C‘est le ton qui fait la musique — Adolf Hitler sagte einmal: „Was für ein Glück für die Regierenden, dass die Menschen nicht denken„. Man mag über die Intelligenz Hitlers denken, was man will, aber in der Kombination dieses Ausspruches mit seiner gesamten Inszenierung als „Führer des deutschen Volkes“ zeigt sich wenigstens, dass er genau erkannt hat, worauf es im Zeitalter der Massenmedien und einer meldungsgeilen Content-Industrie ankommt: Nicht auf Inhalte, sondern auf die passende Aufführung und den passenden Ton. Wenn man heutige Wahlplakate und die heutigen Aufführungen zur scheinbar demokratischen Legitimation der politischen Kaste sieht, muss man traurig feststellen, dass zumindest in dieser einen Einsicht immer noch Hitler gefolgt wird. Vor allem. Von denen, die es verstehen, regelmäßig zu gewissen Tagen ihre „demokratische“ Gesinnung plakativ und medienwirksam in Szene zu setzen.

Die wahre Revolution — Wenn der Fühlende und Denkende als ferner Betrachter einen politischen Umsturz erlebt, kann er sich jedes Mal über die Leichtigkeit verwundern, mit der sich die meisten Menschen an die „neue“ Situation anpassen können. Diese stehen und leben über Nacht für Werte und Überzeugungen, die noch den gestrigen grell widersprechen. Was sich in diesem Phänomen zeigt, ist die blindwütige Hörigkeit der Individuuen gegenüber den Strukturen der Macht, letztlich gegenüber den jeweiligen großen Gewalttätern. Diese Hörigkeit und die Verdrängungstechnik der Identifikation des ausgelieferten Opfers mit dem Gewalttäter zu überwinden, das erst ist der Beginn. Eines wirklichen Umsturzes.

Über die Moral — Die so genannte „Moral“, mit deren Vorgaben so viele Werke und Haltungen der Kälte, Roheit, Grausamkeit begründet werden, sie ist nichts weiter als eine Form der Prothese, mit der die Menschen eine schwere Behinderung ausgleichen wollen. Diese Prothese wird nur von jenen getragen, denen wirkliche Güte und Wärme fehlen; sie kann — wie etwa eine Prothese für ein fehlendes Bein — ihren Träger dazu verhelfen, dass er ein bisschen laufen kann. Und. Sie ist — wie jede Prothese — nicht etwas Warmes und Lebendiges, sondern etwas Kaltes und Mechanisches, zudem ein unnatürlicher, technischer Behelf. In einer Gesellschaft, die seit langem aus Trägern von Holzbeinen besteht, neigt man allerdings zu leicht dazu, ein warmes, fleischernes Bein für einen krankhaften und unnatürlichen Auswuchs zu halten, der zu amputieren und durch eine Prothese zu ersetzen ist. Diesen Vorgang nennt man Erziehung. Mit ihm einher geht die — moralische — Forderung, dass die so Erzogenen auch noch dankbar für das „gute“ Werk sein sollen, dass an ihnen ausgeführt wurde.

Das elfte Gebot — Das letzte und letztlich wichtigste Gebot der Moral lautet: Du sollst vergessen und verdrängen, wie viel Schmerz dir die erlebte Deformation bereitet hat! Wenn du den Schmerz dennoch verspürst, sollst du ihn abwehren! Entweder, indem du die daran hängenden Affekte an anderen Menschen auslebst und zum Faschisten wirst. Oder. Indem du Psychologe oder Sozialpädagoge wirst und anderen dabei hilfst, ihren Schmerz abzuwehren. Oder. Indem du deine eigene Lebendigkeit verleugnest und die darauf folgerichtig fühlbare Leere mit allerlei sinnlosen, aber die Sinne stopfenden Tätigkeiten übertünchst. Vom allgemeinen, unreflektierten Vergnügt- und Unterhalten-Sein führt ein direkter Weg zu einem entmenschten, alles ordnenden und organisierenden Staatswahnsinn und schließlich sogar zu Mordanstalten, die so weit außerhalb der allgemeinen Aufmerksamkeit liegen, dass sich jeder erfolgreich einreden kann, er wisse davon nichts.

Fiat nox — Am Anfang des Prozesses, der über die Gesellschaften abläuft, stehen nicht etwa einzelne, äußerliche Ereignisse, die dem Bewusstsein und damit auch der bewussten Kritik zugänglich wären. Sondern. Die Selbstverständlichkeit ungezählter Momente im Mit-Ein-Ander, die deshalb allzu leicht verdrängbar sind, weil kaum ein Mensch jemals imstande ist, sie zu beschreiben; die in ihrem Frost kaum fühlbar sind, weil in Vergessenheit geraten ist, dass es überhaupt etwas anderes geben kann. Die verdrängte Angst und die ebenso verdrängte, permanent erlebte Demütigung des Ausgeliefert-Seins verschieben sich zu dumpfem Zorn. Entweder gegen das eigene Selbst, oder gegen äußere Ersatzziele. Nachdem der Affekt seine ursprüngliche Gestalt und Richtung verschoben hat und damit entfremdet wurde, ist er relativ leicht steuerbar. Dass. Das geschieht, zeigt sich fast überall durch bloßes Hinschauen.

Perpetuum mobile — Ein von Anfang an zerbrochener Mensch wird die Sklaverei gar nicht bemerken, sondern geradezu als eine Erlösung begrüßen — wie auch alles andere, was eine Fortsetzung dessen bedeutet, was er niemals bewusst überwunden hat.

Er-Innerung — Ohne die Bewusstwerdung und vollständige Aufdeckung der unbewussten Mechanismen der Macht und ihrer psychischen „Legitimation“ ist es nicht möglich, die objektive Kälte zu überwinden. Was nach außen projiziert wurde, muss in seinem ganzen Schmerz als innerer Zustand gefühlt und betrauert werden, der damit verbundene Schmerz ist unvermeidbar. Die häufigen Versuche einer ausschließlich rationalen Behandlung psychischer Wahrheiten sind ebenfalls Versuche der Verdrängung. Die. Überdem in der Tatsache, dass sich ein Mensch wie ein fremdes Objekt zu betrachten sucht, das verheerende Ausmaß der Entfremdung zeigt.