Archive for September, 2008


Werbepause

Vermutlich gehören die für jedes empfindsame Wesen völlig ungenießbaren Werbespots zu den teuersten und aufwändigsten Produktionen im deutschen Fernsehen, wenn man die finanzielle Investition und die Menge an aufgebrachter Arbeit in Relation zur Dauer der medialen Darbietung setzt. Selbst die monströse Gigantomanie moderner Spielfilme scheint noch dahinter zurückzustehen. Hinter jedem dieser Kürzstfilme steht eine groß angelegte Forschung, mit welchen Mitteln den Menschen am wirksamsten suggeriert werden kann, dass ein bestimmtes käufliches Produkt für das entgangene Leben entschädige oder einen weiteren Lebensschaden verhindere.

Wenn man sich einmal kurz der „Logik“ des Preises anschließt und sich aus diesem Grund auf den Standpunkt stellt, dass die aufgewandten Mühen und Kosten ein Spiegel der Wichtigkeit einer Sache sind, denn entpuppt sich die Werbung als die zentrale „Kommunikation“, die über dieses Medium transportiert wird. Die Werbung ist das eigentliche Programm, und das vorgebliche Programm erfüllt in erster Linie die Aufgabe, Menschen dazu zu verlocken, diese Werbung über sich ergehen zu lassen. Das Wort „Werbepause“ bekommt in solcher Betrachtung einen völlig neuen Sinn. Das angebliche Programm ist die Werbe-Pause, die Unterbrechung des wirklichen Anliegens der Manipulation von Konsumenten durch eine hingenommene Notwendigkeit, die ihre Existenz einzig der Tatsache verdankt, dass sich der größere Teil der Menschen immer noch nicht von einer medialen Darbietung fesseln lässt, die nur aus Reklame besteht. Die jüngsten Ereignisse um Schleichwerbung im quasi-staatlichen Fernsehen, die übrigens gewiss nur die Spitze eines Eisberges sind, sie zeigen allerdings, dass mit allen Mitteln daran gearbeitet wird, den Anteil solcher Werbepausen an der Sendezeit immer kleiner zu machen.

Richtung und Garheit (14)

Das dumme Denken — In Gedanken tun sich alle Taten leicht, aber wer sich davon blenden lässt, ist dumm. Wer ein großes Gewicht stemmen will, tut gut daran, seine Muskeln vorher an etwas Leichterem zu erproben. Die Muskeln wachsen nicht am Denken, sondern am Tun; das Denken hingegen hilft, vernünftig zu handeln. Ein Denken, dass sich nur aufs Denken beschränkt, entkoppelt sich von der Wirklichkeit, wird selbstbezüglich und ist selbst dort, wo es in sich selbst stimmig ist, von Dummheit nicht zu unterscheiden.

Unmittelbare Einsichten — Eine Sache ist es vor allem, die einen dummen Menschen von einem intelligenten unterscheidet. Wenn der intelligente Mensch etwas Neues nicht versteht, denn untersucht er es; wenn der dumme Mensch etwas Neues nicht versteht, hält er es sofort für falsch und verzichtet auf jede weitere Untersuchung. Diese recht bequeme Beschränkung auf das unmittelbar Einsehbare und das Desinteresse an den Erscheinungen der Wirklichkeit und an ihren Zusammenhängen sind der Grund dafür, dass sich im Gehirne des Dummen so wenig Einsicht bilden kann.

Die verlorene Sprache — Als am Anfang der achtziger Jahre der ganze Wahnsinn begann; als kleine, preiswerte Computer immer mehr in die Haushalte gestellt wurden, da löste das in mir einen verhaltenen Optimismus aus. Es war mir schon klar, dass es einen Zusammenhang zwischen der Dummheit und der Unfähigkeit im aktiven und passiven Gebrauch der geschriebenen Sprache gab, und dass von daher viel von der schreienden Dummheit um mich herum im direkten Zusammenhang mit dem unmittelbar rezipierbaren und zur Passivität erziehenden Medium des Fernsehens im Zusammenhange stand. Die Benutzung eines Computers erforderte hingegen die Fähigkeit zum Lesen und zum Schreiben, so stümmelig die Sprache in diesem Zusammenhang auch wurde; sie gab darüber hinaus einen Ansporn zu eigener, planvoller Aktivität. Ich sah mit Freude, dass sich gerade Kinder und Jugendliche begeistert auf die neuen Möglichkeiten stürzten, ja, es teilweise sogar lernten, Computer in einer Karikatur von Sprache zu programmieren. Darin sah ich eine Generation erwachsen, die weniger leicht blendbar sein würde, da jedes über die Beschäftigung mit akuten Affekten hinausgehende Denken in sprachlicher Befähigung wurzelt. Mit diesem Optimismus war ich ziemlich allein, und wie die kommende Zeit zeigte, hätte ich auch gar nicht falscher liegen können. Denn die wirtschaftliche Anforderung an einen Computer ist es, dass sich auch dumme Menschen daran abarbeiten können; nur so ist ein Geschäft mit der breiten Masse zu machen. In der Folge wurde die Benutzung von Computern durch die bildhaften, grafischen Oberflächen immer mehr trivialisiert, und die Menschen, die darauf herumklickten, verstanden immer weniger von dem, was sie da eigentlich taten. Dies führte direkt in den heutigen, recht dummen technischen Aberglauben um den Computer, der zur Folge hat, dass sich Menschen ohne ein tieferes Verständnis unausgereiften, fabrikneuen Schrott in Form von Software andrehen lassen und sogar noch willens sind, dafür Geld auszugeben, weil ihnen eine gleichfalls bildhafte Reklame das Blaue vom Himmel verspricht, während sie nicht einmal mehr wissen, wozu ein Computer eigentlich gut sein könnte. In einem jedoch habe ich recht behalten: Die frühen „Computerfreaks“ der Achtziger Jahre, sie bilden heute noch eine gewisse Elite und lassen sich nicht jeden Tinnef andrehen. Sie hatten in der Beschäftigung mit einem Computer noch einen Anreiz erhalten, sich mit schriftlicher Sprache zu beschäftigen, der heute selten geworden ist.

Infantilisierung — Wie wenig entschriftliche Medien zur Vermittlung von Einsicht und zur Bekämpfung der Dummheit geeignet sind, kann jeder Hörende erleben, wenn er einen Menschen darum bittet, doch einmal zu erzählen, was er im Kino oder Fernsehen gesehen hat. Bei sehr vielen Menschen, vor allem bei jenen, die niemals ein Buch zur Hand nehmen, kommt es beim Versuch einer solchen Erzählung nur zu einer eher zusammenhanglosen Wiedergabe von einzelnen Szenen, und gar nicht wenige Menschen verfügen gar über so wenig adäquate Sprache zur Beschreibung des Wahrgenommenen, dass sie dazu tendieren, die zerschnittenen Szenen einer solchen Darbietung eher lautmalerisch als in der Form qualitativ höherstehender sprachlicher Aussagen zu reproduzieren. In diesem Rückgriff auf eher kindliche Ausdrucksformen spiegelt sich das Kindische, das dort zurückbleibt, wo höhere geistige Leistungen nicht mehr erbracht werden. Für einen nennenswerten Teil der Menschen kommen die entschriftlichen Medien der heutigen Zeit einer maschinellen Infantilisierung gleich.

Hitler glotzen — Jedes Mal, wenn mir jemand von den offenbar häufigen, reißerischen und umfangreichen Dokumentationen über das Dritte Reich, Adolf Hitler und die ihn umgebene Gruppe schwer geisteskranker Verbrecher erzählt, überkommt mich der gleiche Verdacht. Die gefährliche Faszination, die von diesem stahlharten, mordtrunkenen und entherzten Wahnsinn ausgeht, sie scheint noch heute ungebrochen, und solche Sendungen ermöglichen es den Menschen, sich darin zu berauschen, während sie sich selbst und anderen erfolgreich vormachen können, dass sie sich nur ganz harmlos über die deutsche Geschichte informieren.

Unwissen — Dummheit wird häufig mit Unwissen verwechselt, was falsch ist. Weder ist angesammeltes Faktenwissen ein Zeichen der Intelligenz, sonst müsste man jeder Datenbank Intelligenz zusprechen. Noch ist Unwissen ein Zeichen der Dummheit. Vielmehr ist die Dummheit eine geistige Haltung, die verhindert, dass sich Wissen ansammelt, mit den Erscheinungen der Welt abgleicht, im Geiste miteinander verknüpft und zur Einsicht, zum offenbar einsichtigen Handeln führt. Sowohl die Institution der einpaukenden und abfragenden Zwangsschule als auch die vielfältigen medialen Versuche, isoliertes Faktenwissen als einen Wert an sich zu vermitteln, der zum Hohn auch noch Bildung gerufen wird, sie sind Vorrichtungen, die Dummheit auf der Grundlage nutzlosen Wissens erblühen lassen.

Konstanz — „Die Dummheiten wechseln, die Dummheit bleibt“ (Erich Kästner)

Schlacht-Zeile

Als er an einem Kiosk vorbeiging und die großen Schlagzeile eines Boulevard-Blattes sah, sagte er: „Ich sehe. Der Völkische Beobachter trägt jetzt rot. Wenn es in Deutschland noch ein kleines bisschen dunkler wird, denn sieht das auch bald so richtig braun aus.“

Die Stadt Hannover muss zumindest in einem gelobt werden. Sie ist in ganz besonderer Weise reich an Kunst auf öffentlichen Plätzen und an den Straßen. Und ganz offenbar wurde schon immer von den Verantwortlichen für die Ausstattung des Stadtbildes mit Kunst ein gewisser Wert darauf gelegt, dass auf diese Weise den Menschen in Hannover auch ein Zugang für modernere künstlerische Ausdrucksformen gelegt wird. In wie weit dies gelungen ist, gehört allerdings zu den schwer zu beantwortenden Fragen. An den meisten dieser Werke wird in der Hetze der Tage achtlos vorbeigegangen. Dem langsam durch die Straßen Schreitenden fällt jedoch an regenlosen Tagen, vor allem während des Wochenendes und noch am Montag…

Straßenkunst in Hannover

…oft ein beißender Uringeruch auf, der einige dieser meist metallischen Werke umgibt. Man kann sich förmlich vorstellen, wie jemand, vom gebieterischen Druck in der Blase getrieben, ein solches Werk für eine öffentliche Toilette hält und dann dort einen Eingang sucht, wo er doch eigentlich einen Zugang zur Kunst finden sollte. Natürlich gibt es den gesuchten Eingang nicht, und da der Druck nicht kleiner wird, sucht sich der Mensch Erleichterung dort, wo er den Eingang nicht fand und pinkelt in der Dämmerung gegen ein Werk, das auch im hellen Lichte leicht für eine Bedürfnisanstalt gehalten werden könnte — obwohl deutlich diskretere Bäume nicht weit entfernt wären.

Das fotografierte Kunstwerk steht und odiert vor dem Heizkraftwerk in Linden bei Hannover

Auswärtiges Denken (36)

Werbung ist in meinen Augen eine unerfreuliche Nebenerscheinung unserer Gesellschaft wie Giftmüll, Lobbyisten, Abmahnanwalttum und Getreidezocker an der Börse.

Don Alphonso an der Blogbar

Sucht

Die meisten Menschen verwechseln das Wesen der Sucht mit einer Form der Abhängigkeit. Und sie glauben aufgrund dieser Verwechslung, dass zur Behandlung einer krankhaften, leidvollen und wenig lebensförderlichen Sucht die Abhängigkeit aufgehoben werden müsse. Dieser falsche Glaube ist der Grund für das Scheitern so vieler Ansätze in der Therapie der Sucht oder für den ebenfalls recht häufigen, nur scheinbaren und sehr vorübergehenden „Erfolg“ solcher Ansätze, der sich dann beim Hinschauen als der bloße Austausch des einen Suchtmittels gegen ein anderes Suchtmittel entpuppt.

Abhängigkeit an sich ist eine gewöhnliche Bedingung des Seins. Schon auf plumper, physischer Ebene ist das Dasein eines Menschen von einem Geflecht von Abhängigkeiten geprägt, er muss essen, trinken, atmen. Kaum jemand würde diese Abhängigkeiten als etwas „Krankes“ empfinden, so sehr sie auch Ursache tiefer, existenzieller Probleme werden können. Für ein soziales, denkendes und fühlendes Wesen kommen zu diesen selbstverständlichen und physischen Abhängigkeiten noch eine ganze Menge weiterer, oft gleichermaßen komplexer wie unnatürlicher Abhängigkeiten psychischer Natur hinzu, die einem ganzen Leben ihren Stempel aufdrücken, ja, sogar zur alles einschränkenden Bedingung des Lebens werden können. Ganz im Gegensatz zur falschen Auffassung des Wesens der Sucht als einer Form der Abhängigkeit handelt es sich bei jedem Streben nach „Unabhängigkeit“ um ein Haschen nach Dunst, um die Jagd nach einer Illusion. Es gibt kein Sein in Unabhängigkeit, nicht einmal für einen Stein oder ein Sandkorn, und noch viel weniger für einen Menschen.

Auch widerspricht es der Auffassung der Sucht als eine Form der Abhängigkeit, dass es so viele Süchte gibt, die alle Erscheinungsformen der Sucht in sich tragen können, ohne dass man dabei von einer Abhängigkeit sprechen könnte. Vielleicht das einleuchtendste Beispiel hierfür ist die Spielsucht. Der suchtartig „Spielende“ ist nicht mit einer besonderen Abhängigkeit ausgestattet, und dennoch ist sein Leben und Denken so sehr von dem einen Suchtmittel „Spiel“ geprägt, dass der süchtige Mensch den Anforderungen des Lebens als ein praktisch Untauglicher gegenübertreten kann. (Mir missfällt übrigens das Wort „Spielen“ in diesem Zusammenhang, da es die allzu harmlose Konnotation einer nur kindischen und damit auch einer entspannenden Betätigung hat; ich würde von daher lieber im deutlichen Soziolekt des Proletariats vom „Zocken“ sprechen. Leider hat die deutsche Hochsprache kein Wort hervorgebracht, um diesen Unterschied zwischen Spiel und „Spiel“ auszudrücken, wiewohl es gerade dem Deutschen sonst nicht an Schärfe mangelt. Wer auch nur einen Spielsüchtigen kennengelernt hat, der weiß aus dieser Erfahrung, dass dieses „Spiel“ weder spielerisch, noch kindisch und schon gar nicht entspannend ist.)

Sucht ist in ihrem Wesen keine besondere Form der Abhängigkeit — obwohl sie häufig in eine zusätzliche stoffliche Abhängigkeit führt, die wiederum ein Problem für sich werden kann — sondern eine Verhaltensweise. Es hilft deshalb beim Denken über die Erscheinungen der Sucht, wenn man vom „Suchtverhalten“ spricht und versucht, dieses Verhalten so genau wie möglich zu fassen.

Welche sind nun aber die Eigentümlichkeiten des Suchtverhaltens?

Der süchtig Siechende verwendet Etwas, ein so genanntes Suchtmittel, um damit seine Aufmerksamkeit für die Erscheinungen der Welt zu reduzieren. Es ist möglich, alle hierzu verwendeten Suchtmittel in eine von drei Kategorien einzuteilen. Die ersten beiden dieser Kategorien würde man im herkömmlichen Sinne des Wortes als „Drogen“ bezeichnen, die dritte Kategorie umfasst Suchtmittel, die nicht zu den Drogen gehören, aber dennoch bei einigen Menschen ein voll ausgeprägtes Suchtverhalten hervorrufen können — diese dritte Kategorie ist beim Versuch des Verständnisses der Sucht zunächst dunkel, führt aber am Schnellsten zum Kern des Suchtproblemes, da sie die konventionellen Irrwege des Denkens über die Sucht versperrt.

In die erste Kategorie fallen die „klassischen“ Betäubungsmittel, die zu einer allgemeinen Herabsetzung der Aufmerksamkeit führen, indem sie das Bewusstsein abdämpfen und in einen schlummrigen, den Schlafe verwandten Zustand versetzen. Die althergebrachten Opiate haben hier in jüngerer Zeit eine starke Konkurrenz durch so manches Psychopharmakon bekommen, das auch recht bereitwillig von Ärzten verordnet wird und dabei eine langfristige Geschäftsbeziehung zu einem Patienten herstellt. Wenn man in den Statistiken über die Verwendung von Drogen auch all jene Menschen aufnehmen würde, die keinen Tag ohne zentraldämpfende Mittel mehr leben, denn sähen diese Zahlen gewiss erschreckend aus und würden jedem zur Einsicht verhelfen können, dass Sucht das schlechthinnige gesellschaftliche Problem der gegenwärtigen Zeit ist. Leider wird hier regelmäßig mit zweierlei Maß gemessen, und die Verordnungen der Dealer in Weiß bekommen nicht das Urteil, das sie allzu oft verdienten.

Die zweite Kategorie ist mit der ersten verwandt, jedoch ist hier die Wirkung der Suchtmittel eine qualitativ andere. Diese Mittel leiten die Aufmerksamkeit von der Umwelt ab, indem sie einen erheblichen Betrag der Aufmerksamkeit in individuelle psychische Prozesse leiten, die auf diese Weise eine scheinbare Unabhängigkeit von den Bedingungen der Außenwelt erhalten. Es sind dieses die Suchtmittel von eher halluzinogener Wirkung, denen gemein ist, dass sie zu einer Veränderung in der cerebralen Verarbeitung des Wahrgenommenen führen. In diese Kategorie fallen keineswegs nur „harte“ Halluzinogene wie LSD, sondern auch das zur heimlichen Volksdroge gewordene THC.

Die genaue Abgrenzung dieser ersten beiden Kategorien von Suchtmitteln ist in einigen Fällen schwierig. THC hat neben seiner eher geringen (aber doch immer noch beachtlichen) halluzinogenen Wirkung eine deutlich betäubende Wirkung, wird aber eher wegen seines Effektes auf die Wahrnehmung genommen. Bei der außerordentlich beliebten Droge Alkohol, die auch dementsprechend häufig zum Suchtmittel wird, tritt der Effekt der Herabsetzung der Aufmerksamkeit fast gleichberechtigt neben leichten Veränderungen der Wahrnehmung, die sich dem Konsumenten darin mitteilen, dass ihm seine akuten Lebensumstände hübscher, weniger bedrückend, erfreulicher anmuten, was seine Verzagtheit und seinen Unwillen gegenüber diesen Umständen reduziert.

Die dritte Kategorie von Suchtmitteln ist die zunächst dunkle. Sie umfasst keine Drogen im üblichen Sinn des Wortes, sondern reine Verhaltensweisen, wie etwa das suchtartige „Spielen“ (in jüngerer Zeit auch häufig im Zusammenhang mit Computern im Gespräch), das suchtartige Essen und andere Betätigungen, die mit einer fressenden, zerstörerischen Hingabe getan werden und darin alle Erscheinungsformen der Sucht zeigen. Tatsächlich zeigt eine genauere Betrachtung, dass auch hier die Aufmerksamkeit von der Umwelt abgeleitet wird; und zwar geschieht dies, indem der Süchtige seine Aufmerksamkeit mit einem hohen Maß an Konzentration auf einen kleinen Ausschnitt der Umwelt ausrichtet und für den Rest der Umwelt auf diese Weise beschränkt. So betrachtet, wirkt eine Sucht, die sich solcher Suchtmittel bedient, wie eine Karikatur der Meditation. Und. Mag damit auch andeuten, was Menschen ganz allgemein zum Meditieren bringt und welchen Gewinn sie davon haben. (Wie wenig die „spirituellen“ Ausflüchte der Süchtigen taugen, wird im Folgenden vielleicht noch ein wenig deutlicher, obwohl es nicht mein Thema ist.)

Am Ende dieser viel zu kurzen Würdigung der Suchtmittel muss noch angemerkt werden, dass die Sucht nicht in ihren Mitteln liegt, sondern in der Weise, wie sich der Süchtige in seinem Siechtum dieser Mittel bedient. Die Sucht ist unabhängig vom verwendeten Suchtmittel und hat mit diesem eine eher lockere Verbindung.

Das Suchtverhalten ist also eine regelmäßig und willentlich herbeigeführte Herabsetzung der Aufmerksamkeit für die Erscheinungen der Wirklichkeit. Diese Haltung kann bis zum völligen Realitätsverlust gehen.

Warum sollte ein Mensch so etwas tun? Welchen Gewinn hat der Süchtige von seinem Suchtverhalten? Denn. Ohne einen Gewinn täte er es nicht; brächte solches Tun nur das selbst dem Süchtigen unübersehbare Leid, so hörte das Verhalten schnell auf. Niemand würde sich mehrmals nacheinander mit einem Hammer auf die Hand hauen, wenn er nicht einen persönlichen Vorteil aus dieser Selbstzerstörung zöge.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das bedeutet, dass er ein angeborenes und triebhaftes Verlangen hat, einen Platz innerhalb eines sozialen Gefüges anderer Menschen einzunehmen. Die besondere Ausstattung des Menschen im darwinschen Ringen um Lebensraum war nicht individuelle Stärke, sondern kollektiv sinnvolles Handeln einsichtsfähiger Individuen. Der besonders ausgeprägte soziale Zug des Menschen zeigt sich vielleicht am deutlichsten in seiner sprachlichen Befähigung, die weit über alles im sonstigen Tierreiche beobachtbare Signalgeben hinausgeht und die es jedem Einzelnen ermöglicht, einen gut differenzierten Anteil an der Ausgestaltung der gemeinsamen Sache zu nehmen, so dass sich alle Individuen darin wiederfinden können.

Das Triebhafte am sozialen Sein des Menschen kann gar nicht unterschätzt werden. Es handelt sich um einen Trieb, der stärker als das ebenfalls triebhafte Verlangen nach der Erhaltung des eigenen Seins ist. Wäre der Sozialtrieb nicht stärker als der Trieb zur Selbsterhaltung, so könnten Kriege nicht funktionieren, da jeder bestrebt wäre, sein eigenes Leben zu retten.

Aus dem Sozialtrieb erwächst nun etwas Besonderes, was ebenfalls mit der gebieterischen Wucht dieses Triebes ausgestattet ist. Es ist das fordernde Gefühl der Verantwortung für die gemeinsam gestaltete Sache, das sich bei jeder Erscheinung in der Umwelt regen kann.

Wer Suchtverhalten zeigt, senkt seine Aufmerksamkeit für die Umwelt herab, um das aus dem Sozialtrieb heraus entstehende Gefühl der Verantwortung mitsamt allen seinen Forderungen an den Menschen zu unterdrücken. Sucht ist ein krankhaftes Verhalten gegenüber der eigenen sozialen Verantwortung. Unter gesellschaftlichen Umständen, die dem Einzelnen fast keinen Spielraum mehr geben, an der Gestaltung einer gemeinsamen Sache verantwortlichen Anteil zu nehmen, muss Sucht zwangsläufig zu einer Volkskrankheit werden. Die Zerstörung der eigenen Wahrnehmung und damit des eigenen gestalterischen Potenziales im Suchtverhalten ist das Spiegelbild der individuellen Ohnmacht gegenüber einem Prozess, der über die Gesellschaft abläuft und dem die Einzelnen in der Gesellschaft ausgeliefert sind.

Es ist übrigens auf diesem Hintergrunde kein Zufall, dass jede Sucht selbstzerstörerisch ist. Niemand wird süchtig nach so etwas harmlosem und unschädlichem wie dem Essen von Radieschen. Der Verlust der Kraft (und im Falle des weiter oben benannten Spielsüchtigen: der Kaufkraft des verlorenen Geldes), der gedanklichen Leistungsfähigkeit, der Gesundheit und sogar des Lebens sind keineswegs unerwünschte Begleiterscheinungen eines süchtigen „Genusses“, sondern sie dienen dem gleichen Ziel wie das Suchtverhalten. Niemand hat weniger Verantwortung als eine Leiche.

Mit fröhlichen Grüßen an die Kamerun News

Patriotismus

Bei ausgelieferten Opfern von Verbrechen, vor allem bei solchen, die vom Verbrecher für einen längeren Zeitraum gedemütigt, ihrer Freiheit zum eigenen Handeln beraubt und misshandelt wurden, kommt es häufig im Verlaufe des Verbrechens zu einer paradoxen psychischen Reaktion. Sie beginnen, offenbar um den Schrecken ihrer eigenen Ohnmacht abzuwehren, sich mit dem Gewalttäter und seinen Zielen zu identifizieren. Und. So manches Mal wirkt der psychische Mechanismus hinter dem so genannten „Patriotismus“ verblüffend ähnlich, wenn man ihn nur ein wenig betrachtet.

Die grüne Bank

Wenn man offenen Auges und ohne die so gewöhnlich gewordene Stumpfheit durch eine Welt geht, welcher der Stempel des gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses an allen Orten aufgedrückt ist, denn wird vieles offensichtlich im Spiegel der vielen, kleinen Stolpersteine. Das folgende Foto ist nicht hübsch. Es wurde am Schiffsanleger Ohedamm am Maschsee zu Hannover aufgenommen; es zeigt eine gleichermaßen kaputte wie völlig verdreckte Bank, die wohl niemand mehr als eine Einladung zum Sitzen und Verweilen begreifen wird.

Foto einer kaputten, total verdreckten Bank am Maschsee

Diese „Sitzgelegenheit“ steht in einer Gruppe von vier Bänken. Die anderen drei sind, einmal abgesehen von etwas darauf gefallenem, an den kommenden Herbst erinnerndem Laub, tadellos. Was unterscheidet die vor Dreck strotzende, kaputte und zum Sitzen ungeeignete Bank nun von den anderen drei Bänken? Erst auf dem zweiten Blick fällt die kleine Tafel aus Metall auf, deren einstiger Glanz durch den Abrieb der Zeit stumpf geworden ist. Diese ist ein weiterer Unterschied zwischen der einen, verdreckten und unbrauchbaren Bank und den drei, durchaus einladenden, anderen Bänken. Und. Auf diesem Schild steht die Erklärung, was diese Bank von den anderen, gepflegten, sauberen, benutzbaren Bänken unterscheidet:

Hinweistafel auf der verdreckten Bank: Diese Bank wurde gespendet von BÜNDNIS 90 | DIE GRÜNEN

Es handelt sich um eine Bank, die von den „Grünen“ als Reklame im Rahmen eines Wahlkampfes gespendet wurde, um die Versprecher und Versprechen von einer blühvollen Zukunft ein bisschen konkreter zu machen. Natürlich spricht man als Politiktreibender über solche Wohltaten, wenn man sie tut, denn man tut sie ja, um werbewirksam darüber zu sprechen. Gewiss hat auch ein befreundeter Schreiberling der hannöverschen Journaille zur Einweihung dieses „Geschenkes“ dabei gestanden, um den Wirkkreis solcher Aktion auf ein größeres Gebiet auszudehnen. Und als der Wahlkampf dann vorrüber war, da erging es dieser Bank genau so wie jeder anderen Wahllüge auch, sie wurde der fließenden Zeit und dem Vergessen, der mentalen Auslöschung des Gewesenen im Strom des „Aktuelleren“, übergeben. Allerdings ist so ein konkreter Gegenstand wie eine Bank sehr viel beständiger als etwas so Leeres wie verlogene Worte. Am Maschsee. Steht diese Bank nun seit einiger Zeit als ein beständiges Denkmal dafür, was von allen politischen Reden, Scheinaktionen und Wohltaten im Vorfelde einer Wahl zu halten ist — auch in der gegenwärtigen Bundespolitik, die bereits mitten in den typischen Gesten des kommenden Wahljahres angekommen ist.

Ein fröhlicher Gruß an M.

Die Kleider der Gedanken

Es ist nicht so, dass den Menschen die Sprache gegeben wäre, um ihre Gedanken zu verbergen, wie es ein bekanntes Bonmot zu wissen vorgibt. Vielmehr. Ist den Menschen die Sprache gegeben, ihre Gedanken zu bekleiden. Der nackte Gedanke, ohne des Kleid der Sprache, erregte in seiner Nacktheit oft Anstoß, aber in wallender Sprache bekleidet, wird ihm leicht Einlass in den Geist und in die Psyche gewährt; selbst dort noch, wo der hinter der Sprache stehende Gedanke völlig deplatziert wäre. Die gesamte alte Kunst der Manipulation, die unter dem Worte „Rhetorik“ zusammengefasst wird, macht ebenso Gebrauch von schönen sprachlichen Kleidern für oft hässliche Gedanken wie ihr auf minderer Kulturstufe stehender, mit Rückgriffen auf die alte Magie verwürzter Nachkomme in der Reklame. Die primitiv-magische Grundlage des Kannibalismus, dass man sich der Vorzüge eines Lebenden dadurch bemächtigen könne, dass man den organischen Sitz dieser Vorzüge verspeise, sie fand ihren werbenden Widerhall im kurzen Schlachtruf einer Industrie von Schlachthäusern: „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“.

Die Blökenden

Für jemanden, der mit den anderen immer mitlaufen will, gibt es genau eine grundlegende psychologische Anforderung: Er muss ein dummes Herdentier sein.

Der situative Kontext

Zeitgenosse (geschäftstüchig): „Deine Stimme hat einen nörgelnden Klang, aber du ziehst dich aus der Gesellschaft zurück. Wenn du nirgends mehr hingehst, darfst du dich auch nicht über die Entwicklung beklagen.“

Nachtwächter: „Ich darf beklagen, was ich für beklagenswert halte. Und. Ich werde auch fernerhin über gewisse, über die Gesellschaft ablaufende Prozesse laut nachdenken.“

Zeitgenosse (geschäftstüchig): „Denn tu das doch wenigstens dort, wo diese Prozesse stattfinden!“

Nachtwächter: „Es ist ja ’nett‘, dass du dir meine Gedanken für mich machen willst, um mir die Imperative meines Lebens zu diktieren, aber du übersiehst da etwas. Nicht jede menschliche Tätigkeit ist für jeden situativen Kontext geeignet. Ein Komiker mit großem Talent zur Bespaßung anderer Menschen wird auf einem Begräbnis als störend empfunden. Und. Ein wirklich Fühlender und Denkender bekommt eine Stimme, die nicht an einem Stammtisch passt. Das Niveau eines Stammtisches ist es aber, was einem Großteil des menschlichen Austausches und Miteinanders unter den Bedingungen einer allgegenwärtigen medialen Trivialisierung seinen Stempel aufgedrückt hat. Was du da von mir forderst, das kommt der Forderung gleich, ich möge mich an einen Stammtisch setzen und dort Gespräche über Nietzsche beginnen. Und noch mitschwingend in dieser Forderung ist der Anspruch, dass ich dortens so stumpf sein soll, dass ich gar nicht erst bemerken soll, wie dann in diesem situativen Kontext immer wieder nur mit groben und bierseligem Lachen der eine Satz vom Weibe und der Peitsche aus der dunklen Krypta angetrunkener Hirne hervorgeholt wird. Du forderst von mir (und anderen) Dummheit, vermutlich auch deshalb, weil dir die Dummheit anderer Menschen die Entspannung bereitet, unbedrückt in Anspruchslosigkeit verweilen zu können, Bruder! Das ist. Kein Problem. Wir leben im Zeitalter der Arbeitsteilung, und du wirst mehr als genug Dumme finden, die deinen Ansprüchen viel besser gerecht werden als ich.“

Zeitgenosse (geschäftstüchig): „Diese Einstellung wird dich einsam machen.“

Nachtwächter: „…und damit nichts an meinem Leben verändern.“

Gruß an L.L.

Vom Sicher-Fühlen

Er saß in einer U-Bahn-Station und fühlte sich trotz des trüben Ortes alles in allem wohl. Als vier Polizisten begleitet von vier Wachmännern des Sicherheitsdienstes für den Nahverkehr in ihrer typischen, machohaften, alles aufmerksam nach einem Anlass zum Eingreifen betrachtenden Geste durch diese Station gingen, hörte das auf. Und. Er fühlte sich nur noch sicher.

Mit fröhlichem Gruß an J.