Der unverfälscht infantile Trostchrakter der Religion wird darin offenbar, wie religiöse Menschen sprechen. Sie sprechen über das Objekt ihrer religiösen Verehrung wie von einem Gegenüber, in dessen dennoch unergründlichen Zielen sie geborgen und in dessen Allmacht sie sicher sind. Verläuft etwas in ihrem Leben unerwünscht, denn können sie vom „weisen Ratschluss“ dieses Gegenübers sprechen, der für sie gut ist und von dem sie dennoch nichts verstehen — die religiösen Menschen sind in diesem Stereotyp der Ausdeutung ihres Lebens ein Spiegelbild der ausgelieferten Situation eines Kindes gegenüber der Macht seiner Eltern. Da nimmt es auch nicht Wunder, dass die elterliche Metapher so beliebt für die Anrede dieses Gegenübers ist, dass der ferne und doch nahe geredete Fetisch des religiösen Weltbildes so mühelos zum „Vater“ gerät. Zumal. Im Regelfall der Familie der wirkliche Vater meist jemand war, der ferne schuftete, um den modernen Segen des Geldes zu erlangen und deshalb nur selten verfügbar war. Aber. Immer noch gut dafür war, die Bestrafungen des Kindes ebenso wie die Belohnungen des Kindes auszuführen. (In jenen ländlichen Regionen, in denen diese alles Leben überschattende Gewaltstruktur der Familie noch Bestand hat, ist die religiöse Haltung unausrottbar.) Das gleiche Bild. Findet sich beim esoterischen Gegenüber des religiösen Menschen, der den braven und gefügigen Anhänger mit dem ewigen Zuckerbrot eines Paradieses belohnt, während er. Seinen unanständigen Kindern eine ewige Hölle aus Frost, Flammen, Exkrementen und Eiter als Strafe zuweist. Man mag sogar sagen. Dass sich in den recht wahnhaften Bildern der Hölle jene kleinere Hölle spiegelt, durch die hier zu viele Menschen in ihrer ausgelieferten Kindheit gehen mussten und müssen. Und. Die man „Erziehung“ nennt.

Ein Fundamentalist treibt diesen Trostcharakter seiner Religion auf die narzistische Spitze, indem er sich des dazu sehr nützlichen Bildes vom Satan bedient. Misslingt ihm, wonach ihm der Sinn steht, so ist dies „vom Satan“; misslingt ihm hingegen, wozu er eine eher indifferente Stellung hatte, so „weiß eben Gott allein, wozu das gut ist“. Nichts könnte klarer machen, dass der „Gott“ dieser Menschen ihre eigene Schöpfung ist, mit der sie sich zum Trost über einen psychologischen Umweg jene Allmacht erneut zusagen, die sie mit wachsender Einsicht in die Bedingtheit ihres eigenen Lebens abgeben mussten. Das Glaubensbekenntnis. Dieser Menschen. Sollte konsequenterweise so lauten:

Am Anfang schuf ich Gott.
Und.
Gab ihm
Meine Allmacht.
Und.
Am Ende der Tage
Werde ich meine Allmacht
Von Gott zurückfordern
Und
Über Gott zu Gericht sitzen.

Denn ich
Habe meine Allmacht wieder,
Und er
Hat die Verantwortung
Für all mein Scheitern im Leben.