Man mag mich für „weltfremd“ halten, aber ich finde es beinahe bedrohlich, wie alle deutschen Medien in der von den Agenturen abgeschriebenen Meldung von der Wiederaufnahme des Prozesses um die Tötung von Hatun Sürücü stumpf das Unwort vom „Ehrenmord“ reproduzieren. Selbst die Website der Nachrichten des halbstaatlichen Rundfunks der BRD ist sich nicht zu schade, dieses Wort ohne Anführungszeichen zu verwenden, nur schwach abgemildert durch die Formulierung „[…] im sogenannten Ehrenmord-Prozess […]“.

Das Umbringen eines Menschen kann mit vielerlei Worten gerechtfertigt werden, man kann aus Hass, im Affekt, aus Liebe oder im Kampfe um irgendein höheres Ziel töten. Mit einer wie auch immer gearteten „Ehre“ hat das alles nichts zu tun. Dieser blutige „Ehrbegriff“, der vor allem zur sozialen Kontrolle der Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft durch ständig in der Luft liegende, mörderische Gewalt dient; er hat nicht nur unter Denkenden und Fühlenden nichts verloren, er steht auch jeder Grundlage eines einigermaßen erträglichen Miteinanders oder auch nur Nebeneinanders von Menschen entgegen.

Im quicken Geschäft der Content-Industrie haben solche Erwägungen jedoch keinen Raum. Wo die sekundenschnelle Übernahme der zentral ausgegebenen Agenturmeldungen zum Selbstzweck lichtschneller Medien geworden ist, da kann jedes noch so grausame Wort in das eingeflochten werden, woraus Menschen ihre Meinung bilden. Nur bei der letztlichen Formulierung der Überschriften zeigen die großen Medien noch eine Spur „Selbstständigkeit“. Diese zeigt sich denn in Anzeichen wie dem absurden Nebeneinander des Unwortes in Anführungszeichen im Titel und der ungeschwächten Übernahme im Text der Meldung, wie man es etwa zurzeit auf der Website von n-tv lesen kann — übrigens im Ressort „Vermischtes“, also im Nebeneinander scheinbar „belangloser“ Meldungen von Busenmonstern, Adelseskapaden und anderem boulevardeskem Unfug.