Aktueller, wichtiger Nachtrag: Google hat offenbar eingesehen, dass man mit diesem Versuch der Enteignung der Chrome-Anwender nicht durchkommt. Deshalb rudert man dortens ein bisschen zurück. Allerdings warte ich immer noch auf eine richtige Entschuldigung gegenüber allen Menschen, die so eine EULA selbstverständlich routiniert mit einem Klick bestätigen, ohne dass sie gründlich lesen oder sich Gedanken darüber machen, was einige dunkle Formulierungen darin konkret bedeuten mögen. Diese Stellungnahme Googles, die fast so dreist wie der Versuch an sich ist…

Es sei Googles Ziel, die Dinge für Nutzer einfach zu halten und möglichst für alle Produkte die gleichen Nutzungsbedingungen zu verwenden. Das führe aber dazu, dass manche Regelungen nicht zum Produkt passen, wie in diesem Fall. Daher habe man reagiert.

…die würde ich bei einer kleinen, undeutenden Internet-Klitsche ja glauben und ich würde herzlich über so eine Panne lachen können. Gegenüber einer recht gierigen Datenkrake wie Google vergeht mir da allerdings das Lachen, ich kann beim besten Willen nicht an eine „Panne“ glauben und mein Entschluss, alle Chrome-User von jenen Projekten auszusperren, die mir wirklich etwas bedeuten, hat sich eher noch verfestigt — ebenso wie meine Meinung, dass man jeden Mitgestalter des Internet zu solchen Aktionen auffordern sollte. Aber noch hat Google bei mir seine paar Tage Zeit, einen würdevollen und für alle Seiten erträglichen Rückzug von diesem unerträglichen Griff nach den mühsam erstellten Werken anderer Menschen zu machen.

Google is evil.

So, und hier nun mein ursprünglicher Text:

Achtung: Dieser Text wird sehr gereizte Aussagen und Sprache enthalten, ist aber völlig frei von umgangssprachlichen Bezeichnungen der Fäkalien und der zur Defäkation benutzten Leibespforten — was angesichts des Themas wirklich ein bisschen schwer fällt.

Nun ja, dieser Chrome-Browser ist im Moment noch eine Beta. Aber diese Nutzungsbedingungen für den „Endanwender“, die klingen schon sehr ausgereift und wohl überlegt (Meine Übelsetzung hier ist sehr schnell und äußerst wütend erstellt worden, sie kann deshalb richtig üble Fehler enthalten, sie wurde natürlich nicht von Guhgell autorisiert und sie ersetzt keinesfalls den englischen Originaltext der EULA im juristischen Sinne. Möge die blinde und geldgeile Hure Justitia durch solchen Zauberspruch besänftigt sein. Nema.):

11.1 Sie verzichten auf das Urheberrecht und andere in Ihrem Besitz befindliche Rechte für jeglichen Inhalt, den sie durch oder über diese Dienste übermitteln, veröffentlichen oder betrachten. Durch das Übermitteln, Veröffentlichen oder Betrachten des Inhaltes erteilen Sie Google eine dauerhafte, unwiderrufliche, weltweit gültige, kostenlose und nicht-exklusive Lizenz, alle von Ihnen übermittelten, veröffentlichten oder betrachteten Inhalte zu reproduzieren, anzupassen, zu verändern, zu übersetzen, zu veröffentlichen, öffentlich aufzuführen, öffentlich darzustellen und zu verteilen. […]

Oder das Ganze mal von seinem juristisch aufgeblähten Blah befreit und in die alltägliche Wirklichkeit des Internet übertragen: Wer ein Blog oder eine Website betreibt und sich seine eigenen Texte mit diesem Satan-Nazi-Google-Ding namens Chrome nur mal kurz anschaut, um zu sehen, wie seine Site mit diesem Browser gerendert wird, der hat sämtliche Rechte an seinem dabei betrachteten Werk durch diesen Schritt kostenlos an Google übertragen. Auch, wer „nur“ einen Beitrag für ein Webforum schreibt oder ein Blog kommentiert, gewährt alle seine Rechte an diesem seinem Schreiben an Google. Natürlich gilt das nur dann, wenn dieser dreiste Versuch, diesen mechanischen Inhaltsklau durch eine „Vereinbarung“ zu Recht zu machen, auch wirkliche Rechtskraft erlangen kann — ich bin kein Jurist und halte das in der BRD noch eher für unwahrscheinlich. Andernorts mag das anders aussehen, und eine zumindest teilweise Wirksamkeit solcher Raubklauseln will ich auch in der BRD nicht ausschließen.

In dieser Formulierung — wäre sie gültig — gälte die Enteignung durch Betrachten selbst für solche Werke, die noch nicht einmal im Internet veröffentlicht sind. Es reichte aus, eine lokale Kopie seines Werkes vor der Veröffentlichung mit diesem Satan-Nazi-Google-Ding namens Chrome zu betrachten, was man ja doch manchmal vor dem Veröffentlichen macht, um mögliche Probleme mit verschiedenen Browsern zu untersuchen.

Oder ein anderer Fall: Wer als Musiker die vom Internet gebotene Unabhängigkeit von der Contentindustrie schätzt und etwas eigene Musik über einen Dienst wie Jamendo einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht und sich dann irgendwann nebenbei beim Surfen mit diesem Satan-Nazi-Google-Ding namens Chrome seine eigene Musik anhört, der hat sämtliche Rechte an seiner Musik dadurch kostenlos an Google übertragen. Aber auch, wer zum Beispiel auf seiner Künsterhomepage einen Flash-Player zum Abspielen ausgewählter, eigener Werke integriert hat und mal mit eben mit diesem Satan-Nazi-Google-Ding namens Chrome testen will, ob es damit auch reibungslos funktioniert, ist bereits in die von dieser „Vereinbarung“ gestellte Falle getappt und hat alle seine Rechte an seinem Werk kostenlos an Google übertragen. Das geht natürlich auch mit Videos, Fotos, Kunstwerken, selbstprogrammierten Flash-Spielen, VRML-Modellen…

Und nicht genug damit, dass sich Google mit dieser „Vereinbarung“ Inhalte unterm Nagel reißen kann, nein, das wäre für die doch noch nicht ausreichend. Google darf diese Inhalte auch verändern. Zum Beispiel, um sie in Zukunft mit Google-Werbung zu vergällen. Das ist genau die richtige Ansage an jemanden wie mich, der die Gesamtheit seines Schaffens völlig bewusst werbefrei zur Verfügung stellen will.

Google tut so, als sei „Chrome“ ein Browser. In Wirklichkeit handelt es sich mit diesem Versuch einer „Nutzervereinbarung“ in erster Linie um ein Vehikel zur massenhaften Enteignung von Inhalten durch eine quasi-monopolistische Firma, die wohl schon jetzt die größte Datensammlung des ganzen Internet für ihre Zwecke zur Verfügung hat. Der Browser ist in diesem Konzept so etwas ähnliches wie der Wurm, mit dem man einen Fisch zum Schlucken des Angelhakens bringen will. Damit Google auch wirklich etwas von seinen ständig wachsenden Rechten mitbekommen kann, telefoniert dieses Satan-Nazi-Google-Ding namens Chrome unentwegt und in den unerwartesten Momenten nach Hause. Damit auch ja eine Identifikation des Nutzers möglich wird, muss sich auch jeder durch einen bewusstlosen Klick bei der Installation damit einverstanden erklären, dass bei jeder Installation dieses Satan-Nazi-Google-Dings namens Chrome eine eindeutige Nummer generiert wird, die dann auch immer fröhlich an Google übertragen wird. Wenn dazu auch nur einmal eine Anmeldung an Google-Mail, an iGoogle oder an Picasa kommt, ist das mit der sicheren Identifikation einer Person gar kein großes Problem mehr. Vor allem nicht, wenn diese Person ein Profil bei MySpace (gehört Google), YouTube (gehört Google). Blogspot (gehört Google) oder einem der vielen anderen Datensammelfelder hat, auf denen Google ständig abernten kann — so etwas enthält gar nicht mal selten sogar noch eine zutreffende Anschrift, weil Menschen eben oft sehr gedankenlos mit ihren Daten umgehen. [Wichtiger Nachtrag: Natürlich gehört MySpace noch nicht Google, da haben meine Kommentatoren völlig recht. Ich lasse den Patzer zu meiner eigenen Schande so stehen und begnüge mich mit dieser Anmerkung hinter meinem Fehler.]

Ich bin mir eigentlich sicher, dass dieser unsäglich dreiste Versuch Googles schon in Kürze aufgegeben wird. Wahrscheinlich wird die nächste Beta bereits ohne diese Klausel veröffentlicht. Und wahrscheinlich werden sie die Klausel ganz stimm rausnehmen, damit es auch von niemanden bemerkt wird.

Aber sie haben es versucht. Und allein das sollte Grund genug sein, auf dieses Satan-Nazi-Google-Ding namens Chrome zu verzichten. Es gibt mehr als genug Browser-Alternativen, und jede von ihnen ist bislang ohne solche Versuche einer Enteignungsklausel veröffentlicht worden. Es sollte aber auch Grund genug sein, Google nicht einfach in aller Stille davonkommen zu lassen. Anscheinend erachtet man bei Google endlich die Zeit für reif und die eigene Marktposition für gefestigt genug, dass man dort zu etwas gröberen Methoden in der geistigen Enteignung der Menschen greifen kann — und anscheinend ist inzwischen viel zu vielen Menschen ein derartiges Vorgehen völlig gleichgültig geworden.

Sollte Google nicht in der nächsten Zukunft seine unzweifelhaft bestehende Markt- und Pressemacht nicht dazu verwenden, deutlich, öffentlich, mit einem klaren Ton der Entschuldigung für diesen Missgriff und für jeden halbwegs interessierten Menschen unmissverständlich vernehmbar von solchen wahnvollen Fieberträumen einer Weltherrschaft durch HTML-Rendering und schnelle JavaScript-Engines Abstand zu nehmen, denn sehe ich mich zu einer Maßnahme genötigt, an die mich mein bisheriges Internet-Hassobjekt Nummer Eins, der Internet-Explorer von Microsoft, noch nicht einmal denken ließ. Ich werde dann dieses Blog und einige weitere Projekte, an denen mir persönlich etwas liegt, für diese notdürftig als Browser getarnte Enteignungsmaschine sperren. Ein dabei eventuell entstehendes WordPress-Plugin werde ich zum freien Download veröffentlichen, eventuelle andere Maßnahmen werde ich in nachvollziehbarer Weise dokumentieren.

Ich hoffe sehr, dass sich eine größere Menge beliebterer Websites als diese kleine, harmlose und relativ unbedeutende Blog einer solchen Maßnahme anschließt, da es sich hier um das einzige Druckmittel gegen Google handelt, das wir, die Gestalter des Internet, in der Hand haben. Nur wenn sich herumspricht, dass ein großer und wichtiger Teil des Netzes mit Chrome schlichtweg nicht benutzbar ist, gibt es eine Chance, dass auch noch die uneinsichtigsten Menschen von der Benutzung dieser mechanischen Vorrichtung zum Abstauben und Enteignen Abstand nehmen.

Google is evil!