Die Erde über der Mondoberfläche

Wie anfällig die menschliche Wahrnehmung für Fehldeutungen ist, zeigt sich im Sprachgebrauch der Menschen, denn dieser bildet die Wahrnehmung in Worten ab. Obwohl heute jeder Mensch, selbst solche minderer Bildung, von den wirklichen Verhältnissen im näheren Weltraum wissen sollte, werden weiterhin längst obsolete, der überkommenen geozentrischen Anschauung entnommene Begriffe wie „Sonnenaufgang“, „Sonnenuntergang“, „Mondaufgang“ und „Monduntergang“ benutzt.

Dieser Sprachgebrauch wird noch ein bisschen absurder, wenn er ohne besonderes Bewusstsein auf die Vorgänge im Weltraum übertragen wird.

Das wunderschöne Bild oben stammt von einer der Apollo-Missionen, es zeigt die Erde über der Mondoberfläche. Wenn man eine der vielen Kopien im Internet finden will, muss man nur mit Google nach „earth rise“ suchen. (Es ist übrigens ein reizvolles Hintergrundbild für den Desktop, falls man es etwas dunkler mag.) Dieses englische „earth rise“ heißt zu Deutsch „Erdaufgang“, und ich glaube mich zu erinnern, dass ich es sogar schon auf der offiziellen NASA-Homepage gelesen habe.

Dabei ist diese Bezeichnung völlig falsch. Es gibt auf dem Mond niemals einen „Erdaufgang“.

Das wird sehr schnell klar, wenn man sich die wirklichen Verhältnisse vor Augen hält. Erde und Mond bewegen sich gemeinsam in einer elliptischen Bahn um die Sonne, die Bahn des Mondes ist dabei von der nahen Erde beeinflusst und hat einen leicht wellenförmigen Charakter. Betrachtet man diese Mondbahn von einem Punkt der Erde aus, so kreist der Mond um die Erde. Auf dieser Bahn wendet der Mond der Erde immer die gleiche Seite zu. Davon kann sich jeder Erdbewohner leicht mit eigenen Augen überzeugen, indem er einfach abends zum Mond schaut. Er wird sehen, dass stets die gleichen Strukturen an der gleichen relativen Position zum Rand der scheinbaren Mondscheibe sichtbar bleiben.

Von einem Punkt der Mondoberfläche sieht diese Eigentümlichkeit der Mondbahn etwas anders aus. Beim Blick zur Erde stellt der Betrachter fest, dass die Erde immer an der gleichen scheinbaren Position an der Himmelskuppel verbleibt, dort rotiert sie langsam. (Wer sich das nicht vorstellen kann, simuliere die Vorgänge einfach mit Hilfe zweier Äpfel auf seinem Tisch!)

Das Wort „Erdaufgang“ weckt hingegen die Vorstellung, dass sich die Erde auf einer scheinbaren Bahn an der scheinbaren Himmelskuppel des Mondes bewegen würde — nur so könnte sie aufgehen, über den Himmel ziehen und untergehen. All dieses tut die Erde nicht, sie verweilt die ganze Zeit am gleichen Ort.

Wenn es eine richtige Beschreibung für dieses Bild gibt, denn ist es „Erde über dem Mondhorizont“, aber nicht „Erdaufgang“. Kein Astronaut hat von der Mondoberfläche aus einen „Erdaufgang“ sehen können. Die einzige Möglichkeit, vom Mond aus einen „Erdaufgang“ beobachten zu können, ist es, sich selbst sehr schnell um den Mond zu bewegen, wie es der Obiter getan hat. (Aus einer solchen, hoch über der Mondoberfläche liegenden Position muss dieses Bild auch einst aufgenommen worden sein.) Von einem Punkt im Orbiter gab es für jeden Umlauf um den Mond einen „Erdaufgang“ und einen „Erduntergang“, zumindest denn, wenn die Bahnebene einen ausreichend großen Winkel zur Normalen des nächst gelegenen Punktes der Erde aufwies. (Liebe Mathematikfeinde, entschudigt diese Ausdrucksweise, aber ich wusste es nicht besser auszudrücken.) Aber auch hier ist völlig klar, dass von einer solchen Bahn aus nicht wirklich von einem „Aufgang“ oder „Untergang“ der Erde die Rede sein kann, ist dem Astronauten beim Blick auf die riesige Mondoberfläche doch hoffentlich deutlich genug bewusst, wer sich hier wirklich bewegt.

Wie man es auch betrachtet: Das sprachliche Bild zu einem spektakulären Foto zeigt eine verbreitete, völlig falsche Vorstellung von den Zuständen im nahe gelegenen Weltraum. Aus der Sprache formen Menschen wiederum ihr Denken — und so manches sprachliche Abbild der Wirklichkeit mag völlig unpassend sein.

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