Nachdem sich die Wogen bezüglich der Aussagen von Eva Herman endlich geglättet haben, nachdem anderer aktueller Wahn diesen Wahn aus dem Top-Meldungen verdrängt hat, ist es Zeit für meine dunklen Gedanken zu ihrer Person, ihren Thesen und ihren so breit und überaus empört rezipierten Worten über die Zeit des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland:

[…] aber einiges auch sehr gut, zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter.

Wer mich der mangelnden Aktualität zeihen will, atme bitte einmal in aller Ruhe durch und bedenke, dass es noch nicht einmal eine Woche her ist. Aber ich hoffe, dass einige der Gedanken am Rande dieses Pseudoereignisses noch in einigen Jahren von einem gewissen, allgemeineren Gewicht sein werden. Wer sich über die folgenden ketzerischen Gedanken aufregt, hat sie richtig gelesen; wer mich einen Nazi schimpfen mag, hat sie zwar gelesen, aber nicht verstanden.

Spiel für Erwachsene — Für einen unaufgeregten, nachdenklichen, von ferne zusehenden Betrachter sah es aus wie das unter minder kultivierten und politisch entschiedenen Erwachsenen so beliebte Spiel „Ällabätsch, ich habe dich erwischt, du Arschloch! Und jetzt bist du dran…“, das sicherlich jeder in verschiedenen Situationen seines Lebens kennen gelernt hat. Die knackig-entschiedenen Reaktionen in den zentral organisierten Massenmedien, die sich mit wenigen Ausnahmen fast unverändert in der deutschen Bloggosphäre widerspiegelten, sie waren dermaßen künstlich erbost, dass sie gar nicht ernst genommen werden konnten und leider doch zu oft wurden. Das diesen gespielten — besser noch: diesen aufgeführten — Affekten zu Grunde liegende Weltbild war schattierungslos schwarz-weiß, und zwar völlig unreflektiert. So manches, was sich in diesem viel zu ernst genommen Spiel für Erwachsene aus berufenem Mund hören ließ, es wirkte inhaltlich und stilistisch gar nicht so sehr anders als typische Reaktionen von Bildzeitungs-Lesern.

Die nachfeministische Zeit — Der Feminismus ist längst nicht mehr das, was er einmal war und was auch historisch Not-wendig war. Wo einst wie im Kampfe Davids gegen Goliat (siehe 1. Sam, 17, 31-51) Frauen aus aussichtslos wirkender Position heraus fernab des gesellschaftlichen Konsens ihren Anteil am unabdingbaren Menschenrecht einforderten, wo sie für sich die Möglichkeit erkämpfen wollten, dass auch Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen könnten, da ist jetzt ein etablierter Feminismus, der zu einer beachtlichen gesellschaftlichen Kraft geworden ist. Was sich einst gegen das männliche Etablissment richtete, ist nunmehr weiblicher Teil des Etablissments — die gesellschaftlichen Mechanismen wurden davon nicht einmal angekratzt, sowohl zum Schaden der Frauen als auch der Männer. In gewisser Weise leben wir schon in einer nach-feministischen Zeit, die Forderungen und Parolen des längst vergangenen Feminismus dienen nur noch dazu, gewisse Aufführungen zu machen. Als ein deutliches Beispiel dieser gewiss für viele provozierenden Behauptung mag es dienen, wie sehr sich ehemalige Vorreiterinnen des feministischen Bewegung inzwischen selbst im Etablissment vermarkten können, ohne dass sie für diesen Missbrauch des Feminismus irgendeine Konsequenz zu befürchten hätten. Es hat einer Alice Schwarzer offenbar nichts spürbares ausgemacht, ihr markantes Gesicht auf Plakaten in einer Werbekampagne der Bildzeitung verwursten zu lassen; der gleichen Zeitung, die in jeder Ausgabe Frauen in solch einer Weise im Warencharakter, als Objekte für die schnelle sexuelle Konsumption und als tägliche billige Wichsvorlage für Mitmensch Spießer präsentiert, als habe es niemals eine Frauenbewegung gegeben.

Etablierter FeminismusDer Feminismus der nachfeministischen Zeit ist der etablierte Feminismus, der durchaus entscheidenen Teil am gesellschaftlichen Prozess hat. Aus dieser Situation heraus reizt es schon, einmal einen Blick zurück zu werfen und zu schauen, was der Feminismus eigentlich denen gebracht hat, deren Interessen er zu vertreten vorgab und vorgibt, nämlich den Frauen. Wäre ich eine Frau, denn würde ich in solchem Rückblick ganz subjektiv — und damit viel objektiver als alles propagandistische Geschwätz — schauen, was der Feminismus mir gebracht hat. Genau das hat Eva Herman getan, und es ist davon auszugehen, dass sie es weiter tun wird. In solchem Rückblick reichte es ihr offenbar nicht aus, dass der alte, aus der Unterlegenheit geborene radikale Schlachtruf „Schwanz ab“ nun dergestalt umgewandelt wird, dass frau mit Macht ausgestattet jetzt den Jungen in der Gehirnwäsche der staatlichen Zwangsbeschulung ihren Penis und ihre geschlechtliche Identität absprechen will. Sie hat offenbar andere Bedürfnisse als das der Rollenumkehr und der psychischen Kastration der Männer, sie sieht auch keine „Freiheit“ in der imperativen Forderung des etablierten Feminismus nach weiblichen Karrieren, sondern möchte auch die Freiheit als Möglichkeit verwirklicht sehen, in einem als mütterlich verstandenen Frauenbild aufzugehen. Mit solchem Ansinnen hat sie sich gegen das Etablissment gestellt, und man wird dortens geradezu darauf gewartet haben, dass sie sich einmal verplappert. Die Reaktionen lagen schon bereit, die Kündigung durch den NDR war schon längst formuliert, nur der Grund musste noch gefunden, zur Not an den Haaren herbei gezogen und mit aller Kunst des Medienbetriebes aufgeführt werden.

Mangel an Professionalität — Wenn man Eva Herman überhaupt etwas vorwerfen muss, denn ist es der eklatante Mangel an Professionalität in ihrer Meinungsäußerung. Nach etlichen Jahrzehnten, die Frau Herman keineswegs mit ihren Kindern am heimischen Herd, sondern in der vordersten Reihe der Content-Industrie zugebracht hat, hätte sie wissen müssen, dass man in der BRD der Hitlerdiktatur nichts Gutes abgewinnen darf. Zu wichtig ist die Verdrängungsmethode der allumfassenden und unreflektierten Verdammung des Nazistaates, die in Deutschland schon seit zu vielen Jahrzehnten die bewusste Aufarbeitung der Vergangenheit ersetzt und irgendwann genau diejenigen Zustände in nur leicht abgewandelter Form hervorbringen wird, die sie abzuwehren sucht. Wer sich dieser mit großer affektiver Kraft aufgeladenen Verdrängung widersetzt, wird unbarmherzig abgestraft. Aus ihren achtzehn Jahren bei der Versachlichungs- und Entmenschlichungs-Sendung Nummer Eins im deutschen Fern-Sähen, bei der Tagesschau, hätte Eva Herman wissen müssen, in welcher Weise man noch den faschistoidesten Gedanken so verklausulieren muss, dass er nicht an die affektiven Kräfte der deutschen Geschichtsverdrängung rührt. Sie hätte es in dieser Zeit jeden Tag aus dem Munde deutscher Politiker und Wirtschaftslobbyisten lernen können, von Franz-Josef Strauß bis hin zu diesem Hundt, der die Interessen der Besitzenden gegen die neuen Armen vertritt und dem kein Schnitt in das Fleisch der Menschen tief und schmerzhaft genug ist.

Blindgläubig — Neben dem Mangel an Professionalität, den man Eva Herman vorwerfen muss, kann man ihr noch mit gutem Grund einen weiteren Vorwurf machen: Den Vorwurf der blinden Gläubigkeit gegenüber der nationalsozialistischen Propaganda. In dieser Gläubigkeit spiegelt sich Dummheit. Es ist ja nicht so, dass die nationalsozialistische Ideologie die familären Werte in der gleichen Weise verstanden hätte wie diese vielleicht einmal in früheren Zeiten verstanden wurden. Nein, die Familie im Nationalsozialismus hatte eine Funktion und wurde aus dieser Auffassung heraus propagiert und gefördert; es handelte sich um das Verständnis der Familie als Funktionsgemeinschaft. Die Aufgabe der Familie im Volkskörper war es, den reichsdeutschen militärisch-industriellen Komplex mit ausreichendem „Menschenmaterial“ für die ehrgeizigen Pläne der größenwahnsinnigen Nazis und der ebenso größenwahnsinnigen Industriellen an der Seite der Nazis zu versorgen. Die „Wertschätzung der Mutter“, die Eva Herman an diesem unmenschlichen System so überaus gut findet, sie entspricht der Wertschätzung eines Akku-Ladegerätes durch seinen Benutzer, der mit dieser Vorrichtung mobile Geräte immer wieder aufs Neue mit Energie versorgen will. Dass sich Eva Hermann durch ihre Identifikation mit einem solchen mechanistischen, von Mutterkreuzen behangenen und abgestempelten Beileidsbekundungen für die gefallenen Söhne getrösteten Mutterbild geschmeichelt fühlt, qualifiziert sie als eine Idiotin. Idiot ist übrigens das griechische Wort für einen „Menschen von eigenem Sinn“, für einen völlig auf sich selbst bezogenen Menschen, der von gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Zusammenhängen nichts wissen will; es ist keineswegs in seinem beleidigenden Sinn gemeint, sondern genommen, weil es wie kein anderes Wort zu dieser Frau passen will.

Gläubig — Vieles an der Empörung, die Eva Herman wegen ihres Frauenbildes entgegenschlägt, ist geheuchelt; die geäußerte Meinung entspricht völlig den Zielen großer gesellschaftlicher Kräfte. Sowohl die evangelisch-lutherische als auch die römisch-„katholische“ Kirche vertreten in jeder Stellungnahme zu Fragen der Familie genau die Standpunkte, die man Eva Herman so überaus übel nimmt, bei den meisten evangelikalen christlichen Sekten ist es eher noch etwas schlimmer. Nimmt man den jüngsten Nazi-Bezug einmal heraus, so könnte sich Eva Herman leicht auf einer Linie mit den großen, christlichen Religionsgemeinschaften sehen — und wenn man bedenkt, dass diese Gemeinschaften sich in der dunkelsten deutschen Zeit nicht zu schade waren, den Führerkult mitzutragen und gewisse Morde zu übersehen, so kann man Frau Herman wohl auch den kleinen, braunen Fehltritt der Zunge verzeihen, zumal doch mancher Nazi in den Kirchen große Karrieren machte. Ebenso könnte sich Frau Herman in den meisten muslimischen Gemeinschaften wohl fühlen. Auch wäre ein kleiner Nazi-Bezug bei vielen (mir bekannten) Muslimen gar nicht hinderlich, wenn sich dieser leicht zu einer Israel-Feindlichkeit umgestalten ließe. Überall, wo große religiöse Institutionen die Macht der Besitzenden stützen und erhalten, wäre eine Eva Herman willkommen. Wenn nur jeder, der sich über ihre Standpunkte aufgeregt hat, jetzt damit begönne, aus seiner Kirche auszutreten, die genau die gleichen Standpunkte vertritt, denn wäre viel für eine freiere, menschlichere und weniger faschistoide Gesellschaft gewonnen. Aber diesen Zusammenhang sehen weder die zentral organisierten Medien, die ja immer auch ein nützliches Sprachrohr des pfäffischen Gesindels sind, noch sehen ihn die meisten Blogger, die viel zu oft nur das wiederkäuen, was ihnen die zentral organisierten Medien ausgespieen haben.

Fröhliche Grüße an Mira deJaanoor

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