Archive for August, 2008


Der Rechtschreibfeler

Ein Rechtschreibfeler im Internet ist ein Hinweis darauf, dass man sich im Internet befindet. Diese ganzen Feler sind die Patina, die sich im Netz über die geschriebene Sprache legt.

Es gibt Menschen, die das völlig anders sehen. Diese sind vor allem Deutschleerer, Pädanten und Hochschätzer der etablirrten Medien. Sie halten die Feler für Fehler, die korrigiert werden müssen. In einigen Nischen des Internet bildet sich zuweilen eine richtige Rechtschreibpolizei, deren Beamte aus eigener Vollmacht und Neurose heraus nichts anderes zu tun scheinen, als jeglichen Text nach solchen Felern abzusuchen, um sie als Fehler zu brandmarken. Doch das alles tut dem Rechtschreibfeler keinen Abbruch, es wertet ihn sogar auf, da er doch benötigt wird, um dieser Menschen Selbstgefühl zu stärken. Gäbe es nicht mehr genug Feler, diese Menschen produzierten gewiss selbst welche.

Der Rechtschreibfeler ist scharf abzugrenzen vom Vertippwer. Beim gewöhnlichen Vertippwer liegt kein Feler in der Auffassung von der richtigen Schreibweise vor, sondern nur eine meist temporäre Unzulänglichkeit der manuellen Befähigung in der Bedienung einer Tastatur. Dabnei werden manchmal zwei Tasten gleichzeitig getroffen, so dass ein überschüssiger Buchstabe entsteht; manchmal werden die Tatsen in der falschen Reihenfolge getroffen, so dass es zu einem Buchtsabendreher kommt; manchal wird eine Taste nicht richtig getroffen, so dass ein Bucstabe fehlt; und manchmal wird anstelle der gewünschten Tastw die benachbartw Tastw getroffen, so dass ein völlig falscher Bucnstabe erscheint. Auf solche Weise entsteht auch manchmal der so genannte „technische Dativ“, der seine Ursache darin hat, dass die Tastem „N“ und „M“ benachbart sind. Dumme Mitglieder der Rechtschreibpolizei sehen darin übrigens regelmäßig eine Grammatikschwäche. Intelligente Schreiber können dem aber entgegenhalten, dass ein solcher Vertippwer allein deshalb beim Korrekturlesen nicht auffällt, weil die Flexionsendungen in der deutschem Sprache gar keine Bedeutung transportieren, sondern nur eine sprachliche Etikette sind.

Im Gegensatz zu diesen Vertippwern, die allesamt einer mangelnden Fertigkeit der Hand geschuldet sind, ist der Rechtschreibfeler eine Schreibweise, die genau so erscheint, wie sie vom Schreiber gewünscht ist. Die Ursache dieses Felers ist eine felerhafte Repräsentation des geschriebenen Wortes im Gehirne des Autoren. Deshalb ist das Aufdecken solcher Feler auch immer dann sehr beliebt, wenn jemandem andere Argumente gegen das Geschriebene ausgehen, deutet doch der Feler im Text darauf hin, dass Feler im Kopfe seines Schreibers sind. Folglich könnte man doch den gesamten Gedaknen als fehlerhaft betrachten.

Dort, wo sich die Menschen um die Feler anderer Menschen nicht so sehr kümmern, versteht man sich recht gut, indem man einfach bei der Sache bleibt. Wenn die Rechtschreibung für den Inhalt des Geschriebenen wesentlich wäre, denn könnten sich die User vieler deutscher Webforen gar nicht mehr verstehen. Die leicht zu machende Beobachtung, dass sie sich bei allen Felern und übrigens auch Vertippwern gut genug verstehen, um sich oft prächtig streiten zu können, zeigt die weitgehende Unwichtigkeit einer felerfreien Schreiweise, es sei denn, es kommt durch einen Feler oder Vertippwer zur Veränderung des Sinngehaltes.

Jeder dieser richtigen Feler deutet auf Defekte der Orthographie hin. Die vihlfachen Auszeichnungen der Kürrze ohder Länge eines Vokahles sind im Deutschen eine unerschöpfliche Quelle für solche Feler, unmittelbar gefolgt von jenen Lauten, die durch ferschiedene Zeichen schriphtlich representirt verden können. Eine dritte Ursache führ Feler nehben der uneinheitlichen Wokaldehnung und der Eksistenz homoofohner Zaichen ist der Standart stimmhafter Konsonanten der gesprochenen deutschen Sprache, im Ausklank zu stimmlosen Varianten verhärtet zu werden. Wenn man jeden Tag sieht, welche Feler von diesen orthographischen Defekten gefördert werden, wundert man sich nur noch darüber, dass einige Menschen fast felerfrai schreyben können. Dahinter muss ein langes und hartes Training stecken.

Das Streben nach einer felerfreien Schreibweise freilich, es stammt aus einer anderen Zeit, die noch kein lichtschnelles Medium wie das Internet kannte. Es stammt aus einer Zeit, in der ruhig und hastlos und ohne den druckvollen Selbstzweck der Aktualität geschrieben werden konnte. In dieser nun vergangenen Zeit hatten auch nur wenige Menschen durch den Besitz von Produktionsmitteln das Privileg, textuelle Information in Form der Presse und der gedruckten Literatur an eine breitere Öffentlichkeit zu bringen, und diese Verleger suchten sich ihre Schreiber aus einer Vielzahl der Bewerber sowohl nach qualitativen und weltanschaulichen, aber eben auch nach strikt formalen Kriterien aus. Wer nicht jahrelang den Duden inhaliert hatte, der hatte keine Chance, in diesen — zum Glück vergangenen — Zeiten in der Journaille unterzukommen, um mit seinem Schreiben allgemein rezipiert zu werden. Und das formal korrekte und politisch gewünschte Schreiben dieser Menschen wurde noch einmal Korrektur gelesen. Natürlich kam es dennoch zu gelegentlichen Felern, aber diese wurden durchgängig als Fehler betrachtet.

Mit dem allgemein verfügbaren Internet ist die Möglichkeit zur Veröffentlichung von Texten kein Privileg einer Minderheit mehr. Und deshalb kann auch nicht mehr eine Minderheit die Defekte der deutschen Orthographie pflegen, indem sie versucht, lediglich felerfreie Texte zu veröffentlichen. vielmehr beginnen die menschen in deutschland jetzt damit, sich ihre geschriebene sprache zurückzuholen und von den fesseln antiquirter konwentionen zu befreien. hierzu gehört auch der hank zur allgemeinen kleinschreibung im chat, in webforen, in persönlich gefärpten mails und auch in fielen blogs.

Ein Feler, der immer wieder gemacht wird, hat gute Chancen, zur Regel zu werden. Viele Menschen schreiben heute im Internet die deutsche Sprache schon so, wie sie in einigen Generationen gedruckt werden wird. Die ganzen Vertippwer, die beim schnellen Schreiben entstehen, werden natürlich auch in Zukunft als unrichtig gelten, aber diese ganzen Feler, die heute schon von vielen Menschen gemacht werden, sie sind die Regeln der Zukunft. Und wer in dieser Zukunft jemandem anders seine Fehler vorhält, muss sich dann wohl diesen Rechtschreibfeler korrigieren lassen.

Mit fröhlichem Gruß an G.

Das Psychogeklimper

Die akustische Untermalung in Soap-Operas ist keine Musik, nicht einmal eine schlechte. Ihr fehlt jeglicher eigener Charakter. Vielmehr. Handelt es sich um eher zusammenhanglose Effekte, die eine mehr oberflächliche Ähnlichkeit zur Musik haben, aber damit nur als Zwick- und Zweckklänge die emotionale Fesselung und psychische Manipulation der Zuschauers verfolgen. Dabei haftet diesen als Musik getarnten Effekten etwas Lärmendes an, das in der visuellen Erzählung gleichberechtigt neben knallende Türen, angelassene Motoren und scheppernde Gläser tritt. So, wie sich in der typischen Soap-Opera die ausgebreitete Illiteralität von Menschen in der gegenwärtigen Zeit spiegelt, denen selbst der lesende Konsum eines Groschenromanes noch eine zu große Anstrengung und damit eine Zumutung wäre, so spiegelt sich in den musikähnlichen Effekten dieser Produktionen der verbreitete musikalische Analphabetismus vieler Menschen, der von einer auch akustisch verschmutzten Lebenswirklichkeit noch gefördert wird.

Wie gestört das Verhältnis der Menschen zur Kultur ist, spiegelt sich allein darin, dass sie einen in der Regel recht hässlichen Beutel zur Aufnahme einiger alltäglicher Utensilien zur Körperpflege mit dem Wort „Kulturbeutel“ benennen.

Apfelzwerge (13)

E008 018

Jesus-Zitate

Zeitgenosse: „Warum schreibst du manchmal Jesus-Zitate zu deinen Texten über religiöse oder gesellschaftliche Themen? Bist du ein Christ?“

Nachtwächter: „Nein, ich bin kein Christ. Ich habe die Bibel gelesen. Die Zitate nehme ich gern, weil die frühe Überlieferung der Aussprüche dieses Jesus aus Nazaret der frühchristlichen Deutung des Lebens Jesu durch Paulus schon genauso widerspricht wie erst recht der späteren Deutung des Lebens Jesu durch die etablierte christliche Religion. Das muss jedem weh tun, der ein Christ ist. Und das soll es auch.“

Lange Nacht der Kirchen

Die 4. lange Nacht der Kirchen in Hannover - Freitag, 5. September ab 17.30 Uhr - Ev.-luth. Athanasiusgemeinde - Haus der Religionen

Wenn man es schon nicht mehr hinbekommt, dass die Menschen des Tages in die Kirchen gehen — und schon gar nicht des gähnend frühen Sonntagsmorgens, der den ermüdeten Kämpfern an der Arbeits- und Konsumfront als letzter Rückzug ihres Schlafbedürfnisses dienen muss — denn muss man es doch wenigstens schaffen, dass sie nächtens dorthin strömen. Die alte magische Kraft der christlichen Religion hat sich durch beständige Reibung am jüngeren gesellschaftlichen Prozess verbraucht; das ursprüngliche Mana, des sich in Chiffren wie „Vater“, „Vergebung“ „Erlösung“, „Dreieinigkeit“, „Auferstehung“, „Heiliger Geist“ oder „Abendmahl“ sprachliche Bahn in die Seele zu brechen suchte, ist fad und kraftlos geworden. An seine Stelle tritt das ebenso fragwürdige Mana der schon wieder im Zerfall begriffenen Moderne, das sich unter den Worten vom „Event“ und vom „Nachtleben“ in die Seele stiehlt; das zwar keinerlei Erlösung, aber doch wenigstens einen recht geistlosen Hauch der unverbindlichen Bespaßung verheißt. Dieses Streben nach Marktanteilen in der Religion wird irgendwann, in vielleicht gar nicht so ferner Zeit, auch für die biedere und von beinahe neurotischer Intellektualität geprägte lutherische Kirche in ähnliche Zustände führen, wie sie sich im dummen und enthusiastischen Gejuchze aus fundamentalistischen evangelikalen Gemeinden nach US-amerikanischen Vorbildern bereits jetzt breit machen, auf dass bei allem Geschwafel vom Geist auch niemandes geistige Tätigkeit erwache.

„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz kraftlos wird, womit soll man es salzen? Es ist zu nichts hinfort nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.“ (Jesus aus Nazaret, Mt. 5, 13)

Die Idee, mit der so genannten Marktwirtschaft den Kapitalismus zu einer Grundlage der Gesellschaft zu machen, ist, wenn man sie einmal von ihren sprachlichen Verfremdungen befreit, die Idee, die Habgier zur Grundlage jeden menschlichen Miteinanders zu machen. In beinahe jedem früheren Zeitalter hätte ein erheblicher Teil der denkenden Menschen eine solche Idee als geisteskrank bezeichnet, und das mit wirklich gutem Grund.

Mondfinsternis

Heute abend. Gab es — von vielen Menschen wohl eher unbemerkt — eine partielle Mondfinsternis, die wegen der wirklich klaren Sicht sehr gut zu beobachten war.

Während des Verlaufes einer Mondfinsternis kann sich jeder Mensch mit eigenen Augen davon überzeugen, dass die Erde einen kreisrunden Schatten wirft. Da sich die Form des Schattens nicht durch die relative Stellung von Erde, Sonne und Mond verändert, sondern immer kreisförmig bleibt, könnte man allein durch die Beobachtung von Mondfinsternissen auf die Idee kommen, dass die Erde eine Kugelform haben muss.

Die Menschen in vergangenen Zeiten, die ein genau so hoch entwickeltes Gehirn wie wir hatten und deren Wissbegierde wohl eher ungebrochener als die der meisten heutigen, von Schule und Fernsehen mit mentaler Diät abgefütterten Menschen war, werden wohl sicher viele auf diese Idee gekommen sein. Die namenlosen Wagemutigen der Vergangenheit, die mit wenig Vertrauen erweckenden Schiffen Seefahrt betrieben und die dabei vor allem mit Hilfe des gestirnten Himmels navigierten, sie entwickelten gewiss eine gut zutreffende Vorstellung der Verhältnisse im Sonnensystem und werden sich auf dieser Grundlage auch eine Vorgänge bei einer Mondfinsternis erklärt haben. Für diese Menschen war die Kugelform der Erde eine direkte sinnliche Erfahrung, die sich nahtlos in andere Wahrnehmungen einfügte. Um die Realität der kugelförmigen Erde zu sehen, brauchten sie nur hinzuschauen.

Und dann. Kam das christliche Mittelalter. Und die Menschen mussten ihren eigenen Wahrnehmungen misstrauen, da gemäß der Bibel Joschua ja der Sonne geboten hat, über dem Kreis der Erde stehen zu bleiben. Das sollte wörtlich verstanden und wahrer als jeder Augenschein sein, und wer es anzweifelte, wurde aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder ermordet. Dass unter solchen Umständen jeder Wagemut und folglich auch jeder Fortschritt der Erkenntnis erstickte, verwundert nicht. Der kirchlich und staatlich geforderte Fundamentalismus wurde zur kultivierten Barbarei. Die vor nichts zurückschreckte.

Es ist gut, dass die Menschen es schafften, diese Entwicklung zu überwinden, obwohl viel Geisteskraft von Nöten war, das einst verlorene Wissen wiederzufinden. Und es ist schlecht, dass heute so viele Menschen in einen mittelalterlichen, religiösen Fundamentalismus zurück wollen und dass diese Menschen einen beunruhigend großen gesellschaftlichen Einfluss gewinnen. Gar nicht erstaunlich ist es aber, dass diese Entwicklung mit einer medial vermittelten Infantilisierung und geistigen Retardierung einher geht, die in immer größerem Maß eigenes Erleben durch industriell erstellte Scheinerlebnisse ersetzt. Die. Ihre Deutung gleich mitbringen.

Der vielleicht beste persönliche Widerstand gegen die Flut der modernen Barbarei ist es, eigene Wahrnehmungen zu machen und ihnen mehr zu vertrauen als den recht künstlichen und lebensfernen Darbietungen diverser Medien.

Der Begriff eines „Blogs“ ist unklarer, als die meisten Menschen glauben. Diese Unklarheit führt immer wieder einmal dazu, dass die Menschen durch gewisse, hoffentlich schon mittelfristig obsolet werdende Medien gezielt in eine noch größere Unklarheit geführt werden, wenn diese Medien über „Blogs“ berichten.

Mit dem Begriff „Blog“ werden zwei sehr verschiedene Dinge benannt.

  1. Ein Blog ist eine bestimmte Gattung einer auf einem Webserver laufenden Software, ein recht simples CMS, das Inhalte in einer chronologischen Ordnung zur Verfügung stellt.
  2. Ein Blog ist das, was ein Mensch, ein so genannter „Blogger“, regelmäßig produziert. Ein persönliches geprägtes, subjektives Tagebuch, das mit Anmerkungen, Gedanken, Beobachtungen, Links auf interessante Websites, Fotos, Erlebnissen, Lyrik oder auch Kochrezepten gefüllt sein kann.

Beim ersten Begriff handelt es sich um ein Programm, um eine Software, die von einem dummen Computer mechanisch ausgeführt wird. Beim zweiten — meiner Meinung nach einzig zutreffenden — Begriff handelt es sich um die Tätigkeit eines (oder mehrerer) Menschen, der (oder die) sich in einem Blog mitteilt (oder mitteilen).

Wenn ich den Begriff „Blog“ oder das davon abgeleitete Verb „bloggen“ verwende, meine ich damit nur das Tagebuch im Internet, nicht die Software. Ein Blog ist ein menschliches Werk, nicht ein technisches Design.

Mit der zum Bloggen verwendeten Software lässt sich einiges anstellen. Natürlich kann damit auch eine kommerzielle Website erstellt werden, und eine solche Entscheidung wird gar nicht so selten getroffen. In der Regel handelt es sich bei solchen Websites nicht um Blogs, sondern eben um gewerbliche Websites. Diese sollen eine recht einseitige Kommunikation des Unternehmens und die ebenfalls recht einseitige Kommunikation der Werbung dieses Unternehmens nach außen tragen. Solche Websites, auch wenn sie sich in ihrer technischen Umsetzung einer Blogsoftware bedienen, sind in ihrer Attraktivität und Lesenswürdigkeit für gewöhnlich am ehesten mit einer Postwurfsendung zu vergleichen. So, wie die Reklameflut des Briefkastens ohne dauerhafte Aufmerksamkeit nach einem flüchtigen Blick in den Papierkorb wandert, so werden diese Möchtegern-Blogs von den meisten Besuchern nach einmaliger Ansicht für uninteressant und vergessenswert befunden. Wer käme schon auf die Idee, massenhaft erstellte Reklame in einem Bücherregal zu sammeln oder eine offensichtliche Werbe-Site in die Lesezeichenliste seines Browsers aufzunehmen?

Solche Anwendungen einer Blogsoftware sind keine Blogs und sie sollten deshalb auch von keinem Menschen so genannt werden. Sie sind nicht einmal schlechte Blogs, sie sind etwas völlig anderes. In meinen Augen sind sie sogar etwas minderwertiges, das zum allgemeinen Gewinn aus dem Internet verschwinden könnte.

Das Subjektive der Blogs ist Absicht und ihre eigentliche Objektivität. Es ist darüber hinaus ein wichtiges Gegengewicht zur lediglich scheinbar „objektiven“ Subjektivität des Betriebes der Contentindustrie, dessen politische und ökonomische Einseitigkeit und Voreingenommenheit sich dem Denkenden und Fühlenden beim bloßen Hinschauen offenbart.

Dieser fundamental andere Standpunkt eines jeden echten Blogs ist es wohl auch, was für die Vertreter der etablierten und zentral organisierten Medien so schwer verständlich ist. Im Befremden dieser Medien und in den Stereotypien ihrer zum Content werdenden Missverständnisse spiegelt sich die Tatsache, dass es sich bei ihnen um undemokratische Medien handelt, die ihre Aufgabe vor allem darin zu sehen scheinen, Schwerpunkte, Betrachtungsweisen und Schemata der Interpretation mit redaktioneller Gewalt und dem bestehenden Oligopol der Produktionsmittel in einer zerfallenden Gesellschaft auch dann noch in das allgemeine Bewusstsein zu transportieren, wenn die Lebenswirklichkeit vieler Menschen im deutlich fühlbaren Widerspruch zu dieser inhaltlichen Monokultur steht.

Mit dem Internet einher ging und geht die (immer noch zu wenig genutzte) Möglichkeit einer Demokratisierung des Publizierens und einer wirklichen Vielfalt der menschlichen Bedingungen und Erfahrungen, die sich darin medial spiegeln kann. Ein Blog ist eine menschliche Vorgehensweise, die diese Möglichkeit freudig ergreift und persönlich nutzt; oft auch, um sonst marginalisierte Mitteilungen in eine gewisse Öffentlichkeit zu tragen und damit den Tendenzen zur Entsolidarisierung und Atomisierung entgegen zu wirken. Noch in der ödesten Sammlung von Katzenfotos und Schulerlebnissen steckt mehr vom eigentlichen Geist des Internet — das technisch ein komplexes Netzwerk gleich berechtigter Computer ist — als in allen „Portalen“ der etablierten Journaille und in jeder von kranken Beglückungsideen durchgeknallter Kaufleute vollen Reklamesite.

Die Blogsoftware erfüllt in diesem Prozess „nur“ eine Funktion, die allerdings von großer Wichtigkeit für eine Mehrzahl der Menschen ist: Sie macht das Schreiben eines Blogs so einfach, dass es auch Menschen ohne umfassende technische Kenntnisse möglich wird, ein Blog zu führen. Darin führt diese Gattung von Software zu einer Verwirklichung der Möglichkeiten des Internet auch bei jenen Menschen, die sich nicht mit Auszeichnungssprachen, Programmierung, Style Sheets und anderem, eher technischem Material auseinandersetzen können oder wollen.

Und genau das ist — neben vielem Schlechten — das Gute an jeder Blogsoftware.

Aber was ist nun ein Blog?

Es ist ein Werk, das bei einer subjektiven und kommunikativen Tätigkeit entsteht. Solche Werke können beeindruckend sein, sie können einsichtsvoll sein, sie können aber auch einfach nur durchschnittlich sein und an die meist minderqualitativen Hervorbringungen eines so genannten „Hobbys“ erinnern. Ein Computer allein kann kein Blog „machen“, so sehr gewisse Spammer bei ihrem Missbrauch von Blogsoftware auch versuchen, einen solchen Eindruck zu erwecken — zum Glück sind die verwendeten Skripten so dumm, dass die Flut der eingehenden Pingback-Spam sogar von einem Programm sicher erkannt werden kann.

Genau diese begriffliche Erfassung des Blogs als menschliches Werk hilft auch dabei, ein Blog zu erkennen und von einer Tätigkeit zu unterscheiden, die in ihrem Kern lediglich die Nutzung einer gewissen Gattung von Software ist. Ein Mensch steckt Mühe in sein Werk, und er ist wegen des sichtbaren Ergebnisses solcher Mühe stolz auf das entstehende und entstandene Werk. Kein Mensch würde es zulassen oder es gar selbst verursachen, dass sein mit Mühe erstelltes Werk entwertet wird.

Wenn man auf eine Nutzung von Blogsoftware stößt, bei der die eigentlichen Inhalte überdeckt werden von riesiger Werbung, die sich nach ein paar Sekunden über die Site legt und auf diese Weise erst einmal um Aufmerksamkeit und Klicks schreit, denn ist klar, dass hier einem Menschen sein eigenes Werk gleichgültig ist. Es handelt sich hier nicht um ein Blog, sondern um einen eher lächerlichen Versuch, im kleinen Maßstab das große Geschäft der Contentindustrie nachzuäffen. Nämliches gilt für gewisse andere, sehr aufdringliche Werbeformen, die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Inhalt abziehen und dadurch geeignet sind, ein Werk zu beschädigen. Ich selbst stehe sogar auf dem Standpunkt, dass jede eingeblendete Werbung dieses Potenzial in sich birgt und veröffentliche aus diesem Grund vollkommen werbefrei.

Die Medien der Contentindustrie — auch und gerade ihre Präsenzen im Internet — scheren sich wenig um eine Gefahr der Entwertung des Mitgeteilten durch aufdringliche Werbeformen. Ganz im Gegenteil, genau das ist ihr Geschäft. Nachrichten werden von Agenturen gekauft, für den Online-Auftritt aufbereitet und erhalten dabei so wenig Abrieb der Persönlichkeit ihrer Macher, dass niemandem eine solche Entwertung schmerzt. So kann sich nur verhalten, wer glaubt, dass sich die früher gewachsene Unentbehrlichkeit heute etablierter Medienprodukte nahtlos in das Internet fortsetzen ließe. Dieser Glaube wird sich in den kommenden Jahren als Irrglaube erweisen.

Es ist bei diesem — hier nur kurz herausgearbeiteten — Unterschied gar nicht erstaunlich, dass die etablierten Medien der Contentindustrie das gesamte Thema der Blogs entweder ignorieren oder aber in sehr tendenziöser und dummer Weise darüber berichten. Für diese, gegen eine an den immer schmaler werdenden Gewinnen des Content-Geschäftes knabbernde Bedrohung gerichtete Propaganda wird mit ermüdender Regelmäßigkeit das gleiche Schema bedient. Zum einen werden die Blogs mit den etablierten Medien verglichen, was ungefähr so plausibel ist, als vergliche man einen 14jährigen Jungen, der seine Comics auf einem Flohmarkt verkauft mit den kaufmännischen Methoden des VW-Konzernes — und legte den Maßstab des Letzteren an das Erstere an. Zum anderen wird aber genüsslich davon Gebrauch gemacht, dass der Begriff des Blogs unklar ist und jede Website nur schon deshalb als Blog betrachtet, weil sie mit Hilfe einer Blogsoftware betrieben wird — woraufhin natürlich in größter Genüsslichkeit von der minderen Qualität der meisten Blogs geschrieben werden kann. Mit wirklichen Blogs beschäftigt sich die Journaille bei solcher Berichterstattung nie.

Wer nur Zeitung und gewisse, viel zu hoch angesehene Magazine liest und zusätzlich fernsieht, der bekommt gar nicht mit, dass es überhaupt Blogs gibt. Er kriegt aber sehr wohl ein Zerrbild des Internet präsentiert, dass ihn daran hindern kann, sich mit eigenen Augen von den Zuständen zu überzeugen.

Es wäre eigentlich nicht wert, dass man darüber ein Wort verliert, wenn nur jeder Mensch wüsste, was ein Blog ist. Denn dann wäre für jeden sofort kenntlich, in welcher Weise hier vorgangen wird, und das würde einen tiefen Blick in den Charakter derjenigen Menschen erlauben, die in dieser Weise vorgehen. Das hülfe wohl auch sehr dabei, die sonstigen Hervorbringungen dieser Menschen angemessen zu bewerten.

Aber eines muss noch geschrieben sein.

Ich habe in diesem Text zur Frage, was so ein Blog eigentlich ist, das stark verminte Gebiet der Werbung betreten. Und ich weiß, dass dieses Thema immer wieder für erboste Reaktionen sorgen kann, vor allem auch von jenen, die meinen radikalen Verzicht auf jegliche Werbung als eine fundamentalistische und weltfremde Haltung erachten.

Statt mit einem staubtrockenen Anhang möchte ich dieses Unterthema lieber mit einem Beispiel beleuchten, um etwas klarer zu machen, wie ich dazu stehe (und wie ich mir wünschte, dass sehr viele Menschen so zu Blogs als Werbemedium stünden).

Wenn ein selbstständiger Tischlermeister ein Blogsystem mit seinen Erlebnissen, Problemen und Gedanken befüllt, wenn dieses Blog auch immer wieder den eigenen handwerklichen Betrieb mit seinen Anforderungen, Schwierigkeiten und Erfolgen als Bedingung des Daseins aufführt, so handelt es sich dabei doch ohne jeden Zweifel um ein Blog; um eine subjektive, menschliche Tätigkeit, die aus dem Erlebten ein Werk schafft. Tatsächlich kann ein solches Blog eine wirksame Werbung werden, wenn dieses Blog für Leser zu einer interessanten, fesselnden, aufschlussreichen und beinahe täglichen Lekture wird. Anders als in anderen Formen der Werbung wird hier der bloggende Handwerker über den Prozess einer menschlichen Beziehung in das Bewusstsein von Menschen gebracht, und ich bin mir gewiss, dass sich das auch in den Aufträgen niederschlagen wird. Es gibt eine ganze Reihe solcher Blogs in deutscher Sprache, selbst von Menschen mit trockensten Berufen, die sehr sicher eine solche Wirkung entfalten. Bekommt eine solche Website jedoch einen so aufdringlichen Werbecharakter, dass jedem auffällt, wie krampfhaft gesucht alles darin Geschriebene ist, wie sehr es nur zu dem Zweck erstellt wurde, im Huckepack eine Reklame zu transportieren, denn handelt es sich nicht mehr um ein Blog, nicht einmal um ein schlechtes, sondern um eine reine Reklamesite. Angesichts der Mühe und des zeitlichen Aufwandes, den man mit dieser Form der Reklame hat, kann ich nur davon abraten.

Ein Mensch sollte bloggen, um zu bloggen und nicht, um mit einem Blog Geld zu verdienen oder geldwerte Güter zu erwirtschaften. Denn das Schreiben für Geld entwertet jedes Blog, weil es auf die Inhalte rückwirkt. Das gilt nicht nur für selbstständige Handwerker, Anwälte oder Buchdrucker, sondern auch für jeden „kleinen“ Blogger, der sich von seinem Schreiben ein paar Euro verspricht.

„Aber wie soll denn so ein Blog finanziert werden?“, so klingt da die beliebteste Frage. Nun, genau so, wie der Besuch eines Kinos, das Führen eines Tagebuches auf Papier oder der Skatabend in der Kneipe auch finanziert werden sollte — also nicht aus sich selbst heraus. Bei diesen vertrauteren Tätigkeiten des Lebens ist ja auch jedem klar, dass sie Geld und zeitlichen Aufwand kosten, und dennoch würde niemand so eine Frage stellen.

Die Finanzierung von Internetwerken durch ihre Vergällung mit Werbung ist ein Geschäftsmodell, das nicht mehr sehr lange Bestand haben wird. Wenn es einige hundert Millionen möglicher Werbeflächen im Internet gibt, denn ist das Angebot an solchen Werbeflächen recht groß, was auf den gezahlten Preis für eingeblendete Werbung drückt. Gleichzeitig ist in der gegenwärtigen, sehr tiefen Krise des auf Schulden und Hoffnung spekulierenden Geld- und Wirtschaftssystemes der gesamte Werbemarkt im Schrumpfen begriffen — da wird es auch nicht helfen, dass die VR China dem weltweiten Wahnsinn noch einmal eine Milliarde potenzieller Schuldner zur Verfügung stellt. Warum also sollte jemand sein entstehendes Werk jetzt noch durch Werbung entwerten?

Die Gestalter des Internet müssen in Hinblick auf Geld eine andere Kultur als die der Überrumpelung durch Reklame entwickeln! Und diese Kultur muss einem Netzwerk gleichberechtigter Computer angemessen sein, das nur denn einen Sinn haben kann, wenn es Menschen zusammenbringt! Wie das konkret aussehen wird, weiß ich nicht, aber die Aufgabe liegt vor uns allen. Teil dieser Entwicklungsaufgabe kann es auch sein, dass man jenseits jeder Verwertungslogik freiwillig denjenigen Menschen etwas zu geben beginnt, deren Werk und Wirken man wertschätzt.

Letzteres gilt keineswegs nur für Blogger, sondern auch für Musiker, Künstler, ja, eigentlich für jeden Menschen, der die Welt durch sein Tun zu einem etwas erträglicheren Ort ausgestaltet. Bei den digitalisierbaren und verlustfrei kopierbaren Gütern haben wir schon heute die an sich zum Lachen reizende Situation, dass die kaufmännischen Strukturen zur Vermarktung an der technischen Realität vorbeigehen. Niemand bedarf noch einer Industrie, deren einstige Marktmacht auf den Produktionsmitteln zur Anfertigung von Kopien irgendwelcher Werke beruht, wenn sich der Kopiervorgang mühelos durch einen einfachen Klick erledigen lässt. Die gesamte Contentindustrie war immer eine Kopierindustrie, und das Oligopol derer, die Kopien erstellen können, ist endgültig zerbrochen. Es wird zurzeit mit Mechanismen versucht, den alten Zustand in eine für alle Menschen bessere Zeit zu retten, die ebenso hilflos wie wirkungslos sind.

Von daher sehe ich mich als Zeichen in die Zukunft, denn ich bin ein bettelnder Blogger (und Dichter, Künstler und Musiker). 😉

Mit fröhlichen Grüßen an N. M., denn dieser Text ist ohne mutwillige Stolperfallen in der Interpunktion gestrickt worden. Aber. Das wird hier gewiss nicht der Standard.

Das bloggende Hannover

Da der Aggregator für die Blogs aus Hannover jetzt seit drei Wochen nicht mehr funktioniert und ich diesen kleinen Einblick wirklich vermisse, habe ich mich in den letzten Stunden einfach einmal daran gesetzt, einen Ersatz zu schaffen.

Das Resultat dieser Mühen ist ein neues Nebenprojekt: Das bloggende Hannover.

Zurzeit sind noch nicht so viele Blogs darin zusammengefasst, weil ich nicht einfach ungefragt die Texte anderer Menschen übernehmen will. (Allerdings habe ich mir angemaßt, den Dwarslöper völlig ungefragt aufzunehmen, um mein Hackwerk ein bisschen zu testen. Eventuelle Verwünschungen bitte als Kommentar ablegen.)

Wer einen Bezug zu Hannover hat und möchte, dass sein Blog in dieser Zusammenstellung auftaucht, schreibe mir einfach eine kurze Mitteilung. Ich hoffe sehr, dass das, was ich in den letzten Stunden produziert habe, nicht völlig für die Katz war.

Ach ja: Da mich nun wirklich eher eine Minderheit liest, bitte die Information weitergeben.

Vom Reden übers Morgen

Das gerade von Politikern und Propagandisten ohne Unterlass und oft mit starkem Appell an den Angstaffekt geübte Beschwören der „Zukunft“ — als ob diese nicht auch ohne solches Gelaber käme — ist nur die durchsichtige, unverschämt bequeme und leider viel zu selten hinterfragte Ausrede der Menschen, die den gebieterischen Anforderungen der Gegenwart ausweichen wollen.

Modernität

Das Beste an all diesen Dingen, die von der Contentindustrie (und jeder anderen Industrie) mit hohem Aufwande modern gemacht werden, ist immer noch die Tatsache, dass sie nicht sehr lang modern bleiben.