Wenn gewisse Menschen über das Bloggen sprechen oder schreiben, kommen sie dabei oft zu einer zweckoptimistischen, den eigenen Wünschen entsprungenen Beurteilung, die gar nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Das ist in seinem abgehobenen Realitätsverlust beachtlich, da schon das aufmerksame Lesen einiger Blogs die Beurteilung als unzutreffend entlarvt.

Aber zunächst sei die falsche Beurteilung hier wiedergegeben: Die Blogs sollen ein neues mediales Phänomen sein, das der etablierten Content-Industrie entgegen gerichtet ist; das vielleicht sogar die Kraft entwickelt, etablierte Produkte des Journalismus zu ergänzen oder — wenn der Redner oder Schreiber besonders schwärmerisch wird — sogar zu ersetzen. Gelegentlich wird eine solche Schwärmerei noch verwürzt durch basisdemokratische oder anarchistische Träumereien von einem dämmernden Ende der zentral gesteuerten Medien und von einer vernehmbaren, einflussreichen Stimme für Jeden, von einer wirkmächtigen Gegenöffentlichkeit.

Der Anblick „real existierender Blogs“ gibt denn aber doch ein völlig anderes Bild. Wer nicht gleich ein Tagebuch des allzu Unwichtigen und Belanglosen führt (ich meine das nicht nur abwertend und werde weiter unten noch einmal genauer darauf eingehen), der arbeitet sich im Allgemeinen an den Produkten jener Content-Industrie ab, die doch gemäß der populären Rede von den „revolutionären Blogs“ durch die Tätigkeit des Bloggens gefährdet sein sollten. Die so genannte „Bloggospähre“ erweist sich in der Praxis vor allem als ein „Raum“, in dem die Stimme des emsigen, industriellen Nachrichten-Betriebes tausendfaches Echo als Widerhall erhält; und damit erweist sie sich auch als ein „Raum“, in dem die gleichen Stimmen zur Marginalität verdammt werden, die bereits in den Produkten der Content-Industrie marginalisiert sind.

Ein Raum, der so viele Echos wiedergibt, ist groß und ziemlich hohl. Die so genannte „Bloggosphäre“ zeigt sich also immer wieder als ein Hohlraum; sie mag damit widerspiegeln, dass auch viele der beteiligten Menschen — also: der Blogger — eher etwas hohl geworden sind. In diesen Menschen findet sich nicht genügend gedankliche Substanz und Individualität, dass aus ihnen Gehaltvolles, Neues, Wertvolles und Kreatives fließen könnte, oft wird nicht einmal der unverschämt bescheidenen Forderung des Bildungsbürgertums nach „Niveau“ Genüge getan.

Es gibt nun aber eine Reihe von Blogs, die nicht nur überdurchschnittlich gut sind, sondern dabei auch populär geworden sind. (Ich werde hier jetzt keinen verlinken, aber jeder wird einige kennen.) Interessanterweise zeigt sich auch in dieser Erscheinung der Hohlraum der Bloggosphäre. Die Mitteilungen aus diesen Blogs finden ihrerseits — genau wie die allzu routinierten Auswürfe der Content-Industrie — ein tausendfaches Echo, sie scheinen den hohlen Blogger nicht etwa zur Verbesserung der eigenen Mitteilungen und des eigenen Stiles anzuspornen, sondern von ihm als gleichwertige Themenstimulanz neben den Meldungen der großen Agenturen, Medienanstalten und Zeitungen betrachtet und behandelt zu werden.

Es scheint mir nur eine Frage der Zeit zu sein, bis diese Mechanismen innerhalb der Werbebranche und der Content-Industrie in erschöpfender Tiefe analysiert und für die eigenen Zwecke nutzbar gemacht werden. Der tosende gebloggte Widerhall um eine Nullmeldung wie das jetzt von Apple vermarktete Telefon und der dabei sichtbar gewordene, blinde Markenfetisch der Massen lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Von den Träumereien vom Graswurzeljournalismus verbleibt beinahe nichts.

Jetzt aber noch einmal wie oben angekündigt zum provozierenden Wort von den „Tagebüchern des allzu Unwichtigen und Belanglosen“. Tatsächlich verbleiben diese klar persönlichen Mitteilungen als die wirkliche Neuerung, so uninteressant viele dieser „Netztagebücher“ für mich auch sind. In einigen wenigen dieser Blogs, die von Reisen, Schulalltag, Armut, Sammelleidenschaft, Frühstück, Arbeit und anderen Erlebnissen berichten, habe ich mich regelrecht festlesen können. Sie können — wenn der Blogger nur klar und reflektiert schreiben kann — einen deutlicheren Eindruck vom gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess geben als alle in der Form erstarrten und vor analytischen und kalten Phrasen triefenden Bewertungen geübter Nachrichten- und Politblogger. Und sie können mir auch immer wieder einmal zeigen, dass es auch in diesem Zeitalter des massenhaft produzierten und alles überflutenden Kitsches noch eine lebendige Lyrik in deutscher Sprache gibt. Zum Glück konnte und kann ich dabei auch immer einmal wieder feststellen, dass es in Deutschland auch bessere Satiriker als Bruno Jonas gibt.

Davon ist in den geschliffenen Artikeln und Reden über das Bloggen aber kaum die Rede; das vielleicht Wichtigste, aber mit Sicherheit Neueste daran wird für uninteressant gehalten. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf jene Teilerscheinungen gelegt, die politisch und wirtschaftlich ausbeutbar sind — und darin spiegelt sich das Menschenbild derer, die so reden: Das Menschliche am Tun des Menschen soll für übergeordnete Absichten und Zwecke marginalisiert werden.