Ich versuche hier stets, jede Stellungnahme zu religiösen Themen zu vermeiden. Religion ist unter den menschlichen Tätigkeiten ein Pulverfass sondergleichen, auch die scheinbar harmloseste Einlassung kommt da schnell einem Stich in ein Wespennest gleich — und man sieht sich als Sprecher eines an sich harmlosen Wortes unversehens in der Situation, Deckung ob der vielen giftbewehrten Stachel suchen zu müssen.

Diese Zurückhaltung in religiösen Themen fällt mir umso leichter, da ich selbst keiner Religion anhänge, was aber keineswegs bedeutet, dass ich „ungläubig“ bin. Ich gehöre auch nicht der Religion des Materialismus und ihrem moderenen und viel fragwürdigeren Widerhall im Konsumismus an. Eben so wenig bin ich — wie so viele Denkende und Fühlende — zum erbosten Spiegelbild der menschlichen Tätigkeit der Religion geworden. Vielmehr sehe ich in diesen Haltungen oft das unwillkürlich Parareligiöse. Zu viele entschiedene Gegner der in der volkstümlichen und politisch nutzbar gemachten Religion kultivierten Dummheit haben in diesem Bestreben selbst religiöse Züge angenommen. Ich durfte vor einigen Jahren einmal eine lebende Karikatur dieser Haltung erleben, die sich auch gut in einem Witzfilm gemacht hätte: Ein durch und durch überzeugter Kommunist, übrigens ein sehr warmer und gebildeter Mensch, las seinen Marx in weihevoller Atmosphäre bei Kerzenschein und benutzte die Zitate eines beachtenswerten deutschen Philosophen gern in einer Weise, die überdeutlich an die Benutzung der „Heiligen Schrift“ durch bestimmte fundamentalistische Christen erinnerte.

Ich könnte mich also in aller Ruhe mit allen meinen Äußerungen von diesem ganzen überemotionalisierten und in der politschen Menschenbeeinflussung sehr „nützlichen“ Gebiet fern halten, ohne dass ich dabei persönliche Wahrhaftigkeit verlieren würde.

Allerdings ist unter verschiedenen meiner Kommentatoren in den letzten Wochen mehrfach meine Haltung zur Religion zum Thema geworden. So sehr ich das für einen Nebenweg oder für eine Sackgasse des argumentativen Rangelns zu halten geneigt bin, so sehr musste ich nach einigen Tagen des Nachdenkens anerkennen, dass die Frage nach meiner Haltung zur Religion berechtigt ist. Das liegt daran, dass ich sowohl in der Überschrift dieses Blogs als auch immer wieder einmal in den Beiträgen kurze Bibelzitate verwende. Anders, als mir im Zuge der verbalen Rauferei vorgeworfen wurde, sind diese Zitate übrigens immer ausdrücklich und mit genauer Quellenangabe zum Nachlesen im Kontext gekennzeichnet.

Und deshalb, nur deshalb, möchte ich die folgenden, nach der langen Einleitung recht einfachen und kurzen Klarstellungen machen:

  1. Ich bin kein Christ. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass jedes bewusste Wesen in voller Weise verantwortlich für das ist, was es tut oder lässt. (Das gilt für bewusste Wesen, keineswegs nur für Menschen.) Der Versuch, die Folgen seines Handelns dadurch loszuwerden, dass man sie einem einst „dafür gestorbenen“ Menschensohn aufbürdet, ist dumm und persönlich wirkungslos, aber dabei leider zwischenmenschlich und gesellschaftlich verheerend, weil sie die Verantwortungslosigkeit kultiviert und heiligt.
  2. Ich halte nichts von Religion. Jede alte und jede neue Religion ist der Versuch, ein Problem zu lösen, dass nur durch die Religion definiert wird und folglich ohne die menschliche Tätigkeit der Religion gar nicht vorhanden wäre. Das ist eine Verschwendung geistiger und psychischer Kraft, die übrigens jenem psychisch-mystischen Prozesse entgegenstrebt, der in vielen religiösen Ursprüngen als Forderung an jeden Menschen ergeht.
  3. Ich halte überhaupt nichts vor organisierter Religion. Zu nützlich sind diese verkrusteten Strukturen für die menschfeinden Spiele jener Gewaltfreunde, die jeder weisen Forderung der religiösen Tradition mit ihrem Tun jeden Tag neu voller Verachtung ins Gesicht spucken. Die organisierte Religion lässt sich mit derartiger Leichtigkeit vor dem Karren auch noch der perversten und lebensfeindlichsten Politik spannen, dass ein feinfühliger Gläubiger zu leicht sehen könnte, dass sie vom Satan selbst inspiriert sei.
  4. Ich finde den angstvollen Todeskult aller großen Religion überaus fragwürdig. Es ist doch beachtlich, wie viele religiöse Aussagen sich auf den Tod und auf Unwissenbares wie ein mögliches Leben nach dem Tod beziehen — und ebenso ist es beachtlich, wie leicht diese Aussagen instrumentalisiert werden können, um das Leben vor dem Tod in ein dürres Abbild dessen zu verwandeln, was den Menschen als Hölle vor Augen gestellt wird, um sie mit der davon erzeugten Angst gefügig zu machen. Die große Achtung des Todes geht immer mit ihrem Spiegelbild, einer eben so großen Ächtung des Lebens, einher.
  5. Ich halte nichts vom Geschwätz der Theologen. Der Versuch, einen als übernatürlich gedachten Gott mit einem Verstand zu erfassen, zu definieren und zu verstehen, dessen Kleinheit und Nichtsigkeit von den gleichen Theologen an anderer Stelle immer wieder betont wird, ist idiotisch. Die einzige „theologische“ Aussage, die ich selbst über Gott machen würde, ist kleiner und lautet: „Gott ist ziemlich groß“. Alles darüber zeigt durch seine überzogene Sprache, seine Wortgewalt und seine Menschferne vor allem, dass ihm jede wirkliche Erfahrung Gottes fehlt. Ein „Glaube“ ohne jede Erfahrung ist aber tot.
  6. Ich halte nichts von den so genannten und von den Gläubigen eingeforderten „Gewissheiten“ irgendeiner Religion. Diese stehen auch im grellen Gegensatz zum persönlichen, oft angstvollen und verzweifelten Ringen derjenigen Menschen, die nach Überlieferung vieler religiöser Schriften einst die Religionen hervorbrachten.
  7. Jesus aus Nazaret, der ans Kreuz geschlagene Götze der Christenheit, war ein humorvoller Richtigdenker, religiöser Revolutionär und unbeugsamer Menschenfreund, dessen überlieferte Worte mir sehr dabei geholfen haben, genau die hier beschriebene Einstellung zur Religion zu bekommen.
  8. Aus diesem Grund halte ich nichts davon, die Deutungshoheit für die Überlieferungen aus dem Leben des Jesus von Nazaret den christlichen Kirchen zu überlassen. Dies gilt umso mehr, als dass diese immer wieder bewiesen haben, wie geneigt sie sind, ein solches eingeräumtes Privileg in Zusammenarbeit mit den jeweiligen politischen Strukturen gegen die Menschen zu wenden.
  9. Wenn ich mitbekomme, dass die vielen Religionen inhärente Verherrlichung des Todes und Missachtung des Lebens dazu benutzt werden, politisch nützliche Taten der Gewalt und des Großmördertums als „heilige Tat“ von den Menschen einzufordern, weiß ich, dass dreißig Silberlinge (siehe Mt. 26, 14-15) immer noch gern gezahlt und gern genommen werden. Es sind Christen, die Jesus aus Nazaret auch heute jeden Tag an den Galgen hängen. Sie zeigen damit, dass sie sein Leben verachten und seinen Tod gut und nützlich finden. Kein Wunder, dass das Abbild eines römischen Galgens zum Symbol ihrer Religion wurde.
  10. Wer jetzt immer noch einen „Glaubenssatz“ von mir erwartet, zeigt damit nur, dass er die vorherigen Punkte nicht gelesen hat.

Ich hoffe, dass ich damit gleichermaßen Fragen beantwortet und neue aufgeworfen habe.