Was sich doch manchmal in alten Büchern findet, die achtlos weggeworfen werden! Etwa dieser Ausschnitt aus „Die Aerztin im Hause“ von Dr. med. Jenny Springer, Band II, 15. Auflage aus dem Jahre 1910, Seite 982:

Die Schulkrankheiten

Ja, ich weiß, kaum noch jemand kann mit Leichtigkeit so einen hübschen Fraktursatz lesen. Der Text lautet in seiner damaligen Rechtschreibung so:

Die Schulkrankheiten

Dasjenige Gebiet, welches die weittragendensten Folgen unzweckmäßiger und unrichtiger Lebensweise umfaßt, ist das der Schulkrankheiten. Trotz aller Grundlagen, welche die moderne Gesundheitslehre für die Schulen geschaffen hat, entsprechen diese durchaus nicht allen Forderungen, die man berechtigterweise für die Gesundheit der Kinder an sie stellen kann. Vielmehr gibt es eine Reihe von Gesundheitsstörungen, die durch den Schulbesuch hervorgerufen oder doch wesentlich durch ihn unterstützt werden.

Trotz seiner etwas altmodischen Ausdrucksweise wirkt dieses Textfragment merkwürdig modern. Frau Dr. Springer meinte zu ihrer Zeit natürlich in erster Linie Rückgratschäden durch wenig zweckmäßige Schulmöbel, wie sie auf den folgenden dreißig Seiten geistreich und an vielen schmerzhaft aussehenden Beispielen darlegte. Aber auch der heutige Schulbetrieb ruft eine Reihe von Gesundheitsstörungen hervor oder trägt doch wesentlich zu ihrer Entstehung bei. Vor allem handelt es sich bei den ausgelieferten Opfern der heutigen staatlichen Zwangsbeschulung um Störungen psychischer Natur, die dort entstehen, wo die erste und sehr prägende Begegnung mit sozialer Aussiebung, erzwungenem Konformismus und dem als „Wettbewerb“ verklausulierten Kampf eines Jeden gegen Jeden stattfindet. Und auch diese Störungen lassen oft Rückgratschäden mit „weittragendensten Folgen“ zurück, wenn auch nur im übertragenen Sinne…

Wenn der Deutsche Lehrerverband über Mobbing im Internet klagt, sollten sich die Lehrer doch wenigstens ein bisschen darüber bewusst sein, dass sich in solcher recht hilfloser Barbarei nur die Gewalt spiegelt, die von der Institution Schule an den Schülern ausgeübt wird. Eigentlich sollten die Lehrer, die bekanntermaßen von den Schülern als „Pauker“ oder — ebenfalls eine Begrifflichkeit des Schlagzeuges — als „Steißtrommler“ bezeichnet werden, eher froh darüber sein, dass sie nicht mit noch mehr „Amokläufen“ konfrontiert sind. Diese finden ja auch mit ermüdender Regelmäßigkeit an Schulen und ähnlichen Bildungseinrichtungen statt.

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