Die ersten Christen außerhalb der jüdischen Gemeinschaften waren vor allem Rechtlose und Arme; sie waren die Sklaven und besitzlosen Arbeiter Roms, die mit ihrer täglichen Arbeit der besitzenden Schicht ein Leben in Dekadenz und Luxus ermöglichten. Wenn diese Menschen bei ihren heimlichen Zusammenkünften in sinnloser Hoffnung die Bitte des Vaterunsers „Deine Herrschaft komme“ murmelten, hatten sie dabei gewiss eine Vorstellung von einer Veränderung der gesellschaftlichen Zustände, unter deren ihr Leben erstickte.

Das unterscheidet sie von den Pfaffen der späteren christlichen Religion, die zwar gern die schriftliche Überlieferung aus den ersten Tagen benutzen und singselnd vor die Menschen bringen, aber ansonsten nicht an einer Veränderung derjenigen gesellschaftlichen Zustände interessiert sind, denen sie Privilegien und soziale Sicherheit verdanken. Jedesmal, wenn so ein Pfaffe mit feierlicher Geste und weihevollem Mund „Dein Reich komme“ spricht, meint er damit in Wirklichkeit, dass der beklagenswerte gegenwärtige Zustand der menschlichen Gesellschaften für alle Zeiten erhalten bleiben soll — oder doch wenigstens so lange, bis er sein Leben abgeschlossen hat. Was der Pfaffe beim gut bezahlten Zelebrieren seiner gleichermaßen kindischen wie zwangsneurotischen Zauberei ein „Gebet“ nennt, ist in Wirklichkeit ein respektloser Spott auf die Sanften und Zerschlagenen, die diese Worte einst angstvoll sprachen. Der. Gleiche. Zynische Spott. Ist. Die christliche Vertröstung der Menschen in ein Jenseits und die damit verbundene Heiligung der Enteignung ihres diesseitigen Lebens — den Räubern und Ausbeutern zur Freude, den Pfaffen zur Schande.

Fröhliche Grüße an M.K.