Zeitgenosse: Es scheint ja gar nicht so unwahrscheinlich zu sein, dass es an anderen Orten im Universum Leben gibt. Und die Menschheit steht vor riesigen, kaum zu bewältigenden Problemen. Wäre es nicht vielleicht eine gute Idee, in das Weltall herauszufunken, um eventuelle andere Zivilisationen um Hilfe zu bitten.

Nachtwächter: Aber Bruder, das tut die Menschheit schon seit vielen Jahrzehnten. Wenn es Zivilisationen in der Nähe gibt, wissen die schon längst über uns Bescheid.

Zeitgenosse: Davon habe ich noch nie etwas gehört. Ist das ein militärisches Geheimprogramm?

Nachtwächter: Oh nein, es geschieht ganz offen. Vor deinen Augen, du kannst es jeden Tag sehen und hören. Jede Rundfunksendung, jedes Fernsehprogramm strahlen wir auch in den Weltraum aus. Um die Erde herum breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit ein Radiokugel aus, ein Signal, das sich für andere technische Zivilisationen leicht als ein Signal technischen Ursprungs erkennen lässt. Eine fortgeschrittene Zivilisation ist gewiss im Stande, dieses Signal angemessen zu deuten. Wenn diese Zivilisation 40 Lichtjahre von uns entfernt ist, denn „sieht“ und „hört“ sie gerade US-„Aufklärungsfilme“ für die Bevölkerung, die zu heiterer Musik empfehlen, dass man bei einem Atomwaffenangriff unter den Tisch kriechen und den Kopf mit einer Aktentasche bedecken soll. Dazu werden Kindersendungen empfangen, in der Hauptsache von Walt Disney, die ein sehr seltsames Bild unserer Gedankenwelt zeichnen. Und in den Nachrichten hört die lauschende Zivilisation aus sicherem Abstand Meldungen des Gegeneinanders zweier Machtblöcke, die beinahe offen mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen. Hin und wieder gibt es aber auch ein religiöses Programm. Eine ganz große Übertragung gibt es zwei Mal im Jahr, wenn ein alter Mann in Rom in einer Sprache spricht, die kein Bewohner der Erde mehr versteht oder verwendet und zu dieser Veranstaltung erklärt wird, dass sich für die Lauschenden damit das Versprechen völliger Vergebung verbindet. Der weltweite Charakter dieser Übertragung wird auch in 40 Lichtjahren Entfernung noch auffallen, da die gleiche Sendung aus vielen, fast zeitgleichen Quellen kommt. Natürlich wird man dort auch hören, betrachten und zu verstehen suchen, was den Lebensformen auf der Erde wichtig ist, und man wird Werbung für Autos, Waschmaschinen, Zigaretten, alkoholische Getränke und Knabbergebäck sehen. Gewiss wird man sich nach dem Sinn dieser Sendungen fragen, aber anfangs wohl kaum verstehen können, worin er liegen könnte.

Zeitgenosse: Das klingt ja hoffnungslos!

Nachtwächter: Es wird aber noch schlimmer. Die fernen Wissenschaftler werden das Programm gewiss über Jahre, bis zum Ende verfolgen, da es Aufschluss über eine mögliche Kulturentwicklung gibt, der ihre Zivilisation glücklicherweise entgangen ist — vielleicht empfinden sie dafür sogar eine Art von Dankbarkeit. Sie werden mit sicherem Abstand die gesamte Entwicklung der Fernsehunterhaltung und die gesamte Geschichte der Massenkultur der Popmusik mitbekommen. Sie werden uns aus ihrer Warte kennenlernen als Wesen, die beim Hören der Musik der Beatles kreischend in Bewusstlosigkeit fallen und sich nach solchen Zuständen sehnen. Sie werden Filme sehen, in denen alle Probleme mit Gewalt und Mord und Faustfeuerwaffen gelöst werden. Sie werden politische Reden hören, und sie werden wichtige politische Ereignisse mitbekommen. Sie werden sich darüber wundern, wieso so schnell nach dem Attentat auf J. F. Kennedy ein Täter gestellt werden konnte, und sie werden Probleme haben, dieses reale Ereignis von gespielten Ereignissen zu unterscheiden. Diese Probleme werden im Laufe der Jahre immer größer, da in den vergangenen 40 Jahren der gesamte wirtschaftliche und politische Betrieb immer monströser wurde. Demnächst sehen sie die Übertragung der Mondlandung, und sie werden zunächst nicht erkennen, dass es sich nicht um eine billige Science-Fiction-Produktion handelt. Vielleicht werden sie es auch niemals erkennen, und vielleicht haben sie sogar mit ihrer Wertung recht. Natürlich werden sie unsere Technik zu interpretieren suchen, und dabei werden sie herausfinden, dass unsere gesamte Technik auf Verbrennungsvorgängen beruht. Auch aus der Ferne werden sie verstehen, dass wir einen aus verrotteten Pflanzen bestehenden schwarzen Schlamm aus der Erde pumpen, nur um ihn zu verbrennen und dass wir das für einen riesigen Fortschritt halten, obwohl wir die damit verbundenen Probleme nicht in den Griff bekommen. Sie werden auch richtig aus unseren Nachrichten deuten, dass wir einander ermorden, um den Zugriff auf den immer knapper werdenden schwarzen Schlamm zu sichern. Sie werden irgendwann bei den Attentaten auf das World Trade Center angelangt sein, und bestimmt werden sie erst glauben, es handele sich um gute special effects. Aber sie werden schnell erkennen, wie diese Bilder politisch instrumentalisiert werden, da sie bis dahin eine Ahnung von der psychischen Struktur des Menschen bekommen haben — schließlich haben sie ja auch den Papst, die Beatles und Billy Graham mitbekommen und aus sicherem Abstand zu deuten gehabt. Es ist ihnen sofort klar, dass das nichts Gutes bedeutet, und sie werden damit recht haben. Irgendwann werden sie nur noch darauf warten, dass die Sendung aufhört, dass ein letzter elektromagnischer Impuls oder die langsame Vernichtung der Lebensgrundlagen dieses reizvolle Experiment einer fernen Natur beendet. Wenn sie spielen, werden sie vielleicht sogar Wetten auf den Zeitpunkt abschließen. Im wissenschaftlichen Abschlussbericht stehen wohl die Worte: Sie haben alles verbrannt und sich untereinander umgebracht.

Zeitgenosse: Aber warum sollten sie denn nicht kommen und uns dabei helfen, unsere Probleme zu bewältigen.

Nachtwächter: Wegen unserer permanenten Sendung, wegen unserer Mitteilung in den Weltraum. Mit allem sagen wir nur eines: Bleibt lieber fern, denn wir sind nicht mehr zu retten.

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