Der tierhafte Ernst und das tierhafte Unverständnis — Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Mensch und Tier scheint darin zu bestehen, dass Menschen eine Einsicht in die zwangsläufige Tatsache ihres eigenen Todes erwerben können, ja, dies sogar müssen, wenn sie nicht vollends verblödet sind. Diese eine Einsicht. Verfügt durchaus über das Potenzial, ein Individuum wenigstens aus der Humorlosigkeit seiner existenziellen Bedingtheit in der allgemeinen Lebensnot zu erheben, wenn sie nur nicht angstvoll verdrängt wird. Der bewusstlose, tierhafte Ernst, der so vielen Verhaltensmustern irdischer Lebensformen anhaftet und ihnen zuweilen beinahe die Gestalt physikalischer Kraftwirkungen wie etwa der des Magnetismus gibt, er spiegelt den Ernst wider, der dort entsteht, wo die Begrenztheit und das Vorübergehende des eigenen Seins nicht erfasst werden können und deshalb nicht zum Handeln führen. Wer erst einmal bewusst ein Vorübergehender geworden ist, kann darüber oft nur lachen, ohne dass er dabei vollends zynisch würde.

Der Schwung der Kultur — Sowohl in der Entwicklung eines menschlichen Einzelwesens als auch in der Geschichte der Menschheit ist die Einsicht in die eigene Sterblichkeit ein schweres intellektuelles Problem und damit ein Ansporn zu großer geistiger Mühsal. Die bewusst wahr-genommene Tatsache des eigenen Todes, die jeden Menschen zu einer vorübergehenden und vergänglichen Erscheinung macht, wird zum Motor eines überpersonalen kulturellen Prozesses und bringt beachtliche Leistungen hervor, die überall dort fehlen, wo die Einsicht in die gebieterische Bedingung der individuellen Sterblichkeit unterdrückt wird. Ein kultureller Zerfall ist immer auch ein deutliches Zeichen für eine zunehmende Verdrängung des Todes. Und. Er führt immer auch in gesellschaftliche Zustände hinein, die in ihrer Verdummung und damit in der Verneinung des Individuums und in der Reduktion seiner Handlungsoptionen auf ein bloßes Verhalten-können ein eher tierhaftes Gepräge haben, dass oberflächlich an einen In-sekten-staat erinnert. Nur unter den Bedingungen eines solchen kulturellen Zerfalles. Ist etwa eine Verhaltensforschung am Menschen überhaupt möglich.

Die unsterbliche Seele — Die Einsicht in die eigene Sterblichkeit ist eine jüngere und höhere Funktion des bewussten Geistes. Den ebenso vollgültigen, aber unbewussten psychischen Möglichkeiten eines Menschen ist eine solche Einsicht nicht zugänglich. Die Psyche, in diesem Zusammenhange oft als „Seele“ bezeichnet, sie weiß nichts von ihrer Begrenztheit und Sterblichkeit, sie ist in dieser Frage einem tierhaften Narzissmus verhaftet und vollkommen dumm. (Sie ist es nicht in jeder Frage.) Das mag der tiefere Grund dafür sein, dass so vielen teilbewussten Techniken zur Verdrängung des Todes die Auffassung zu Grunde liegt, dass es im Menschen einen inhärent unsterblichen Anteil, eben eine Seele, gäbe — eine solche Auffassung deckt sich schließlich mit dem psychischen Selbstspiegel des sich so um die Wirklichkeit Betrügenden und kann allein aus dieser einen Erfahrung heraus genügend überzeugende Kraft entfalten, dass eine weitergehende bewusste Analyse dieser Konstruktion aus Bequemlichkeit unterlassen wird. Der Verzicht auf diese Form der Todesverdrängung würde schnell die Frage nach der stofflichen Bedingtheit des eigenen seelischen Anteiles aufwerfen und dabei wie von allein die Sterblichkeit auch der Seele als zwar unbequeme, aber doch hilfreiche und fröhliche Einsicht hervorbringen.

Hokuspokus — Der Aberglaube, und zwar jeder Aberglaube in seinem unverlarvt mit Fantasien psychischer Allmacht spielendem Zauber. Ist nichts weiter als ein leicht verzerrtes Abbild noch verbliebener, älterer psychischer Schichten aus der jüngeren Entwicklung der Menschheit im Spiegel einer für das Individuum zwar bequemen, aber auch unnötigen, unnützen, verantwortungslosen und in ihrer Bequemlichkeit recht unverschämten Dummheit. Er kann aber gerade durch seine oftmals rohe, sich der Einsicht aufdrängende Form mehr über den so genannten „Glauben“ der Religionen offenbaren, als es dieser religiöse „Glaube“ in seiner bestehenden, konventionellen und damit stark verschliffenen Form tun könnte. Auch darin. Dass die Tatsache der eigenen Sterblichkeit und Begrenztheit im Aberglauben durch den darbenden Trost einer schier unbegrenzten psychischen Wirkmächtigkeit verdrängt wird, die allerdings vom abergläubischen Menschen als hohen Preis fordert, dass er nicht reflektiert und verantwortungsvoll handle, sondern sich blind seinem Aberglauben entsprechend verhalte.

Die Religion des Todes — Zu den kulturellen Errungenschaften des Menschen, die der Einsichtsmöglichkeit in die eigene Sterblichkeit und den damit verbundenen psychischen und intellektuellen Problemen enthüpften, gehört auch die Religion. Das Todgeburthafte jeder Religion zeigt sich überklar im zentralen Platz, den Väterchen Tod im Gefüge des „Glaubens“ dieser Religion einnimmt. Das Angebot der Religion an die Menschen ist es, sich an der eigenen Sterblichkeit vorbeizumogeln, hierzu wird eine Form des umgewandelten Weiterlebens postuliert. Es ist dabei nicht von besonderer Wichtigkeit, ob es sich hierbei — wie in den meisten Fällen — um die psychisch so mundende Idee der „unsterblichen Seele“ handelt; oder ob eine Auferstehung der Toten postuliert wird, als würden diese sich nur kurz schlafen gelegt haben; oder ob gleich die Einmaligkeit des vorübergehenden Seins im linearen Zeitfluss geleugnet wird, indem ewige Zyklen des Existierenden behauptet werden, in welchen die Menschen reinkarnierend wiederkehren. Allen diesen Entwürfen gemeinsam ist die psychisch fatal wirkmächtige Leugnung des Todes. In der sich widerspiegelt. Dass der Tod das eigentliche Thema der Religion ist. Bei solcher Konstruktion nimmt es auch nicht Wunder, dass das Leben in allen seinen Möglichkeiten in so vielen Religionen eher gering geachtet, oft sogar offen verachtet wird. Die scheinbare „Todesverachtung“ jener, die sowohl sich selbst als auch andere Menschen kalten Herzens für ihre Religion opfern können, ist in Wirklichkeit nichts als Lebensverachtung.

Der Gott als Homunculus — Der Götterglaube ist ein Fortschritt der Erkenntnis gegenüber dem himmelschreiend dummen Aberglauben. Wo der Aberglaube das psychische Bild magisch auszuübender, menschlicher Allmacht und unverwüstlicher Ewigket unreflektiert für wahr nimmt, da hat der Gottgläubige wenigstens die Einsicht vollbracht, dass es mit seiner Allmacht und Ewigkeit nicht so weit her ist. Leider ist er in der Erkenntnis mutlos geworden und deshalb auf halbem Wege stehen geblieben. Dabei wurde die psychische Tatsache einer eingebildeten, individuellen Allmacht als falsch erkannt, sie wurde aber nicht verworfen. Sondern. Auf eine nach eigenen Abbildern gestaltete Gottheit verschoben, wo sie sich nun austoben darf, ohne dass dem Verstande übergroße Zumutungen aufgebürdet würden. Wo das Glauben an die eigene Allmacht und Unsterblichkeit angesichts des begrenzten und schwachen Seins den Verstand zum brüllenden Lachen reizen würde, da kann nun im vollem, tierhaften Ernst und mit weihevollen Worten von der Allmacht und Ewigkeit eines Gottes gesprochen werden. Das wahre Glaubensbekenntnis des Gottgläubigen müsste in Wirklichkeit etwa folgendermaßen lauten: „Im Anfang schuf ich Gott und gab ihm einen großen Anteil von meiner Allmacht. Und am Ende der Tage werde ich meine Allmacht von Gott zurückfordern und dann über Gott zu Gerichte sitzen.“ — angesichts einer solchen, in ihrem unreifen Narzissmus gnadenlosen psychischen Konstruktion verwundert es auch nicht weiter, dass kaum jemand selbst in seinem Leben so viel Respekt vor seinem Gotte zeigt, wie er es von anderen Menschen, oft auch mit aller Gewalt, einfordert.

Der Anblick einer Leiche — Wenn ein Toter daliegt, frisch verstorben und noch ohne Anzeichen des kommenden Zerfalles, dann wird klar, warum der Tod auch als eine Erlösung begriffen werden kann. Was da eben noch lebte, streitbar, mit Einsicht, Willen, Kraft und Absichten ausgestattet und in seinem Fließgleichgewicht der allgemein zunehmenden Entropie widerstrebend, das ist jetzt eigentümlich friedlich und widerstandslos gegenüber allem, was an ihm geschieht. Die noch frische Erinnerung an das einst so sinnlos kämpfende Leben und das nunmehr gleichfalls sinnlos herumliegende, von jeder Verantwortung befreite, indifferente und gleichmütige Sein im direkten Kontrast zueinander können auch beim Lebenden eine gewisse Sehnsucht nach dem Zustand des Todes erwecken. Der Schrecken des Todes ist bei weitem nicht so groß, wie er von der Propaganda derer gemacht wird, die ihre Macht aus der Verdrängung des Todes ziehen; der Schrecken des Lebens in seiner erbärmlichen Angst und Beschränktheit, in seinen Schmerzen und seiner sozialen Bedingtheit und Abhängigkeit ist da oft wesentlich größer. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass das Sterben der Menschen so weitgehend institutionalisiert und kommerzialisiert wird, dass die meisten Menschen niemals eine richtige Leiche zu Gesicht bekommen — zu leicht könnten die Mächtigen bei Verschärfung des Druckes auf die Menschen einen großen Teil ihrer menschlichen Verfügungsmasse durch den Freitod verlieren, wenn der Frieden des Todes in das allgemeine Bewusstsein dringt.

Hölle und Fegefeuer — Früher, als das Sterben noch nicht im Verborgenen stattfand, als man keine Horrorvisionen des Sterbens durch breitwirksame Massenmedien transportieren konnte und als jeder Mensch aus eigener Erfahrung wusste, wie ein Toter wirklich aussieht, musste der Schrecken des Todes auf andere Weise vermittelt werden. Hierzu wurden die überaus nützlichen jenseitigen Welten der Hölle und des Fegefeuers erfunden, in denen die weiterlebende Seele für lange lange Zeit gequält wurde; natürlich vor allem auch die Seele des Selbstmörders, der sich dem sozialen Druck verweigerte, statt sich wie gewünscht zu verhalten. Nicht bestimmt war jener albtraumhafte Ort jedoch für jene Herrscher, die ihr Volk für ein paar goldene Groschen verhökerten, damit sie besser ihre Pracht entfalten konnten, auch nicht für jene Generäle, die aus sicherer Entfernung mit dem Leben der Soldaten Schach auf dem Schlachtfeld spielten oder für jene in feinem Zwirn gekleideten und im teuren Duft gehüllten Kaufleute, die aus dem Hunger und dem Elend der Massen Profit schlürften — nein, diese Tätigkeiten wurden und werden geheiligt und als ein göttliches Prinzip erklärt. An der Zielsetzung der religiösen Konstruktionen lässt sich durch bloßes Hinschauen erkennen, wessen Stimme in der religiösen Verkündigung wirklich klingt. Und damit auch. Wer von der allgemein geförderten Todesverdrängung und von der Verschrecklichung des Todes in besonderer Weise profitiert. Damals. Wie. Heute. Wer vor der Hölle im Jenseits Angst macht, will damit die Hölle im Diesseits erhalten. Und. Macht meistens einen ganz guten Schnitt dabei.

Die Hinterbliebenen — Wo der Gestorbene sich auflöst und seine einstige Körpermasse sich in wehrlose materielle Bausteine wandelt, da haben die Weiterlebenden psychische Arbeit zu leisten. Denn der Tote spukt weiter in ihren Assoziationen umher; sein Fehlen dort, wo er einst stets war, löst eine Abwehrreaktion aus, die dazu führt, dass man sich seiner erinnert. Die Zumutung des Todes wird nicht einfach hingenommen, der Tote wird nicht in seinem Totsein belassen; vielmehr wird sein Weiterleben von den Hinterbliebenen im psychischen Spiegel der Wirklichkeit simuliert. Da der Tote bei einer solchen Instrumentalisierung nicht mehr widersprechen kann, wird ihm dabei auch mancherlei Gewalt angetan, woran sich ein Toter jedoch naturgemäß nicht weiter stört. Es entsteht eine formbare und geisterhaft dünstelnde Persönlichkeit, die locker an eine einst konkrete Person gebunden ist und zur nützlichen Rechtfertigung für allerhand Unfug genommen werden kann. Dies ungefähr, nur in größerem Maßstabe, ist das Schicksal aller großen „Religionsgründer“ geworden, und es ist auch das Schicksal derer, deren Denkmäler überall im Lande gestreut werden, um damit Zustände zu rechtfertigen, die von den konkreten Personen verachtet und mit bittersten Spott belegt worden wären. Daran sollte man denken, wenn ein Denkmal dazu auffordert, dass man an Goethe, Leibniz, Schiller oder gar an Hoffmann von Fallersleben denke.

Der Gedanke der Toten — Wenn die Toten noch einen Gedanken denken könnten, dann dächten sie gewiss oft, dass die Lebenden gar nichts Rechtes mit ihrem Leben anfangen können.

In Erinnerung an A.D.

Advertisements