Welcome my son, welcome to the machine.
What did you dream?
It’s alright we told you what to dream.

Pink Floyd, Welcome To The Machine

Der heutige Begriff von der Psychiatrie ist eine verhältnismäßig junge Wortbildung aus dem Neunzehnten Jahrhundert — auch wenn die längst gestorbene griechische Sprache für die Begriffsbildung herhalten musste, damit es auch schön “wissenschaftlich” und damit fremd, objektiv und gegen jeden Zweifel resistent autoritär klinge. Bevor es diesen Begriff gab, gab es sehr wohl psychische Krankheiten, diese wurden jedoch meist abergläubisch gedeutet, etwa als eine Form der Besessenheit, des Verhextseins oder mit vergleichbaren “Erklärungsmodellen”, um die betroffenen Menschen besser ermorden oder auf andere Weise aus der Gesellschaft entfernen zu können. Im Zuge der Aufklärung waren diese alten, auf Aberglauben basierenden und barbarischen Modelle nicht mehr haltbar, während der Wunsch nach einer weitgehenden gesellschaftlichen Ausgrenzung der psychisch Kranken unvermindert bestehen blieb. Von Anfang an war die Mauer um die psychiatrische Klinik ein Denkmal der Ausgrenzung, Entrechtung und gesellschaftlichen Verdrängung; eine Mauer, hinter der das Recht eines Menschen auf ein freies und selbstbestimmtes Leben endete. Bis heute. Zeigt sich der Charakter dieser Mauer darin, dass den psychischen Erkrankungen — und damit auch den Erkrankten — eine ganz besondere Ächtung zuteil wird, dass sie in einer ambivalenten Abwehrhaltung aus dem Bewusstsein gewischt werden, die sich wohl noch am deutlichsten im Nebeneinander des zynisch-geringschätzigen “Es ist ja nur psychisch” im Falle fremder Personen und des angstvollen “Hoffentlich ist es nichts Psychisches” im Falle vertrauter Personen oder der eigenen Person zeigt.

Immer war die Mauer um die psychiatrische Klinik nützlich zum Erhalt kranker und pathogener gesellschaftlicher Strukturen, und immer wurden auch Menschen in diese Mauern des Vergessens verfrachtet, die nicht krank, sondern nur für die jeweils Herrschenden lästig waren oder die im Rahmen der herrschenden Ideologie aus der Gesellschaft entfernt werden sollten. Was hinter diesen Mauern geschieht, findet keine Aufmerksamkeit mehr. Das nationalsozialistische Programm der “Euthanasie” — ein widerlicher Sprachmissbrauch, der sich in seinem Zynismus zu vielem anderen Schönsprech des Mordens aus dieser Zeit stellt — an psychisch kranken Menschen und an Menschen, die man wegen ihrer Gegnerschaft zum Regime für psychisch krank erklärte, war nur mit der Mitarbeit vieler Ärzte und Kliniken möglich, und dieses traute Miteinander der Mörder in braun und der Mörder in weiß hat bis heute nicht die Aufarbeitung und öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, die angesichts der über hundertausend ermordeten Menschen angemessen wäre. Das Mahnmal für die Opfer einer staatstragenden Psychiatrie sucht man vergebens in Deutschland; vielleicht auch deshalb, weil es auch in die heutige Zeit mit ihren neuen Pathologisierungen jener Menschen, die nicht vollständig verwirtschaftbar sind, hineinmahnen würde, was sich nur wenig für gewisse Sonntagsreden eignete. Dr. Mengele hatte viele ebenso beflissene Kollegen, die auch nach der dunkelsten deutschen Zeit noch in Ansehen, Amt und Würden standen. Auch später wurde die Psychiatrie in den Staaten des Ostblockes ein Ort der Pathologisierung des eingeforderten menschlichen Freiheitsrechtes unter unfreien Bedingungen.

Über anderthalb Jahrhunderte hinweg wurden Menschen in psychiatrische Kliniken gesperrt, die dort gar nicht behandelt werden konnten — und unter ihnen mag sich angesichts oft willkürlicher Diagnosekriterien so mancher Gesunde befunden haben. Es ging um ein reines Wegschließen vor der Gesellschaft, um ein in der Regel lebenslanges Gefängnis für Menschen, die nichts anderes “getan” hatten, als zu erkranken und zu leiden. Sie wurden entrechtet, zusammengepfercht und zu einem Dasein gezwungen, das den Tod zur letzten Hoffnung machte. Da half auch der weiße Kittel des Psychiaters und die wissenschaftelnde griechische Kunstsprache der Krankheitsbezeichnungen nicht, dieses bis heute verdrängte Unrecht im therapeutischen Nihilismus zu übertünchen.

Es waren ausgerechnet die wegen ihrer schweren Nebenwirkungen gefürchteten Neuroleptika, die seit den frühen Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Besserung der Situation brachten. Diese Medikamente können zwar nicht die eigentlichen Krankheiten heilen und haben darüberhinaus das Potenzial, einen damit behandelten Menschen bis an sein Lebensende zu schädigen, aber sie beseitigen die quälendsten Symptome der psychischen Erkrankungen, die Halluzinationen, Angstzustände und Wahnvorstellungen. Interessanterweise würden nach einer Erhebung aus dem Jahre 2002* dennoch die meisten Ärzte ihren eigenen Verwandten keine hochpotententen Neuroleptika verordnen — ihren Patienten gegenüber sind sie da schon weniger zimperlich. Es waren diese sehr schweren, direkt in die synaptische Erregungsleitung im Gehirne eingreifenden Medikamente, die überhaupt erst eine Behandlung vieler psychischer Krankheiten ermöglichten und für den Kranken einen Weg in ein würdevolleres Leben ohne schreckliches Leiden ebneten.

Trotz der überragenden Bedeutung der Neuroleptika in der psychiatrischen Behandlung zeigt sich immer noch die vergessene Mauer um die psychische Erkrankung. Es gibt kaum klinische Studien über Neuroleptika, die unabhängig von der pharmazeutischen Industrie erstellt wurden, und es ist klar, dass es nicht im Interesse der pharmazeutischen Industrie liegt, dass weniger erfreuliche Aspekte dieser Medikamente in den Fokus der ärztlichen oder gar öffentlichen Aufmerksamkeit gestellt werden.

Im Jahre 1972 führte David Rosenhan ein zwar methodisch fragwürdiges, aber nichtsdestotrotz recht interessantes Experiment durch, dessen Ergebnisse im Jahre 1973 unter dem Titel “On being sane in insane places” im Science-Magazin** veröffentlicht wurde. Eine freiwillige Gruppe psychisch gesunder Menschen, drei Frauen und fünf Männer aus unterschiedlichen persönlichen Hintergründen, ließen sich in psychiatrische Anstalten einweisen. Sie gaben an, dass sie auditive Halluzinationen erlebten, verhielten sich aber in der Klinik völlig normal. In zwölf Anmeldungen wurde elfmal eine Schizophrenie und einmal eine Psychose diagnostiziert; und im Verlaufe des Tests wurde kein Mensch aus dieser Gruppe vom Personal der Kliniken als gesund erkannt, obwohl sie keine Symptome mehr zeigten. Diesen Menschen wurden im Verlaufe des Tests in den Kliniken insgesamt über 2000 Tabletten mit recht verschiedenen und teilweise sehr schweren Wirkstoffen verabreicht, die sie allerdings nicht einnahmen. Alle Ereignisse wurden von den Testpersonen schriftlich protokolliert. Dies geschah zunächst heimlich, später wurde aber kein Wert mehr auf Verheimlichung gelegt, weil niemand vom Personal der Kliniken darauf achtete — in den Protokollen der psychiatrischen Kliniken erschien diese Tätigkeit als ein “pathologisches Schreibverhalten”, ohne dass sich auch nur jemand den Inhalt des Niedergeschriebenen angeschaut hätte, es ist ja krank. Im Gegensatz zu den Medizinern haben andere Patienten diese Täuschung oft sehr schnell durchschaut und die Testpersonen für Journalisten gehalten, die über die Zustände in psychiatrischen Kliniken recherchieren und sind damit der Wahrheit verblüffend nahe gekommen. Es war also so offensichtlich, dass es sich hier nicht um kranke Menschen handelte, dass es selbst ein Laie erkennen konnte. In keinem Fall kam es zu einem “richtigen Gespräch” zwischen einer Testperson und dem Personal in einer psychiatrischen Klinik, Fragen der Testpersonen an einen Arzt wurden durchweg völlig ignoriert oder ausweichend “beantwortet”.

Im Durchschnitt wurden diese Testpersonen nach 19 Tagen entlassen, eine Person verbrachte 52 Tage in der Klinik. Jede dieser Entlassungen erfolgte unter der Begründung der “Symptomfreiheit”, es wurde nicht ein einziges Mal eine “Heilung” und damit die Gesundheit der gar nicht kranken Menschen festgestellt.

Es waren eben noch in den Siebziger Jahren die Mauern um die psychiatrischen Kliniken Mauern, hinter denen die Grundrechte eines Menschen keine Bedeutung mehr hatten und in denen Menschen mit großer Willkür behandelt wurden — und es ist nicht davon auszugehen, dass diese Situation heute so sehr anders ist.

Das Experiment von David Rosenhan hatte noch ein interessantes Nachspiel, das methodisch zwar noch fragwürdiger als die einmalige, mündliche Angabe lediglich subjektiv erfahrbarer Symptome ist, um damit eine Diagnose zu erzwingen, das aber andererseits den Blick auf die Willkür der Psychiatrie ein wenig schärfen kann.

Nach Bekanntgabe des ersten Experimentes lehnte sich ein Institut aus dem Fenster und behauptete, dass dort so etwas nicht passieren könne. Daraufhin wurde diesem Institut mitgeteilt, dass David Rosenhan im Verlaufe des nächsten Vierteljahres einige “Pseudopatienten” dorthin schicken würde; und das Institut wurde dazu aufgefordert, alle eingelieferten Patienten nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu bewerten, dass es sich bei ihnen um eine dieser Testpersonen handeln könne. Im folgenden Vierteljahr wurden 193 Patienten in die Klinik eingeliefert. Von diesen wurden unter der geschärften Aufmerksamkeit des Personals 41 Patienten (also etwas mehr als ein Fünftel) für Testpersonen, also für sicher psychisch gesund gehalten, und 42 weitere Patienten (also ein weiteres gutes Fünftel) wurden als “verdächtig” eingestuft, in Wirklichkeit psychisch gesund zu sein. Bei 43 Prozent der eingelieferten Patienten hatte der durch die Kenntnis der laufenden Studie geschärfte Blick des Klinikpersonals also den mehr oder weniger starken Verdacht, es handele sich bei ihnen in Wirklichkeit um psychisch gesunde Menschen — und ohne diese Kenntnis der Studie wäre wohl niemand skeptisch geworden.

In der Tat gab es allerdings gar keine “Testpersonen” und alle 193 Patienten waren Menschen, die mit wirklichen Symptomen einer psychischen Erkrankung eingeliefert wurden.

Auch, wenn sich nach diesem Experiment die diagnostischen Standards in der Psychiatrie ein wenig verbessert haben: Hinter den Mauern des psychiatrischen Kliniken herrscht nach wie vor die als Wissenschaft verlarvte Willkür, gut vom nicht betroffenen Anteil der Menschen verdrängt. Die Mauer der psychiatrischen Klinik spiegelt die Krankheit des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses und die Willkür der herrschenden Klasse wider, nach Gutdünken als Krankheit zu behandeln, was im Bilde des überpersonalen gesellschaftlichen Prozesses stört — es ist noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität oder Kommunismus als psychische Krankheiten “behandelt” wurden, und es kann unter der kalten Barbarei der herrschenden Klasse schnell wieder zu solchen Zuständen kommen. Wer immer als Gesunder — es gibt neben der allzu bequemen Pathologisierung schwere und behandlungsbedürftige psychische Krankheit, und die medizinischen Fortschritte sind für die betroffenen Menschen ein großer Segen — in diesen Apparat der Entrechtung und Entmenschung gerät, hat keine Chance mehr, ihm zu entkommen.

* “Abschied vom Kettenhemd”, Der Spiegel, Ausgabe 52/2002
** “On being sane in insane places”, Science, Ausgabe 179, 1973, Seiten 250-258