Manchmal findet sich sogar ein dürrer Funken Aufklärung in so einem Werbeblatt wie der überreich beworbenen „Apotheken Umschau“, und manchmal sogar etwas Aufklärung über die Werbung, die mit ihrer Allgegenwart jedes Menschen Sinn verzerrt — natürlich nur als kleine Randbemerkung im „redaktionellen“ Teil:

Wie Werbung wirkt - Steht das Emblem einer Fast-Food-Kette auf der Packung, mögen Kinder das Essen lieber, als wenn es neutral verpackt ist. Wissenschaftler der Stanford-Universität (USA) ließen Kinder zwischen drei und fünf Jahren sechs verschiedene Nahrungsmittel testen. Diese waren gleich zubereitet, aber unterschiedlich verpackt. Dass den meisten das Essen mit dem bekannten Aufdruck besser schmeckte, werten die Forscher als Beweis, dass Werbung die Geschmackswahrnehmung beeinflusst.

Um die hier beschriebene Erscheinung auf den Punkt zu bringen: Die ununterbrochene Konfrontation der Menschen mit Werbung führt zu einer Veränderung der Verarbeitung von Sinneseindrücken durch das Gehirn. Dies lässt sich durch ein vergleichsweise einfaches Experiment schon bei Kindern nachweisen.

Es handelt sich bei Werbung also um einen Umwelteinfluss, der auch elementare Wahrnehmungen zu verändern vermag und in dieser Wirkung mit einer halluzinogenen Droge vergleichbar ist.

Der Unterschied zur halluzinogenen Droge liegt allerdings in zwei Punkten.

Erstens handelt es sich nicht um ein innerpsychisches und damit individuelles Phänomen, das durch externe Faktoren anders wahrgenommen wird, sondern um einen gesteuerten und zielstrebigen externen Eingriff in psychische Mechanismen, der zu einer wahnhaften Veränderung der Wahrnehmung in der Massenkultur führt. Der allgemeine Charakter dieses von Werbung induzierten Wahnes gibt den Inhalten des Wahnes zusätzliche Glaubwürdigkeit und erhöht sie zum normativen Maß.

Und zweitens kann diese zwangshypnotisch vermittelte Halluzination im Gegensatz zu gewissen Drogenräuschen niemals dazu führen, dass ein Mensch die Schemata seines eigenen Wahrnehmens besser kennen- und verstehen-lernt, sondern sie führt zur immer weiter gehenden Entfremdung jedes Einzelnen von sich selbst. Damit ist Werbung ein wichtiger Beitrag zu einer konsumistischen Gesellschaft, in der die Menschen nicht einmal mehr die menschliche Grunderfahrung machen, dass sie überhaupt etwas tun können.

Wer gegen die Werbung kämpft, der kämpft für sein eigenes Gehirn — und damit für etwas, was den Menschen zu mehr als einem nackten Affen machen kann.

Quelle des Scans: Apotheken-Umschau November 2007 A

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