Vor vielen Jahren habe ich einmal eine kurze Erzählung gelesen. (Ich bin mir nicht sicher, ob es sich um eine Fiktion oder um eine wirkliche Begebenheit handelte.) Ein Zirkus hatte seine Zelte außerhalb der Stadt aufgeschlagen, und dort brach ein Feuer aus. Die fahrenden Leute konnten den Brand nicht selbst unter Kontrolle bringen, und so schickten sie jemanden in die Stadt, um Hilfe zu holen.

Dieser Jemand war der Clown.

Die Zirkusleute dachten sich nichts weiter dabei. Der Clown war ein vertrauter Mitmensch, der sich mit großer Disziplin seiner Aufgabe im Zirkus widmete, die Menschen zum Lachen zu bringen. Als das Feuer ausbrach, übte er gerade für seinen Auftritt, der vor allem deshalb stets so spielerisch, mühelos und zauberhaft wirkte, weil in jeder übertriebenen Geste, in jedem Stolperer und in jedem mit übertriebener Hingabe ausgesprochenen Wort tägliche Arbeit steckte. Er übte stets in seinem Kostüm mit den zu großen Schuhen, der wenig zweckmäßigen, aber bunten Kleidung, ja, er übte sogar geschminkt; alles nur, um den Anforderungen des richtigen Auftrittes in seiner täglichen Probe zu begegnen, um nicht eine Spur von Unsicherheit in seiner Darbietung zu haben. Denn die Darbietung muss ja, wie jede show, eine perfekte Illusion sein.

Und so lief er direkt von seiner Probe in die Stadt. Mit einer geschrienen, alarmierenden Nachricht im Munde, eben dem Alarmruf, dass der Zirkus brennt.

Und die Menschen in der Stadt sahen einen Clown, der sie alarmieren wollte. Und. Sie lachten darüber. Da wurde der Clown lauter, eindringlicher, was zu noch größerem Lachen führte. Natürlich war der Clown nicht dumm, kaum ein Clown ist dumm, und so bemerkte er selbst, wie der durch seine Verkleidung hergestellte situative Kontext zu einem völlig falschen Eindruck führte; er begann damit, sich zu fassen und mit zwar gedrängter Stimmer, aber doch in klarer, analytischer Weise die Situation darzulegen, dass der Zirkus brennt. Die Menschen in der Stadt waren begeistert, denn sie hätten nie geglaubt, dass so ein einfacher Clown eines kleinen Zirkusses einen derart guten Auftritt hinkriegen würde. Man könnte ja fast denken, der Zirkus brenne wirklich und es sei wirklich so schlimm! Was für eine lustige Idee des Clowns!

Vom Zirkus blieb ein Haufen Trümmer und Asche. Und. Das Trauma in den Seelen der Menschen, deren Lebenswerk gründlich gescheitert war, weil die Nachricht vom Unglück zum Lachen reizte, aber nicht zum Handeln.

Jedes Mal, wenn man einen der momentan so inflationär durch die Medien gezogenen, so genannten „Comedians“ oder einem scheinbar tiefsinnigeren „Kabarettisten“ lauscht, sollte man daran denken. Das Lachen, selbst noch das Lachen über das unterhaltsam dargestellte Unheil, es ist eine große Lustquelle, ein schöner und entspannter Rausch. Aber wenn am Ende nur Asche und Trümmer übrig bleiben; wenn sich alle nur gut unterhalten ließen und viel zu lachen hatten, statt zu handeln und wenigstens das Nötigste und Mögliche zum Abwenden des offensichtlichen und klar dargelegten Unglückes zu tun, denn ist es dumm. Der Zerfall wird in allen seinen Konsequenzen kein Quäntchen weniger ernst und folgenreich, wenn sich Menschen darüber im Bewusstsein, aber mit lässiger Hand amüsieren. Aber das Lachen. Verstummt dann.

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