Die Psychiatrie ist die unheilige Inquisition des “aufgeklärten” Zeitalters.
Schlagwort-Archiv: Verdrängung
Die von Mitgliedern der classe politique immer wieder in den Apparat der Contentindustrie gepresste Idee, dass sexueller Kindesmissbrauch irgendwo im Internet und für das Internet stattfinde, ist deshalb so gefährlich und auch so wirkmächtig, weil sie den Hang vieler Menschen zur Verdrängung füttert. In Wirklichkeit. Werden die Kinder (und andere ausgelieferte Menschen) von nahe stehenden Menschen aus dem direkten persönlichen Umfeld, zuweilen sogar von den eigenen Eltern, häufiger jedoch von Lehrern, Pastoren, Nachbarn, Verwandten oder Bekannten der Eltern missbraucht. Im Internet hinterlässt dies nicht einmal Spuren, sondern es geschieht in eiskaltem Totschweigen. Dagegen helfen keine Stoppschilder für Websites. Die Zensur — sie bedarf nicht einmal des Staates — findet bereits statt. Und. Die Mechanismen dieser Zensur sind eher noch dichter als jede staatliche Unterdrückung gewisser Äußerungen, weil sie direkt in die Seelen der missbrauchten Menschen gegossen werden. Auf der einen Seite des psychischen Betons schweigt das Trauma und hinterlässt ein schwer beschädigtes Leben, auf der anderen Seite sind die Täter in Sicherheit. Sie sind in so großer Sicherheit, dass — wie aktuell in vielen Fällen des Kindesmissbrauchs durch Pädagogen und Geistliche in gruseliger Weise sichtbar wird — die Opfer, die einst missbrauchten Kinder, so lange schweigen, bis die Gewalttaten längst verjährt sind, wenn sie überhaupt einmal ihre Stimme wiederfinden.
Das Thema Kindesmissbrauch — es ist schon bitter, hier von einem “Thema” zu sprechen, als handele es sich um etwas, was wie die Klassifikation von Schmetterlingsarten abzuhandeln sei — führt zu entsetzlichem Elend nicht wegen seiner Offenheit, sondern wegen seiner Ausblendung und seiner kollektiven Verdrängung. Die gemeine Idee, Kinderpornografie im Internet mit irgendwelchen Stoppschildparagrafen unsichtbar zu machen, statt für eine wirksame Strafverfolgung Sorge zu tragen, ist ein Spiegelbild dieser Verdrängung. Und. Es ist ein Zement für diese Verdrängung.
Und der Nachtwächter sprach: Es ist ein allzu durchschaubares, geradezu mechanisches psychologisches Schema: Wenn einem Menschen Gewalt widerfährt, wenn dieser Mensch in der Situation des Opfers völlig ausgeliefert, hilflos, ohn-mächtig ist, denn wehrt er diese tiefe Kränkung seines Narzissmus immer auf die gleiche Weise ab. Er. Identifiziert sein geschundenes Ich mit dem Gewalttäter, seiner Ideologie und seinen Motiven, spielt sich selbst in dieser trickreichen Verdrängung mit einer lächerlichen Handpuppe seiner blutenden Seele vor, dass er ja gar nicht machtlos ist, sondern eine wichtige Rolle in einem überpersonalen Mächtespiel einnimmt, und. Er entwickelt aus diesem verzerrten Verständnis seiner eigenen Position als Opfer ein ebenso verzerrtes “Verständnis” für die angenommenen Motive des Täters, mit dem er sich um die Einsicht bringt, ein machtloses, ausgeliefertes, elendes Opfer zu sein. Es ist dieses gleichsam diffuse wie durch den Kraftakt der Verdrängung eisenhart gemachte Band zwischen Täter und Opfer, das ganze Gesellschaften und die gesamte Wucht ihrer überpersonalen Gewalt erhält; beginnend mit der so genannten “Liebe” der Kinder zu ihren Eltern, die sich dann so scheinbar zwanglos auf irgendwelche Landesväter und Bundesmütter überträgt; fortgesetzt mit der Anhänglichkeit so genannter “Arbeitnehmer” an den Ort ihrer Ausbeutung und wirtschaftlichen Verwurstung; noch lange nicht endend bei der tiefen emotionalen Bindung an irgendwelchem religiösen oder esoterischen Unfug, der den unbewussten Prozess und damit den selbstgebauten Götzen des zernichteten Ichs in der süßlichen Illusion der Ewigkeit und Unendlichkeit zementiert; bis hin zur hirnlosen Horde von Konsumenten, Soldaten und sonstigen Laufmaschinen, die im verkrampften, erzwungenen Jubel ihr individuelles Daseinsrecht auf einem absurden Schlachtfeld für Flaggen und Börsencharts wegwerfen. So lange dieser billige psychologische Prozess nicht überwunden ist, so lange die Selbsteinlullung des kindischen Narzissmus nicht in der Breite bewusst gemacht und bei jedem Einzelnen mitsamt allen ihren Rationalisierungen und sonstigen Verdrängungen erkannt und überwunden wird, so lange wird jede Revolution. Schließlich genau das hervorbringen. Was sie einst beenden sollte. Der Schlüssel zur Freiheit ist genau dort verborgen, wo niemand hinschauen mag. Und nicht. In irgendwelchen gesellschaftlichen, politischen oder philosophischen Analysen, die selbst ein Spiegelbild des gekränkten Narzissmus sind.
Die besondere, fast die gesamte Gesellschaft erfassende und immer noch breit politisch instrumentalisierte Ächtung, mit der alle Verbrechen auf dem Hintergrund der sexuellen Neigung zur Pädophilie belegt sind, sie ist ein Spiegelbild der allgemeinen Verdrängung der kindlichen Sexualität.
Und sie sagten: “Lasst uns Steine behauen und feierliche Formeln hineinmeißeln, und lasst uns einen Garten pflanzen, in dem wir diese Steine aufrichten; einen Garten mit Rosen, die frech blühen und mit Gras, das über alles wächst. Lasst uns den Rosengarten für die Opfer des Krieges und des staatlichen Massenmordes bauen, damit wir uns hineinstellen können und unsere Kränze niederlegen können und vor der Kamera, dem blendbaren Auge der Welt, zeigen können, dass wir nicht so sind wie jene, die vor uns waren. Lasst uns dort unsere Feiern feiern, mit gesalbtem, wohl gesetztem Worte und geübt gedämpfter Stimme sprechen, damit es wie ein Andenken klingt und aussieht; und lasst es mit dem Musikkorps des Heeres marschfetzig vor uns ausposaunen, wie still und aufrichtig und ernst wir gedenken, damit es auch ja gehört und gesehen werde, denn sonst wäre es ja vergebens und niemand merkte, wie rechtschaffen wir aussehen wollen. Nichts ist so hilfreich für das so erwünschte Vergessen wie die wohl gepflegte Erinnerung, der man Ort und Tag und Stunde gibt, ein Protokoll und ein Programm, damit sie auch nicht in den Alltag hineinrage.”
Und. Sie taten so. Der Garten blüht munter vor sich hin, er wird gut gedüngt von der herunterregnenden Asche der Toten, die das neue Unrecht hervorbringt.
Und der Verwesung blauer Glorienschein
Entzündet sich auf unserm Angesicht.
Ein Ratte hopst auf nacktem Zehenbein,
Komm nur, wir stören deinen Hunger nicht.Georg Heym, Die Morgue
Ein Landwirt hat einmal die Frage eines etwas arroganten Gastes aus der Stadt zum Tischgebet, ob denn hier alle vor dem Essen beten würden, mit Witz und verblüffend halber Einsicht beantwortet, indem er sagte: “Nein, nicht alle. Das Vieh betet natürlich nicht. Aber die Menschen hier, die bedanken sich bei ihrem Schöpfer.”
Es gibt offensichtlich keine Kühe, die sich ein kuhförmiges metaphysisches Wesen voll der Allmacht und der Ewigkeit vorstellten, das auf einer immergrünen Weide Ewigsaft von dienstbaren geflügelten Kühen umgeben wäre. Und. Das aus nicht näher verständlichen Gründen ein ganzes Universum gemacht hätte und in seinem Lauf erhielte, nur, um darin ein paar Kühe als Abbilder seiner selbst existieren zu lassen, für welche diese heilige, wiederkäuende Großkuh einen sonst recht unsichtbaren Plan voller Heil verfolgte. Um eine derartige Vorstellung zu entwickeln und diese auch mit ständiger Umdeutung der Erfahrungen gegen die konkreten Entbehrungen des Daseins abzusichern, bedarf es eines psychisch-mentalen Prozesses, der Kühen und anderen Tieren fehlt, der nur dem Menschen zueigen ist. Es ist dies der gleiche psychisch-mentale Prozess, der dem Menschen neben der lebenspraktisch so bedeutsamen Einsicht in komplexe Zusammenhänge die wenig erfreuliche Einsicht in die eigene Sterblichkeit gewährt.
Die menschliche Tätigkeit der Religion (und zwar jeder Religion) zeigt sich schon bei oberflächlicher Betrachtung als eine Form der Todesabwehr. Sie ist eine intellektuelle Retardierung, die das Ziel verfolgt, die Kraft der tieferen Einsichtsmöglichkeit im Leben zu erhalten, sie aber dennoch angesichts des völlig unerwünschten und doch für die Einsicht offensichtlichen Endes des Lebens zu beschränken. Aus dieser psychischen Ausrichtung der Religion kommt auch das manifest Todeszentrierte aller religiösen Systeme — und ihre Feindseligkeit gegenüber dem Leben und der damit verbundenen Lust.
Die außerordentliche und mit großer emotionaler Intensität begleitete Ächtung, die Menschen mit pädophilen Neigungen entgegengebracht wird und die in jüngster Zeit von der classe politique unter dem boulevardträchtigen Schlagwort von der “Kinderpornografie” sogar als Vehikel zur Abschaffung von Bürgerrechten ausgebeutet wird, sie ist nur ein verzerrtes Spiegelbild der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entsexualisierung der Kindheit, der mit aller Energie und gegen allen Augenschein aufrecht erhaltenen, kollektiven Verdrängung der kindlichen Sexualität. Wie sehr die eine Perversion die andere hervorbringt, verbleibt als eine Frage, deren Antwort erst kommende Generationen geben können.
Zeitgenosse: “Wie herrlich doch die Schöpfung ist! Wie gut Gott das doch alles gemacht hat, damit wir voller Freude darin leben können!”
Nachtwächter: “Ich hätte Gott allerdings eine ganze Menge sehr einfacher Vorschläge zur Verbesserung seiner Schöpfung zu machen. Diese fangen bei den Kleinigkeiten, den Disteln und Brennnesseln an, gehen über die Mücken und Zecken und hören bei den Erregern von Pocken, Pest, Lepra, AIDS, Syphillis und Gonorrhoe noch lange nicht auf. Wie vieles in dieser Natur doch nur Schmerzen und Krepieren verursacht. Und. Wie weniges doch für die Schmerzgequälten und Krepierenden vom klaren, blauen Himmel und der sonnigen Blumenwiese übrig bleibt!”
Zeitgenosse: “Das war eine richtig schöne Tour de France in diesem Jahr. Kein Dopingskandal, richtig sauberer Sport.”
Nachtwächter: “Und du glaubst wohl auch, dass deine Kleidung sauberer würde, wenn du einfach nicht mehr hinschautest, wie dreckig sie ist? Oder wäscht du die Sachen etwa doch?”
Unfassbar, es laufen wirklich Menschen herum, die glauben, dass es irgendeinen derzeitigen Profisport mit großen geschäftlichen Möglichkeiten gäbe, ohne dass in dieser Körper- und Materialschlacht jedes nur erdenkliche Mittel von jedem Beteiligten eingesetzt würde…
Um zu sehen
Was noch kommen wird
Nahm er eine Zeitmaschine
Zu reisen dorthin
Da sich die zensierten Blogger treffen.
Eine weite Reise
In die Zukunft
War es nicht.
Kaum stieg er aus
Da war er überrascht
Ob des hellen bunten Ortes
Da sie beisammen saßen.
Und. Auch des
Heitren Miteinanders
Im Exil.
Sie saßen lautstark beieinander:
Ein jeder twitterte und bloggte;
Man machte weiter wie gehabt.
Doch bald schon wurde er bemerkt,
Der Neue.
Und. Man war froh
Wegen frischen neuen Geistes –
Denn auch im Lachen fühlten sie die Ödnis.
Doch
Noch bevor er sprechen konnte
Zu stellen seine Fragen
Hoben sie schon an
Ihn zu begrüßen:
“Willkommen bei den Bloggern im Exil!”,
Sagte der eine.
“Sitz bei uns,
Wir schlagen dich mit Rat!”
Keine Pause, schon ein andrer:
“Schreib nicht so lange Texte,
Am Bildschirm liest man ungern!”
Er musste es wohl wissen,
Ihn las ja damals jeder.
Ein Vierter sprach:
“Bring Videos und Witz,
Das gibt dir noch mehr Leser!”;
Und ein Fünfter:
“Der letzte Schrei der Technik
Ist stets ein gutes Thema.” –
das iPhone trägt er hier selbst noch.
“Vergiss niemals zu twittern
Es verdoppelt deinen Traffic!”,
sprach ein Sechster,
gleich gefolgt von einem Siebten:
“Medien, Film und Fernsehn
Ists, was jeden intressiert,
Schreib dazu, der Erfolg ist dir gewiss.”
So sprachen sie
Pausenlos vom Bloggen
Und hörten gar nicht erst
Was der Besucher wollte.
Und in einer kleinen Pause
Des unentwegten Schwatzens
Meldete
Aus einer dunklen Ecke
Einer sich dazwischen.
Er hatte kein Gesicht mehr.
Seine Stimme schrie im Flüstern
Und stellte doch nur eine Frage:
“Neuling,
Hast du deine Leser
Ausgestattet?”
“Sag, Gesichtsloser,
Was meinst du nur mit ‘ausgestattet’?”
Sprach der Reisende erstaunt.
“Haben sie von dir gelernt,
Dass ihre Trübsal nicht allein ist?
Und? Dass man
Ihr widerstehen kann?
Ja? Muss?
Wissen sie,
Jetzt,
Wo sie dich nicht mehr haben,
Selbst sich auszudrücken?
Aus ihrem eignen Leben?
Kennen sie deine Texte?
Werden sie in den Archivdiensten
Danach suchen?
Sie anderen als Tipp zustecken?
Dass die Namenlosen
Eine Stimme sich schaffen?
Haben sie
Gelernt, den Medien zu misstrauen?
Und? Die Lügen der Herrschaft
Jeden Tag aktiv
Zu korrigieren?
Auch ohne dich?
Oder war alle deine Mühe
Ein Wölklein Staub im Wind,
Hinfortgeblasen
Vom Sturm
Des immer wieder Neuen?”,
das war seine leise Antwort.
Am hellen Tisch der Lautestete,
Leise geworden, sagte er:
“Das sind die,
Denen das Bloggen
Nicht ein Selbstzweck war;
Die, denen man mit ihrem Blog
Auch ihr Lebenswerk zerstörte.
Leise und ohne Gesicht
Sind sie unter uns.”
Am Ort
Da sich die zensierten Blogger treffen
War das Gespräch
Verstummt.



