In der kürzlich hier veröffentlichten Betrachtung über das Wesen der Sucht habe ich mich kurz gefasst, und es ist dennoch ein recht langer Text geworden. Trotz seiner Länge fehlt dem Text vieles, und einige sehr wichtige Details werde ich hier nachreichen.

Zunächst zur Erinnerung eine sehr kurze Zusammenfassung der wesentlichen Punkte:

Sucht ist keine Form der Abhängigkeit, sondern ein Verhalten. (Es kann aber eine Abhängigkeit als zusätzliche Schwierigkeit hinzukommen.) Die Krankheit der Sucht ist ein krankhaftes Verhalten gegenüber der mit triebhafter Intensität gespürten, fordernden, sozialen Verantwortung. Das süchtige Verhalten trägt unabhängig von der individuellen Ausprägung der Suchtkrankheit immer die gleichen Züge: Der Süchtige schränkt seine Aufmerksamkeit für die Erscheinungen der Umwelt ein, indem er sich dämpfender oder halluzinogener Mittel bedient, welche die Aufmerksamkeit herabsetzen oder auf innerpsychische Erscheinungen ausrichten; oder aber, indem er seine Aufmerksamkeit gezielt auf einen kleinen Ausschnitt der Umwelt richtet, um auf diese Weise seine Aufmerksamkeit für den größten Teil der Umwelt zu dämpfen. Er tut dies regelmäßig, obwohl es scheinbar unerwünschte Folgen für ihn selbst hat und zur Quelle von Leid wird. (Dieses Leid wird vom Süchtigen beklagt und als krank empfunden, nicht sein süchtiges Verhalten, das ihm eher eine Erleichterung verschafft.) Der Süchtige hat von diesem Verhalten den Gewinn, dass er sein aus dem Sozialtrieb hervorgehendes Gefühl der Verantwortung für sein soziales Umfeld mit geringerer Intensität oder auch gar nicht mehr verspürt. Die scheinbar unerwünschten Folgen, die immer im Verlust von Lebenskraft bestehen, erweisen sich als durchaus „sinnvoll“, denn niemand hat weniger Verantwortung als eine Leiche. Sucht ist — so betrachtet — dem Suizid verwandt, da sich der Süchtige von den Anforderungen des Lebens und seiner eigenen Verantwortung unter Gewaltanwendung gegen sich selbst abwendet.

Was eine solche Betrachtung der Sucht interessant macht, ist die Verschiebung des Schwerpunktes weg von einem austauschbaren Suchtmittel und hin zu einem psychologischen Mechanismus der Sucht. Dabei wird auch ein Licht darauf geworfen, welchen individuellen Gewinn der Süchtige aus seiner auf dem ersten Blick doch nur schädlichen Sucht hat. Die Existenz dieses Krankheitsgewinnes für den erkrankten Menschen erschwert es, die Krankheit zu heilen, da ein mächtiges Interesse des Kranken einer solchen Heilung entgegensteht. Zur Beschreibung dieses psychologischen Vorganges wurde ein Sozialtrieb angenommen, der mit gebieterischer Wucht vom menschlichen Individuum fordert, dass es an der Gestaltung einer menschlichen Gemeinschaft aktiv und verantwortlich teilnehme. Das permanente Suchtverhalten — als vorübergehendes Verhalten sind die beschriebenen Mechanismen durchaus eine gewöhnliche Form der Zerstreuung, die niemanden schadet — entzieht die realen sozialen Geschehnisse der Aufmerksamkeit und damit dem Bewusstsein des Süchtigen. Jede Sucht ist immer entsozialisierend.

Ist das Suchtverhalten in der Betrachtung erst einmal vom Suchtmittel getrennt, so liegt es sehr nahe, die Probleme der Sucht nicht als Drogenprobleme zu betrachten. Schon in meinem vorherigen Text habe ich angedeutet, dass es Suchtmittel gibt, die gar nicht zu den Drogen zu rechnen sind, die aber dennoch beim Süchtigen zum voll ausgebildeten Suchtverhalten führen. Es sind ja gerade diese besonderen Formen der Sucht, die einem auf die Idee bringen müssen, dass es sich bei der Sucht um etwas fundamental anderes als eine künstliche Abhängigkeit handelt.

Wer sehr aufmerksam war, dem ist aufgefallen, dass diese „dritte Kategorie“ der Suchtmittel (neben den dämpfenden und halluziongenen) nur kurz von mir angerissen wurde. Schon beim Schreiben wurde mir klar, dass es ein ganzes Thema für sich ist.

Als Suchtmittel geeignet ist alles, was es einem Menschen ermöglicht, die Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit um ihn herum zu reduzieren, auf dass er sein Verantwortungsgefühl nicht mehr zu spüren kriegt. Bei der Spielsucht geschieht dies durch die Konzentration der Wahrnehmung auf einen recht einfachen Spielablauf, und die zusätzliche Verwendung eines Geldeinsatzes gibt diesem Ablauf genügend existenzielle Bedeutung für den Spieler, dass diese Konzentration nicht nachlässt. (Bei typischen Glücksspielen ist der eigentliche Spielablauf ja nicht besonders fesselnd.) Indem sich die gesamte Aufmerksamkeit derartig auf einen recht kleinen Ausschnitt der Welt richtet, geht sie für den Rest der Welt verloren; in der Folge nimmt der Spieler in seinem Suchtverhalten auch die Bedingungen seines eigenen Lebens nicht mehr war, was zu einer psychischen Erleichterung führt.

Viele Menschen betrachten Sucht als das Problem einer Minderheit und glauben, dass dieses Thema für ihr eigenes Leben keine besondere Relevanz hat.

Dabei gibt es zwei sehr verbreitete Suchtmittel, die nur deshalb nicht als solche erkannt werden, weil sie nicht mit dem mittlerweile schimpflichen Wort „Droge“ belegt werden. Sie können aber die gesamte Aufmerksamkeit eines Menschen aufnehmen und damit zur Grundlage für das vollständige Suchtverhalten werden.

Das erste dieser Suchtmittel ist das Fernsehen.

Die Verwendung eines Fernsehgerätes — im Volksmund wird dies ja mit dem wenig appetitlich klingenden Wort „glotzen“ bezeichnet — belegt die beiden für die Orientierung und Wahrnehmung des Menschen wichtigsten Sinne fast vollständig. Auge und Ohr sind gefesselt; die gesamte Wahrnehmung arbeitet sich an fernsehgerecht aufbereiteten Darbietung ab.

Die „fernsehgerechte“ Aufbereitung aller Inhalte ist etwas sehr Interessantes. Hier ist ja im Laufe der Jahre so etwas wie eine visuelle Sprache entstanden, die das Eigentümliche dieses Mediums mittlerweile gut widerspiegeln sollte. Geradezu auffallend ist die Neigung dieser Aufbereitung, mit ständig wechselnden Bildern jedes Verweilen bei den dargebotenen Inhalten und damit auch jede Möglichkeit zur inneren Reflexion der Inhalte zu unterbinden. Technisch geschieht dies durch das Stilmittel des Schnittes, das den Sichtwinkel des in seinem Sessel gefesselten Zuschauer recht gewaltsam in immer neue Positionen befördert. Auf diese Weise wird dem Bewegungsdrang, der einem Menschen ja sonst zueigen wäre, jeder Anlass genommen; die erstarrende Haltung seines Körpers zu verlassen und gleichermaßen eigenständig wie verantwortlich zu handeln. Es handelt sich also um ein ideales Suchtmittel, das alle Möglichkeiten zum verantwortlichen Handeln unterdrückt und zudem seinen Nutzer in eine Welt entführt, die ihm als ein ersatzweises soziales Umfeld dienen kann, in welchem es kein negatives Feedback für die eingenommene Haltung der Passivität gibt.

Dementsprechend stark ist auch die Bindung der Menschen an dieses Suchtmittel, die so weit geht, dass ein Leben ohne Fernsehen für viele heute lebende Menschen undenkbar geworden ist. Obwohl in diesem Suchtmittel keine Droge vorliegt, kommt es ganz offenbar zur Ausbildung einer psychischen Abhängigkeit, deren Grundlage die Zerstörung des fordernden Sozialtriebes ist.

Das zweite dieser Suchtmittel ist die Religion.

Hiermit ist jetzt keine unverbindliche Frömmigkeit gemeint, und auch nicht das überaus häufige Verweilen in einer religiösen Institution aus einem falschen Traditionsgefühl heraus, sondern eine das Leben prägende religiöse Haltung, die Überlieferungen höher stellt als das eigene Erleben und das Befolgen überlieferter Ge- und Verbote für wichtiger schätzt als reflektiertes, verantwortliches Handeln — selbst dann noch, wenn diese Haltung eine erhebliche Zumutung für den Verstand ist.

Die religiöse Haltung setzt alles in eine Beziehung zu einem höheren Wesen oder Prinzip. (Der Buddhismus ist ein Zeichen dafür, dass ein personales Gottesbild für die Religion nicht erforderlich ist, er mag darin auch ein Licht auf die psychische Grundlage jeder Ideologie des so genannten „aufgeklärten“ Zeitalters werfen.) Dabei kommt es zu einer Deutung aller Ereignisse und Handlungen, die sich von den Tatsachen in der Realität unabhängig macht. Bei dieser Umdeutung wird die eigene Verantwortung nicht mehr mit dem Schwerpunkt einsichtigen und vernünftigen Verhaltens wahrgenommen, sie wird vielmehr auf den Gehorsam gegenüber einem abstrakten Gegenüber oder Prinzip gerichtet.

Diese psychische Grundlage der Religion als Suchtmittel ist nützlich für Herrschende, da sie die beherrschten Menschen uneinsichtig und untätig hält. Von daher kam es in der Geschichte der Staatswesen immer zu einer Kooperation zwischen den religiösen Institutionen und den Organen der Herrschaft, die zeitweise sehr weit gehen konnte. Dabei hat sich die vom Suchtverhalten hervorgerufene Verantwortungslosigkeit von ihrer blutigsten Seite gezeigt.