Immer wieder fragen sich Menschen, was diese so genannten „Blogs“ eigentlich sind. Natürlich könnte man sich — wenn man schon nicht über einen anderen Internet-Zugang verfügt — einfach in die nächste Bibliothek oder in das nächste Internet-Café begeben, um sich mal in aller Ruhe so ein paar Blogs anzuschauen. Wenn man wegen eines bislang eher indifferenten Verhältnisses zum Internet völlig unbeleckt von jeder Fähigkeit und Fertigkeit ist, könnte man dabei natürlich auch jemanden fragen, der schon weiß, wofür spezielle Angebote wie Technorati oder die Google-Blogsuche gut sind, damit man auch zielstrebig ein paar Blogs im Internet finde. Dabei bekäme man in einem fröhlichen Stündchen schon einen ganz passablen Eindruck von der Bandbreite dessen, was in der einfachen Form einer chronologisch geordneten Publikation im Internet möglich ist und in welcher Bandbreite diese Möglichkeiten von so genannten „Bloggern“ ausgeschöpft werden.

Dabei würde man eine Reihe recht ernüchternder Feststellungen machen. Hinter dem zunächst fremden Klang des zusammenfassenden Wortes „Blogs“ verbergen sich eine ganze Reihe oft recht banaler Ausflüsse des menschlichen Lebens im Internet, die zum Teil auch sehr interessant sein können, aber manchmal eben auch so oberflächlich, gewöhnlich oder gar niederträchtig wie die Menschen sind, die so etwas jeden Tag machen. Vielleicht kommt man dabei sogar schon nach einer einzigen Stunde zu der Einsicht, dass die Zusammenfassung unter dem abstrakten Wort „Blogs“ viele Formen des netzöffentlichen Publizierens zusammenfasst, die gar keine richtige Gemeinsamkeit haben, wenn man einmal von der rein technischen Darbietung aller dieser Tätigkeiten in einer vor allem chronologisch dargebotenen Veröffentlichung absieht. Dieses rein technische Merkmal ist allerdings wenig geeignet, um daran eine generelle Aussage über „Blogs“ festmachen zu können.

Wer ohne jede Vorkenntnis vom Internet etwas mehr als eine Stunde Zeit in seine persönliche Recherche investiert, stellt dabei vielleicht sogar fest, dass „diese Blogs“ das Versprechen dieses denzentralen Mediums wahr machen, jedem Menschen eine Stimme zu geben, ohne diese Äußerungen von technischen Kenntnissen abhängig zu machen; dass es sich somit um eine sehr demokratische Entwicklung handelt, die geeignet ist, die ganze Fülle, Trübsal und Freude realen menschlichen Seins, Denkens und Handelns in das Internet zu bringen. Aber diese Erkenntnis setzt schon eine etwas tiefere Beschäftigung auch mit der Geschichte des Internet voraus, sie ist auch für einen zutreffenden Eindruck von der Natur der „Blogs“ nicht vonnöten.

Man könnte sich also selbst ein Bild machen. Es wäre beinahe mühelos.

Man muss es aber nicht. Man kann sich auch ein Bild machen lassen. Das ist noch müheloser.

Denn es gibt ja immer wieder andere, die versuchen, den „blogfernen Menschen“ da draußen ein Bild zu machen, was es mit diesen „Blogs“ nun auf sich hat. Beinahe immer ist diese Darstellung einseitig und erfüllt den Zweck der Verunglimpfung und dumpfen Angstvermittlung, die nach Möglichkeit so weit gehen soll, dass jedes persönlich gewonnene Bild von den „Blogs“ vermieden wird.

Und das kann nicht nur die Journaille in der BR Deutschland und unser gegenwärtiger Innenminister.

Titelblatt Erwachet! - Kinder im Internet mit einem glotzenden Kind und einer verunsicherten Mutter, die das Kind mit ahnungslosem Gesichtsausdruck kontrolliert.Die Ausgabe Oktober 2008 des Periodikums „Erwachet!“ der Zeugen Jehovas hat zum Beispiel den Schwerpunkt „Kinder im Internet“, der sich inbesondere an Eltern ohne bestehende Kenntnisse über das Internet wendet. Schon das Titelbild dieser Ausgabe spiegelt das wider, es zeigt ein geradezu hypnotisiert auf einen Monitor glotzendes Kind, das von einer unscharf abgelichteten Mutter an der Türe zum Zimmer beobachtet wird. Die Haltung und Mimik dieser Muter bringt dabei völlige Angst und Ahnungslosigkeit zum Ausdruck. (Siehe die sehr kleine nebenstehende Abbildung des entsprechenden Ausschnittes.)

Ich will gar nicht erst in epischer Breite auf die in diesem Zusammenhang transportierten Inhalte eingehen und zu diesen nur feststellen, dass die Texte für Wachturm-Verhältnisse (!) — natürlich unter Berücksichtigung des biblizistischen Fundamentalismus und des in allem dumpf mitschwingenden Angsttones — fast schon ausgewogen sind und das dezentrale Medium keineswegs direkt „verteufeln“, sondern auf eher subtile Weise den gewünschten Eindruck in das Hirn des Lesers zu brennen suchen. (Wer einen Eindruck von den Inhalten bekommen möchte, spreche einfach ein paar Zeugen Jehovas in freundlicher und menschlicher Weise an, sie werden gewiss behilflich sein, an diese Ausgabe zu kommen. Ich habe die Oktober-Ausgabe nach einem Hinweis ebenfalls heute auf diese Weise erhalten und musste mich keineswegs stundenlang für mein Interesse rechtfertigen oder mich gar auf ein Missionsgespräch einlassen. Auch Fundamentalisten sind Menschen, die sich über ein warmes Wort freuen können.) Aber natürlich findet sich im mehrseitigen Schwerpunkt auch nicht der geringste Hinweis dazu, wie Eltern sich einen eigenen Eindruck von den beschriebenen Erscheinungen des Netzes machen könnten, so dass die dort dargebotenen Informationen wohl in vielen Fällen einfach geglaubt werden. Wenn man Menschen in einen selbstbezüglichen Info-Käfig festhalten kann, ist eine beliebige Manipulation dieser Menschen sehr einfach. Das einzige Mittel, das Menschen hier gegen ihre Manipulierbarkeit gegeben ist, besteht in einem mutigen Schritt aus dem Gefüge dieses Käfiges heraus — und um so einen Schritt zu vermeiden, wird (nicht nur bei den Zeugen Jehovas) massiv Angst und Desinformation vermittelt.

Auch über die „Blogs“ wird in einem kleinen Infokästchen informiert, und das sieht so aus (der Text findet sich auf Seite 6):

Blogs - Definition: Internet-Tagebücher - Warum so beliebt? Bloggen ermöglicht es jungen Leuten, über ihre Gedanken, Interessen und Aktivitäten zu schreiben. In den meisten Blogs können die Leser Kommentare anfügen, und viele Kinder finden es einfach toll, wenn jemand auf ihre Einträge reagiert. Was man wissen sollte: Blogs sind für jeden zugänglich. Manche jungen Leute geben unbedarft Informationen preis, durch die sich ihr Familienname, ihre Schule oder ihre Adresse herausfinden lässt. Außerdem wird in Blogs manches geschrieben, was eigentlich rufschädigend ist, teilweise auch für einen selbst. Manche Arbeitgeber wollen sich nämlich das Blog eines Bewerbers ansehen, wenn sie überlegen, ob sie den Betreffenen einstellen sollen.

Oder, um diese kurze Zusammenfassung noch kürzer zu fassen und dabei ihren Kern offen zu legen: „Blogs“ sind Tagebücher, die eigentlich ein völlig überflüssiger Zeitvertreib junger Menschen sind. Sie dienen zur Mitteilung von Belanglosigkeiten und ferner dazu, dass der Bloggende das feed back seiner Leser „toll“ findet und an diesem Erleben sein Selbstbewusstsein aufpäppelt. Von ihrer völligen Unwichtigkeit selbst für den Bloggenden abgesehen, sind diese „Blogs“ eigentlich nur gefährlich und können das ganze Leben zerstören. Schließlich setzen es die Arbeitgeber als völlig normal voraus, dass hier jeder ein Blog hat und wollen da erstmal reinschauen, um sich ein Bild zu machen, als ob der angegebene Lebenslauf eine Recherche in SchülerVZ oder StudiVZ [beide bewusst nicht verlinkt] nicht viel müheloser und auch ergiebiger erscheinen ließe.

Von welcher Qualität die hier dargebotenen Informationen sind, überlasse ich getrost der Einsichtsfähigkeit meiner Leser.

Ein umfänglicher Appell an den Schutzinstinkt von Eltern ist das! Und zudem eine Beurteilung, die jedes Interesse daran erstickt, sich in einer müßigen Stunde selbst ein Bild zu machen. Was bei dieser Bewertung von „Erwachet!“ außer der namenlosen Angst vor allem, was außerhalb der eigenen Kirche liegt, erwachen soll, das bliebt wohl nicht nur mir verschlossen…

Zum „Glück“ wird dieser mit so durchschaubarer Methodik erzeugten Angst auch begegnet, indem den angstdoof gemachten Eltern gezeigt wird, auf welche Weise sie ihre Kinder „schützen“ können — natürlich ganz „biblisch“ (Seite 8 und 9 der Oktober-Ausgabe):

[Eine gute Mutter] überwacht die Vorgänge ihres Haushalts (Sprüche 31:27). Es ist einfach ein Muss, die Internetnutzung seiner Kinder zu [...][...] kontrollieren, und sie sollten auch wissen, dass dies geschieht. Das ist keine Verletzung der Privatsphäre. Schließlich ist das Internet ein öffentliches Forum. Das FBI rät Eltern sicherzustellen, dass sie jederzeit Zugang zu den Verbindungsdaten ihrer Kinder haben, und sich stichprobenartig anzusehen, was für E-Mails sie bekommen und welche Websites sie besuchen.

Nachdem die ganze Vielfalt des Internet in wenigen Seiten „Erwachet!“ zu einem Mus verrührt wurde, kann die Überwachung der Kinder zu einem Muss erklärt werden. Dabei wird auch mal eben das gesamte Internet zu einem „öffentlichen Forum“ erklärt, damit die totale Bespitzelung der Kinder auch ja keine Verletzung der Privatsphäre ist; diese lästige Unterscheidung zwischen offener Kommunikation in Blogs und persönlicher Kommunikation im Mails, über IM oder Nachrichtensysteme in Foren spielt keine Rolle mehr. „Erwachet!“ hat es schließlich verkündet, das wird schon stimmen. Da können die Eltern doch problemlos die Mails ihrer Kinder lesen, die ja semantisch nichts anderes als ein Blog oder eine Website sind — und das natürlich auch den Kindern mitteilen, damit sich die Kinder auch an die umfängliche Bespitzelung ihres Daseins gewöhnen und sich gleich die richtige Schere in das Gehirn implantieren. Für den Fall, dass die Bibel (sie schreibt ja doch nicht so viel über das Internet) als Aurorität nicht ausreicht, wird noch die Empfehlung einer Polizeibehörde eines folternden Unrechtsstaates als weitere Autorität für den bücksamen, geknickten Geist hinzugefügt.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen. Viele Heranwachsende — vor allem, wenn sie aus einer fundamentalistisch religiösen Familie kommen und deshalb von ihrem sozialen Umfeld zu Außenseitern gestempelt werden — stehen ja vor ganz speziellen Problemen, die oft im familiären Umfeld nicht so leicht zu verbalisieren sind. Wer da das Internet nutzt, findet relativ leicht Menschen, die ähnlichen Herausforderungen an ihrem Dasein begegnen oder begegnet sind, was zu einem hilfreichen Austausch von Erfahrungen führen kann. Das geht natürlich nicht, wenn die eigenen Eltern die Internetnutzung überwachen, doch zeigt „Erwachet!“ auch hier, was für ein selbstbezüglicher Info-Käfig eine religiöse Organisation wie die Zeugen Jehovas für die darin Gefangenen ist — auf der letzten Seite gibt es noch den folgenden Hinweis für die jungen Menschen im Chaos der beginnenden Pubertät und ihre sie überwachenden Eltern:

Wo können junge Leute Tipps finden, die ihnen bei ihren Problemen weiterhelfen? Für Cheren (13) in Italien ist der Ratgeber Fragen junger Leute und praktische Antworten eine große Hilfe. Vor einiger Zeit hatte sie Gelegenheit, auch andere in ihrer Klasse für das Buch zu begeistern.

Wer braucht da noch einen unbeobachteten Austausch mit anderen Betroffenen, wenn der eigene kleine, aus Angst, Einschüchterung und Desinformation bestehende Hirnknast solche „praktischen Antworten“ auf alle Fragen zentral herausgibt!

Wer jetzt übrigens irgendwelche Parallelen zur Berichterstattung über das dezentrale Internet in den etablierten, zentral organisierten Medien und zu den politisch so nützlichen, geschürten Ängsten sieht, der sieht das gleiche wie ich. 😉

Vielen Dank für die Oktober-Ausgabe von „Erwachet!“ und fröhliche Grüße an E. und M. — aber ich werde wohl am Sonntag nicht im Königreichsaal sein. Euer göttlicher König hat eine zu große Liebe zur Angst und zur hirnlosen Unterwürfigkeit, als dass ich mich zu ihm hingezogen fühlen könnte.

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