Archive for Juni, 2008


Missionar

Missionar (der, weibl. Form: Missinoarin, die) — Bezeichnung für einen Menschen, der die psychischen Quellen der Lust und der Unlust bei anderen, zur Rechtfertigung solchen Tuns als „ungläubig“ bezeichneten Menschen, verzerren und umleiten will. In der Regel werden zur Steigerung der Wirksamkeit dieser seelischen Deformationen die größtmöglichen verfügbaren Lust- und Unlustquellen verwendet, indem die Lustquelle der Sexualität vergällt und so weit wie möglich verkrüppelt wird, während die größtmögliche Unlustempfindung, die Angst, gezielt verstärkt wird, damit sie zur Motivation der „Gläubigkeit“ werde; wobei es wohl durchaus als Vorteil empfunden wird, dass ein verängstigter Mensch nur noch eingeschränkt zu intellektueller Leistung befähigt ist. Als geeigneter Anlass für die Herbeiführung der Angstempfindung wird hierzu fast immer die an sich bereits angstbesetzte Tatsache der eigenen Sterblichkeit verwendet, wobei zur Verstärkung der schon übergroßen Angst in aller Regel immerwährende, jenseitige Qualen postuliert werden. Die angebotene Religion ist dann eine psychomanipulative Technik zur Angstabwehr, die mit einer Lustabwehr erkauft werden muss. Es verwundert nicht, dass die glaubensbereiten Opfer solchen Bestrebens psychisch dermaßen verarmen, dass ihnen noch die trübste und sumpfigste institutionaliserte Religion. Als strahlender Pfad der Seele erscheinen kann. Diese Vorgehensweise bei der Verbreitung des Glaubens ist auch die Ursache der leicht zu machenden Beobachtung, dass die meisten Religionen einen so überdeutlichen Schwerpunkt auf die Themen Sexualität und Tod legen.

Public Viewing Area

Public Viewing Area (die) — Undeutschliche Bezeichnung für einen Bereich im quasi-öffentlichen Raum, in dem sich während des Ablaufes medial präsent gemachter, kommerzieller Sportveranstaltungen massenweis Menschen versammeln, um dort gemeinsam im Bierrausch als Fahnen bezeichnete, bunte Mordtücher zu schwenken und Leinwände anzubrüllen. Eine P.V.A. fällt schon von weitem durch die typischen Geräusche derer auf, die an solchen Orten ihr individuelles cerebrales Potenzial an einem medial induzierten und recht künstlichen Gruppenprozess abgeben. Häufig finden sich in der Umgebung solcher Bereiche gehäuft Verhaltensweisen, deren qualitative Einordnung im Skalenbereich zwischen barbarisch und affig etwas schwierig ist, so leicht sie sich auch ganz allgemein als dumm erkennen lassen. Zu den typischen Affigkeiten gehört es noch, wenn die dort versammelten Menschen an einem schwülen Sommerabend einen Schal tragen; zu den typischen Äußerungen einer barbarisierten Seele gehört typischerweise das aggressive Auftreten, das miserable und tonferne Absingen von Gesängen mit teils faschistoidem Inhalt und die verantwortungslose, infantil anmutende Freude daran, Bierflaschen unter lautem Scheppern auf den Wegen zerbrechen zu lassen. Vermutlich sind die verbliebenen Verstandesleistungen vieler Besucher einer P.V.A. so gering, dass sie bei geeigneter Anpreisung sogar freiwillig und mit großer Lust ein mit Stacheldraht und Wachtürmen umgebenes Lager aufsuchen würden und am Eingang sogar noch für das „Privileg“ zahlten, dort eingesperrt zu werden.

An F. und M. — ja, ich bin gestern abend noch gut durch die Stadt gekommen. Ich weiß ja, welche Orte zu meiden sind. Aber die Burschenschaftshäuser im Unibereich habe ich vergessen, und da hat sich mir die kommende „Elite“ Deutschlands von ihrer brüllendsten und besoffensten Seite gezeigt…

Hunger, Durst und Angst

Die Sprache formt das Denken, und zuweilen formt sie es falsch. Sprecher des Deutschen sagen „Ich habe Hunger“, „Ich habe Durst“ oder „Ich habe Angst“, als ob es sich hier um einen Besitz handele, der einfach abgegeben werden könne und nicht um eine Bedingung des Seins, die allen Aspekten des davon angenagten Lebens ihren Stempel aufdrückt. Die Wirklichkeit wäre besser ausgedrückt, sagten die Sprecher des Deutschen „Ich bin Hunger“, „Ich bin Durst“ und „Ich bin Angst“.

Offene Antwort an die Profiwin GmbH

Wenn man eine Website betreibt, bekommt man gelegentlich auch eine Form der Fanpost, die weniger erquicklich ist. So eine Website ist zum Beispiel die von uns gemeinsam betriebene Homepage der White Darkness. An sich sollte man glauben, dass die Selbstdarstellung eines Zusammenschlusses von Künstlern, die völlig bewusst unkommerziell sein und bleiben wollen, auf wenig Interesse bei gewissen Anbietern stößt.

Besitzer der Domain und formell inhaltlich Verantwortlicher für die Website ist Frank Eckert. In dieser Funktion hat er den folgenden Brief der Profiwin GmbH erhalten, der hier offen beantwortet werden soll, um eventuellen anderen Empfängern dieser mutmaßlichen Massenpost klar zu machen, wie wenig wählerisch dieser Anbieter in der Wahl seiner Werbeplätze ist und in wie hohem Maße man dortens bestrebt ist, aus jeder menschlichen Regung im Internet eine Litfaßsäule für Reklame zu machen. Den Absender, den Namen der Unterschrift und die Telefonnummern im Briefe habe ich dabei bewusst unkenntlich gemacht, um einen eventuellen Missbrauch dieser Daten zu vermeiden:

[Absender von mir entfernt]

Herr Frank Eckert
Stoeckener Str. 91
30419 Hannover

Schon im Briefkopf wird bei der Empfängeranschrift deutlich, dass der Absender dieses Briefes nicht darum bemüht war, auch nur einmal einen Blick in das Impressum der Website zu werfen. Denn dort. Ist die „Stoeckener Str.“ natürlich mit einem „ö“ geschrieben. Die Schreibweise dieser Anschrift mit dem „oe“ findet sich in dieser Form nur bei der DENIC eG, der Registrierungsstelle für die .de-Domains. Die DENIC schreibt in ihren Nutzungsbedingungen, die in jeder whois-Abfrage über das Webinterface sichtbar werden, unter anderem die folgende, kaum missverständliche Belehrung:

Die in der whois-Abfrage ersichtlichen Domaindaten sind rechtlich geschützt. Sie dürfen nur zum Zwecke der technischen oder administrativen Notwendigkeiten des Internetbetriebs oder zur Kontaktaufnahme mit dem Domaininhaber bei rechtlichen Problemen genutzt und ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis der DENIC eG weder elektronisch noch in anderer Art gespeichert werden. Insbesondere die Nutzung zu Werbe- oder ähnlichen Zwecken ist ausdrücklich untersagt.

Auf diesem Hintergrund drängt sich allein bei diesem einen Detail der starke Verdacht auf, dass die Absender dieses Briefes solche „Kleinigkeiten“ wie die Nutzungsbedingungen solcher Daten für unbeachtlich halten, was zumindest für uns selbst dann keine Empfehlung für eine Zusammenarbeit wäre, wenn der Inhalt dieser Zusammenarbeit im Rahmen unserer Absichten erträglich wäre.

Aber. Ich greife vorweg. Deshalb hier endlich der Brief mit meiner direkten Antwort:

Kooperationsanfrage

Sehr geehrter Herr Eckert,

beim Besuch Ihrer Internetseite ist mir aufgefallen, dass Flächen für Werbemittel vorhanden sind. Hier möchte ich ansetzen und Ihnen heute eine Zusammenarbeit im Onlinebereich anbieten.

Werter Absender dieses werblichen Briefes,

beim Lesen Ihres Briefes ist Frank, Mira und mir aufgefallen, dass Sie ganz offensichtlich unsere Website nicht einmal überflogen haben können. Im besten Falle haben sie einen oberflächlichen Blick darauf geworfen, um zu schauen, ob diese Site noch ein paar offene Plätze für Reklame hat. Vielleicht haben Sie dabei festgestellt, dass diese Website vollkommen werbefrei ist. Interessanterweise haben sie sich dann aber nicht die Frage gestellt, ob das mit den auf der gleichen Website offen dargelegten Intentionen dieser Site im Zusammenhange stehen könnte, denn sonst hätten Sie eine solche „Kooperationsanfrage“ gewiss sehr viel vorsichtiger und einfühlsamer formuliert, wenn sie nicht gar in einem Anflug von Einsicht von Ihrem Unterfangen Abstand genommen hätten. In der von Ihnen gewählten Form zeigt eine solche Anfrage jedenfalls ein Maß von Respektlosigkeit und Kälte gegenüber unserem gesamten Werk und Schaffen, das wir in seiner Summe keineswegs als eine Empfehlung für irgendein Miteinander, sondern eher als etwas an der Grenze zur Beleidigung stehendes empfinden.

Dass sich unter diesen Bedingungen jegliche Zusammenarbeit für uns verbietet, sollte Ihnen klar sein. Ich möchte Ihnen aber zudem zu bedenken geben, ob es für Ihre Geschäftstätigkeit nicht besser wäre, wenn Sie Ihre „Partner“ nicht wie Groschenprostituierte in einem Reklamebordell ansprächen, sondern als Menschen achten würden.

Die Profiwin GmbH ist seit vielen Jahren am Markt etabliert und zahlt hohe Vergütungen für Werbeplätze. Branchenweit bekommen wir Bestätigung für unsere absolute Zuverlässigkeit und Transparenz.

Im Gegensatz zu Ihnen habe ich mir durchaus die Mühe gemacht, mich mit Ihrer Webpräsenz zu befassen, um einen Einblick in Ihre Geschäftstätigkeiten zu erhalten. Diese erscheinen mir nicht nur persönlich ein wenig „windig“, das Bewerben eines solchen kostenpflichtigen Angebotes der automatischen Eintragung in verschiedene, kostenlose Gewinnspiele auf unserer Website würde auch unsere gesamte Internetarbeit und unsere Glaubwürdigkeit als freie Künstlergruppe entwerten.

Darüber hinaus finde ich es sehr erstaunlich, dass sie „hohe Vergütungen“ für eine derartige Werbung auf einer Website von lokalem Charakter zu zahlen beabsichtigen, die in der Regel — also außerhalb gewisser Veranstaltungen mit einem übrigens immer exquisit nichtkommerziellen Gepräge — weniger als dreißig Besucher am Tag hat. Das will einfach nicht zu einem Unternehmen passen, das schon seit Jahren gut am Markte etabliert sein will, es wirkt eher wie das hilflose Ringen um jeden nur möglichen Werbeplatz. Auch das empfinde ich keineswegs als eine Empfehlung, aber dafür fügt es sich für mich zwanglos in den Kontext ihrer im Briefe deutlich werdenden Bestrebungen und in der von Ihnen gewählten Form des geschäftlichen Auftretens. Dass sie darüber hinaus durch die Schreibweise von Franks Anschrift in diesem Brief den Eindruck erwecken, in ihrem Ringen um Werbeflächen im Internet auch die Daten der DENIC eG entgegen der dort geltenden Nutzungsbedingungen zu verwenden bzw. solcherart Daten von einem zwielichtigen Adresshändler zu erwerben, vervollständigt meinen Eindruck, der schon ohne dieses Detail nicht vorteilhaft für sie war.

Zögern Sie bitte nicht, sich mit mir für eine gewinnbringende Kooperation in Verbindung zu setzen. Ich freue mich bereits jetzt sehr darauf, mit Ihnen persönlich in den nächsten Tagen über unser Angebot zu sprechen.

Für einen schnellen und direkten Kontakt erreichen Sie mich unter Tel. 03375-xxx xx-xx

Mit freundlichen Grüßen

[Name von mir entfernt]

Sie werden sicherlich verstehen können, dass ich unter diesen Umständen nicht zögere, Ihren Brief dem Papierkorb zu überantworten.

Hochachtungsvoll

Elias Schwerdtfeger
(Nach Diktat verreist)

Negative Zahlen

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Menschen einem bloßen, aber durch die allgemeine Konvention in das Reich des Glaubwürdigen erhobenen Gedanken konkrete, physikalische Existenz zubilligen. Ein solcher Gedanke ist etwa die Vorstellung der „negativen Zahl“. So sehr. Diese Erweiterung des Zahlbegriffes sich gut und nützlich in das Gefüge der Mathematik einpasst, das übrigens eine reine Eigenart der menschlichen Wahrnehmung ist und nur im Kopfe der Menschen entsteht. So wenig. Hat eine negative Zahl irgendeinen Sinn in der Realität der Dinge. Es ist ein leichtes, auf zwei Äpfel zu zeigen und „zwei“ dazu zu sagen, aber niemand kann mit seinem Finger auf das Fehlen zweier Äpfel deuten, um dieses als „minus zwei“ zu benennen. Und doch sagen Menschen, sie hätten Schulden und halten diese Gegebenheit für ebenso real wie den Besitz…

Wer wissen will, was das Wort von der „Demokratie“ außerhalb der Sonntagsreden mit ihrem aufdringlichen Gestank nach Weihrauch und Lüge und innerhalb der vorgeblich „demokratischen“ Staaten in der EU wirklich bedeutet, erhält ganz aktuell eine bemerkenswerte Lektion von jenen Mitgliedern der politischen Kaste, die sich selbst als „demokratische Politiker“ bezeichnen würden. Denn gestern ist in einer demokratisch einwandfreien Volksabstimmung in Irland der letzte Versuch gescheitert, den recht undemokratischen Entwurf für eine EU-Verfassung mit ein paar kalten politischen Tricks gegen die Menschen in der EU durchzusetzen.

Der ganze Vorgang ist einen kleinen Rückblick wert.

Es ist gewiss nicht leicht gewesen, den Text für eine EU-Verfassung zu erstellen. Schließlich geht es in einer Verfassung nicht nur um ein bisschen Lyrik im Bereich der Grundrechte und Staatsziele, sondern um die Verteilung politischer Macht; und da hatten die Mitglieder der politischen Kaste beinahe aller Staaten in der EU den Wunsch, einen möglichst großen Einfluss auf die Politik der EU zu bewahren. In beinahe jedem Artikel kann man zwischen den Zeilen lesen, wie schwer er errungen war. Allerdings kann man auch in beinahe jedem Artikel zwischen den Zeilen lesen, dass die Bedürfnisse der Menschen in der EU in diesem Ringen unwichtig waren. Dies führte zu einem unguten Verständnis des entstehenden europäischen Staates, der wirtschaftliche Interessen und politische Ideen auch mit Gewalt gegen die Menschen in Europa durchsetzen konnte, wobei auch vor barbarischen Elementen wie der Möglichkeit zur Todesstrafe und zum mörderischen Einsatz von Soldaten gegen die Menschen in Europa nicht zurückgeschreckt wurde. Und zwar. Ohne eine starke demokratische Kontrolle und ohne eine leicht verständliche Verteilung von Kompetenzen und Befugnissen. Denn die Organe, die solche Macht ausüben können sollten, sie sollten über eine Machtverteilung verfügen, die auch durch bemühte Veranschaulichungen nicht anschaulicher werden konnte.

Wenn Vertreter der politischen Kaste diesen vergifteten Keks den Menschen als leckere Speise verkaufen wollten, denn sprachen sie davon, dass die EU mit dieser Verfassung „handlungsfähig“ würde. Zum Glück für Europa haben sehr viele Menschen in Europa bemerkt, dass sich damit auch eine unkontrollierte Legitimation zur Gewalt gegen die Menschen in Europa verbindet, und dies unter dem Banner eines „wirtschaftlichen Wachstums“, das ausdrücklich gleich als erster Artikel in die Staatsziele des neuen Gebildes aufgenommen wurde. Was in Form der EU-Verfassung vorlag, das war ein Versuch, die faschistoide, neoliberale Ideologie auch mit barbarischer Gewalt gegen die betroffenen, von Armut, persönlicher Aussichtslosigkeit, völliger Verwirtschaftung des eigenen Seins und zunehmender Entrechtung bedrohten Menschen durchzusetzen.

Hier sollte nicht mehr das „Volk“ herrschen, wie es im Wort von der „Demokratie“ mitschwingt, hier sollten jene Dämonen herrschen, die jetzt schon das „Volk“ auffressen. Was errichtet werden sollte, war eine Dämonkratie.

Und alle haben sie mitgemacht. Alle. Mitglieder der politischen Kasten in den Staaten der EU.

„Nur“ die Menschen haben nicht mitgemacht. Weder im Königreich der Sieben Vereinigten Niederlanden noch in der Französischen Republik kann man einfach die Verfassung über die Köpfe der Menschen hinweg ändern; ein solcher Akt musste also durch eine Volksabstimmung legitimiert werden. Die in maximaler Menschferne ausgehandelte, politische Beglückungsidee erhielt trotz eines breiten, staatlichen Werbefeldzuges bei den Referenden in den Niederlanden und in Frankreich eine deutliche und demokratisch einwandfreie Abfuhr, die mühsam gebaute EU-Verfassung war nach dieser politischen Niederlage in zwei Kernstaaten der EU vollständig gescheitert. Als Bewohner der BRD, der es hinnehmen soll, dass so etwas von nicht einmal einem hunderstel Promille der Bevölkerung über seinen Kopf hinweg entschieden wird, war ich voll des Dankes.

Natürlich war ich damit nicht allein.

Aber. Die Schlacht war noch nicht entschieden, und kaum wurde das Scheitern der EU-Verfassung offenbar, schon ersann man in der politischen Kaste Mittel, mit denen das von den Menschen abgelehnte Werk doch noch in scheinbar „demokratisch“ legitimierter Wese den Menschen aufgedrückt werden könnte. Natürlich hätten sich diese Politiker auch hinsetzen können und versuchen können, eine Verfassung zu schreiben, die für viele Menschen wenigstens erträglich ist und deshalb eine Chance hat, auch eine Mehrheit zu finden, aber genau das war nicht der Wunsch der dämonkratischen Machthaber. Nein, sie wollten genau diesen Text, der zivilisatorische Errungenschaften zurückschraubt, demokratische Kontrolle zum bloßen Feigenblatt verkommen lässt und die Ungerechtigkeit zum Recht erklärt.

Die „rettende Idee“ für das gescheiterte Machwerk hatte dann Bundeskanzlerin Angela Merkel (FDJ/CDU), die einfach den Trick anwandte, diese Verfassung als einen Vertrag zu deklarieren und dabei platt und proll zu erläutern, dass man so doch die Substanz der bei den Menschen gescheiterten Verfassung erhalten könne, ohne die Bürger in der EU zu überfordern. Ja, das hat die Regierungschefin der BRD wirklich gesagt. ❗ Leider wird diese Frau viel häufiger für ihr Äußeres und andere Belanglosigkeiten kritisiert als für ihre verächtliche Haltung gegenüber den Menschen, die sich in solchem Neusprech immer wieder einmal Bahn bricht.

Zum Glück ist jetzt auch dieser Versuch in einer demokratischen Abstimmung gescheitert, vielen Dank an die Menschen in Irland. Im Rest Europas, wo solche Dinge einfach über die Menschen hinweg entschieden wird, kann man zumindest einmal festhalten, dass bislang jeder Versuch einer demokratischen Legitimierung dieses Elaborates fehlgeschlagen ist, gleich, ob man es formal als „Verfassung“ oder als „Reformvertrag“ verkaufte.

Und genau das sollte zu denken geben, wenn jetzt dämonkratische Politiker alles tun werden, um dieses von den Menschen deutlich abgelehnte Gesetzeswerk doch noch in den Stand geltenden Rechts zu führen. Denn. Das werden die weiter versuchen, wenn es keinen wirksamen Widerstand dagegen gibt. Die rhetorischen Messer für den dritten Versuch werden schon gewetzt; die Menschen in Irland werden aus der agenturzentralen Journaille mit Jauche übergossen, weil sie ein politisches Recht wahrgenommen haben; und der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers (CDU), übt sich schon einmal in dämonkratischem Neusprech und sei hier stellvertretend für den Rest des lichtscheuen Gesindels zitiert:

99 Prozent der Europäer können ihre Zukunft nicht davon ab­hängig machen, dass weniger als ein Prozent einen Fortschritt blockieren. […]

Was der Herr Ministerpräsident hier verschweigt, ist allerdings die Tatsache, dass 99 Prozent der Europäer gar nicht erst nach ihren Wünschen für die Zukunft der EU gefragt wurden, sondern ihre Zukunft davon abhängig machen müssen, dass weniger als ein hunderstel Promille der Bevölkerung über ihre Köpfe hinweg entscheidet, was ein Fortschritt sein soll, den man bei aufkommenden Widerstand auch mit Gewalt durchsetzen kann. Allerdings ist man — oder doch zumindest der Herr Rüttgers — inzwischen gewillter, auf einen Anschein des Rechts hinter der ungerechten Gewalt zu verzichten:

Wo immer dies möglich und rechtlich zulässig ist, müssen die Regelungen des Vertrags von Lissabon auch ohne sein formales Inkrafttreten angewandt werden.

Nun, demokratisch gescheiterte Gesetze müssen eben dennoch angewandt werden. Das ist die Stimme der gegenwärtigen Dämonkratie, der entschieden und wirksam von jedem widersprochen werden muss, der nicht in ein bis drei Jahren in einem totalitären, faschistoiden und offen gewalttätigen Staat leben will. Was geschehen kann, wenn der Begriff des Rechts durch die Willkür einer zielbewussten politischen Kaste aufgehoben und in den Bereich der Beliebigkeit verschoben wird, das zeigen die jüngeren Ereignisse in der USA, die mittlerweile ein Staat sind, der Konzentrationslager unterhält, Menschen auf bloßen Verdacht hin wegsperren kann und massenhaft Menschen in völkerrechtswidrigen Kriegen unter dem Vorwand gefälschter Kriegsgründe zu Leichnamen verwandelt, während sich das Leben für den größten Teil der Bevölkerung der USA stetig verschlechtert. In der BRD und in anderen Staaten der EU wird eine vergleichbare gesellschaftliche Entwicklung bewusst angestrebt, auch die Militarisierung der Außenpolitik ist ein paar Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg kein nur in abgeschlossenen Zimmern erörtertes Tabu mehr, wenn sich das Geschäft lohnen könnte.

Den Menschen in Europa kann ich nur nahelegen, eine solche Entwicklung nicht einfach in einer verantwortungslosen Haltung des Nichtstuns über sich ablaufen zu lassen. Und den Mitgliedern der politischen Kaste in Europa lege ich nahe, sich einfach ein neues Volk zum Beherrschen zu wählen.

Auswärtiges Denken (34)

Das Doktorsblog beschreibt den Wartebereich für die Menschen, die in der Kölner Kfz-Zulassungsstelle auf ihre Abfertigung warten:

Sitz still. Halt den Mund. Warte. Wir haben hier das sagen. Wir, die Wartehallen so konzipieren das es an seelische Grausamkeit grenzt. Wir, die euch ausnehmen und gehirnvergewaltigen. Wir, die augenscheinlich nur drei Farben kennen.

Grau. Grau. Und: Grau.

Wehe du hast Fragen. Wehe dir! Lies die Schilder, füge dich, halt den Mund! Melde dein Auto an oder ab. Egal. Hauptsache du meldest irgendwas. Wir prämieren Bürger die melden. Sich melden. Abmelden. Anmelden. Ummelden. Wegmelden und Zermelden. Dann haben wir Zahlen. Und Statistiken. Jede Menge. Damit gewinnen wir den Krieg. Sicher.

Technikphilosophische Fragmente (4)

Zurzeit drängt es mich, immer wieder einmal ein paar Anmerkungen zur gegenwärtigen Entwicklung der Digital- und Informationstechnik zu schreiben. Dabei geht es mir weniger um den Selbstzweck des faktischen Zuwachses der Performance und des damit verbundenen Zuwachses an Möglichkeiten zur Anwendung, sondern mehr um gewisse Stolpersteine in der Gedankenlosigkeit, mit der diese Möglichkeiten auf „normale Anwender“ losgelassen werden.

 

Der Unfug des Dateisystems

In den späten Sechziger Jahren begann eine beispiellose Erfolgsgeschichte der modernen Technik. Einige sehr talentierte Programmierer bei AT&T entwarfen und implementierten das Betriebssystem UNIX, dessen grundlegende Ideen in den folgenden Jahrzehnten zum Bestandteil jedes anderen Betriebssystemes wurden. Diese Ideen erwiesen sich — trotz gewisser Schwächen — zunächst als überwiegend „gut“, sie halfen den damaligen, in der Regel technikaffinen und mit speziellen Kenntnissen ausgestatteten Anwendern besser als jedes andere damalige System dabei, ihre Datenhaltung und ihre Datenverarbeitung angemessen zu organisieren. Da das Betriebssystem UNIX aufgrund der damaligen Rechtslage in den USA nicht gewinnbringend durch AT&T vermarktet werden durfte, wurde es sehr preisgünstig an öffentliche Einrichtungen und Universitäten lizenziert und für viele Programmierer der ersten Generation zu einem Standard, dessen Konzepte sie auch in anderem Umfelde erwarteten. Tatsächlich entsteht der starke Eindruck, dass bis heute niemand nach gangbaren, vielleicht sogar für „normale Anwender“ besseren Alternativen sucht. Selbst dort nicht. Wo sich die Schwächen und Beschränkungen der alten Konzepte kaum übersehen lassen.

Ein fester Bestandteil von UNIX war das Konzept der „Datei“ als Einheit der Datenhaltung und die Präsentation der gesamten Datenhaltung in einem hierarchisch organisierten Dateisystem. Dieses Konzept ist — wenn auch in der Regel in viel geringerer logischer Konsequenz — heute zur Grundlage der Datenhaltung aller moderner Betriebssysteme geworden. Obwohl. Es wohl nicht immer den Anforderungen der Anwender an einen Computer angemessen ist.

Das hierarchische Dateisystem

Der Gedanke der UNIX-Schöpfer war einfach und elegant.

Zunächst einmal ist in einem UNIX-System alles eine Datei. (Das gilt — anders als in den meisten anderen Systemen — nicht nur für Programme, sondern auch für angeschlossene Geräte oder den Speicher des Computers. Ein UNIX-Kernel stellt auch die Hardware eines Computers in Form von Dateien zur Verfügung.) Intern werden diese Dateien über eine Nummer identifiziert, was aus der Sicht des Anwenders ungeeignet ist. Deshalb können den Dateien beliebige Namen zugeordnet werden. (Es ist sogar möglich, einer Datei mehrere Namen zu geben.) Der Anwender oder das vom Anwender verwendete Programm greift über den Namen der Datei auf den Inhalt der Datei zu.

Allerdings war UNIX von seinem ersten Entwurf her als System für die gleichzeitige Benutzung durch mehrere Anwender vorgesehen. Wenn die ganzen, frei gewählten Dateinamen in einem einzigen Namensraum vergeben würden, käme es leicht zu Überschneidungen und Einschränkungen, die dann doch wieder den Benutzer dazu zwängen, kyptische und schwer zu merkende Namen zu verwenden, um solche Kollisionen zu vermeiden.

Doch. Auch für dieses Problem wurde eine sehr elegante Lösung gefunden, die bis heute Bestand hat. Die Dateien wurden in einer hierarchischen Struktur abgelegt. Um das zu ermöglichen, wurde ein weiterer Dateityp eingeführt, das Verzeichnis. (In den meisten graphischen Systemen von heute wird dieses Konzept als ein „Ordner“ repräsentiert.) Ein Verzeichnis konnte Dateien und weitere Verzeichnisse enthalten, der Dateiname musste nur innerhalb seines Verzeichnisses eindeutig sein. Dieser Aufbau der Datenablage erwies sich als flexibel genug, um sich bis in die heutige Zeit hinein zu erhalten.

Der überforderte Anwender

Noch in der jüngeren Vergangenheit waren die meisten Anwender eines Computers wenigstens ein bisschen versiert und hatten deshalb Arbeitsweisen entwickelt, die den Eigenarten des Gerätes angemessen waren. Wenn man das Konzept eines hierarchischen Dateisystemes gut nutzt, kann man damit eine sehr effiziente und leistungsfähige Ablage seiner Arbeitsdaten realisieren, und wenn in einer guten Struktur die Dateinamen gut vergeben werden, ist die Suchen-Funktion eines Betriebssystemes beinahe überflüssig.

Bis heute ist es fast immer möglich, nur an der Benennung der Dateien und an der Verwendung von Verzeichnisstrukturen zu erkennen, ob ein Mensch mit seinem Computer produktiv arbeitet und sich dabei des Potenziales bedient, das der Maschine innewohnt, oder ob er im Rechner eher eine allgemeine Medienmaschine zur zusätzlichen Bespaßung sieht.

Allerdings ist der Computer heute ein Massenprodukt, das in beinahe jedem Haushalt vorzufinden ist. Und. Die Mehrzahl der heutigen Anwender setzt sich kaum mit den technischen Grundlagen des Gerätes und des darauf laufenden Betriebssystemes auseinander. Insbesondere ist das zwar handliche, aber eben auch abstrakte Konzept des hierarchischen Dateisystemes offenbar für viele Anwender eine Überforderung. Dies findet seinen Spiegel darin, dass auf den Festplatten solcher Anwender tausende von Dateien unsortiert und mit wenig hilfreichen Benennungen in einem einzigen Verzeichnis herumliegen, so dass auch der Mensch, der diese Daten angesammelt hat, nicht mehr mit dem unsystematischen System seiner Ablage klarkommt. Darin zeigt sich. Dass die von Spezialisten ersonnenen Konzepte aus den Sechziger Jahren für eine Vielzahl von heute lebenden Menschen nicht mehr angemessen sind; dass sie als ein Fremdkörper und etwas eher Unverständliches empfunden werden und nicht als eine Hilfestellung für das tägliche Schaffen.

Wie denkt ein Mensch, wenn er am Computer arbeitet?

Das mag zum Teil daran liegen, dass diese Struktur nicht das Denken eines Menschen widerspiegelt, der an einem Computer arbeitet. Wer etwas mehr Erfahrung hat, wer ein wenig reflektiert, der bildet die Strukturen seines eigenen Planens und Denkens auf das abstrakte, technische Konzept des Dateisystemes ab und er-findet dabei mehr oder weniger gute Konventionen für die Benennung und Ablage von Dateien. Wer nur wenig Erfahrung oder einen großen Unwillen zur Auseinandersetzung mit „der Technik“ hat, ist mit dieser Übertragungsleistung offenbar überfordert.

Selbst in Unternehmen zeigt sich diese Überforderung oft. Und. Sie kostet dort auch Geld. Jene Freigaben in Netzlaufwerken, die geschäftliche Projekte und Korrespondenz einem Kreis von Mitarbeitern gemeinsam zur Verfügung stellen sollen, sie haben häufig die ungefähre Struktur einer bunt zusammengewürfelten Mülltonne, und die Mitarbeiter verbringen zuweilen einen erklecklichen Teil ihres Arbeitstages damit, bestimmte Dateien in dieser Wüste zu suchen. Besonders unübersichtlich wird es in der Regel dort, wo mehrere Versionen typischer Office-Dokumente, benannt nach den Konventionen von drei bis fünf Mitarbeitern, in einem unaufgeräumten Verzeichnis herumlungern.

Natürlich gibt es in besser organisierten Betrieben festgeschriebene Regeln für die Verwendung solcher gemeinsamer Laufwerke. Und. Damit ein weiteres Denkmal der Tatsache, dass die Präsentation des Dateisystemes an der Wirklichkeit der Menschen vorbeigeht, die mit Hilfe dieses Dateisystemes etwas erreichen wollen. Dass die Regeln dabei immer noch genug Raum für das grundlegende Problem lassen, zeigt, dass hier ein Problem bei seinen Symptomen und nicht an seiner Wurzel gepackt wird. So häufig in der machtfatastischen Reklame für Informatikprodukte auch das Wort „Benutzerfreundlich“ auftaucht, es ist immer noch der Benutzer, der hier freundlich auf die abstrakten und nur wenig an seinen Alltag und seine Absichten angepassten Konzepte des Computers Rücksicht nehmen muss. (Zum Beispiel muss der Anwender auch eine Vorstellung davon haben, welche Zeichen in einem Dateinamen nicht verwendet werden sollten — und wenn sogar verschiedene Betriebssysteme verwendet werden, denn muss der arme Anwender sogar solches Wissen über andere System mitbringen.)

Wenn ein Mensch einen Computer benutzt, verfolgt er damit zunächst ein menschliches Ziel. Egal, ob er im Arbeitszusammenhang mit einem Kunden kommuniziert, ob er für einen Verein die Monatsschrift schreibt oder ob er einfach nur zuhause ein bisschen Musik hören will. Ein benutzerfreundliches DV-System, das dieses Attribut wirklich verdient, sollte sich einem solchen Ziel gegenüber transparent verhalten, es sollte sich niemals mit einer eher technischen und damit tendenziell kryptischen Anforderung an den Menschen in den Weg stellen.

An dieser sehr einfach zu formulierenden Forderung scheitert alles, was sich derzeit auf dem Markt befindet und auf Anwender losgelassen wird — denn in jedem System muss sich der Anwender immer noch mit solchen exquisit technischen Details wie dem Dateisystem auseinandersetzen, wenn er Entscheidungen trifft, in welchem Ordner oder gar auf welcher Festplattenpartition er etwas speichern will. Natürlich gibt es Spezialisten, die um die technischen Konzepte der Dateiablage wissen müssen, aber diese sind keine normalen Anwender. Man hält es heute auch mit gutem Grund für obsolet, dass ein Anwender die Fähigkeiten zur Programmierung mitbringen muss, wenn er mit einem Computer arbeiten will; warum sollte sich ein Anwender dann mit anderen, eher kryptischen Details des Gerätes herumschlagen? Es gibt dafür nur einen Grund: Es handelt sich um eine Konvention, die übrigens von Spezialisten ersonnen wurde, die im privaten Gespräch auch gern sehr verächtlich über „die reinen Anwender“ herziehen. Deshalb kümmern sie sich so wenig darum, in welcher Weise ein „gewöhnlicher“ Mensch denkt, wenn er eines seiner Ziele verfolgt.

In Wirklichkeit denkt der Anwender am Ehesten in „Vorhaben“ oder „Absichten“, vielleicht wäre auch Projekte der treffende, allgemeine Ausdruck. Schon die Tatsache, dass es keine geläufige Sprache zur Beschreibung der Denkweise eines Computerbenutzers gibt, zeigt, dass beim Entwurf von Software daran zu wenig gedacht wird — obwohl die Software doch diesen Menschen dienen sollte. So ein „Projekt“ kann ein Kundenkontakt sein, es kann die Komposition eines Musikstückes sein, es kann sich um den Schnitt eines Filmes handen, es kann ein Blogbeitrag sein oder auch einfach nur der Wunsch, etwas Musik wiederzugeben oder einen Film am Rechner zu schauen. Keine dieser Absichten verbindet sich natürlich mit einem Dateinamen und der Lokalisierung einer Datei in einem hierarchischen Dateisystem, eine solche Verbindung muss sehr künstlich durch den Anwender hergestellt werden.

In der Regel lässt sich so ein Projekt auch gar nicht auf eine einzelne Datei abbilden. Wer einen Film schneidet, verwendet dazu verschiedene Videodateien und eine Beschreibungsdatei seines Schnittes — hierzu können sich durchaus noch Dateien für eine Untertitelung, eine Filmmusik und andere zugehörige Objekte gesellen. Und. In einigen meiner Musikstücke habe ich weit über fünfzig verschiedene Klänge verbastelt, die teilweise generiert und teilweise verfremdet wurden und im Laufe des Werkes immer wieder etwas Nachbearbeitung erfahren. Wer einmal erreichte Arbeit nicht durch einen Fehler oder eine Panne verlieren will, wird von jeder der zugehörigen Dateien mehrere Versionen halten. Die einzige Hilfestellung, die ihm der Computer bei der Verwaltung eines solchen Projektes gewährt, ist das Dateisystem, in dem jeder nach seinen eigenen Konventionen Versionsnummern, Zugehörigkeiten zu einem Projekt und anderes kodieren muss. Spätestens, wenn zwei Menschen an einem Projekt arbeiten, wird das zu Missverständnissen und Fehlern führen. Aber auch die eigene Arbeit kann einem mit einigen Wochen Abstand schon recht fremd erscheinen — was wundere ich mich immer wieder über mein eigenes Chaos.

Die gleichen Betrachtungen gelten natürlich auch für beinahe jede andere Tätigkeit, die Menschen heute an Computern ausüben. Wer — wie ich — glaubt, dass die Technik in erster Linie dazu da sein sollte, dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt, der muss einsehen, dass hier eine ausgeklügelte Unterstützung des Menschen und seiner Absichten durch die Technik erforderlich ist und das selbst ein Spezialist oft davon profitieren würde. Es ist also nötig geworden. Die alte Präsentation des Dateisystemes durch etwas abzulösen, das besser an die Denkweise der Menschen angepasst ist — das gegenwärtige Konzept der Verzeichnisse und Dateinamen hat darin keinen Platz mehr.

Was müsste eine bessere Datenablage leisten?

Natürlich sind die folgenden Anforderungen an eine bessere Dateiablage fragmentarisch, wie jeder neue Gedanke; sie sind hier nur an einem einzigen Beispiel festgemacht.

Zunächst einmal müsste dem Anwender alles in Begriffen des Anwenders präsentiert werden. Der Anwender denkt zunächst nicht in Anwendungen und Dateipfaden, sondern er denkt sich bei seinem Tun so etwas wie: „Ich will einen Brief an meinen Vermieter wegen des Schimmels im Badezimmer schreiben. Dem habe ich doch schon vor einigen Monaten wegen der Nebenkostenabrechnung geschrieben, also werde ich diesen Brief überarbeiten“. Es muss dem Anwender ermöglicht werden, den vorhandenen Brief nur an Hand dieses Gedankenkreises aufzufinden und weiter zu bearbeiten — an welcher Stelle in einem wie auch immer gearteten Dateisystem ein solches Dokument gelagert ist, interessiert dabei aus Anwendersicht nicht. (Es wird natürlich wieder interessant für automatische Backup-Verfahren und im Falle von Fehlern im Dateisystem, aber nicht für die alltägliche Arbeit eines Menschen am Rechner.)

Es läuft also auf eine spezielle Form der Suche hinaus. Eine solche Suchmöglichkeit ginge allerdings weit über alles hinaus, was gegenwärtige Systeme ihren Anwendern zur Verfügung stellen. Im Idealfall würde beim Schreiben eines solchen Briefes anhand der Adressangaben, des Erstellungsdatums und frei vergebbarer Schlagwörter ein Eintrag in eine Datenbank erstellt, um das Auffinden von Inhalten aus der begrifflichen Welt des Anwenders zu ermöglichen. Und. Natürlich hat sich im Zeitalter großer und billiger Festplatten der Computer darum zu kümmern, dass verschiedene Versionen des gleichen Projektes gespeichert und verfügbar gemacht werden.

Eventuell wird der Anwender beim Ansinnen, einen solchen Brief zu schreiben, auch ein Foto des bemängelten Schadens in seinen Brief aufnehmen. Dieses Foto ist dann mit dem Projekt dieses Briefes verknüpft; eine Bearbeitung des Fotos führt zur Veränderung eines anderen Dokumentes, wenn darin nicht explizit eine bestimmte Version des Fotos eingebettet wurde. Momentan gehen Anwendungen meist so vor, dass eine Kopie eingebetteter Daten in ein Dokument aufgenommen wird, dies ist aber eher ein Notbehelf. Besser wäre es, wenn solche Querbezüge vom Computer verwaltet und dem Anwender angemessen und verständlich präsentiert würden. Dies ist zum Beispiel auch erforderlich, wenn der Brief vor dem Absenden noch einmal mit einer Mail zum Gegenlesen an einen Freund gesendet werden soll — denn natürlich soll dabei auch das zugehörige Foto in die Mail aufgenommen werden.

So viel Einsicht kommt schon beim kurzen Nachdenken darüber auf, wie es aussähe, wenn sich Software am Denken der Menschen orientieren würde. Keines der bis jetzt beschriebenen Features wäre ein unlösbares Problem oder auch nur mit besonders großen Schwierigkeiten verbunden; dennoch wäre eine solche Arbeitsweise für die meisten Menschen eine große Erleichterung.

Darüber hinaus müsste gemeinsames Arbeiten unterstützt werden, wobei das verwendete Netzwerk zwischen den Computern genau so unsichtbar bleibe wie der technische Speicherort der bearbeiteten Projekte. Die eben angedeutete Mail an den Freund kann dazu führen, dass der Freund einige Korrekturen anbringt und diese zurücksendet — eine solche, korrigierte Fassung sollte einfach als neue Version übernommen werden können, was ebenfalls nicht besonders schwierig wäre.

Die größte technische Schwierigkeit stellt sich beim gemeinsamen und gleichzeitigen Arbeiten an Projekten über beliebige Netzwerke, hier habe ich spontan keine gute Idee, wie so etwas dem Anwender verständlich präsentiert werden könnte und in welcher Weise die erforderlichen Privilegien an andere Nutzer vergeben werden sollten. Denn. Bei einem solchen Arbeiten stellen sich auch Sicherheitsprobleme.

Ich wollte hier auch keinen direkt umsetzbaren Entwurf präsentieren, sondern nur etwas aufzeigen: Es ist denkbar und in vielen Aspekten nicht außerordentlich schwierig, alles Tun am Computer in einer Weise zu präsentieren, die dem Anwender in seinen Aufgabenstellungen entgegen kommt. Wenn dies nicht getan wird, liegt es nicht an schwierigen Problemen, die sich damit verbänden, sondern allein daran, dass beide Gruppen, jene Spezialisten, die Software schreiben und jene Kaufleute, die Software vermarkten, keinen Gedanken an den Anwender verschwenden.

Die Lüge von der Benutzerfreundlichkeit

Es reicht für die Kaufleute und die Programmierer hin, wenn man die technischen Konzepte der Sechziger Jahre in einer optischen Darstellung präsentiert, die sich mit dem Wort von der „Benutzerfreundlichkeit“ gut vermarkten lässt. Natürlich wird die Software kein bisschen „freundlicher“, wenn sie abstrakte textuelle Metaphern durch ebenso abstrakte visuelle Metaphern ersetzt. Ganz im Gegenteil, es handelt sich um ein recht gutes Geschäft, und die Schulungen und Bücher, in denen der verwunderte Anwender nachlesen kann, wie man so „freundliche“ Software bedient, sie werden gekauft und gelesen. Es gibt ja nichts anderes, also muss sich jeder Mensch in diese Konzepte einarbeiten, wenn er etwas mit einem Computer tun will. (Wer glaubt, dass das leicht sei, hat in der Regel nur vergessen, mit welchen Schwierigkeiten er anfangs zu kämpfen hatte. Eine einzige Stunde, die man mit einem „Anfänger“ zusammensitzt, um ihn „den Computer“ zu erklären, kann einem wieder die Augen für das Unfreundliche gegenwärtiger Software öffnen.)

Ein Bemühen um Software, die dem Menschen in seinen Absichten entgegenkommt, wäre schlecht für das sekundäre Geschäft mit der Software, für das Geschäft mit Büchern, Schulungen und Nichts sagenden Zertifikaten. Allein deshalb ist nicht zu erwarten, dass sich kommerziell erstellte Software in Zukunft besser an die Denk- und Arbeitsweisen von Menschen anpassen wird. Leider ist auch im Bereich der großen freien Software-Projekte keine Tendenz zu erkennen, über die inzwischen gut ausgereiften technischen Grundlagen eine Schicht zu erstellen, die den Computer in Begrifflichkeiten des Anwenders verfügbar machen könnte und diese Schicht bis in die Desktop-Projekte durchdringen zu lassen — was schade ist, denn sonst würde ausgerechtet in diesem als kryptisch bewerteten Bereich eine wahrhaft benutzerfreundliche Alternative entstehen. Aber stattdessen wird nachprogrammiert, was man in den kommerziellen Desktops sieht — bis hin zu ihren ärgerlichsten Schwächen und ihrer infantilen Buntheit und Effektheischerei…

Und so. Wird es wohl auch in zehn Jahren immer noch keine Software geben, die das Attribut „benutzerfreundlich“ auch nur in Ansätzen verdiente. Zum Schaden. Aller Menschen, die Computer benutzen oder benutzen müssen. Dafür wird man wohl auch in zehn Jahren noch der Meinung sein, dass es eine große Erleichterung für die Menschen ist, wenn sie zum Speichern auf das Bild einer Diskette klicken, obwohl die Jüngeren dann schon gar nicht mehr wissen, was eine Diskette ist.

Und niemand. Wird sich fragen. Warum man überhaupt explizit speichern muss und sich auch noch so etwas technisches wie einen Speicherort und einen Dateinamen ausdenken muss. Warum die verwendete Software nicht „bemerken“ kann, dass das Dokument, auf dem man seit zehn Minuten wie ein Berserker herumtippt, eine gewisse Wichtigkeit haben könnte. Niemand wird sich solche Fragen stellen, es stellt sie ja auch heute niemand. Jeder wird es hinnehmen, weil man eben so „am Computer“ arbeitet und jeder wird der Reklame glauben, dass alles sehr „benutzerfreundlich“ sei. Gut, dass es Bücher und Schulungen gibt, wird vielleicht noch mancher anhängen, denn das ist ja doch alles ganz schön komplex. Und. Dass man in unaufgeräumten Verzeichnissen manchmal eine halbe Stunde lang einen bestimmten Text sucht, kennt jeder als Normalität. Es gibt ja nichts anderes. Als. Das. Dateisystem. Und einige Konventionen, mit denen man sich jeden Tag um seine Schwächen herumarbeitet.

Deutsches Sommerflattern

Eine einsame Fahne an einer anonymen und kalten Hochhausfront

Dieses vereinsamte Fähnchen, das auf einem Balkon an einer wandkalten, anonymen Front eines Wohnbunkers in den stinkenden Wind gehängt wurde (untere Reihe, zweiter Balkon von links), es gibt einen klareren, deutlicheren und fühlbareren Eindruck von der bitteren deutschen Wirklichkeit im Juni 2008 als alle medial gestützte Vaterlands-Inszenierung im Bierdunst am Rande einer großen, kommerziellen und recht langweiligen Sport-Veranstaltung.

Gesehen in Laatzen bei Hannover. Mit fröhlichem Gruß an Jogi.

Nachtrag

Ich konnte meinen neulich verfassten, kleinen Text über die „neuen Denkmäler“ am alten Nazi-Denkmal „Maschsee“ leider nicht mit einem Foto des darin beschriebenen Verbotsschildes würzen, weil ich im Vorübergehen keine Kamera zur Verfügung hatte. Aber ich nahm mir vor, dieses „Denkmal“ in seiner ganzen menschlosen Kälte bei nächster Gelegenheit internetöffentlich zu dokumentieren, und genau das habe ich heute getan. Hier eines der Schilder, die schmerzrot am Zaune vor einem vormals öffentlichen Orte prangen:

ACHTUNG! Außerhalb der Öffnungszeiten wird das Gelände mit Infrarotkameras und Wachhunden gesichert. Betreten streng verboten!

Auch die hier vorgenommene Korrektur mit dem Aufkleber „Verbote bekleben!“ in stilechter Verkehrsschrift macht dieses Artefakt der neuen Zeit nicht fröhlicher.

Die eigentliche Protestwahl

Nicht das auffallend gute Abschneiden der NPD bei den Kommunalwahlen in Sachsen ist eine Protestwahl, wie momentan etliche Vertreter der übrigen politischen Parteien in der BRD eifrig in die Mikrofone hineinblubbern, um auf diese Weise den recht verlogenen Eindruck zu erwecken, dass faschistoides Gedankengut etwas sei, was in Deutschland keinem Menschen zu eigen wäre — man muss schon vieles in Bildzeitung, INSM-Propaganda und Glotze übersehen, um dieser dummen Erklärung folgen zu können.

Die eigentliche Protestwahl in Sachsen ist etwas ganz anderes und übrigens noch viel deutlicher als diese fünf Prozent NPD-Wähler. Wenn bei einer Kommunalwahl, bei der es nun einmal um Politik in ihrer für die Menschen direkt fühlbaren Form geht, nicht einmal mehr die Hälfte der Wahlberechtigten irgendein Kreuzchen auf diesen Zetteln machen wollen, die einem bei Licht betrachtet auch gar keine Wahl lassen, denn ist genau das der eigentliche Protest. Dass sich eine Mehrheit der zur Wahl gerufenen Menschen von den Angeboten des derzeitigen politischen Marktes nach Jahrzehnten schamloser Verschaukelung nicht mehr vertreten fühlen, das ist ein sehr viel deutlicheres Zeichen als diese recht kleine Minderheit der für eine leicht bräunliche Partei abgegebenen Stimmen. Diese Wirklichkeit lässt sich auch nicht dadurch vom Tisch wischen, dass in der Fortsetzung dieser Verschaukelung schon wieder mit eingespielter Beflissenheit nach der Wahl im „Willen“ des Wählers gedeutelt wird, dass sich die Balken dabei nur so biegen. Wenn diese Verachtung der Menschen nicht bald ein Ende findet, darf sich niemand darüber wundern, wenn es in gar nicht so ferner Zukunft zu ganz anderen Formen des Protestes kommt — und es wäre auch nicht überraschend, wenn sich gewisse Menschenfänger mit einem Talent zum Populismus aus diesem Protestpotenzial bedienen würden.

Die gegenwärtige Umdeutung des Wahlergebnisses ist nur das übliche Zurechtbiegen der Wirklichkeit durch die Vertreter des gleichen, lichtscheuen politischen Gesindels, das die beklagten Zustände jeden Tag mit seinem Tun hervorbringt. Es wäre vollends lachhaft, wenn es nicht von so vielen Menschen ernst genommen würde.

Zweierlei Maß

Ich hätte ja mehr Zutrauen darin, dass die Polizei in der BRD unparteisch und zum Nutzen aller Menschen ihre Aufgaben erfüllt, wenn gegen den massenhaften Missbrauch des Signalhornes nach einem Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft genau so entschieden, überzogen und in Grenzfällen brutal vorgegangen würde wie gegen den massenhaften Gebrauch des Demonstrationsrechtes angesichts eines so genannten G8-Gipfels oder einer ähnlichen massenmedial nutzbaren Propaganda-Veranstaltung.