Immer, wenn der Fühlende und Denkende einmal einen so genannten „christlichen Gottesdienst“ der großen, institutionalisierten Jesusverkäufer miterlebt, kann er die gleiche Beobachtung machen. Es handelt sich um eine Aufführung — übrigens um eine oft von Seiten der Zelebrierenden mit großem schauspielerischen Talent vorgetragene –, bei der kein Raum für Menschlichkeiten und Fehler entstehen soll; bei der so peinlich auf die Form geachtet wird, dass sich der Inhalt hinter dem formalen Schleier versteckt. Besonders deutlich wird dies daran, dass der Aufführende seine liturgischen Texte aus einem Buch abliest, und zwar selbst denn noch, wenn sein Alter den Eindruck erweckt, dass er jeden Text auswendig kennen müsse.

In dieser Erscheinung zeigen sich zwei Tatsachen. Erstens ist der Gott, von dem dort gesprochen wird, ein menschenfernes und maschinell-kaltes Wesen, das keine Schwächen und Fehler duldet; in der Form der religiösen Annäherung spiegelt sich der Angstcharakter der Religion. Zweitens aber zeigt sich in diesem Perfektionismus ein überdeutlich zwangsneurotischer Zug, der eine erste Ahnung davon gibt, dass die ganze Darbietung einer institutionaliserten, kollektiven Zwangsneurose entspringt. Und gerade dieser Eindruck bestätigt sich immer wieder mit geradezu ermüdender Regelmäßigkeit, wenn man es mit wirklichen Gläubigen des pathogenen Unfuges zu tun bekommt.

„Da aber alles Volk zuhörte, sprach Jesus zu seinen Jüngern: Hütet euch vor den Theologen, die da wollen einhergehen in langen Kleidern und lassen sich gern grüßen, wenn man ihnen begegnet und sitzen gern auf dem besten Platz in der Kirche und beim Essen; sie fressen der Witwen Häuser und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden desto schwereres Urteil empfangen.“ (Jesus aus Nazaret, nach Lk. 20, 45-47 aus der Luther-Übelsetzung)

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