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#Drosselkom? Drossel, komm!

Piktogramm einer Schnecke mit Telekom-LogoIch ertappe mich dabei, dass mir eine gewisse Heiterkeit aufkommt, wenn ich mir vorstelle, dass die Deutsche Telekom in Kürze unter einem lächerlich großen Aufgebot verlogener und bewusst irreführender Reklame ihre verkappten Volumenverträge als Flatrate* verkaufen wird.

Ich ertappe mich dabei, dass ich mich darüber freue, dass für die Kunden eines großen Zugangsproviders in der Bundesrepublik Deutschland der Aufruf einer “qualitätsjournalistischen” Verlagswebseite zum Luxus wird, von dem viele nach ihrer ersten halbmonatigen Schneckentempo-Erfahrung Abstand nehmen werden. Wenn ich jetzt die Startseite der Süddeutsche (punkt) de aufrufe, werden in 61.767 Bytes HTML-Markup 126 Dateien mit einer Gesamtgröße von 1.378.157 Bytes eingebettet, so dass es für die Darstellung der Schlagzeilen und Anrisse eines einzigen “qualitätsjournalistischen” Produktes zur Übertragung von 1,37 MiB Daten kommt. Darin sind die bei mir vollständig blockierte Werbung und die ebenso vollständig blockierten JavaScript-Wüsten der angebundenen Facebook-, Twitter- und Fragmichnichtwelche-Sozialvermarkter noch gar nicht mitgerechnet. Ein Aufruf meiner personalisierten Google News (personalisiert, weil ich auf Sport und Boulevard lieber verzichte und stattdessen Forschung und Technik bevorzuge) überträgt hingegen nur 417 KiB Daten und gewährt mir einen brauchbaren Überblick über die Schlagzeilen der gesamten deutschsprachigen Presse, bis hin zu in einzelnen Themen interessanten Regionalblättern. Ich probiere das nicht mit jeder größeren Seite aus, aber ich schätze, dass das im Folgenden weiter belegte Missverhältnis bei allen nennenswerten Angeboten vergleichbar ist. Die Startseite von Spiegel Online überträgt 786 KiB, die Startseite der Frankfurter Allgemeinen überträgt 1,29 MiB, die Startseite der tageszeitung überträgt völlig unsozialistische 1,43 MiB und die Startseite von Zeit Online überträgt 605,3 KiB — alle diese Werte habe ich gestern mit blockierter Werbung, aber aktiviertem JavaScript ermittelt. Wer die von Google sehr brauchbar und gut personalisierbar aufbereitete “Pressevielfalt” gegenüber der redaktionellen Einfalt dieser hier kurz erwähnten Verlagswebsites bevorzugt, erhält sich damit also auch ein längeres Vergnügen mit ungedrosseltem Internet. Dass ich als Nutzer und Mitgestalter des deutschsprachigen Internet in meiner Gegnerschaft zum so genannten “Leistungsschutzrecht” ausgerechnet von der Deutschen Telekom eine gewisse indirekte Unterstützung in meiner Gegnerschaft erhalten würde, die in der Form gegeben wird, dass die Profiteure dieses Rechts indirekt abgestraft werden, hätte ich mir niemals träumen lassen.

Ich ertappe mich dabei, dass ich mich darüber freue, dass sich schon nach kurzer Zeit der technikverhindernden, künstlichen Traffic-Knappheit beinahe jeder davon betroffene Mensch fragen wird, ob er sein Datenkontingent wirklich von im Regelfall unerwünschter Werbung auffressen lassen will. Ich freue mich darüber, dass die Verwendung wirksamer Werbeblocker in der BRD zum Regelfall werden könnte und das zurzeit leider immer noch mögliche Geschäft mit Reklame im Internet in der Folge noch unattraktiver, vielleicht sogar unwirtschaftlich wird. Mich freut einfach alles, was Werbern, die nichts weiter als peststinkende professionelle Lügner und Psychomanipulateure sind, schadet. Vergleichbare Gedanken werden von vielen Menschen auch für unnötige Plugin-Inhalte gedacht werden, und auch die Eigenart “moderner” Websites, Aktualität und Dynamik durch ständiges Nachladen von Inhalten über JavaScript zu simulieren, wird viele Menschen zur Frage reizen, ob man so etwas nicht besser unterbindet. In einem Umfeld, in dem übertragene Datenmengen künstlich “verteuert” werden, wird schnell ein Großteil dessen, was das Web mies macht, zu einem Nachteil.

Ich ertappe mich dabei, dass ich breit grinse, wenn ich auf dem Hintergrund von Bandbreitenlimits und Schneckentempo-Internetzugängen nur an das Wort cloud denke. Dieser feuchte Traum der Allesvermarkter, der Computernutzung eine weitere künstliche Abhängigkeit mit der Möglichkeit späteren Geldabgriffs hinzuzufügen, dürfte sich für einen bedeutenden Anteil der Internetnutzer in der BRD erledigen. Mir als jemanden, der wirklich an häufig wechselnden Rechnern arbeitet, hat der besondere Vorzug der so genannten cloud noch nie so recht eingeleuchtet; der Transport einer Speicherkarte mit 8 GiB Kapazität hat mich nicht besonders belastet. Der gegenwärtige Unsinn von “im Browser laufenden Anwendungen” setzt ebenfalls voraus, dass aufgeblähte HTML-JavaScript-Strokeleien einen Datenverkehr im Internet verursachen, der in keinem guten Verhältnis zur Größe der damit bearbeiteten Dokumente steht.

Und. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Mundwinkel nicht mehr nach unten bekomme, wenn ich daran denke, was das für die Akzeptanz von Sicherheitsupgrades des benutzten Betriebssystems und der sonstigen benutzten Software bedeuten wird. Im Falle von Oracles Java-Adware (der man unter Microsoft Windows bei jedem verdammten Update explizit mit einem Klick sagen muss, dass man die Ask-Toolbar nicht in seinem Browser haben will) wird vielleicht der eine oder andere feststellen, dass er gar kein Java braucht und sich die Downloads der zurzeit recht häufigen Flickschustereien Oracles sparen kann — wenn nur er erstmal versteht, dass dieses Java etwas anderes ist als das JavaScript, das im Browser ausgeführt wird. Das Verständnis kommt mit dem Leiden und der davon angestoßenen Kommunikation. Die Erfahrung eines unbenutzbaren Internet wird bei diesem Verständnis sehr helfen. Dass andere voluminöse Sicherheitsupdates ebenfalls unterlassen werden, dass also fortan in der BRD die Bots bei denjenigen Menschen konzentriert sind, die Kunden der Deutschen Telekom sind, ist ebenfalls eine große Erleichterung für jeden, der um Sicherheit in der Datenverarbeitung bemüht ist. Einfach die IP-Bereiche der Deutschen Telekom sperren, und schon ist viel gewonnen…

Außerdem ist das neue Flachraten-Modell der Deutschen Telekom ein hervorragendes weiteres Beispiel für die ganz besondere Herzlichkeit fast aller Menschen und Institutionen in der BRD gegenüber Familien mit Kindern. Ein aus dem CDU-Bilderbuch gehüpfter Haushalt, der aus Mann, Frau, und zwei Kindern im schulpflichten Alter besteht, bedeutet in der Praxis, dass sich vier Computer mit ihrem Bedarf in die Datenleitung drängeln — und bei den Schulkindern dürfte die Nutzung besonders stark sein. Gut, dass der Alleinstehende solche Probleme nicht hat, da bleibt mehr Datenkontingent für ein bisschen Spielen (beim modernen Gaming-Geschäft ist das ja nicht mehr ohne permanenten Netzverkehr möglich) und etwas Entspannung übrig. Das ehemalige Staatsunternehmen Deutsche Telekom steht damit in einer großen Kontinuität der gesamten BRD-Politik: Von Innovation faseln, aber Technik verhindern; von Familie faseln, aber Bedingungen schaffen, in denen ein verwirklichter Kinderwunsch wie eine Strafe ist.

Von daher ist auch von der Politik nichts gegen die Drossel-Ideen der Deutschen Telekom zu erwarten. Und wenn die Kunden der Deutschen Telekom so blöd sind, dass sie nach so einer Ansage nur eine Stunde länger Kunden der Deutschen Telekom bleiben, als dies unbedingt nötig ist, wenn sie nicht jetzt ihre Kündigung nach dem Ende des laufenden Vertrages aussprechen, dann werden andere Zugangsprovider nachziehen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Morgen im gleichen Theater auf allen Kanälen: Der Fachkräftemangel und die Forderung nach Innovation. Danach die Superhitparade des volkstümelnden Schlagers. In der Lederhose wird gejodelt, und im Oberstübchen geht das Licht aus. Gute Nacht!

*Flatrate… mit schwer lesbaren Einschränkungen, hellgrau auf magenta gedruckt, in denen Besitzer eines Vergrößerungsglases nachlesen könnten, dass die Datenübertragungsrate nach Ausschöpfung eines gewissen Übertragungsvolumens auf eine Geschwindigkeit gedrosselt wird, die im Bereich der erzielbaren Übertragungsrate eines analogen 56k-Modems liegt.

Die postmoderne Lüge “Ich”

Ein Musterbeispiel für das Management kognitiver Dissonanzen, zumal sich damit obendrein stumpfes Desinteresse, wahlweise völlige Inkompetenz, als fortschrittliche Einstellung zu Markte tragen lässt. Dass es gleich mit “Ich bin” eingeläutet werden muss, spricht Bände: Die postmoderne Lüge ist das “Ich”, weiter kommt das Subjekt gar nicht mehr, um sich vollständig in seinen marktkonformen Untergang einzukuscheln. Früher nannte man das “Verdinglichung”, heute wäre selbst das eine Verharmlosung. Wofür Generationen gekämpft haben – den Schutz der Privatsphäre vor der Macht des Staates – das opfern die Zombies des Kapitalismus willig der Markenbindung.

Quelle: Feynsinn — Ich bin post privacy

Westfernsehen

In der DDR haben viele Menschen, die die Möglichkeit dazu hatten, das “Westfernsehen”, das Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland geschaut. Die “Internet-Version des Westfernseh-Guckens” ist für viele Intenetnutzer aus der BRD inzwischen geworden, dass sie Youtube über einen Proxy aufrufen, um nicht mehr von immer häufigeren und immer willkürlicher anmutenden Sperren belästigt zu werden.

The Pirate Bay

Der Torrent-Tracker The Pirate Bay ist — ob es den Verwertern von Immaterialgüterrechten gefällt oder nicht — zurzeit die wohl beste Näherung an die antike Bibliothek zu Alexandria, die das Internet hervorgebracht hat; ein Tor zum gesamten Unsinn, zur Kunst, zur Stümperei, zum Wissen und zur Technik der gegenwärtigen Zeit¹. Dass die Bibliothek zu Alexandria in der Zeit des Ediktes von Theodosius I (im Jahr 391 u.Z.), alle nichtchristlichen Kultorte der Stadt zu zerstören, ebenfalls mit allem darin gesammelten Wissen verschwand, ist wohl eine der größten intellektuellen und kulturellen Katastrophen der Menschheit. Die Menschen, die als Vertreter einer Kopierindustrie — die gesamte Contentindustrie tat ja niemals etwas anderes, als ein gutes Geschäft aus einem Oligopol zur Anfertigung von Kopieren zu machen — das gesamte Internet in eine abgeschottete Trutzburg unter dem wehenden Banner des “Geistigen Eigentums” verwandeln wollen, um ihre neureligiösen Interessen am totalitären Geldkulte durchzusetzen, sind keinen Deut besser als die staatsreligiös-christlichen Barbaren, die durch gezielte Zerstörung der antiken Kultur ihre Religion durchgesetzt haben und mit diesem Vorgehen das kommende Mittelalter eingeläutet haben, diese geistige Nacht Europas voller schriller Träume. Und. Sie werden keineswegs die Menschheit in eine hellere und erfreulichere Zeit als das Mittelalter führen, wenn man sie gewähren lässt. Leider fehlte damals der Mehrheit der Menschen ebenso das Bewusstsein für diesen Prozess, wie es auch heute der Mehrheit der Menschen fehlt, die sich in ihrem denkreduzierenden Bespaßungsstreben nahezu diesseitserlöst vorkommen, wenn sie über ihre unterhaltsamen Telefone und Inhaltsabspieltabletts streicheln und dabei genau so heute diesen auf die kalte Psyche zielenden Verheißungen von Streaminganbietern glauben, dass die URL das neue ubiquitäre MP3 sei, wie die Menschen damals jenen auf die kalte Psyche zielenden Verheißungen des Christentums glaubten, dass sie sich durch eine Taufe auf den Gekreuzigten und eine Handvoll auch von ungebildeten Frauen und Sklaven leicht erlernbare Formeln wirksam gegen den Tod impfen. Das Gadget ist das neue Kruzifix, sein ist die Macht der Wenigen und die Herrlichkeit der Benutzerfreundlichkeit in der gefühlten Ewigkeit der leeren leeren Langeweile; der Lichtschein seines Displays ist das Spiegelbild brennender Bibliotheken, eine Fackel am Abend der beginnenden intellektuellen Nacht, in deren Lodern die Ignoranz sich selbst veitstanzend darob feiert, dass sie den Schritt zurück wieder einmal so leichtfüßig vollbracht hat; dass sie — zumindest vorerst (und das bitte so lang wie möglich) — nichts Neues mehr erlernen muss.

¹Die Wikipedia, der Menschen unter der herrschenden Ideologie viel eher so einen Ort zusprechen würden, ist das nicht; sie ist das Spiegelbild des Lexikons, das gesichertes Wissen widergibt und darunter das versteht, was durch die Belege in den Medien der Herrschenden “Relevanz” erhält. Sie könnte es sein, doch es ist von ihren Betreibern explizit nicht gewollt.

Die Profetie des Nachtwächters

Erst
Wenn der letzte Internetnutzer abgemahnt,
Wenn das letzte Bit von einem Patent “geschützt”,
Wenn die letzte hörbare Folge zweier Frequenzen zum “Geistigen Eigentum” erkärt ist,
Erst dann
Wird diese kranke Gesellschaft bemerken
Dass Anwälte und Juristen weder kreativ sind
Noch die Kraft haben,
Eine schöne und lebenswerte Welt zu gestalten.

“Wirtschaftsraum Internet”

Jedes Mal, wenn ein Wirtschaftsunternehmen oder ein klandestin von Wirtschaftsunternehmen gekaufter Politiker über das Internet spricht, stirbt irgendwo unbemerkt ein bisschen freie, menschliche Kommunikation.

Alles smart?

Google weiß, was dich interessiert,
Amazon weiß, was du kaufen willst,
Facebook weiß, wer du bist.

Twitter-Revolutionen?

Never a revolution will be twittered again - ZENSOR

Twitter-Revolutionen? Nein, so etwas wird es niemals mehr geben

Der Tablet-PC

Ein Tablet-PC ist ideal für die kommende Generation, vor allem in der Kombination mit Twitter und den zugehörigen Apps. Endlich kann man seinen Hintern so richtig bequem in den bequemen Lieblingssessel quetschen, während man so richtig politisch aktiv und ein Netzaktivist ist.

Richtung und Garheit

Wie könnten Narren müde werden!

“Kinder auf der Landstraße”, Franz Kafka

Schutz! — Datenschutz ist ein Schutzrecht, keine Verpflichtung. So wie das Briefgeheimnis niemanden daran hindern kann, Postkarten zu schreiben, so wie das Fernmeldegeheimnis es (manchmal leider) nicht untersagt, seine persönlichen Telefongespräche lautstark vor dem gesamten Fahrgastraum einer Straßenbahn als unfreiwilligem Auditorium zu führen, so kann (oder sollte) auch der Datenschutz niemanden daran hindern, noch intimste Daten öffentlich oder in einem möglicherweise zum Tratsch neigenden Kreis von Mitmenschen preiszugeben. Es ist nicht verboten, so etwas zu tun. Und es will auch niemand verbieten. Doch selbst die mit ihren Daten freigiebigsten Menschen wären wohl eher unangenehm berührt, hörte jemand ihr Telefon ab oder öffnete und läse jemand ihre persönliche Briefpost. Im “materiellen” Leben ist den meisten Menschen bewusst, welche Angelegenheiten nicht auf eine Postkarte gehören und niemanden anders etwas angehen; im “virtuellen” Leben scheint das vielen nicht bewusst zu sein¹.

Schutz? — Ja, wovor schützt denn der Datenschutz? Er schützt die Menschen davor, dass ihre Daten eine unerwünschte Verwendung finden. Diese ist nicht nur darin zu sehen, dass jemand mit besser gezielten Werbelügen bombadiert würde und auch nicht darin, dass Kriminelle in die Lage versetzt würden, die Identität eines anderen Menschen für wenig erfreuliche Machenschaften zu missbrauchen, sondern auch. Dass andere aufgrund eines Einblickes in die leicht und automatisch verarbeitbaren Daten eine Deutungshoheit über diejenige Person bekommen könnten, aus deren Leben diese Daten herausragten. Ein Vermieter könnte anhand eines bloßen Einblickes in (möglicherweise jahrealte) Daten entscheiden, an welche Personen er eine Wohnung vermietet; ein Versandhaus könnte Entscheidungen über die Bonität fällen; ein Personaler könnte seine Entscheidungen über einen Arbeitsvertrag von den (vom betroffenen Menschen längst vergessenen) Daten abhängig machen. Dies kann losgelöst von der Komplexität der realen Person und ihrer derzeitigen Lebenssituation getan werden und auf wenigen, für den Entscheider in seiner Machtposition bequem quantisierbaren Merkmalen basieren. Schon heute führt das data mining dazu, dass Banken und Versandhäuser die einem Menschen zugeordnete Bonität unter anderem nach seiner Wohnadresse bewerten; dass sie die viel komplexeren Lebensräume von Menschen mit datenmäßig erfassten sozialen Mauern abstecken und Menschen danach beurteilen, auf welcher Seite der Mauer sie leben, ohne dass das den meisten Menschen bewusst wäre. Die Daten. Haben in solchen Punkten schon längst ihr “Eigenleben” entwickelt und lassen auch immer wieder einmal die davon betroffenen und durch die Datenbrille betrachteten Menschen in kafkaesken Situationen zurück. Die unkontrolliert zirkulierenden Daten führen zur Ohn-Macht der Person, aus deren Leben Abrieb diese Daten einst einmal entstanden.

Asymmetrie — Die Websites, die man unter dem irreführenden Begriff social web zusammenfasst — es gibt neben Facebook, Google Plus und Twitter noch viele eher unbedeutende Angebote dieser Art — sind für die Idee des Datenschutzes problematisch. Dies nicht, weil sich Menschen darüber mitteilen und dies in einer gewissen Öffentlichkeit geschähe, sondern weil in einem bislang ungekannten Maß die Summe solchen Mitteilens vieler Menschen als Datensammlung weniger Unternehmen mit eher ungewissem Geschäftsmodell anfällt. Diese Sammlung ist keineswegs öffentlich. Und sie enthält vieles, woran die darin datenmäßig erfassten Menschen gar nicht mehr denken. Eine Website, die das monströse Ausmaß der Datensammlung durch Facebook dokumentiert hat…

Die Domain www.europe-v-facebook.org wurde gesperrt

…ist gerade erst unter mir nicht näher bekannten Umständen aus dem Internet entschwunden, nachdem viele Medien über die beachtenswerten Ergebnisse dieser Bemühung berichtet haben². Der zugehörige Channel bei YouTube existiert noch, aber leider ist die Website (noch) nicht bei archive.org verfügbar und somit fürs erste verloren gegangen. Den vielen Menschen, die nur einen geringen Einblick in die Datensammlung haben, indem sie mit anderen Menschen über eine zentralistisch organisierte Struktur im Web kommunizieren, ihnen stehen wenige Menschen gegenüber, die einen vollständigen und automatisch verarbeitbaren Einblick über alles Kommunizieren, Surfen, Liken, Betrachten erlangen und diesen Einblick als Herrschaftswissen beliebig auswerten und benutzen können. Angesichts des fragwürdigen Geschäftsmodelles der unter Gewinnerzielungsabsicht auftretenden Unternehmung Facebook ist es eher wahrscheinlich, dass diese Datensammlung einmal ein für viele davon betroffene Menschen unerwünschtes “Eigenleben” entwickeln wird. Das Internet, das dem Individuum einmal Freiheit und Möglichkeit zur Entfaltung versprach, entwickelt durch die künstliche Zentralisierung seiner kommunikativen Funktionen in wenige Anbieter ein Instrumentarium, den von einer herrschenden und besitzenden Elite gehegten Wunsch nach Konformität und Berechenbarkeit der Menschen zu erfüllen. Und somit neue Knechtschaft und verhinderte Entfaltung der Mehrzahl von Menschen zu schaffen, durchzusetzen und zu zementieren. (Ein aktueller Nachtrag: Die Website Europe versus Facebook ist inzwischen wieder verfügbar. Zum Glück.)

Silberscheibe — Wie monströs die Datensammlung auf Seiten Facebooks in Wirklichkeit ist, zeigt sich darin, in welcher Form Facebook die Daten auf Nachfrage (und keineswegs freiwillig) übermittelt: Es geschieht in Form einer CD. In einem Fall mit 1200 DIN-A4-Seiten gesammelten Daten zu einer einzigen Person. Und dies waren keineswegs alle von Facebook gespeicherten Daten zu dieser Person. Beim Einblick in diese Daten wurde deutlich, dass Facebook das wichtigste Prinzip des Datenschutzes, die möglichst große Sparsamkeit in der Datenhaltung, systematisch missachtet hat. Auch Beiträge, die der Nutzer gelöscht hat, bleiben in der Sammlung künftigen Herrschaftswissens erhalten und sind nur “als gelöscht markiert”. Selbst bei einer Löschung des Accounts ist davon auszugehen, dass Facebook alle Daten behalten wird — und im Regelfall eine beachtliche Zeit dazu imstande sein wird, den vollständig identifizierten ehemaligen Nutzer weiter auf seinem Weg durch das Internet zu verfolgen.

Das Sparen erzwingen — Wenn Unternehmungen wie Facebook (aber keineswegs nur dieses) nicht willens sind, Daten sparsam zu erheben und vorzuhalten, gibt es nur eine Möglichkeit, dem zu begegnen, um auch von solchen Unternehmungen Datenschutz zu erzwingen: Man muss mit der Preisgabe seiner Daten so sparsam sein, wie es gerade noch möglich ist; und man muss diese Haltung mit allen verfügbaren technischen Mitteln unterstützen. Kein echter Name, keine persönliche Mailadresse, kein zutreffendes Geburtsdatum, kein wirklicher Wohnort… so sollte die Grundhaltung sein, wenn man nicht einen besonderen Grund hat, einem bestimmten Anbieter zu vertrauen oder wenn nicht bestimmte dieser Angaben für ein wirklich wünschenswertes Angebot erforderlich sind. (Ein Versandhandel kann nur liefern, wenn er einen Empfänger und eine Lieferadresse kennt.) Die Datenskandale nach den erfolgreichen Crackerangriffen der letzten Monate sollten auch dem Letzten deutlich gemacht haben, dass man in Bezug auf Datensparsamkeit keinem einzigen Unternehmen pauschal trauen kann. Tatsächlich werden immer wieder so leicht missbrauchbare Daten wie Konto- und Kreditkarteninformationen ohne besondere Not auf einen über das Internet zugänglichen Server abgelegt, also einem Opferrechner, der vielfachen Angriffen aller Art ausgesetzt ist. Wo die Unternehmen bis zur Inkompetenz verantwortungslos sind, ist jedes Vertrauen fehl am Platze, wenn es keinen guten Grund dafür gibt.

Mauern und Tore — Es ist erstaunlich, wie häufig mir Links auf Inhalte zugesteckt werden, die ich nur betrachten kann, wenn ich einen Account bei Facebook habe. Dieser Account. Wird von vielen (meist jüngeren) Menschen beim anderen Menschen einfach vorausgesetzt. Für mich als jemanden, der ich nicht einmal dazu bereit bin, mich in pseudonymer Form von Facebook tracken und verdaten zu lassen, ist eine Mauer um viele Inhalte geschaffen, die ich nur durch die von Facebook vorgesehene Türe betreten kann — mit persönlichen Daten als Eintrittsgeld. Ich muss davon ausgehen, dass derartige Zustecksel bei anderen Menschen noch häufiger sind, so dass für viele Menschen ein spürbarer sozialer Druck aufgebaut wird, ihre Daten an Facebook zu geben, damit ihnen das Internet für ihre persönlichen Absichten überhaupt erst nützlich wird. Auch ist es immer häufiger zu sehen, dass eine Authentifizierung vermittels Facebook ersatzlos an die Stelle dezentraler, site-spezifischer Registrierungsprodzeduren gesetzt wird, so dass Menschen ohne Facebook-Account auch von der aktiven Teilnahme in Bereichen des Internet ausgeschlossen werden, die gar nicht zu Facebook gehören. Was für ein sonderbarer eiserner Datenvorhang das doch ist, und wie bereitwillig sich Leute zur Zollstelle irgendwelcher Unternehmungen machen!

Zwei? Null. — That so called “social web” is an ignorant, pubertal, irresponsible part of the web, and a growing one too. Growing? No, rampant.

Zeitachse — Wie viel mehr die Menschen doch englisch lesen und sprechen, als sie es verstehen. Dass Facebook sich künftig als “Timeline” verstehen will und von anderen so verstanden werden soll, ist schon als Begriff etwas, was tief blicken lässt. Es soll dort eine Zeitachse abgebildet werden, auf der sich das Leben der dort datenliefernden Menschen in vielen automatisch auswertbaren Spuren niederschlägt. Ob die gleichen Menschen, die im Internet so bedenkenlos freigiebig werden, das alles wohl auch in ihren Lebenslauf schreiben würden?

Erzwungene Entdatung — Wie eingangs gesagt, Datenschutz ist ein Schutzrecht, und es sollte niemanden behindern, der “mutig” genug ist, ohne diesen Schutz zu leben. Wer sich vor zentralen Anbietern mit fragwürdigen Geschäftsmodell hemmunglos datenmäßig entkleiden — oder meinethalben: entdatenschützen — möchte, der soll das tun! Für den Außenstehenden ist es oft schwierig, “Mut” von Dummheit zu unterscheiden, aber das halte niemanden ab! Doch eine Sache ist widerwärtig, bei allem Faseln vom social web geradezu antisozial und verachtenswert: Dass ein so genannter “Button”, der nichts weiter ist als eine in Javascript implementierte Tracking-Wanze eines datensammelnden Unternehmens mit fragwürdigem Geschäftsmodell, die auf fremden Websites eingebettet werden kann³; dass so ein so genannter “Button” auch Menschen zugemutet wird, die diesen wie wahnsinnig dumm wirkenden “Mut” nicht aufbringen wollen. Dass von dieser versteckten Spionage vor allem weniger technikaffine Nutzer betroffen sind, die sich nicht mit geeigneten Plugins wie NoScript zur Wehr zu setzen wissen und in der Regel nicht einmal das mögliche Problem erfassen können, macht die ganze Sache nur noch überrumpelnder und widerwärtiger.

Dummheit unter Kieler Brise — Dass das Kieler “Unabhängige” Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein angekündigt hat, demnächst wegen der Einbettung eines “Buttons” von Facebook empfindliche Ordnungsgelder gegen Websitebetreiber zu verhängen, um geltendes Recht durchzusetzen, hat für teilweise heftige Empörung gesorgt. Die Datenschützer mögen sich doch — so sagten es die eifrigen Einbetter der Trackingwanzen in ihre Websites und damit die Schergen eines Datensammlers und Trackers — sie mögen sich doch gefälligst nicht an die armen Websitebetreiber, sondern direkt an Facebook wenden, diese blöden, weltfremden Datenschützer! Obwohl dafür keinerlei juristische Handhabe besteht. Was für eine idiotische Forderung! Und wie sehr sich diese Forderung mit einer Ablehnung jeder eigenen Verantwortung für den Zustand kombiniert, der ein solches Eingreifen von Datenschützern erst erforderlich macht! Ganz so, als wäre es unmöglich, eine Website zu betreiben, ohne diese verkappte Tracking-Wanze darin einzubauen; ganz so, als habe ein Sitebetreiber nach der Einbettung dieser Tracking-Wanze keinerlei Verantwortung dafür, dass seine eigene Website in eine Tracking-Vorrichtung für Facebook umgewandelt ist. Man stelle sich diesen unfassbaren Schwachdenk nur einmal mit anderen Rechtsverstößen vor! Zum Beispiel stelle man sich einmal vor, Menschen würden ein extern gehostetes Bild auf ihre Website einbetten und für das so entstehende Ergebnis die Verantwortung ablehnen! Zum Beispiel ein Bild, das in vielen ferneren Kulturkreisen als problemlos benutzbar, ja, sogar. Als heilsam und glücksbringend gilt: Eine Swastika. Das aber unter deutschem Recht nicht ohne einen besonderen Kontext benutzbar ist. Und diese Bildeinbetter. Würden jede Verantwortung dafür. Zurückweisen. Und fordern, dass stattdessen auf den Bildhoster im Auslande zurückgegriffen werden möge, der doch ein in seinem Rechtsraume völlig zulässiges Bild verwendet, so dass juristisch gar keine Handhabe besteht. Und sie würden “argumentieren”, dass die Einbettung dieses Bildes ja in vielen anderen Ländern auch problemlos möglich sei. Und. Sie würden sagen, dass ein Vorgehen gegen diese Praxis dem “Geist des Internet” zuwider liefe. Oh, was würden gewisse Leute diesen Freiraum gern nutzen, wenn es ihn nur gäbe! Aber: Dass es diesen Freiraum nicht gibt, ist beinahe jedem Menschen klar und in seiner Motivation einsichtig. Seltsamerweise beginnen viele Menschen aber zu glauben, dass es Freiräume für Rechtsverstöße gibt, wenn diese Rechtsverstöße nur nicht sofort offensichtlich sind, wenn sie nur fein abstrakt und technisch sind. In diesem dummen Glauben spiegelt sich die technische Unwissenheit dieser Menschen wider. Und. Es ist genau diese selbstverschuldete Dummheit und aus Unwillen ersprossene Unwissenheit, die das Geschäft von netzvampiristischen Websites wie Facebook überhaupt erst ermöglicht.

Alternative — Die Cholera ist keine gute Alternative zur Pest, sondern Gesundheit ist die gute Alternative. Google Plus ist keine gute Alternative zu Facebook, sondern genau so mies und schlimm. Das freie, möglichst dezentrale Internet ist eine gute Alternative zum so genannten social web, sonst nichts.

Lenken und ablenken — Vielleicht wären die Datenschützer in ihrem Bemühen etwas überzeugender, wenn ihr Blick nicht so einseitig wäre; wenn sich ihr Blick etwa mit der angemessenen Strenge und Unerbittlichkeit auf staatliches Datensammeln in der Bundesrepublik legte. Wer geht mit Aufklärung der Menschen und den gegebenen juristischen Möglichkeiten gegen überflüssige polizeiliche Überwachungskameras im öffentlichen Raum vor? Wer geht gegen die Weitergabe von Bankdaten in die USA vor? Wer hat beim Internetzensurgesetz einer Ursula von der Leyen davon gesprochen, dass die unkontrollierte Manipulation der Namensauflösung dem BKA die Möglichkeit gewährt, unbemerkbar E-Mails mitzulesen? Wer sprach oder spricht vom Missbrauchspotenzial der poltisch gewünschten Vorratsdatenspeicherung? Wer nimmt Stellung zum Wunsch vieler Mitglieder der classe politique nach einem möglichst gläsernen Bürger? Es waren und sind keine Datenschutzbeauftragten. Im einseitigen Vorgehen gegen Unternehmungen und Websitebetreiber verbleibt ein unangenehmer Nachgeschmack beim Genuss, ein Eindruck von Aktionismus und von der Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit von einem anderen, eher noch größeren Problemkreis, ganz so, als sollte sich unter einer Wolke nur gefühlten Datenschutzes ein allgegenwärtiger Blick eines anonymen, großen Bruders auf das Leben aller Menschen richten. Wenn sich dies auch noch mit einer einseitigen Ausrichtung auf ausländische Unternehmen richtet (ich habe noch nie ein kritisches oder aufklärerisches Wort zu den deutschen VZ-Sites gehört), ist zusätzlich der Eindruck nicht leicht abzuschütteln, dass zu diesem Zweck auch nationale Empfindungen instrumentalisiert werden sollen, um eine möglichst breite Wirkung der Ablenkung zu erzielen. Die Kritik am staatlichen Datenschutz ist also durchaus berechtigt, sie hat nur die falsche Richtung. Und dokumentiert damit, dass die Ablenkung hervorragend funktioniert.

Bundestrojaner 2.0 — Es hätte vielleicht keinen Widerstand gegen den so genannten “Bundestrojaner” gegeben, nein, viele Menschen hätten ihn sich sogar freiwillig installiert, wenn ein solches Schnüffelprogramm unter dem Banner des social web unter die Leute gebracht worden wäre; als eine Möglichkeit, mit seinen “Freunden” in Kontakt zu treten und interessante “Dinge” zu “teilen”; als eine Vorrichtung, die zusätzliche Besucher auf die eigene Website bringen kann (und somit vielleicht auch etwas Geld über Werbebanner einbringt) und einem ein Auditorium und Aufmerksamkeit bei anderen Menschen verschafft. Gern hätten sich die gleichen Menschen dafür datenmäßig nackig gemacht, die es jetzt für Facebook und Google Plus tun — und jedem, der ihnen sagt, welche Gefahren damit verbunden sind, hätten sie einen Vogel gezeigt und ihn als “rückständig” beschimpft. Gut, dass in Deutschland niemand auf diese naheliegende Idee gekommen ist.

¹Ich hoffe, dass “materiell” und “virtuell” ein besseres Gegensatzpaar ist als der so übliche Polit- und Pressesprech von “virtueller” und “wirklicher” Welt. Denn das Internet hat und ist in der Welt geformte Wirklichkeit, und der unterschwellige Versuch, ihm diese Wirklichkeit mit solchem Wortblendwerk abzusprechen, ist angesichts der Bedeutung, die dem Netze von den Absprechenden dann doch wieder zugemessen wird, wenn es nur um die Durchsetzung von Restriktion geht, lächerlich. Aber auch meine beiden Wörter treffen es nicht. Ich kann gar keine guten Wörter finden, um einen Unterschied auszudrücken, was vielleicht daran liegt, dass ich einen solchen Unterschied nicht empfinde. Was unterscheidet denn eine “virtuell” gepflegte Freundschaft von einer althergebrachten Freundschaft, die über Briefe und Telefon gepflegt wird und die niemand mit einem so unsinnigen Wort wie “virtuell” benennte?

²Das Verschwinden dieser Website ist der Grund, der mich zum Schreiben anregte. Ich will nicht, dass es ins Schweigen fällt. Wenn jemand eine archivierte Version der Website hat, wäre ich dankbar, wenn diese irgendwo im Internet verfügbar gemacht würde. Es kann völlig banale Gründe haben, dass diese Website verschwunden ist, etwa eine nicht bezahlte Rechnung. Es kann aber auch auf juristische Winkelzüge von Facebook zurückzuführen sein; immerhin behauptet Facebook beispielsweise, das “geistige Eigentum” an den gesammelten Daten zu haben und könnte über diesen absurden Anspruch versuchen, die Veröffentlichungen des Ausmaßes der Datensammlung und der Struktur der gesammelten Daten zu unterbinden. Ob letzteres der Fall ist oder nicht: Die bloße Inanspruchnahme eines “geistigen Eigentums” über die Daten anderer Menschen ist bereits für die vom Datensammeln betroffenen Menschen kafkaesk genug, um das Gruseln zu bekommen.

³Der Begriff “Button” ist für diesen IFRAME, in dem eine JavaScript-Anwendung läuft, im höchsten Maße irreführend. Es ist etwas fundamental anderes als eine Schaltfläche, wenn es auch auf dem ersten Blick ähnlich aussieht. Selbst abgemeldete Nutzer sind damit noch bei ihrer Bewegung durch das Internet verfolgbar. Dass Facebook dies gern tut, zeigt sich schon darin, dass es Facebook nicht gefällt, wenn für die Funktionalität “Like” andere Implementationen verwendet werden. Die irreführende Sprache aus der Reklameabteilung von Facebook sollte besser nicht ohne Anführungszeichen verwendet werden. Es ist kein “Button”. Es ist eine Tracking-Wanze, die den Leuten hinterhältig mit dem irreführenden Wort “Button” untergeschoben wird. Die wenigsten Menschen scheinen sich darüber im Klaren zu sein, dass selbst ohne gesetzte Cookies und ohne IP-Adresse mit einem Schnipsel JavaScript eine eindeutige Identifikation des Browsers (und damit in der Regel des Nutzers) beinahe immer möglich ist. Diese fließt leicht mit anderen, persönlicheren Daten zusammen oder kann gar im Zuge einer späteren Facebook-Registrierung zu einer konkreten Person zugeordnet werden.

Erst wenn…

Erst wenn ihr euer letztes persönliches Adressbuch bequem und von überall zugreifbar “in der Cloud” abgelegt habt; erst wenn eure gesamte Kommunikation auf den Servern irgendwelcher Konzerne mit ihrer großen Lust am Tracken, Dataminen und Abzocken abgelegt ist; erst wenn ihr alle Daten, an denen ihr arbeitet, von denen ihr euch unterhalten lasst oder die ihr schlicht nur mögt, aus der Hand gegeben habt; erst wenn ihr die Geräte, die ihr nutzt, zwar mit Geld bezahlt habt, aber ferne, anonyme Andere über für euch nicht nachvollziehbare Mechanismen jederzeit damit machen können, was immer ihnen beliebt; erst wenn ihr durch ein einfaches Abklemmen der Netzwerkverbindung aus irgendeinem willkürlichen Grund von allem getrennt werden könnt, was für euch technisch ansonsten desinteressierte, reine Anwender einen Computer erst interessant macht — erst dann werdet ihr merken, dass ihr nicht nur materiell, sondern endlich auch immateriell völlig enteignet seid. Und die “Cloud”. Versteht ihr dann, wenn es längst zu spät ist, endlich nicht mehr als eine euch einfach umgebende Wolke, sondern mit euren sich langsam öffnenden Augen und schnell weitenden Pupillen als das, was sie vom ersten Tage an war, als ein fürs professionelle Lügen gut bezahlter Marketing-Heini sich diesen in die Irre führenden Begriff ausgedacht hat: Eine Schicht künstlich geschaffener Abhängigkeit, gelegt über eine Technik, die einst einmal das Potenzial in sich trug, euch ein wenig nur unabhängiger zu machen.

Aber ihr werdet schon alles bezahlen, und seis noch mit eurem Herzblut — es sind ja so hübsche, gut designte, glänzende Glasperlen Gadgets.

Vom Gottesdienst im Internet

Die Frage, die hier Ein feste Burg ist unser Gott aufgeworfen hat, finde ich auch aus dem Blickwinkel eines überzeugten Nichtanhängers der christlichen Religion interessant und möchte einige nur leidlich sortierte Stichpunkte dazu beitragen — dass im Worte “Stichpunkte” ein leichter, heiterer Anklang vom “sticheln” enthalten ist, passt mir dabei recht gut:

Web 2.0 ist ja ne tolle Sache, so von wegen sozial und so. [...] Wie kann die Kirche das nutzen, oder konkret ich später als Pfarrer, wenn ich denn übernommen werde… [...] Was mir fehlt ist vielleicht eher im emotionalen Bereich angesiedelt: Ich kann prima nen Gottesdienst ins Netz übertragen, so wie es im ZDF die Gottesdienstübertragungen gibt. Ich kann Menschen mit Informationen zuschmeißen, wenn ich mir die Zeit dazu nehme. Aber was bisher nicht geht ist: Gottesdienst MITeinander zu feiern übers Netz. [...] Ich frage mich, ob es Techniken oder Ansätze gibt, auch das per Netz hinzukriegen, und es ist eine offene Frage, die vielleicht auch nicht nur für die Kirchen interessant sein könnte, sondern allgemein für Leute die an Kommunikation interessiert sind.

[Ich habe dieses Zitat erheblich gekürzt und bitte darum, es bei Interesse an der Quelle nachzulesen. Sowohl das Posting als auch das Blog enthält mehr als nur Spuren von Religion, Allergiker sollten vom Genuss besser Abstand nehmen.]

Komik — Ich muss zugeben, dass mich diese einfache und aus der (mir, als Opfer einer bis zur Unmenschlichkeit christlichen Gesellschaft eher fremden) Sicht eines Christen vielleicht sogar nahe liegende Frage zunächst zum herzhaften Lachen reizte. Die Vorstellung eines über Twitter ablaufenden Gottesdienstes mit zugesprochenen magischen Formeln Segensformeln in Tweetlänge ist nun einmal sehr komisch, beinahe so komisch wie ein demonstrativ von einem Computer auf Endlospapier ausgedrucktes Horoskop. Und Menschen, welche die Komik in diesen beiden Vorstellungen nicht empfinden können — zumindest die kommerziell vertriebenen Horoskope in solcher Form gibt es wirklich, und es gibt sogar Menschen, die nennenswerte Geldbeträge für solche zusammengesteckten Textlegos voller Vagheit ausgeben — sind ebenfalls recht komisch. Zumindest so lange. Wie man sie noch aus gutem Abstande betrachten kann und nicht in ihrem Geschwätz ersticken muss. Ein Satiriker könnte sich kaum einen besseren Witz ausdenken. Interessant bleibt für mich aber die Frage. Woher. Diese komische Wirkung kommt, denn der befreiende Atem des Lachens wird doch immer über dem Abgrund einer möglichen Einsicht geblasen.

Medium — Es ist ja an sich nichts Neues, gemeinsame menschliche Aktion mittelbar, über ein Medium, zu praktizieren. Das gilt auch für das Irrationale, Psychische, jenseits der kritischen Vernunft Liegende, was wohl jeder bestätigen kann, der an Online-Rollenspielen partizipiert. (Ich tue das übrigens nicht und wollte hier nur ein Beispiel nennen, das von eher psychischer Substanz ist und doch fern genug des religiösen Themas liegt.) Einige der fruchtbarsten Vorgänge des menschlichen Austausches habe ich über die Vermittlung von Computernetzwerken erlebt (schon bevor es das Internet als moderne Massenerscheinung gab), und bis heute ist es so, dass ich Kontakt zu Menschen pflege, die ich niemals persönlich getroffen habe und dabei dennoch ein Erlebnis von Gemeinschaft, vom Kennenlernen eines fremden und oft interessanten Charakters habe und auch vom gegenseitigen Einbringen der persönlichen Fähigkeiten und Kenntnisse für ein gemeinsames Ziel; eine echte menschliche Grunderfahrung, denn der Mensch ist ein triebhaft soziales Wesen. Tatsächlich beschäftige ich mich mit einigen Themenbereichen, die wegen des fein über die Welt gestaubten Interesses jede andere Form der Kommunikation sehr schwierig machten, und deshalb bin ich wirklich froh über das oft auch eher kalte und unpersönlich wirkende technische Medium. Aber es ist doch niemals so, dass ein Medium neutral wäre; jedes verwendete Medium drückt dem darüber vermittelten Miteinander seinen Stempel auf, zwingt es durch einen Satz objektiv bestehender Möglichkeiten und Einschräkungen in eine Form, die auf das Miteinander rückwirkt. Das gilt bereits, wenn Briefe geschrieben werden, wenn direkt im Miteinander interagiert wird oder wenn ein Telefon verwendet wird. Die vom verwendeten Kanal verursachte Formgebung des menschlichen Miteinanders ist eine Erscheinung, die vom fühlenden und denkenden Menschen fordert, weisen Gebrauch von den verfügbaren Medien zu machen. (Die SMS mit den Worten “Ich mach schluss” ist in der Regel nicht so weise.) Ein prinzipielles, unreflektiertes Verschließen gegenüber einem möglicherweise nützlichen Medium ist angesichts der gebieterischen Existenz der Medien ein Indikator für die Dummheit, ebenso, wie die Dummheit dadurch angezeigt wird, dass beschränkte Kraft und Lebenszeit mit unzweckmäßigen Medien verplempert wird.

GoebbelsschnauzeDas zentral organisierte Medium des Fernsehens steht in der direkten Tradition des Volksempfängers, es ist auch ein von seiner Natur her autoritäres Medium, eine konzeptionelle Einwegkommunikation, das technisch verstärkte Befehlsbrüllen jener, denen (durch politische oder pekuinäre Herrschaftsstrukturen) die Macht gegeben ist, sich in dieser Form äußern zu können. Es kennt Einen Sender und degradiert die anderen Rundfunkteilnehmer zu bloßen Empfängern. Deshalb ist es auch so wenig überraschend, dass sich ein christlicher Gottesdienst mit seinem Zentralstück Predigt ohne großen Verlust in dieses Medium “verpacken” lässt, denn der christliche Gottesdienst ist konzeptionell ebenfalls eine Einwegkommunikation — dies wird ebensowenig dadurch abgemildert, dass “die Gemeinde” in liturgisch vorgegebenen Liedern und Sprechtexten auf die Jesusshow “antwortet”, wie sich der Einwegcharakter des Fernsehens schon dadurch auflöste, dass den Zuschauern über Telefonverfahren die “Möglichkeit” gegeben wird, kostenpflichtig auf vorgegebene Fragen vorgegebene Antworten “geben” zu können, die dann in sinnfreien Balkendiagrammen beiläufig angemerkt und schnell wieder vergessen werden, so sie nicht gut in die Absichten der aufgeführten Einwegkommunikation passen. Das formale Konzept der frontalen Predigt zur Herbeiführung der Einideeigkeit beim Zuhörer passt hervorragend in das Fernsehen, in den Podcast, in den Livestream, und dieses perfekte Passen hat das Konzept der frontalen Predigt mit dem Konzept der Reklame, der demagogischen Rede, der feierlichen Verlautbarung des Politbüros und vergleichbarem Dunst gemein. Dass diese Gemeinsamkeit mit großer Leichtigkeit dazu führt, dass die christliche Verkündigung zum stützenden Bestandteil eines menschenverachtenden Regimes wird, zeigt ein einfacher Blick in ein Geschichtsbuch, und in wie hohem Maße die Religionspflege der derzeitigen, quasi-staatlichen Großkirchen ihren stützenden Platz im kaum noch gebremsten Totalitarismus der Wirtschaftsideologen findet, wird ebenfalls durch Hinschauen evident. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!

Internet — Das Internet ist kein zentral organisiertes Medium. Es ist zwar möglich, am Volksempfänger orientierte Mediendienste darin zu transportieren, indem gewisse Möglichkeiten des Internet einfach nicht genutzt werden; und diverse Podcasts und Streams belegen das auch; aber eine solche Benutzung ist bereits eine Beschränkung der Möglichkeiten des Internet. Von seiner Beschaffenheit her ist das Internet ein Netzwerk gleichberechtigter Computer, das ein Potenzial in sich trägt, Menschen auf gleichberechtigter Basis zusammenzuführen. Allein diese eine Eigenschaft des Netzes trägt genug subversive Kraft in sich, um von den Profiteuren der gegenwärtig zerfallenden Gesellschaftsordnung — wozu die Kirchen zweifelsohne gehören — systematisch vergessen zu werden. Aber nicht so sehr, dass man vergäße, das Internet und seine Nutzer nach Kräften zu beschimpfen, zu kriminalisieren, zu zensieren, zu bespitzeln und einzuschränken. Und. Noch unkundigen Menschen in medialen Lug- und Nebelkampagnen ordentlich Angst vor diesem Netz voller Killer, Kinderschänder, Krimineller und Nazis einzuhauchen.

Web 2.0 — Das Gerede vom “Web Zwo Null” ist eine Blendgranate der Reklameindustrie und geht an der technischen Wirklichkeit des Internet vorbei, indem es künstliche Beschränkungen zementiert. Es handelt sich beim so genannten “Web Zwo Null” um etliche Versuche, den Menschen eine (scheinbar kostenlose) zentrale Struktur für ihre menschliche Interaktion und ihre sozialen Bedürfnisse zu geben, ob so etwas nun MeineLeere, Fratzenbuch, Zwitscher oder MeinKZ genannt wird. Mit dieser Bestrebung verbindet sich die Hoffnung dieser Ausverkaufleute, dass man die menschliche Kommunikation und Interaktion mit Reklame anreichern könne, um darüber Geld zu machen. Die künstlich geschaffene Abhängigkeit der Nutzer von zentralen Serverdiensten ist dabei gewünscht und beabsichtigt, sie ist bares Geld für die Ausverkaufleute. Hier wird der Gedanke der Ausbeutung bis zur letzten Konsequenz gedacht, wird zum reinen Parasitentum noch auf die intimeren menschlichen Grundbedürfnisse. Die freundlichen Worte und warmen Anpreisungen, mit denen einem so etwas schmackhaft gemacht werden soll, sie sind das virtuelle Äquivalent zum Kuss des Judas Iskariot.

Religion — Die Religion ist ein Abwehrzauber gegen die individuelle Ohnmacht, und eben deshalb erhält sie diese Ohnmacht durch die Dramatisierung der Ohnmacht im religiösen Kult und im so genannten “Glauben”. Da, wo den Menschen eine andere, psychisch wirksamere Erwiderung auf ihre Ohnmacht gegeben wird, wird die Religion obsolet. Oder, um es für einen noch religiösen Menschen zu sagen: Die “Herrschaft Gottes” ist mitten unter den Menschen und bedarf der institutionalisierten Vermittlung nicht mehr, sondern erkennt diese in großer Klarsicht als so teuflisch, wie sie es in Wirklichkeit immer schon war.*

Hypnose — Allen Verfahren zur Herbeiführung einer hypnotischen Trance ist gemeinsam, dass sie das Bewusstsein mit monotonen, wenig Aufmerksamkeit fordernden Tätigkeiten beschäftigen, damit das Bewusstsein nicht zu einer Kritik dessen kommen kann, was ihm widerfährt. Dabei verliert das Bewusstsein seine sonst den Wachzustand beherrschende Stellung, der kritische Filter für die Rezeption der Umwelt wird umgangen und das Unterbewusste in diesem Prozess direkt ansprechbar. Die Details der angewendeten Suggestionen und Methoden unterscheiden sich von Konfession zu Konfession. Und. Von Fernsehsender zu Fernsehsender.

Geist — Ist es nicht erstaunlich wahr, dass die Wörter “geistlich” und “geistig” so verschiedene Bedeutungen haben? Dass dieser Geist, der einen Menschen zu mehr macht als zu einem haarlosen Affen, nicht der “heilige Geist” sein soll? Wohl dem, der an der Quelle sitzt und lebendiges Wasser trinkt!

Feier — Um einen Gottesdienst im Internet zu feiern, bedarf es einen anderen Gottesdienstes, der keine vermittelte unheilige Komödie von quasi-beamteten Verwaltern der so genannten “göttlichen Gnade” und im Vergessen ihrer Studieninhalte zur Textkritik der Bibel geübten Pfaffen ist. Wir feiern dieses Fest jeden Tag im freien Geben und Nehmen, auch und vor allem im Internet. Auf den abstrakten Begriffsgummi “Gott”, dessen Deutungshoheit ausschließlich in den Händen derjenigen Vampire liegt, die auch noch unser Blut tränken, wenn es ihnen nur schmeckte, können wir dabei gut verzichten. Weder der Begriff noch der “Gott” fehlen uns. Aber. So verschieden wir sind, wir registrieren alle auf unsere eigene Art, dass es in erster Linie erklärte und oft sehr engagierte christliche Politiker sind, die alle nur erdenklichen Mittel und alle Macht der Lüge daran setzen, das Internet zu zerstören. Nichts ist im Internet so obsolet wie eine Kirche, die ihre historische Wirkmacht der zementierten Ungleichheit und dem Aufrechterhalt der Ohnmacht vieler Menschen verdankt, und kaum etwas ist in ihm so deplatziert wie ihre Versuche, Essig in neuen Schläuchen als Wein zu verkaufen. Ihre im Netze abgelegten Verlautbarungen sind genau so lächerlich wie ein Computerausdruck mit einem Horoskop und sogar noch komischer als die hanebüchenste Verschwörungstheorie. Wir glauben an ein Leben vor dem Tod, und wir nehmen es in feierlicher Stimmung jeder nach den ihm gegebenen Möglichkeiten selbst in die Hand — bis hin zu jenem Freitod in auswegloser Lage, der uns von der gleichen christlichen Religion verboten wird, die uns auch das Recht auf ein Leben abspricht. Was dabei im Internet als kollektives Werk eines überpersonalen Prozesses im Wirken Freier Einzelner an heiterer, Freier Kultur ersprießt und erblüht, mag marginal erscheinen, ist aber durch die jüngere gesellschaftliche Entwicklung längst essentiell geworden, sogar wirtschaftlich bedeutsam. Es ist die aufgehende Sonne einer neuen Zeit, deren deutvoller Schimmer die klamme Kälte einer nebligen Nacht durch ihren Anbruch erträglich macht und irgendwann, in naher Zeit, überwinden wird. Während die einen immer noch versuchen, aus alten orientalischen Geschichten ihr lichtverneinendes Leben zu gestalten und eine solche, wenig vorteilhafte Wahl auch anderen aufdrücken wollen, entsteht längst vor aller Augen das “Neueste Testament”.

Wunder — “Jesus sprach: Wenn das Fleisch zur Existenz gelangt ist wegen des Geistes, so ist das ein Wunder. Aber wenn der Geist zur Existenz gelangt ist wegen des Leibes, so ist das ein Wunder der Wunder. Aber ich, ich wundere mich darüber, wie dieser große Reichtum in dieser Armut gewohnt hat.” (Jesus aus Nazaret zugeschrieben, aus dem apokryphen Thomas-Evangelium, Logion 29)

Anmerkungen

Einige blumige Anspielungen, die nicht für jeden Nichtchristen verstänndlich sind, sind Anklänge an populäre Textpassagen aus der “Bibel” in Luthers Übelsetzung.

* Gemäßigtere und optimistischere Menschen setzen hier an Stelle von “immer” die Wendung “seit der römische Kaiser Konstantin im Sommer 325 das Konzil zu Nizäa einberufen hat, nur noch”. Ich bin nicht so optimistisch, und ich halte die Mäßigung angesichts der grenzenlosen Lebens-, Menschen- und Weltverachtung der von Paulus gegründeten christlichen Religion für falsch. Aber in jedem Fall war das Konzil von Nizäa ein besonderer Schnitt, und die Frage, ob man ein vom Kaiser verurteilter und staatlich bestrafter Verbrecher wurde, dessen Bücher verbrannt und zensiert wurden, so wie es Theonas und Secundus erging, oder ob man “rechtgläubig” und damit “frei” wieder gehen konnte, hing an einem einzigen Jota, das dazwischen unterschied, ob Jesus “wesensgleich” oder “wesensähnlich” zu Gott sei. Seit diesem Tag wird die christliche Gewalt offen und in Gemeinschaft mit dem Staat praktiziert, und das bis auf dem heutigen Tag.

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