Vielleicht kann nichts anderes den übergroßen, an eine Zwangsneurose erinnernden Wahn verdeutlichen, alle Bereiche des Lebens bis ins letzte Detail reglementieren zu wollen, wie jene sinnlosen Verkehrszeichen, die dem Vorübergehenden beim bloßen Hinschauen ins Auge poltern. Das folgende Foto habe ich auf der Fössestraße in Linden bei Hannover genommen — es steht exemplarisch für jede Menge anderen Unfuges in der Regelung des Straßenverkehrs:

Eine vollkommen sinnlose Ampelanlage

Da der zum Brüllen komische, absurde Unsinn auf einem solchen Foto nicht so klar sichtbar ist, hierzu noch eine kleine Erläuterung. Zu sehen ist hier eine Ampelanlage vor einer Ausfahrt, die abgeschlossen ist. Diese Anlage gebietet in regelmäßigen Abständen mit ihrem roten Lichtzeichen den Radfahrern und Fußgängern, dass sie auf das grüne Licht warten sollen. Um. Den Autoverkehr aus einer abgeschlossenen Ausfahrt freizugeben. Das tut diese Anlage mit mechanischer Präzision den ganzen, lieben Tag lang. Obwohl die tagsüber kaum benutzte Ausfahrt zur Erhöhung des Hohnes auf den Verstand der Passanten beinahe immer verschlossen ist. Diese Wartebefehle an die Menschen sind ein geistloser, technokratischer Selbst-Zweck. Diese Verkehrsregelung ist vollkommen unnütz. Sie zu installieren, hat gewiss einen Haufen Geldes gekostet, mit dem ich vielleicht zwei bis fünf Jahre lang ohne zu betteln leben könnte; und sie zu unterhalten, ist wohl auch nicht kostenfrei. Diese Ampel steht an dieser Stelle nur, weil sich irgendwelche anonym bleibenden, aber unterdrückerisch handelnden Bürokraten hinter ihren Schreibtischen und ihren Leitzordnern voller Vorschriften und Käse verschanzen können, um „ihre Arbeit zu machen“ und alles das zu regeln, was nach den Vorgaben ihrer Leitzordner eben geregelt werden muss. Und sie steht da. Um zu zeigen, wo es in Deutschland lang geht.

Dass diese Ampel von beinahe allen Fußgängern und Radfahrern durchgehend ignoriert wird, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Dass ich schon selbst im Vorübergehen erlebt habe, dass aus diesem Grund von offensichtlich gelangweilten Polizeibeamten Ordnungsgelder kassiert wurden, wohl auch nicht — auch diese können sich hinter ihrer Uniform verschanzen, wenn sie „ihren Dienst“ tun, so sinnfrei er in solchen Aspekten auch sein mag. Wer eine Uniform trägt, legt eben allzuoft seinen Verstand zusammen mit seiner Zivilkleidung dann in der Garderobe ab, wenn sein Dienst beginnt. Diese geistlose Form der Durchführung polizeilicher Aufgaben spiegelt klar den geistlosen und maschinellen Zwang solcher Anlagen wider, sie ist ebenso Selbst-Zweck, ein „Dienst“ von Apparaten für die Bedürfnisse von Apparaten.

Für beinahe alle anderen Menschen ist diese Ampel nur ein sinnloses Stück „normalen Irrsinnes“, der mit einem Achselzucken hingenommen wird. Wie so mancher andere „normale Irrsinn“. Leider auch. Die einzigen Zeitgenossen, die von diesem „Irrsinn“ profitieren würden, sind die wenigen Nutzer des fast durchgehend abgesperrten Parkplatzes, der hinter dieser Ausfahrt liegt. Denn dank dieser Ampel könnten sie von „ihrem“ Parkplatz fahren, ohne nach rechts oder links schauen zu müssen. Das ist. Genau die richtige Haltung für einen Menschen, der seinen entschiedenen Blick nach vorn durch das tägliche Tragen von Scheuklappen erkauft. Da die sinnlose Lichtzeichenanlage aber von den allermeisten Menschen mit einem Restgefühl der eigenen Würde ignoriert wird, erfüllt sie nicht einmal diesen Zweck.

Diese Ampel ist typisch deutsch. Sie ist fast ein Kunstwerk, in dem sich in lächerlicher Weise komprimiert, welche Haltungen Deutschland „groß“ und gleichzeitig „klein“ und kleinlich statt großzügig machen. Wenn mir ein heimatloser Mitmensch (mit meist bescheidener Beherrschung seiner eigenen Muttersprache) erzählt, dass er stolz darauf sei, ein Deutscher zu sein, muss ich an diese Ampel denken. Das nimmt solchen Situationen vieles von ihrem künstlichen Ernst. Und. Wenn ich sehe, dass zurzeit überall Menschen ihren fehlgeleiteten Nationalismus dadurch ausdrücken, dass sie kleine Bundesflägchen an ihren Autos anbringen und auf dem Arbeitsweg durch die stinkende Luft ziehen, nur weil eines der größten kommerziellen Medienereignisse der Jetztzeit vor der Tür steht, denn muss ich auch an diese Ampel denken. Es ist diese Ampel (und die vielen anderen, in ihrer Idiotie nicht minder realsatirischen Versuche, alle Bereiche des Seins zu reglementieren), die mir hilft, das heutige Deutschland zu verstehen. Und. Trotzdem noch manchmal lachen zu können.

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