröffentlichung absieht. Dieses rein technische Merkmal ist allerdings wenig geeignet, um daran eine generelle Aussage über „Blogs“ festmachen zu können.

Wer ohne jede Vorkenntnis vom Internet etwas mehr als eine Stunde Zeit in seine persönliche Recherche investiert, stellt dabei vielleicht sogar fest, dass „diese Blogs“ das Versprechen dieses denzentralen Mediums wahr machen, jedem Menschen eine Stimme zu geben, ohne diese Äußerungen von technischen Kenntnissen abhängig zu machen; dass es sich somit um eine sehr demokratische Entwicklung handelt, die geeignet ist, die ganze Fülle, Trübsal und Freude realen menschlichen Seins, Denkens und Handelns in das Internet zu bringen. Aber diese Erkenntnis setzt schon eine etwas tiefere Beschäftigung auch mit der Geschichte des Internet voraus, sie ist auch für einen zutreffenden Eindruck von der Natur der „Blogs“ nicht vonnöten.

Man könnte sich also selbst ein Bild machen. Es wäre beinahe mühelos.

Man muss es aber nicht. Man kann sich auch ein Bild machen lassen. Das ist noch müheloser.

Denn es gibt ja immer wieder andere, die versuchen, den „blogfernen Menschen“ da draußen ein Bild zu machen, was es mit diesen „Blogs“ nun auf sich hat. Beinahe immer ist diese Darstellung einseitig und erfüllt den Zweck der Verunglimpfung und dumpfen Angstvermittlung, die nach Möglichkeit so weit gehen soll, dass jedes persönlich gewonnene Bild von den „Blogs“ vermieden wird.

Und das kann nicht nur die Journaille in der BR Deutschland und unser gegenwärtiger Innenminister.

Titelblatt Erwachet! - Kinder im Internet mit einem glotzenden Kind und einer verunsicherten Mutter, die das Kind mit ahnungslosem Gesichtsausdruck kontrolliert.Die Ausgabe Oktober 2008 des Periodikums „Erwachet!“ der Zeugen Jehovas hat zum Beispiel den Schwerpunkt „Kinder im Internet“, der sich inbesondere an Eltern ohne bestehende Kenntnisse über das Internet wendet. Schon das Titelbild dieser Ausgabe spiegelt das wider, es zeigt ein geradezu hypnotisiert auf einen Monitor glotzendes Kind, das von einer unscharf abgelichteten Mutter an der Türe zum Zimmer beobachtet wird. Die Haltung und Mimik dieser Muter bringt dabei völlige Angst und Ahnungslosigkeit zum Ausdruck. (Siehe die sehr kleine nebenstehende Abbildung des entsprechenden Ausschnittes.)

Ich will gar nicht erst in epischer Breite auf die in diesem Zusammenhang transportierten Inhalte eingehen und zu diesen nur feststellen, dass die Texte für Wachturm-Verhältnisse (!) — natürlich unter Berücksichtigung des biblizistischen Fundamentalismus und des in allem dumpf mitschwingenden Angsttones — fast schon ausgewogen sind und das dezentrale Medium keineswegs direkt „verteufeln“, sondern auf eher subtile Weise den gewünschten Eindruck in das Hirn des Lesers zu brennen suchen. (Wer einen Eindruck von den Inhalten bekommen möchte, spreche einfach ein paar Zeugen Jehovas in freundlicher und menschlicher Weise an, sie werden gewiss behilflich sein, an diese Ausgabe zu kommen. Ich habe die Oktober-Ausgabe nach einem Hinweis ebenfalls heute auf diese Weise erhalten und musste mich keineswegs stundenlang für mein Interesse rechtfertigen oder mich gar auf ein Missionsgespräch einlassen. Auch Fundamentalisten sind Menschen, die sich über ein warmes Wort freuen können.) Aber natürlich findet sich im mehrseitigen Schwerpunkt auch nicht der geringste Hinweis dazu, wie Eltern sich einen eigenen Eindruck von den beschriebenen Erscheinungen des Netzes machen könnten, so dass die dort dargebotenen Informationen wohl in vielen Fällen einfach geglaubt werden. Wenn man Menschen in einen selbstbezüglichen Info-Käfig festhalten kann, ist eine beliebige Manipulation dieser Menschen sehr einfach. Das einzige Mittel, das Menschen hier gegen ihre Manipulierbarkeit gegeben ist, besteht in einem mutigen Schritt aus dem Gefüge dieses Käfiges heraus — und um so einen Schritt zu vermeiden, wird (nicht nur bei den Zeugen Jehovas) massiv Angst und Desinformation vermittelt.

Auch über die „Blogs“ wird in einem kleinen Infokästchen informiert, und das sieht so aus (der Text findet sich auf Seite 6):

Blogs - Definition: Internet-Tagebücher - Warum so beliebt? Bloggen ermöglicht es jungen Leuten, über ihre Gedanken, Interessen und Aktivitäten zu schreiben. In den meisten Blogs können die Leser Kommentare anfügen, und viele Kinder finden es einfach toll, wenn jemand auf ihre Einträge reagiert. Was man wissen sollte: Blogs sind für jeden zugänglich. Manche jungen Leute geben unbedarft Informationen preis, durch die sich ihr Familienname, ihre Schule oder ihre Adresse herausfinden lässt. Außerdem wird in Blogs manches geschrieben, was eigentlich rufschädigend ist, teilweise auch für einen selbst. Manche Arbeitgeber wollen sich nämlich das Blog eines Bewerbers ansehen, wenn sie überlegen, ob sie den Betreffenen einstellen sollen.

Oder, um diese kurze Zusammenfassung noch kürzer zu fassen und dabei ihren Kern offen zu legen: „Blogs“ sind Tagebücher, die eigentlich ein völlig überflüssiger Zeitvertreib junger Menschen sind. Sie dienen zur Mitteilung von Belanglosigkeiten und ferner dazu, dass der Bloggende das feed back seiner Leser „toll“ findet und an diesem Erleben sein Selbstbewusstsein aufpäppelt. Von ihrer völligen Unwichtigkeit selbst für den Bloggenden abgesehen, sind diese „Blogs“ eigentlich nur gefährlich und können das ganze Leben zerstören. Schließlich setzen es die Arbeitgeber als völlig normal voraus, dass hier jeder ein Blog hat und wollen da erstmal reinschauen, um sich ein Bild zu machen, als ob der angegebene Lebenslauf eine Recherche in SchülerVZ oder StudiVZ [beide bewusst nicht verlinkt] nicht viel müheloser und auch ergiebiger erscheinen ließe.

Von welcher Qualität die hier dargebotenen Informationen sind, überlasse ich getrost der Einsichtsfähigkeit meiner Leser.

Ein umfänglicher Appell an den Schutzinstinkt von Eltern ist das! Und zudem eine Beurteilung, die jedes Interesse daran erstickt, sich in einer müßigen Stunde selbst ein Bild zu machen. Was bei dieser Bewertung von „Erwachet!“ außer der namenlosen Angst vor allem, was außerhalb der eigenen Kirche liegt, erwachen soll, das bliebt wohl nicht nur mir verschlossen…

Zum „Glück“ wird dieser mit so durchschaubarer Methodik erzeugten Angst auch begegnet, indem den angstdoof gemachten Eltern gezeigt wird, auf welche Weise sie ihre Kinder „schützen“ können — natürlich ganz „biblisch“ (Seite 8 und 9 der Oktober-Ausgabe):

[Eine gute Mutter] überwacht die Vorgänge ihres Haushalts (Sprüche 31:27). Es ist einfach ein Muss, die Internetnutzung seiner Kinder zu [...][...] kontrollieren, und sie sollten auch wissen, dass dies geschieht. Das ist keine Verletzung der Privatsphäre. Schließlich ist das Internet ein öffentliches Forum. Das FBI rät Eltern sicherzustellen, dass sie jederzeit Zugang zu den Verbindungsdaten ihrer Kinder haben, und sich stichprobenartig anzusehen, was für E-Mails sie bekommen und welche Websites sie besuchen.

Nachdem die ganze Vielfalt des Internet in wenigen Seiten „Erwachet!“ zu einem Mus verrührt wurde, kann die Überwachung der Kinder zu einem Muss erklärt werden. Dabei wird auch mal eben das gesamte Internet zu einem „öffentlichen Forum“ erklärt, damit die totale Bespitzelung der Kinder auch ja keine Verletzung der Privatsphäre ist; diese lästige Unterscheidung zwischen offener Kommunikation in Blogs und persönlicher Kommunikation im Mails, über IM oder Nachrichtensysteme in Foren spielt keine Rolle mehr. „Erwachet!“ hat es schließlich verkündet, das wird schon stimmen. Da können die Eltern doch problemlos die Mails ihrer Kinder lesen, die ja semantisch nichts anderes als ein Blog oder eine Website sind — und das natürlich auch den Kindern mitteilen, damit sich die Kinder auch an die umfängliche Bespitzelung ihres Daseins gewöhnen und sich gleich die richtige Schere in das Gehirn implantieren. Für den Fall, dass die Bibel (sie schreibt ja doch nicht so viel über das Internet) als Aurorität nicht ausreicht, wird noch die Empfehlung einer Polizeibehörde eines folternden Unrechtsstaates als weitere Autorität für den bücksamen, geknickten Geist hinzugefügt.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen. Viele Heranwachsende — vor allem, wenn sie aus einer fundamentalistisch religiösen Familie kommen und deshalb von ihrem sozialen Umfeld zu Außenseitern gestempelt werden — stehen ja vor ganz speziellen Problemen, die oft im familiären Umfeld nicht so leicht zu verbalisieren sind. Wer da das Internet nutzt, findet relativ leicht Menschen, die ähnlichen Herausforderungen an ihrem Dasein begegnen oder begegnet sind, was zu einem hilfreichen Austausch von Erfahrungen führen kann. Das geht natürlich nicht, wenn die eigenen Eltern die Internetnutzung überwachen, doch zeigt „Erwachet!“ auch hier, was für ein selbstbezüglicher Info-Käfig eine religiöse Organisation wie die Zeugen Jehovas für die darin Gefangenen ist — auf der letzten Seite gibt es noch den folgenden Hinweis für die jungen Menschen im Chaos der beginnenden Pubertät und ihre sie überwachenden Eltern:

Wo können junge Leute Tipps finden, die ihnen bei ihren Problemen weiterhelfen? Für Cheren (13) in Italien ist der Ratgeber Fragen junger Leute und praktische Antworten eine große Hilfe. Vor einiger Zeit hatte sie Gelegenheit, auch andere in ihrer Klasse für das Buch zu begeistern.

Wer braucht da noch einen unbeobachteten Austausch mit anderen Betroffenen, wenn der eigene kleine, aus Angst, Einschüchterung und Desinformation bestehende Hirnknast solche „praktischen Antworten“ auf alle Fragen zentral herausgibt!

Wer jetzt übrigens irgendwelche Parallelen zur Berichterstattung über das dezentrale Internet in den etablierten, zentral organisierten Medien und zu den politisch so nützlichen, geschürten Ängsten sieht, der sieht das gleiche wie ich. 😉

Vielen Dank für die Oktober-Ausgabe von „Erwachet!“ und fröhliche Grüße an E. und M. — aber ich werde wohl am Sonntag nicht im Königreichsaal sein. Euer göttlicher König hat eine zu große Liebe zur Angst und zur hirnlosen Unterwürfigkeit, als dass ich mich zu ihm hingezogen fühlen könnte.

Auswärtiges Denken (39)

Zum Lesen empfohlen sei der wirklich recht lange Text (besser viel Zeit nehmen, es geht nicht so eben nebenbei!) beim Alarmschrei über autoritäre Persönlichkeiten: Alarmschrei — Die Finger am Abzug

Bibeltee

Sehr löblich und erheiternd finde ich die missionarische Idee einiger Geschäftsleute für christliches Zubehör, Einzelverpackungen für Teebeutel mit kleinen Bibelsprüchlein zu versehen:

Teebeutel mit Aufdruck: Das Tee Testamint - Wenn mein Volk, das meinen Namen trägt, sich besinnt und umkehrt und zu mir betet, dann will ich vom Himmel hören, alle Schuld vergeben und ihr Land heilen. - Gott der Bibel in 2. Chronik 7,14

Ein solche Form der millionenfachen Verkündigung ist nicht nur nützlicher als das herkömmliche Traktat und hat allein deshalb eine gewisse Chance, nicht sofort zerknüllt im Mülleimer oder in der Gosse zu landen, sie ist darüber hinaus auch ein trefflich Bild der gesamten missionarischen Tätigkeit in der christlichen Religion geworden. Die Verpackung besteht aus wohl ausgesuchten, trostvollen Bibelsprüchlein, aber was unter diese Verpackung gerät, das ist ein industriell erzeugtes und leicht konsumierbares Surrogat für einen echten Genuss. Die Nutznießer des so Verpackten können jederzeit die biblische Hülle aufreißen, den Inhalt mit heißem Wasser aufgießen, den angerichteten Sud ein paar Minuten ziehen lassen, das ganze auf eine geeignete Verzehrtemperatur runterkühlen lassen und runterkippen, wann immer ihrem Geschmack danach zumute ist. :mrgreen:

Aber trotzdem: Danke für den vielen vielen Tee…

Was Alfred Nobel nicht wollte

Wer hätte sich noch nie darüber gewundert, wofür es einen Nobelpreis gibt? Es ist ja nicht nur interessant, welche wissenschaftlichen Disziplinen ausgezeichnet werden, es ist auch interessant, welche nicht in den Genuss eines Nobelpreises kommen können.

Offenbar hat Alfred Nobel die Mathematik nicht für eine geistige Betätigung gehalten, die einer besonderen Förderung bedürfe, obwohl es sich hierbei vielleicht um die schönste und friedlichste Form in der Benutzung des menschlichen Geistes handelt — und damit eben auch um eine besonders schwierige und für viele Menschen in ihren Inhalten schwer verständliche. Die in streng deduktivem Vorgehen errungenen Einsichten gewähren in jedem Fall einen nüchternen Blick in die Methode logischen Schließens und — Kurt Gödel sei es gedankt — auch in die Begrenztheit dieser Methode und damit in die Grenzen der Einsichtsfähigkeit durch Anwendung deduktiver Logik. Kaum etwas könnte für ein denkendes Wesen wichtiger sein als ein tieferes Verständnis der eigenen Denkvorgänge und wenigstens eine trübe Ahnung davon, wie viel Erkenntnis sich auf eine gute Handvoll einfacher Annahmen und eine Reihe von ebenso einfachen Regeln zurückführen lässt — und welcher Ozean der Wirklichkeit dennoch unerforscht bleibt.

Angesichts der Missachtung der Mathematik in Nobels Testament hat es mich immer gewundert, dass ausgerechnet die recht irrationale und dem Aberglauben nahe stehende „Wirtschaftswissenschaft“ mit einem Nobelpreis geehrt wird. Doch geht zumindest das nicht auf eine Verblendung Alfred Nobels zurück, denn er hat diesen Nobelpreis niemals gewollt:

Der Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel wird oft als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet, geht aber nicht auf das Testament Nobels zurück. Er wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank anlässlich deren 300-jährigen Bestehens gestiftet. Er wird von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften nach denselben Prinzipien wie die Nobelpreise vergeben und auch in derselben Zeremonie übergeben. Strittig ist allerdings, ob die Auszeichnung zu Recht im Einklang mit den übrigen Nobelpreisen genannt wird.

Nun, für die Medien, die jedes Jahr anlässlich der Zeremonie der Preisverleihung berichten, ist das gar nicht strittig; sie tun mit einhelliger Stimme so, als spiegele auch dieser Preis den letzten Willen Alfred Nobels wider. Wohl auch, weil eine solche Berichterstattung eine Betätigung, die noch weniger Fundament als die Alchimie hat — schließlich ging diese in ihren wirren, nur psychologisch verständlichen Implikationen ja auf die beobachtbare Wandelbarkeit von Stoffen zurück — für die Rezipienten solchen Berichtens in den ehrenwerten Rang der Wissenschaftlichkeit erhebt. Und genau das deckt sich ja hervorragend mit dem Grundton der sonstigen Verklärung noch des gierigsten und menschfernsten Wirtschaftens, der sich in allem Rundfunk und in aller Journaille vernehmen lässt. Man muss jedem Eindruck gegenüber skeptisch sein, der von den zentral organisierten Medien vermittelt wird.