Für jedes Blogsystem gibt es eine erstaunliche Vielfalt an Plugins, mit deren Hilfe Statistiken erstellt werden können. Darüber hinaus gibt es auch einige kostenpflichtige und kostenlose Dienste zu diesem Zweck. Diese Statistiken geben Aufschluss darüber, welche Bereiche und Texte des Blogs von einem Browser angefordert werden. Sie sind eine automatisiert erstellte, nummerische Bewertung des Blogs.

Mehr nicht. Sie sind eine automatisiert erstellte, nummerische Bewertung des Blogs. Sie haben zunächst nichts mit Menschen zu tun.

Statistiken geben keinen Aufschluss über die Qualität eines Blogs, sie beleuchten nur gewisse Aspekte des Verhaltens der Lesenden. Menschen mit Selbstzweifeln können sich von solchen Zahlen dennoch leicht beeinflussen lassen und dann versuchen, diese Zahlen zu erhöhen. Das geht am besten, wenn die Blogthemen dem Massengeschmack und der barbarischen „Popkultur“ angepasst werden. Das Streben nach „guten Statistiken“ ist eine kindische und unreflektierte Nachäffung des Strebens der Medienanstalten nach „hohen Einschaltquoten“, nur, dass es noch viel sinnfreier ist. Die „hohen Einschaltquoten“ einer Rundfunkanstalt dienen zur Bemessung der Preise für den wesentlichen Teil des Programmes, für die eingespielte Werbung; daher wird von den Rundfunkanstalten aus rein ökonomischer Motivation heraus viel Geld darin investiert, „hohe Einschaltquoten“ zu erreichen. Das Programm außerhalb der Werbezeiten bildet bei solchem Streben der Content-Industrie den Massengeschmack ab, es wird flach und dumm, besteht aus der darbenden Darbietung von „Brot und Spielen“.

Im Falle eines persönlichen Blogs, der in der Regel keine Einkünfte erbringen muss (und dies auch kaum kann), führt das Streben nach dem Selbstzweck der „guten Statistiken“ nur zu Verflachung und Dummheit. Ein schäbiges Blog, in dem nur immer wieder Namen und Bezeichnungen wie „Paris Hilton“, „Thomas Gottschalk“, „Angela Merkel“, „DSDS“, „Dieter Bohlen“, „Günther Jauch“, „Oliver Pocher“, „iPhone“ und so weiter eingestreut werden, es wird unter dem Maßstab der Statistiken besser abschneiden als ein hochwertiges Blog, dessen enge thematische Ausrichtung und hohe Dichte nur wenige, aber aufmerksame und interessierte Leser anzieht.

Dennoch können Statistiken nützlich sein. Leider ist es bei den meisten Plugins und Diensten schwierig, an nützliche statistische Informationen zu gelangen. Das aufmerksame Auswerten der gesammelten Daten trägt nämlich das Potenzial in sich, ein Blog zu verbessern. In der Regel muss man sich dann allerdings selbst um eine vernünftige Auswertung kümmern, die automatisch erstellten Statistikübersichten beschränken sich so sehr auf das Minimum, dass sie für ernsthafte Analysen unbrauchbar werden.

Ich möchte dafür nur ein Beispiel nennen. Bis vor wenigen Tagen habe ich in diesem Blog durchgängig unter jedem Posting einige Technorati-Tags gesetzt. Das sind Schlagworte, nach denen Beiträge mit Hilfe die Blog-Suchmaschine Technorati aufgefunden werden können. Eine solche Verschlagwortung habe ich an sich immer für eine sinnvolle Idee gehalten. Doch die Analyse der Zugriffe über zwei Wochen hinweg offenbarte mir, dass in diesem Zeitraum nur ein einziges Mal ein Leser nach einem meiner Tags gesucht hatte und so hierher fand — die überwiegende Anzahl der Nicht-Stamm-Leser kommt immer noch über die Volltextsuche von Google.

Es erschien mir nun durchaus möglich, dass meine Tags einfach schlecht gewählt waren. Diese Möglichkeit habe ich oberflächlich untersucht, indem ich selbst nach einigen meiner häufigeren Tags gesucht habe. Dabei musste ich feststellen, dass in deutschsprachigen Blogs sehr wenig „getaggt“ wird. Und das brachte mich dazu, das Taggen einzustellen.

Wieso ein solches Weglassen eine Verbesserung des Blogs ist?

Zum ersten sind die Tags für die Leser sichtbar. Die bloße Anwesenheit der Tags zieht Aufmerksamkeit von den eigentlichen Inhalten ab, diese wird von einer rein technischen Angabe aufgesogen. Tags fordern vom menschlichen Leser eines Blogs, dass er zusätzliche Entscheidungen darüber treffen muss, welche Teile eines Postings Bestandteil des Mitgeteilten sind. Es wird ein wegen seiner Wirkungslosigkeit überflüssiges Element in die Navigation eingebracht, das bei seinem Wegfall von niemandem vermisst wird.

Zum zweiten haben die Tags aber auch eine Wirkung auf mich, wenn ich ein Posting schreibe. Jeder Text wird durch seine Verschlagwortung zweimal geschrieben. Die erste Version ist für den Leser bestimmt, die zweite Version ist eine Reihe von Schlagworten für einen technischen Prozess. Es ist nicht so einfach, gute und zutreffende Schlagworte zu finden; man macht sich darüber beim Schreiben schwierig zu beantwortende Fragen: Soll das Schlagwort in seiner Singular- oder in seiner Pluralform verwendet werden? So sehr ich das zu vermeiden gesucht habe, die Verschlagwortung war immer schon unbewusst gegenwärtig, wenn ich eigentlich noch Text für Menschen geschrieben hatte. Durch den Verzicht auf dieses wirkungslose Instrument ist meine gedankliche Kraft ungeteilter dem Eigentlichen und Beabsichtigten gewidmet, dem Führen eines Blogs. Tatsächlich konnte ich als erste persönliche Auswirkung feststellen, dass ich nun sehr viel weniger Rechtschreibfehler mache — das war auch für mich eine Überraschung.

Aber um eine Einsicht in die Wirkungslosigkeit der Verschlagwortung zu bekommen, musste ich ein paar Daten auswerten – sonst wäre mir diese Tatsache niemals aufgefallen. Und wegen solcher möglicher Einsichten können Statistiken gelegentlich nützlich sein — sowohl für den Autor eines Blogs, als auch für die Leser, der das Geschriebene dann aufnehmen soll. (Eventuell gibt es in den nächsten Tagen noch kleine Anpassungen an meiner Navigation, aber das ist aus den Statistiken heraus nicht ganz so klar.)

Würde ich die Statistiken hingegen naiv verwenden und nach „guten Zahlen“ streben, hätte ich wohl ganz anders reagiert. Mein mit Abstand meistgelesenes Posting in diesem Blog ist die Download-Seite für mein Theme „Lichernacht“. Dieses Posting wird von ungefähr neun Prozent aller Leser direkt angefordert. Wenn es mir ein fetischhafter Selbstzweck wäre, möglichst viele vielgelesene Postings zu haben, würde ich einfach regelmäßig neue Themes entwerfen und zum freien Download stellen — eine inhaltlich recht dröge Tätigkeit, die bestenfalls technische Qualität hervorbrächte.