Manchmal, vor allem, wenn bei der Demokratiesimulation in Form einer Wahl die Beteiligung der Menschen so gering geworden ist, dass sich der Zerfall jeder „demokratischen“ Legitimation des gegenwärtigen Machtsystemes beim bloßen Hinschauen zeigt, macht das Wort von der „Politikverdrossenheit“ die Runde durch die kommentierenden und dabei doch so wenig reflektierenden Massenmedien.

Dieses Wort. Ist ziemlich falsch.

Nicht von „der Politik“ sind die Menschen in der BR Deutschland immer verdrossener, sondern von den in der politischen Kaste eingefahrenen, radikal undemokratischen Mechanismen, die eine gegen die Mehrzahl der Menschen im Lande gerichtete Politik erst möglich machen. Und. Die es für den Einzelnen fast aussichtslos erscheinen lassen, irgendeinen Einfluss zu nehmen. Da hilft es auch nicht, wenn zum Schein einer „Volksherrschaft“ das gleiche „politische“ Programm unter fünf verschiedenen Parteinamen gewählt werden kann.

Ich muss für das Folgende etwas weiter ausholen.

Seit ich mich für die persönliche Kommunikation des Internet bediene, bin ich es gewohnt, mich mit EMail mitzuteilen. Es ist ein günstiges, nützliches und schnelles Medium, dass eigentlich nur Vorteile hätte, wenn nur die Plage der Spam wieder erträglich würde.

Der Mail bediene ich mich sowohl für den eher privaten Austausch als auch für Anfragen und Mitteilungen gegenüber allen möglichen Institutionen. Wenn es nicht gerade um einen privaten Rahmen zu sehr kontrovers betrachteten Themenkreisen geht, bin ich es eigentlich auch gewohnt, auf jede Mail eine Antwort zu erhalten. Natürlich ist das in aller Regel nicht die Antwort, die ich mir wünschen würde; oft handelt es sich sogar nur um eine Eingangsbestätigung, auf die nichts weiteres mehr folgt. Aber gleich, ob ich mich vermittels Mail an das Bundespräsidialamt, an Siemens, an die Deutsche Telekom oder an Google wandte (das sind jetzt nur die Beispiele, die mir beim Schreiben sofort einfallen), ich erhielt immer eine Antwort darauf, wenn eben auch oft eine kalte und mechanische. Aber neben der wandkalten Erfahrung automatischer Beantwortung durfte ich auch immer wieder einmal die Erfahrung machen, dass sich ein Mensch auf der anderen Seite befindet, der sich mit einer solchen Mail auseinandersetzt und eine Antwort darauf formuliert.

Im Falle von Firmen und staatlichen Instutionen halte ich so etwas für einen zivilisatorischen Minimalstandard.

Am 24. April dieses Jahres veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Offenen Brief an Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hintergrund dieses Offenen Briefes war eine recht spektakuläre Aktion der Content-Industie, die sich ebenfalls mit einem Offenen Brief, der von zweihundert so genannten „Künstlern“ unterzeichnet wurde, an die Bundeskanzerlin wandte, um auf politische Entscheidungen im Sinne dieser Kopierindustrie Einfluss zu nehmen.

Dass dieser Offene Brief der Content-Industrie bei Frau Merkel „angekommen“ war, konnten die Menschen in Deutschland schon einen Tag später im Podcast der Kanzlerin erleben. Sie nahm nämlich dazu recht wohlwollend und ohne ein Wort des Einwandes oder der Besinnung Stellung.

Mein Offener Brief in Reaktion auf diese Unverschämtheit der Content-Industrie ist zusammen mit meinen dazu gegebenen Erläuterungen in diesem Blog archiviert, und jeder kann sich selbst davon überzeugen, dass er bei aller Entschiedenheit in der Sache höflich, sachlich und frei von unangemessenem Sprachgebrauch ist. Natürlich habe ich diesen Brief auch mit meinem richtigen Namen unterzeichnet, mit einem Hinweis auf den Ort seiner Veröffentlichung im Internet versehen und unter meiner richtigen Mailadresse an das Bundeskanzleramt gesandt.

Das war am 24. April dieses Jahres. Es ist jetzt 125 Tage her.

Ich bin wirklich nicht davon ausgegangen, dass ich innerhalb eines Tages eine Antwort erhalte. Das ist bei jeder deutschen Behörde am Wochenende undenkbar.

Um so eine prompte Antwort zu erhalten, dass ein Thema trotz des Wochenendes schon am nächsten Tag im Podcast der Kanzlerin aufgegriffen wird, muss man wohl mit der Stimme einer geldmächtigen Industrie sprechen können und es sich leisten können, ganzseitige Anzeigen in großen, überregionalen Zeitungen zu schalten. Einem „einfachen Menschen“ in der BRD steht so viel politische Beflissenheit von Seiten der Kanzlerin nicht zu. Er hat ja auch kein Geld, mit dem er Macht ausüben kann; und deshalb ist er unbeachtlich.

Aber ich bin sehr wohl davon ausgegangen, dass ich irgendeine Antwort erhalte. Eine Antwort mit dem ungefähren, vom passiven Modus des typischen Behördendeutschs geprägten Ton „Sehr geehrter Herr Schwerdtfeger, ihre Mail ist bei uns eingegangen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir nicht jede Mail beantworten können und dass es aufgrund unseres hohen Mailaufkommens zu Verzögerungen in der Bearbeitung kommen kann. Ihre Anregungen wurden an die zuständige Stelle weitergeleitet.“ — das ist es, was ich von einer deutschen Behörde erwarte, bevor meine zu Text gewordene Stimme unbeachtet in den virtuellen Mülleimer wandert.

Ein Minimalstandard der Zivilisation eben.

Und genau dazu ist es nicht gekommen.

Ich hatte mit einer Antwortzeit von etwa zwei Wochen gerechnet. Das Thema ist ja doch dazu geeignet gewesen, zu polarisieren und viele Reaktionen zu provozieren, und für dementsprechend groß habe ich das Mailaufkommen im Kanzleramt gehalten.

Als nach vier Wochen immer noch keine Antwort da war, nicht einmal eine schlichte, kalt formulierte Eingangsbestätigung, hatte ich mich damit abgefunden, dass Mails aus der Bevölkerung dieses Staates einfach ignoriert und wohl irgendwann gelöscht werden. Und das in der deutschen Regierungbehörde, die auf der anderen Seite eine hingebungsvolle und werbewirksame Online-Arbeit macht, einschließlich wöchentlichen Podcast mit der Kanzlerin und einer speziellen Website, die schon Kinder an die Strukturen dieses Staates heranführen soll! Aber das ist eben Reklame, und die Wirklichkeit sieht immer anders aus als die Reklame.

Ja, ich hatte es schon nach gut acht Wochen völlig vergessen. Es passte so gut in das Bild, das ich von der gegenwärtigen politischen Kaste dieses Staates habe, dass es für mich keinen weiteren Gedanken mehr wert war. Und ich hätte mich wohl nicht mehr daran erinnert.

Ja, wenn mich nicht heute ein Jemand äußerst vorwurfsvoll und mit heißer Schärfe gefragt hätte, warum ich denn nicht politisch tätig sei, warum ich nicht die zur Verfügung stehenden Mittel verwende; und wenn dieser tiefgläubige Jemand dies nicht um die unterschwellige und doch sehr fühlbare Aufforderung ergänzt hätte, so, wie ich jetzt agiere, solle ich doch gleich meine Schnauze halten. Da hat dieser Jemand eine prächtige „Argumentation“ gefunden, einen anderen Jemand — nämlich mich — für völlig unbeachtlich zu erklären und sich als zusätzliches Leckerli zur Abfütterung seines eigenen Narzißmus auch noch seine eigene Passivität als etwas „politisches“ oder gar „engagiertes“ zu verkaufen. Der Selbstbetrug der Menschen ist die Stütze jedes menschfernen Regimes, nicht nur in der BR Deutschland. Und. Der deutsche Stammtisch ist der heilige Altar des Selbstbetruges, auf dem die Menschen ihr mögliches Leben dem Suff und der Bequemlichkeit opfern.

Wenn ich das heute nicht so intensiv erlebt hätte, wäre mir der ganze Vorgang wohl nie wieder eingefallen.

Und. Auf diesem, heute frisch erlebten Hintergrund finde ich durchaus, dass es einen kleinen Rückblick und einen etwas längeren Text wert gewesen ist.

Auch, um jedem verständlich zu machen, wo diese viel beschworene „Verdrossenheit“ eigentlich herkommt und welche Zustande und Institutionen diese Verdrossenheit mit welchen Methoden hervorrufen. Dann wird vielleicht auch klar, wem diese „Verdrossenheit“ gilt. Und auch. Wo sie hinführen kann.

Damit das nicht in Vergessenheit gerät, wenn die nächste desaströse Wahlbeteilung und das nächste 15-Prozent-Ergebnis für die NPD von den Kommentatoren des quasi-staatlichen Fernsehens mit dem Wetter und der Arbeitslosigkeit wegerklärt wird.

Mit fröhlichem Gruß an Peter