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Die vergessene Mauer

Welcome my son, welcome to the machine.
What did you dream?
It’s alright we told you what to dream.

Pink Floyd, Welcome To The Machine

Der heutige Begriff von der Psychiatrie ist eine verhältnismäßig junge Wortbildung aus dem Neunzehnten Jahrhundert — auch wenn die längst gestorbene griechische Sprache für die Begriffsbildung herhalten musste, damit es auch schön “wissenschaftlich” und damit fremd, objektiv und gegen jeden Zweifel resistent autoritär klinge. Bevor es diesen Begriff gab, gab es sehr wohl psychische Krankheiten, diese wurden jedoch meist abergläubisch gedeutet, etwa als eine Form der Besessenheit, des Verhextseins oder mit vergleichbaren “Erklärungsmodellen”, um die betroffenen Menschen besser ermorden oder auf andere Weise aus der Gesellschaft entfernen zu können. Im Zuge der Aufklärung waren diese alten, auf Aberglauben basierenden und barbarischen Modelle nicht mehr haltbar, während der Wunsch nach einer weitgehenden gesellschaftlichen Ausgrenzung der psychisch Kranken unvermindert bestehen blieb. Von Anfang an war die Mauer um die psychiatrische Klinik ein Denkmal der Ausgrenzung, Entrechtung und gesellschaftlichen Verdrängung; eine Mauer, hinter der das Recht eines Menschen auf ein freies und selbstbestimmtes Leben endete. Bis heute. Zeigt sich der Charakter dieser Mauer darin, dass den psychischen Erkrankungen — und damit auch den Erkrankten — eine ganz besondere Ächtung zuteil wird, dass sie in einer ambivalenten Abwehrhaltung aus dem Bewusstsein gewischt werden, die sich wohl noch am deutlichsten im Nebeneinander des zynisch-geringschätzigen “Es ist ja nur psychisch” im Falle fremder Personen und des angstvollen “Hoffentlich ist es nichts Psychisches” im Falle vertrauter Personen oder der eigenen Person zeigt.

Immer war die Mauer um die psychiatrische Klinik nützlich zum Erhalt kranker und pathogener gesellschaftlicher Strukturen, und immer wurden auch Menschen in diese Mauern des Vergessens verfrachtet, die nicht krank, sondern nur für die jeweils Herrschenden lästig waren oder die im Rahmen der herrschenden Ideologie aus der Gesellschaft entfernt werden sollten. Was hinter diesen Mauern geschieht, findet keine Aufmerksamkeit mehr. Das nationalsozialistische Programm der “Euthanasie” — ein widerlicher Sprachmissbrauch, der sich in seinem Zynismus zu vielem anderen Schönsprech des Mordens aus dieser Zeit stellt — an psychisch kranken Menschen und an Menschen, die man wegen ihrer Gegnerschaft zum Regime für psychisch krank erklärte, war nur mit der Mitarbeit vieler Ärzte und Kliniken möglich, und dieses traute Miteinander der Mörder in braun und der Mörder in weiß hat bis heute nicht die Aufarbeitung und öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, die angesichts der über hundertausend ermordeten Menschen angemessen wäre. Das Mahnmal für die Opfer einer staatstragenden Psychiatrie sucht man vergebens in Deutschland; vielleicht auch deshalb, weil es auch in die heutige Zeit mit ihren neuen Pathologisierungen jener Menschen, die nicht vollständig verwirtschaftbar sind, hineinmahnen würde, was sich nur wenig für gewisse Sonntagsreden eignete. Dr. Mengele hatte viele ebenso beflissene Kollegen, die auch nach der dunkelsten deutschen Zeit noch in Ansehen, Amt und Würden standen. Auch später wurde die Psychiatrie in den Staaten des Ostblockes ein Ort der Pathologisierung des eingeforderten menschlichen Freiheitsrechtes unter unfreien Bedingungen.

Über anderthalb Jahrhunderte hinweg wurden Menschen in psychiatrische Kliniken gesperrt, die dort gar nicht behandelt werden konnten — und unter ihnen mag sich angesichts oft willkürlicher Diagnosekriterien so mancher Gesunde befunden haben. Es ging um ein reines Wegschließen vor der Gesellschaft, um ein in der Regel lebenslanges Gefängnis für Menschen, die nichts anderes “getan” hatten, als zu erkranken und zu leiden. Sie wurden entrechtet, zusammengepfercht und zu einem Dasein gezwungen, das den Tod zur letzten Hoffnung machte. Da half auch der weiße Kittel des Psychiaters und die wissenschaftelnde griechische Kunstsprache der Krankheitsbezeichnungen nicht, dieses bis heute verdrängte Unrecht im therapeutischen Nihilismus zu übertünchen.

Es waren ausgerechnet die wegen ihrer schweren Nebenwirkungen gefürchteten Neuroleptika, die seit den frühen Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Besserung der Situation brachten. Diese Medikamente können zwar nicht die eigentlichen Krankheiten heilen und haben darüberhinaus das Potenzial, einen damit behandelten Menschen bis an sein Lebensende zu schädigen, aber sie beseitigen die quälendsten Symptome der psychischen Erkrankungen, die Halluzinationen, Angstzustände und Wahnvorstellungen. Interessanterweise würden nach einer Erhebung aus dem Jahre 2002* dennoch die meisten Ärzte ihren eigenen Verwandten keine hochpotententen Neuroleptika verordnen — ihren Patienten gegenüber sind sie da schon weniger zimperlich. Es waren diese sehr schweren, direkt in die synaptische Erregungsleitung im Gehirne eingreifenden Medikamente, die überhaupt erst eine Behandlung vieler psychischer Krankheiten ermöglichten und für den Kranken einen Weg in ein würdevolleres Leben ohne schreckliches Leiden ebneten.

Trotz der überragenden Bedeutung der Neuroleptika in der psychiatrischen Behandlung zeigt sich immer noch die vergessene Mauer um die psychische Erkrankung. Es gibt kaum klinische Studien über Neuroleptika, die unabhängig von der pharmazeutischen Industrie erstellt wurden, und es ist klar, dass es nicht im Interesse der pharmazeutischen Industrie liegt, dass weniger erfreuliche Aspekte dieser Medikamente in den Fokus der ärztlichen oder gar öffentlichen Aufmerksamkeit gestellt werden.

Im Jahre 1972 führte David Rosenhan ein zwar methodisch fragwürdiges, aber nichtsdestotrotz recht interessantes Experiment durch, dessen Ergebnisse im Jahre 1973 unter dem Titel “On being sane in insane places” im Science-Magazin** veröffentlicht wurde. Eine freiwillige Gruppe psychisch gesunder Menschen, drei Frauen und fünf Männer aus unterschiedlichen persönlichen Hintergründen, ließen sich in psychiatrische Anstalten einweisen. Sie gaben an, dass sie auditive Halluzinationen erlebten, verhielten sich aber in der Klinik völlig normal. In zwölf Anmeldungen wurde elfmal eine Schizophrenie und einmal eine Psychose diagnostiziert; und im Verlaufe des Tests wurde kein Mensch aus dieser Gruppe vom Personal der Kliniken als gesund erkannt, obwohl sie keine Symptome mehr zeigten. Diesen Menschen wurden im Verlaufe des Tests in den Kliniken insgesamt über 2000 Tabletten mit recht verschiedenen und teilweise sehr schweren Wirkstoffen verabreicht, die sie allerdings nicht einnahmen. Alle Ereignisse wurden von den Testpersonen schriftlich protokolliert. Dies geschah zunächst heimlich, später wurde aber kein Wert mehr auf Verheimlichung gelegt, weil niemand vom Personal der Kliniken darauf achtete — in den Protokollen der psychiatrischen Kliniken erschien diese Tätigkeit als ein “pathologisches Schreibverhalten”, ohne dass sich auch nur jemand den Inhalt des Niedergeschriebenen angeschaut hätte, es ist ja krank. Im Gegensatz zu den Medizinern haben andere Patienten diese Täuschung oft sehr schnell durchschaut und die Testpersonen für Journalisten gehalten, die über die Zustände in psychiatrischen Kliniken recherchieren und sind damit der Wahrheit verblüffend nahe gekommen. Es war also so offensichtlich, dass es sich hier nicht um kranke Menschen handelte, dass es selbst ein Laie erkennen konnte. In keinem Fall kam es zu einem “richtigen Gespräch” zwischen einer Testperson und dem Personal in einer psychiatrischen Klinik, Fragen der Testpersonen an einen Arzt wurden durchweg völlig ignoriert oder ausweichend “beantwortet”.

Im Durchschnitt wurden diese Testpersonen nach 19 Tagen entlassen, eine Person verbrachte 52 Tage in der Klinik. Jede dieser Entlassungen erfolgte unter der Begründung der “Symptomfreiheit”, es wurde nicht ein einziges Mal eine “Heilung” und damit die Gesundheit der gar nicht kranken Menschen festgestellt.

Es waren eben noch in den Siebziger Jahren die Mauern um die psychiatrischen Kliniken Mauern, hinter denen die Grundrechte eines Menschen keine Bedeutung mehr hatten und in denen Menschen mit großer Willkür behandelt wurden — und es ist nicht davon auszugehen, dass diese Situation heute so sehr anders ist.

Das Experiment von David Rosenhan hatte noch ein interessantes Nachspiel, das methodisch zwar noch fragwürdiger als die einmalige, mündliche Angabe lediglich subjektiv erfahrbarer Symptome ist, um damit eine Diagnose zu erzwingen, das aber andererseits den Blick auf die Willkür der Psychiatrie ein wenig schärfen kann.

Nach Bekanntgabe des ersten Experimentes lehnte sich ein Institut aus dem Fenster und behauptete, dass dort so etwas nicht passieren könne. Daraufhin wurde diesem Institut mitgeteilt, dass David Rosenhan im Verlaufe des nächsten Vierteljahres einige “Pseudopatienten” dorthin schicken würde; und das Institut wurde dazu aufgefordert, alle eingelieferten Patienten nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu bewerten, dass es sich bei ihnen um eine dieser Testpersonen handeln könne. Im folgenden Vierteljahr wurden 193 Patienten in die Klinik eingeliefert. Von diesen wurden unter der geschärften Aufmerksamkeit des Personals 41 Patienten (also etwas mehr als ein Fünftel) für Testpersonen, also für sicher psychisch gesund gehalten, und 42 weitere Patienten (also ein weiteres gutes Fünftel) wurden als “verdächtig” eingestuft, in Wirklichkeit psychisch gesund zu sein. Bei 43 Prozent der eingelieferten Patienten hatte der durch die Kenntnis der laufenden Studie geschärfte Blick des Klinikpersonals also den mehr oder weniger starken Verdacht, es handele sich bei ihnen in Wirklichkeit um psychisch gesunde Menschen — und ohne diese Kenntnis der Studie wäre wohl niemand skeptisch geworden.

In der Tat gab es allerdings gar keine “Testpersonen” und alle 193 Patienten waren Menschen, die mit wirklichen Symptomen einer psychischen Erkrankung eingeliefert wurden.

Auch, wenn sich nach diesem Experiment die diagnostischen Standards in der Psychiatrie ein wenig verbessert haben: Hinter den Mauern des psychiatrischen Kliniken herrscht nach wie vor die als Wissenschaft verlarvte Willkür, gut vom nicht betroffenen Anteil der Menschen verdrängt. Die Mauer der psychiatrischen Klinik spiegelt die Krankheit des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses und die Willkür der herrschenden Klasse wider, nach Gutdünken als Krankheit zu behandeln, was im Bilde des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses stört — es ist noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität oder Kommunismus als psychische Krankheiten “behandelt” wurden, und es kann unter der kalten Barbarei der herrschenden Klasse schnell wieder zu solchen Zuständen kommen. Wer immer als Gesunder — es gibt neben der allzu bequemen Pathologisierung schwere und behandlungsbedürftige psychische Krankheit, und die medizinischen Fortschritte sind für die betroffenen Menschen ein großer Segen — in diesen Apparat der Entrechtung und Entmenschung gerät, hat keine Chance mehr, ihm zu entkommen.

* “Abschied vom Kettenhemd”, Der Spiegel, Ausgabe 52/2002
** “On being sane in insane places”, Science, Ausgabe 179, 1973, Seiten 250-258

S. ist tot

Vim vi repellere licet

S. ist tot, und niemand kann es fassen. Niemand, das heißt: Niemand von all diesen Menschen, die glaubten, dass sie S. schon deshalb kannten, weil sie in ihrer ständigen Gegenwart waren; solche Menschen wie die Eltern oder der Lebensabschnittsgefährte. Sie hat doch gestern noch mit so ungewohnt klarer Stimme am Telefon gesprochen, mit so einer ungewohnt klaren Stimme.

Und dann hat sie dafür gesorgt, dass sie ein paar Stunden ungestört ist und sich mit ihren gesammelten Tabletten und einer großen Menge Alkohol vergiftet. Tabletten hatte sie viele. Man bekommt sie ja mit flottem Stift verschrieben, wenn die Körpermaschine trotz der blutenden Psyche weiterhin im betrieblichen Produktionsprozesse verwertbar sein soll, und auch, um einen Menschen mit einer solchen Körpermaschine immer wieder einmal ruhig zu stellen, wenn die gewöhnliche Sedierung mit dem Fernsehempfänger nicht ausreicht. Es ist ein gutes Geschäft mit den Tabletten, gerade unter dem gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozess. Und deshalb hat ein Mensch mit schweren Problemen eben viele Tabletten, vor allem, wenn er mit dem Zielbewusstsein der Erlösung ein wenig sammelt.

Jede Hilfe kam zu spät. Sie wusste genau, wie man sich die erforderliche Ruhe verschafft. Damit. Die Weltschmerztablette auch wirkt.

Ein paar als Rettungssanitäter bezeichnete Barbaren haben sich noch in der ihnen so eigenen Professionalität darum bemüht, mit den üblichen Mitteln die Körpermaschine wieder in Gang zu setzen, obwohl diese Körpermaschine zu einem Menschen gehörte, dem sein Dasein längst zum Ekel geworden war und der dies mit seinem Freitod völlig unübersehbar und unmissverständlich dokumentiert hat. Auch der Defibrillator bekam wieder einmal etwas zu tun. Niemandem hier ist das natürliche Recht auf seinen eigenen Tod gegeben. Genau so wenig. Wie hier irgend jemandem das natürliche Recht auf ein selbstbestimmtes Leben gegeben wäre. Und dann. Wurde S., die als Lebende nach ihren ganzen Erfahrungen mit dem Wert eines Menschen im BRD-“Gesundheitssystem” nichts so hasste wie das Innere einer Klinik, noch auf die Trage geschnallt und in die Klinik gefahren, auch das ist ja ein gutes Geschäft. Selbst. Wenn die Körpermaschine, die da an der Notaufnahme abgeliefert wird, schon anfängt, kühl zu werden und Leichenflecken auszubilden. Immerhin konnte die Energie für das Blaulicht und das Martinshorn eingespart werden.

Meine Überraschung war nicht sonderlich groß, als ich heute davon hörte. Ihre Stimme an der Kälte des Telefonapparates war wohl so klar — ich habe sie leider nicht selbst gesprochen und bin auf die zweite Hand angewiesen — weil ihr, S., zu diesem Zeitpunkt völlig klar war, dass sie das Ende ihrer Qualen jetzt selbst in der Hand hatte. Vielleicht war ich so wenig darüber überrascht, weil ich nicht nur mit ihr gesprochen habe, sondern ihr auch zuhörte. Was wirklich. Nicht immer leicht war.

Nun quälen sich die zu Hinterbliebenen gewordenen Menschen mit ihrem Bild von S. und den kognitiven Dissonanzen, und natürlich auch mit sinnlosen Selbstvorwürfen, als ob diese und der Strom von Tränen nicht um Jahrtausende zu spät kämen.

Dabei wird — wie bei jedem Freitod — so vieles verschwiegen und vergessen.

Schon, als sie noch lebte, hat man es gern und schnell vergessen, wie sie als drei- oder vierjährige Zwergin von einem Nachbarn sexuell missbraucht wurde. Wenn man so etwas aus der Erinnerung ausblendet — so bildet sich Mitmensch Mordsspießer das ein — denn hat es niemals stattgefunden. Und die Kinder vergessen ja sowieso, was ihnen geschah, also geschieht es gar nicht. Sie. Wusste es noch. (Zumindest in Andeutungen, die im Gesamtbild aber für mich mehr als deutlich waren.)

Man merkte es ihr so gar nicht an, als sie noch klein war — das sagen jene, die es ihr hätten anmerken müssen. Sicher, sie war ein “schwieriges Kind” und völlig in sich zurückgezogen, konnte niemandem vertrauen, wirkte oft ein wenig abwesend und war in vielen Dingen auch ein wenig ungeschickt. Deswegen musste sie auch die komplette strukturelle Gewalt des Zwangsschulsystemes der BRD kennenlernen, die gern im Wort von den “Hänseleien” verniedlicht wird, um den kalten Zynismus noch zu steigern. Aber sowas! Andere Kinder gehen doch auch zur Schule, und drehen nicht so völlig ab…

“Drehen nicht so völlig ab”, wie es bei S. im Alter von 11 Jahren, an der Schwelle zur Hölle der Pubertät, begann. Das In-sich-Zurückziehen nahm Züge einer ausgewachsenen Phobie an. Der Arzt des Dorfes nannte diese Phobie “Schüchternheit”, er ist eben Arzt und wird nicht für gute Dignosen und noch weniger für die Gesundheit der Menschen bezahlt, sondern dafür, dass er die Leistungsfähigkeit der Menschmaschinen erhält. Und das tat er auch bei S., indem er ihr etwas gegen die “Schüchternheit” verschrieb. Das waren ihre ersten Tabletten. Mit diesen gelang ihr immerhin die weitere Teilnahme am Schulunterricht, und sie saß auch nicht mehr den ganzen Tag weinend in ihrem kleinen Zimmer in dem großen Haus, wenn sie mal wieder von ihren Mitschülern verprügelt und bespuckt wurde.

Die Dosis steigerte sich, früh kam auch schon Alkohol dazu, der gleiche Alkohol, der in den größeren Zimmern des großen Hauses von den größeren Menschen in erheblichen Mengen gesoffen wurde, um die Ödnis des eigenen Lebens nicht so sehr fühlen zu müssen — eine sumpfige Ödnis, in der man nicht mehr miteinander spricht, in der man in stiller Entseelung nebeneinander herlebt und die moderne Dreieinigkeit von Arbeit, Fernsehen und Schlaf ein ganzes Leben formt. Diese Ödnis nennt sich Ehe und Wohlstand. Man kriegt ja nichts geschenkt. Man muss ja zufrieden sein. Und. Es fehlt ja auch eigentlich an nichts.

Und. Alkoholiker sind immer die anderen, und unsere Tochter hat zwar manchmal einen gesoffen, aber sie war keine Alkoholikerin und auch nicht von den Medikamenten abhängig. Dass sie einige Male im Koma lag, kommt vor, wenn man jung ist. Tja, mit dreizehn ist man eben noch jung.

Für einen Abschluss hat es noch gereicht. Die Parallelwelt der Schule, die als verkleinertes Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit dem rückblickenden Menschen beinahe niedlich scheint, lässt sich mit solchen Hilfsmitteln durchaus durchstehen — vor allem, wenn wenigstens ausreichend Geld da ist, um etwas Nachhilfe finanzieren zu können. Denn diese Schulzeit wurde für S. doch durch den einen oder anderen Klinikaufenthalt unterbrochen, und diesen ständigen Rückstand muss man ja irgendwie aufholen. Am Gelde ists jedenfalls nicht gescheitert.

Nach der Schulzeit. Verflüchtigte sich jede Hoffnung auf irgendeine Besserung wie von allein. Die Ausbildung scheiterte. Das bisschen Clique, das S. um sich hatte, beschränkte sich in der sozialen Interaktion auf Einkaufen, Diskobesuche und ausgiebigen Alkoholgebrauch. Probleme hatte man niemals. Die Verdrängung, die S. aus ihrem direkten Umfeld kannte, setzte sich nahtlos außerhalb dieses Umfeldes fort, bis im Laufe der Jahre auch noch dieser kärgliche Trost in vielen Hochzeiten zerstob. Und. Das richtige Schweigen begann, das nur von einigen so genannten Beziehungen unterbrochen wurde, die den Charakter eines Verkehrsunfalles hatten.

Sicher, S.s Fassade sah gut aus, sie war eine attraktive, schlanke Frau mit gutem Geschmack und auch scharfen Gedanken, wenn sie einmal ansprechbar war. Elend macht eben auch klug. Man sah und hörte ihr nicht an, dass sie schon als Kind von einem unbeschreiblichen Selbsthass zerfressen war, dass sie sich nach dem völligen Scheitern jeder Lebensperspektive und jedes Versuches der Selbsttröstung mit regelmäßigem selbstverletzenden Verhalten eine Karthasis verschaffte, die dann im Laufe der Jahre auch fad wurde. Sie trug halt lange Ärmel. Die Fassade ist dort, wo sie herkommt und wo das große Haus steht, wichtig. Über alle Maßen wichtig.

Dorthin, in das große Haus, ging sie immer wieder einmal zurück, wenn sie “abgestürzt” war und aus der Klinik entlassen wurde, was mit ermüdender Regelmäßigkeit geschah. Und dort, im großen Haus beim Fernseher und der gut gefüllten Hausbar, gaben ihr die jetzt so Überraschten gern und reich ihren Rat, wann immer sie dort war. Sie müsse sich nur zusammenreißen und wieder arbeiten, denn komme sie schon auf andere Gedanken. Die paar Assimilationsarb Sozialarbeiter, die sie in der Klinik kennenlernte, sagten ihr übrigens inhaltlich das gleiche, schlugen aber tendenziell eher ein “Arbeiten” mit therapeutischem Hintergrund, eine so genannte “Ergotherapie”, vor, diese begleitet von Maßnahmen zum Alkohol- und Medikamentenentzug. Arbeit macht frei.

Niemand glaube, dass S. das alles nicht versucht hat! Für einige Wochen ist die Verdrängung ja aufrecht zu erhalten, aber eben nicht auf Dauer. Der letzte Versuch — oder genauer: das Scheitern des letzten derartigen Versuches — führte S. mit einer so starken Vergiftung in die Klinik, dass sie tagelang im Koma lag und dem Tod gerade so eben von der Schippe gesprungen war.

Sie hatte sich noch nicht einmal so richtig davon erholt, da begann wieder das professionelle Gefasel vom “Arbeiten” und die familäre Ergänzung vom “Zusammenreißen” — und der in solch neoliberal nützlicher Stumpfpsychologie mitschwingende Vorwurf, es sei alles ihre Schuld, sie suche sich ihr Elend doch selbst aus.

Nun hat sie ihr Elend selbst beendet. Denn das konnte sie. Gut geplant, schmerzlos und mit einer Zielstrebigkeit, die jeden Gedanken an einen rein appellativ gemeinten Suizid den Boden raubt, trotz des eher unsicheren eingesetzten Mittels.

S. ist tot.

Ihre Seele erfror in der schweigenden Kälte. Und die Schweigenden sind überrascht, betroffen, erschüttert. Damit hätten sie denn doch nicht gerechnet. Damit, dass S. auf die strukturelle Gewalt in ihrem Leben, der sie gar nicht mehr entkommen konnte, reagierte, indem sie sich selbst Gewalt antat und damit ihre Ohn-Macht beendete.

Demnächst wird es eine Todesanzeige für S. geben, in einer kleinen regionalen Zeitung irgendwo auf dem weiten Land des kalten Schweigens. Die Gestaltung und den Text der Anzeige wird jemand übernehmen, der sich dafür bezahlen lässt, und er wird die üblichen Phrasen zu Papier bringen, so etwas wie “Für uns alle unerwartet ist sie in der Blüte ihres Lebens entschlafen”. Wenn er einen ganz lichten Moment hat, schreibt er einfach nur “Sie ist erlöst”. Da sein Geschäft auch ohne lichte Momente läuft, wird er wohl eher keinen lichten Moment haben.

Und dann kommt die Beerdigung. S. war getauft, also wird sich ein Pfaffe hinsetzen und in seinem Notizbuch nachschauen, ob er schon eine wiederverwertbare Ansprache für einen derartigen Todesfall hat. Pfaffen verlassen sich genau so treffsicher auf das schlechte Gedächtnis der Menschen wie Politiker, und sie sind genau so gut wie jene im Belügen der Menschen und im Vermeiden eigener Mühe geübt. Wie sich doch alle Geschäfte aneinander angleichen! Und wie wichtig doch überall die Fassade ist.

Man wird ein Loch graben und einen Sarg dort hineinsenken, wo man hinterher einen Stein auf das Gras stellt und für ein paar grüne Lappen ein paar Blümchen von der Gärtnerei pflanzen und pflegen lässt, damit auch diese Fassade gut aussieht. Auch das. Ist vor allem ein gutes Geschäft. Und die Menschen, die zu Hinterbliebenen geworden sind, werden sich hinstellen und sich gegenseitig versichern, wie völlig unerwartet das alles kam; einige werden sich allerdings schon an der offenen Grube klammheimlich auf den Kuchen, den Kaffee und den in der Speiseröhre so warmen Schnaps freuen. Es ist ja Herbst.

Ich werde diese unpassende Komödie gewiss nicht besuchen, denn mir ist nicht zum Lachen zumute. Ich habe S. nämlich wirklich gemocht.

Und ich weiß. Dass S. mich vollkommen verstehen würde — wie sie generell vieles von meinem Ekel vor dieser Gesellschaft verstand, in der ich weiter mein trübes Dasein fristen muss. Sie. Ist ja jetzt gegangen. Vorgegangen.

Elend. Macht eben klug.

Knapp anderthalb Prozent aller Todesfälle in der BRD sind sicher erkannte, erfolgreiche Suizide, es handelt sich um ungefähr 12.000 Menschen im Jahr. Niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist; wie viele seltsame Unfälle mit tödlichem Ausgang, falsche Dosierungen von Medikamenten, Drogen- und Alkoholexzesse, systematische Unterernährungen und dergleichen mehr in Wirklichkeit in bewusster oder doch wenigstens latenter suizidaler Absicht herbeigeführt wurden. Nur jeder zehnte bis zwanzigste Suizidversuch führt zum Tode, und auch bei den Suizidversuchen ist die Dunkelziffer nicht abzuschätzen. Das kalte Schweigen geht weiter.

Ach ja, wer glaubt, S. identifizieren zu können: Der Anfangsbuchstabe des Namens wurde von mir geändert, und jeden hilfreichen Hinweis aus der ersten Version dieses etwas zu langen Textes habe ich bewusst entfernt.

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