Muss ein Blog ein Ziel haben?

Das an sich recht interessante Blog-Projekt „Ziele mit dem eigenen Blog“ geht einfach davon aus, und es möchte einen möglichst breiten Querschnitt dieser Ziele sammeln. Es gibt sogar schon praktische „Vorgaben“ für mögliche Antworten…

Egal ob viele Besucher, viele Backlinks, gute Freundschaften oder einfach nur Spaß! Es gibt keine Vorgaben, welche den Inhalt betreffen, es muss nur zum Thema „Ziele“ passen! Ihr müsst keinen Roman schreiben — das muss jeder selbst wissen — aber alles in zwei Zeilen zu packen, dürfte schwierig werden. 200 Wörter wären fein, muss aber nicht sein!

…und wahrscheinlich decken diese „Vorgaben“ auch vieles von dem ab, was in verschiedenen Varianten des Ausdruckes genannt werden wird. Gelesen werden wollen, Verlinkt werden wollen (aber nicht gelinkt), Spaß haben wollen. Einige Blogger werden sich gar schwer tun, an den nahe gelegten Umfang von 200 Wörtern mit ihrem Text heran zu kommen, sie werden sich aber dennoch einen abschreiben, da sie sich davon zusätzliche Verlinkung versprechen. Und das kann ja sogar das Ziel eines Blogs sein… 😉

Aber tatsächlich muss ein Blog gar kein Ziel haben. Die meisten deutschsprachigen Blogs haben denn auch kein erkennbares Ziel, sie sind mehr oder minder regelmäßig wachsende Sammlungen des Unwichtigen und Belanglosen. (Kurai wird mir in diesem Zusammenhang einen Link hoffentlich nicht verübeln.)

Und genau das ist gut. Es ist einer der Vorzüge einer jeden wirklichen Blogsoftware, dass man „einfach drauflos schreiben“ kann, ohne schon vor dem ersten Text strategische Entscheidungen über Navigationsstruktur, Gliederung und Benutzerführung zu treffen, wie man dies mit jedem „ausgewachsenen“ CMS tun müsste. (Ich weiß wirklich, wovon ich rede.) Diese Freiheit von strukturellen Lasten beim Schreiben führt zwar nicht gerade zu einer durchschaubaren und damit leserfreundlichen Anordnung der Inhalte, aber sie ermöglicht auch einem Menschen mit geringem technischen Verständnis die Mitteilung seines Lebens, seiner Betrachtungen, seiner Gedanken; und seien diese noch so trüb, sumpfig, spießig, medienbeherrscht, konsumgeil und öde.

Die strukturellen Mängel werden teilweise durch ein System der „Tags“ — ich bevorzuge ja das deutsche Wort „Etiketten“, glaube aber nicht, dass es sich jemals durchsetzen wird — oder Kategorien ausgeglichen, sehr viel mehr hilft aber die im Laufe der Jahre gewachsene Bedeutung der Suchmaschinen, die einen Großteil der Erstleser (und in der Regel auch nur einmaligen Leser) recht direkt zu den gesuchten und hoffentlich gewünschten Inhalten führen. Tatsächlich habe ich bei der Benutzung größerer Systeme immer wieder beim Blick in die Zugriffsstatistiken beobachten müssen, dass auch eine ausgeklügelte Struktur der Navigation von den allermeisten Lesern gar nicht verwendet wird, da Google ihnen den direkten Link liefert; regelmäßige Leser hingegen nehmen dankbar eine Übersicht der neuesten Inhalte an, die ja jedes Blog als primäre Funktion zu geben vermag. Diese Beobachtung ist einer der Gründe, warum ich mich inzwischen viel lieber in Form eines Blogs ausdrücke.

Mit dieser Eigenart des unstrukturierten Schreibens haben die Blogs gewissermaßen das ursprüngliche Versprechen des Internet erst wahr gemacht. Das Internet ist zu einem Ort geworden, an dem sich alle Menschen mitteilen können. Handelte es sich technisch im Prinzip schon immer um einen Verbund prinzipiell gleich berechtigter Rechner, so endete diese Gleichheit in der Regel an den verschiedenen Möglichkeiten und Kompetenzen ihrer Anwender.

Als ich vor einigen Jahren meine erste kleine Website baute, um ein paar Texte zu veröffentlichen, musste ich mich noch direkt mit der Auszeichnungssprache HTML auseinander setzen, um meine Inhalte ansprechend und navigierbar aufzubereiten. Viele Menschen, die sich damals auch hätten mitteilen wollen, wären gewiss an dieser Hürde gescheitert — mir machte es nur wenig aus, da ich von Anfang an als Programmierender an die Computer herangetreten bin. Heute kann sich jeder Mensch ohne besondere technische Vorraussetzungen ein kostenloses Blog bei einem der vielen Bloghoster holen. Wer weiter gehende Ansprüche hat, besorgt sich einen preiswerten Webspace mit den entsprechenden Möglichkeiten und installiert sich ein fertiges Blogsystem; dieser Vorgang stellt auch keine großen technischen Ansprüche mehr. Das anschließende Sich-Mitteilen ist von der strukturlosen Leichtigkeit des Bloggens geprägt.

Natürlich wird bei solcher Leichtigkeit auch der Inhalt des Mitgeteilten oft etwas leicht. (Sogar bei mir ist das oft der Fall.) Führte früher die Beherrschung der technischen Grundlagen zur Teilhabe an einer „Elite“, die sich auch durchaus elitär gebärdete und vor allem Zeit beim Schreiben nahm; so muss der Blogger sich heute durch Inhalt von der vielfach stumpfen Masse absetzen. Die Menschen, die im Internet am lautesten über die „neue Beliebigkeit“ klagen, sind auffallend häufig die Mitglieder der damaligen „Elite“, die immer noch nicht fassen können, dass heute kaum noch ein Mensch mehrere Tage an einer Mail schreibt.

Aber muss ein Blog ein Ziel haben?

Vielen Blogs, die mir übern Weg laufen, kann ich kein Ziel ansehen. Ihre Betreiber hatten vielleicht einmal ein Ziel, vielleicht sogar einen hohen Anspruch, aber das merkt man dem Blog nicht an. Manche sind dennoch lesenswert, die meisten nicht. Einige Blogs haben hohe und offenbar wohl formulierte Ziele, die jeder Leser diesen Blogs auch anmerkt — es handelt sich um die vielen politischen Blogs aus unterschiedlichen ideologischen Kontexten, um die vielen Blogs, die verschiedene Auswürfe des Journalismus kritisch und aufmerksam begleiten, um viele Versuche von Firmen, über Blogs Werbung zu transportieren oder Kundenbindung zu schaffen. Auch von diesen Blogs sind manche lesenswert, die meisten nicht. Was ändert sich an der Qualität, am Schönwert eines Blogs durch die Tatsache, dass beim Bloggen ein Ziel im Vordergrund oder auch nur im Hintergrund steht? In meinen Augen liegt dieser Unterschied im Bereich der außersinnlichen Wahrnehmung…

Was die Qualität eines Blogs ausmacht, ist die in jedem Posting durchschimmernde Persönlichkeit dessen, der da bloggt. Das Urteil darüber, wie es mit der Qualität meines Blogs aussieht, überlasse ich besser denen, die es lesen — jeder Schreibende ist verblendet genug, um sein eigenes Werk für großartig zu halten, da bilde auch ich keine Ausnahme.

So, ich komme zum Schluss. 😉

(Warum habe ich das Posting eigentlich nicht mit diesem Satz angefangen.)

Darüber hinaus habe ich nämlich tatsächlich auch ein Ziel.

So unsortiert vieles in diesem überwiegend harmlosen Blog auch wirken mag, es ist alles für ein Ziel zusammen getragen, das allerdings etwas diffus ist. Ich habe die Absicht, eine tägliche Dokumentation jener Kälte, Lebensfeindlichkeit, Beziehungslosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Lieblosigkeit und Bewusstlosigkeit zu erstellen, die vom Prozess, der gegenwärtig über die „westlichen“ Gesellschaften abläuft, in den Seelen der Menschen erzeugt werden und dem ganzen menschlichen Miteinander ihren Stempel aufdrücken.

Dabei gehe ich in der Regel von ganz alltäglichen Beobachtungen aus, die ich aber nicht wie die meisten Menschen in der Verdrängung versinken lasse, sondern die mich zum Reflektieren reizen. Jeder Mensch der Jetztzeit kann die Beobachtungen nachvollziehen, wenn er will. Die meisten zitierten Gesprächsausschnite in diesem Blog haben wirklich stattgefunden, ich erlebte sie beim Betteln, beim Zusammensitzen mit Freunden, bei alltäglichen Begebenheiten; sie wurden manchmal von mir sprachlich an die Schriftform angepasst, aber nie inhaltlich verändert. Die meisten dunklen Gedanken kamen mir wirklich, wenn ich aufmerksam durch die Welt ging. Ich sammle diese ganzen Materialien gegen die ansonsten unverschämt bequeme Verdrängung, die das Leben so vieler Menschen der Jetztzeit zu prägen scheint.

Dieses Ziel ist ein persönliches Ziel, ich denke dabei nicht an Leser. Tatsächlich bin ich erstaunt, dass ich Leser habe. In erster Linie handelt es sich bei meinem Bloggen an diesem Ort um einen Akt der psychischen Hygiene. Ich behalte das, was mich vergiftet, nicht in mir, sondern gebe ihm einen Ausdruck. Wer solch‘ Bild nicht zu eklig findet, mag dieses Bloggen mit einem Akt der Defäkation vergleichen. Es handelt sich beim hier gebloggten auch immer um „Verdautes“, niemals um „Erbrochenes“; ob das, was bei mir rauskommt, wirklich wertvoller ist als das, was in mich eingeht, das muss ebenfalls wieder der Leser entscheiden. Es ist in jedem Fall ungiftiger als die Zustände.

Aber mit diesem zunächst persönlichen Ziel geht noch eine weiter gehende Absicht einher. Ich bin mir genau darüber bewusst, dass das heutige Internet ein Ort geworden ist, der nicht schnell vergisst. Dieses Blog wird regelmäßig vom Web-Archiv besucht und damit dauerhaft archiviert. Es wird aber auch vielfach von Einzelpersonen in RSS-Readern archiviert und teilweise auch im Internet weiter publiziert, was ich in meiner Piratenlizenz ausdrücklich erlaube. Ich weiß genau, dass der gegenwärtig über die Gesellschaften ablaufende Prozess nur wenig Spuren hinterlassen wird, die späteren Menschen beim rückblickenden Verständnis dieses Prozesses helfen können; mein bisschen Schreiben sehe ich dabei als Hilfe für die Menschen nach dem Zusammenbruch. Tatsächlich sehe ich die Möglichkeit klar vor Augen, dass auch die Gesamtheit meiner Texte beim bevor stehenden Zusammenbruch der gegenwärtigen Gesellschaftsform verschwinden wird. Es handelt sich um eine Flaschenpost in der Zeit, bei der nicht nur die Empfänger ungewiss sind, sondern auch völlig unklar ist, ob es überhaupt einen Empfang geben wird. Dennoch ist diese Flaschenpost meiner Meinung nach wichtig. (Schließlich habe ich mit meinem Leben Schiffbruch erlitten — und im Gegensatz zu dem meisten Zeitgenossen weiß ich es auch.)

Die meisten Menschen verdrängen das Maß der täglichen Entmenschung mit zäher Entschlossenheit, so dass es nur selten mitgeteilt oder gar fixiert wird; tatsächlich habe ich einmal von einer narkotisierten Gesellschaft gesprochen, in der Menschen sich mit allen Mitteln und immerfort steigenden Reizungen des Hirnes und Nervensystemes von der trüben Einsicht der Wirklichkeit abhalten wollen. Auch dem politisch motivierten Widerstand gegen den gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess — so nötig er auch ist — gelingt es in der Regel nicht, die völlige Entpolitisierung der Menschen zu erkennen, die unter den herrschenden Bedingungen längst auf eine Existenz als bloße Funktionseinheiten eingedampft sind.

Ich verstehe mich also hier in erster Linie als ein Archivar des konkreten Grauens. „Ein Nachtwächter ist wach, wenn andere Menschen schlafen…“ — eine revolutionäre Absicht habe ich mit diesem Blog nicht. Deshalb nenne ich es auch oft ein „größtenteils harmloses Blog“, manchem Menschen wird es wohl auch zu harmlos sein. Wahrscheinlich ist dieses ganze Archiv in nur zehn Jahren komplett vergessen, aber es war den Versuch wert. Allein wegen meiner persönlichen psychischen Hygiene.

Dieses Posting entstand im Rahmen des Blogprojektes „Ziele mit dem eigenen Blog“ bei blogschrott. Und aufmerksam geworden auf dieses Projekt bin ich beim Lesen des Roten Blogs, das ganz gewiss ein Ziel verfolgt…

Werbeanzeigen