Man hat sich viel zu wenig darüber verwundert, wieso das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches und damit zur Standardreligion in Europa werden konnte, obwohl es dort doch vor allem der Glaube von unbeachtlichen Sklaven und Frauen war. Sicher, die spätere christliche Deutung sieht darin vorschnell deutelnd den Fingerzeig Gottes. Aber das Wirken Gottes in der Geschichte wird andererseits keineswegs darin gesehen, dass in anderen Teilen der Welt andere Religionen sehr erfolgreich waren, diese sollen sogar durch christliche Missionierung (im Zweifelsfall auch mit Gewalt) bekämpft werden. Wenn die christliche Mythologie den Satan nicht kennte, sie müsste ihn erfinden.

Der Erfolg des Christentums ist umso erstaunlicher, als dass das Christentum in seiner Wurzel eine jüdische Sekte ist. Nun gibt es kaum eine andere Religion auf unser aller Welt, die ihren Anhängern so viel Verantwortung, Mühe und Bildung zumutet wie die jüdische — diese fordert von jedem Juden nicht nur das Erlernen des Lesens und Schreibens, sondern auch die volle persönliche Verantwortung vor JHWH. Die so genannten „Urchristen“ im Rom des ersten Jahrhunderts dürften hingegen in ihrer Mehrzahl nicht sehr gebildet gewesen sein und auch kaum des Lesens und Schreibens kundig.

Der Erfolg des europäischen Christentums war nur möglich, weil es fernab des Wirkens dieses jüdischen Lehrers Jesus aus Nazaret entstand. Der Mensch, der das entjudete Christentum wie eine verheerende Pest durch Europa trieb, war ein ehemaliger Christenverfolger, der sich selbst Paulus nannte — um nicht mit dem Namen und Ruf eines berüchtigten Mörders aufzufallen. Die Religion, die er als die „christliche“ und später gar als die „einzige christliche“ durch den ganzen griechisch-römischen Sprachraum verkündete, war mit keiner einzigen Erfahrung dieses jüdischen Lehrers Jesus aus Nazaret verbunden, sie entstammte nur einer persönlichen und einsamen Vision. Und diese Religion war das genaue Gegenteil der jüdischen Verantwortlichkeit des Einzelnen gegenüber JHWH. Sie verlangte ihren Anhängern nur den infantilen Glauben daran ab, dass jener Jesus für sie persönlich gestorben wäre und dass sie auf diese Weise durch den Glauben eine Form der Unsterblichkeit, ein ewiges Leben erhalten hätten. Dass schon damals jeder zivilisierte Mensch über einen derartigen Unfug der Todesverdrängung gespottet hat, sollte jedem Denkenden einleuchten. Es reicht zu erwähnen, dass es für die Erlösung durch diesen Glauben hinreichend gewesen wäre, wenn Jesus tot geboren worden wäre — Jesu Leben und Lehren spielt in einer solchen primitiven Religion des Todeszaubers nur eine untergeordnete Rolle. Von ihrem ersten Anfang her hatte die christliche Religion nichts mit Jesus aus Nazaret zu tun.

Die Anziehungskraft einer derart verantwortungslosen Religion ist bei jenen Menschen am größten, die am wenigsten an das eigene Handeln gewöhnt sind. Das waren in den antiken Kulturen der Zeitenwende die Frauen und Sklaven. Die Verwendung dieser Religion als Instrument der Herrschaft durch die herrschende Klasse geht mit der Einsicht einher, dass mit Hilfe dieser Religion alle Menschen von der Idee eigenen Handelns entwöhnt werden können und somit auf eine leicht behandelbare Stufe weibischer Sklaverei regrediert werden können — dieser antiemanzipatorische Zug ist allen christlichen Kirchen bis auf den heutigen Tag zu eigen, und er ist auch als Idee der völligen Unterwerfung und Individualitätsverneinung als religiöse Praxis in jene sehr erfolgreiche christliche Sekte des Profeten Mohammed eingegangen, die man den Islam nennt.

Die späteren christlichen Judenverfolgungen, die in aller Regel durch herrschaftlich-religiöse Propaganda initiiert wurden (und, wie am Beispiel des gegenwärtigen Nahen Ostens ersichtlich ist, auch noch werden), erscheinen in diesem Lichte erklärbar, fast schon logisch. Es musste verhindert werden, dass aus der alltäglichen Erfahrung mit gelebter jüdischer Religion die Idee der individuellen Verantwortung vor Gott erwacht, die dem Allheitsanspruch aller christlichen (und islamischen) Staaten widerspricht. Deshalb mussten die Juden klein und isoliert gehalten werden. Dem Umstand, dass die heiligen Schriften der Juden unentwirrbar mit der eigenen religiösen Überlieferung verbunden waren, vernebelte man durch die Bezeichnung »Altes Testament«, die diesen Text in einen obsoleten Status erhebt. Der klaffende Widerspruch, dass einerseits der Jude Jesus aus Nazaret über alle Maßen erhoben wird und dass andererseits der offene und mörderisch ausgelebte Hass gegen die Juden gefordert wird, fällt einem durch die christliche Religion weit gehend verdummten Menschen gar nicht weiter auf.

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