Schlagwort-Archiv: Leistungsschutzrecht


Jobmotor

Jedes Mal, wenn so ein im Regelfall völlig technikkompetenzfreier Politdarsteller vom Internet als “Jobmotor” spricht, stirbt irgendwo anders im Rechtsraum der BRD ein aus Freude und mit Herzblut betriebenes privates Webprojekt unter der Last von Abmahnungen, Entrechtungen, juristischen Unwägbarkeiten und Kriminalisierungen ganz natürlicher und harmloser Techniknutzung, die beinahe nirgends anders auf der Welt ein Problem bereitet.

Das Internet wird nicht mit Feenstaub aus der Wolke betrieben, sondern es existiert, weil Menschen die Technik angstfrei nutzen können und gern nutzen; Menschen übrigens, die entgegen der durchgeschepperten Vorstellungen irgendwelcher Allesvermarkte auch andere Bedürfnisse und Interessen haben als immerfort nur Tinnef zu kaufen. Als Netz von Computern ohne Nutzen für die Menschen ist das Internet sinnlos, ein dadaistisches Denkmal besserer, menschlicherer Zeiten.

Verwalten, Vermieten, Verkaufen

Briefkasten einer Hausverwaltung mit Aufkleber: Verwalten, Vermieten, Verkaufen

Der Vorübergehende sagte: “Seltsam, es ist doch nur ein schäbig gewordener Briefkasten im Schnee, aber mich dünkte so überdeutlich, dass ich auf das erste Wahlplakat für die SPD blicke. Genau so gehen die ja mit den Menschen in Deutschland um.”

Herzlichen Glückwunsch, SPD, zu deiner Entscheidung, mindestens einem Fünftel deiner potenziellen Wähler völlig klar zu machen, dass du vollkommen unwählbar bist, weil du hilfst, Gesetze zur Last des ganzen Landes in Rechtskraft treten zu lassen, um hinterher in irgendwelchen Texten zum Hohn für alle Politikgenießer zu erklären, dass die Gesetze schlecht sind und dass du sie eigentlich nicht willst. Ich wünsche dir, nachdem du (nicht nur) mich zu einem “Heimatvertriebenen des Internet” machen wirst, alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg. Was du getan hast, nehme ich persönlich, und ich bin bereit, es jedem Mitglied und damit Mittäter der SPD in Gewalt zurückzugeben. Ansonsten: Gut, dass es Server auch außerhalb der BRD gibt. Schlecht ists vielleicht für die Menschen in Deutschland, was dort bleibt. Thema der nächsten Sonntagsrede: Innovation und Zukunft, Zukunft und Innovation, der Standort Deutschland, blah, blah, blah. Und der übliche Stillstand. Weltbilder entstehen übrigens im Kopf. Und politische Entscheidungen aus derartigen Bildern. Wieviel Wert die Zuneigung der Springerpresse hat, könnt ihr Qualitätsdemokraten übrigens mal den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff fragen, der weiß wohl heut noch ein gruslig Lied davon zu singen…

Replikatortechnologie

“Welche politischen Kämpfe in der Lobby und welche propagandistischen Kämpfe in den Medien der Contentindustrie doch jetzt gefochten werden, weil sich die Informationen von früheren physikalischen Trägern losgelöst haben und verlustfrei kopierbare, lichtschnell übertragbare Digitalgüter geworden sind”, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, der ihm zum Leistungsschutzrecht fragte, und er setzte fort: “Das ist nur ein Vorgeschmack auf den Wahnsinn, der noch vor uns liegt, der folgen wird, wenn 3D-Drucker erst einmal zum Alltagsgegenstand geworden sind und auch die jetzt noch materiellen GÜter die immateriellen Eigenschaften der Digitalität erhalten. Kennst du Star-Trek? In dieser Welt gibt es ein Ding nicht, und das ist Geld. Denn in dieser Welt gibt es Replikatoren. Nur knappe Güter sind wirtschaftsfähige Güter.”

Übrigens, Zeitungsmacher…

…übrigens ist Tradition kein Ersatz für ein Geschäftsmodell. Aber wenns um den wirtschaftlichen Erfolg geht, ist ein Geschäftsmodell sehr viel wichtiger als jede Tradition.

Nur, falls ihr es in eurer Parallelgesellschaft immer noch nicht gemerkt habt.

Werte Damen und Herren Abgeordnete der SPD, von Bündnis 90 / Die Grünen und der Linkspartei,

wie sie sicherlich schon wissen oder zumindest wissen sollten, wird der Deutsche Bundestag morgen, am 29. November 2012 in der Zeit zwischen 2:35 Uhr und 3:15 Uhr mitten in der dunkelsten und stillsten Nacht über das “Leistungsschutzrecht” für Presseverleger debattieren und anschließend einen Beschluss fassen, der dieses absurde, gegen das Internet als solches und gegen seine Mitgestalter gerichtete Standesrecht in Gesetzeskraft erhebt.

Wie sie sicherlich wissen, ist der Deutsche Bundestag laut aktueller Geschäftsordnung beschlussfähig, wenn mehr als die Hälfte seiner Abgeordneten bei der Abstimmung zugegen ist. Der gewählte Termin für diese “Debatte” und die anschließende Abstimmung machen jetzt schon völlig klar, dass es sich um eine pseudodemokratische Veranstaltung handeln wird, bei der zu erwarten steht, dass der Plenarsaal ausgesprochen dünn besetzt sein wird.

Wie sie sicherlich wissen, kann die Beschlussfähigkeit von einer Fraktion oder von fünf Prozent der anwesenden Abgeordneten angezweifelt werden und muss dann durch Zählen der Stimmen festgestellt werden.

Werte Abgeordnete der SPD, von Bündnis 90 / Die Grünen und der Linkspartei! Sie sprechen aus der Opposition gern so, als ob sie eine andere Netzpolitik haben wollten. Sie behaupten in ihrer öffentlichen Kommunikation, dass sie dieses absurde “Leistungsschutzrecht” ablehnen. [Hier die Belege für die SPD, für die Linkspartei und für die mindestens teilweise Ablehnung durch Bündnis 90 / Die Grünen.]

Sie haben Fraktionsstärke.

Sie haben die Möglichkeit, mit einem einfachen Antrag ihrer Fraktionen dafür Sorge zu tragen, dass zumindest die Abstimmung nicht eine weitere parlamentarische Farce wird, die einen weiteren Beitrag zur so genannten “Politikverdrossenheit” leistet, die das Ansehen des Deutschen Bundestages in die Lächerlichkeit zieht, die viele Einwohner der Bundesrepublik in dem immer mehr zur Gewissheit werdenden Gefühl bestärkt, dass die Bundesrepublik eine von geldmächtigen Lobbyisten gesteuerte, weitgehend korrumpierte Kryptokratie¹ sei. Sie können vermutlich nicht verhindern, dass dieses absurde Gesetz schließlich doch mit der Stimmmehrheit der gegenwärtigen Regierungsparteien beschlossen wird, aber sie können einen Beitrag dazu leisten, dass dieser Beschluss in einer Weise erfolgt, der wenigstens demokratischen Mindeststandards genügt.

Sie können damit übrigens auch belegen, dass ihre netzpolitischen Äußerungen mehr sind als Wahlkampfgetöse, das nur dazu gemacht ist, nach der Wahl wieder vergessen zu werden. Es kann gar nicht in ihrem Interesse liegen, angesichts ihres Tuns und Lassens, das im Gegensatz zu ihrem Reden steht, als Lügner wahrgenommen und bezeichnet zu werden.

Deshalb: Bitte tun sie das!

Mit Grüßen
Der Nachtwächter

¹Kryptokratie: Niemand weiß, wer wirklich regiert…

Der unglaubwürdige Freiheitskämpfer

Google wäre mit seiner gegen das idiotische “Leistungsschutzrecht” — dieses Wort ist ein Kompositum, bei dem jede der drei Komponenten “Leistung”, “Schutz” und “Recht” falsch ist — gerichteten Kampagne unter dem plakativen Titel “Verteidige dein Netz” viel überzeugender, wenn das selbe Google auch in der Vergangenheit gegen die vielfältigen Bedrohungen und Anfeindungen des Internet, seiner Nutzer und seiner Gestalter durch deutsche Schmalspurpolitiker neben der Datenautobahn mit vergleichbar guten Aufklärungskampagnen vorgegangen wäre. Und. Nicht erst dann, wenn es an das eigene Geschäftsmodell geht.

So hingegen…

Nachtrag: Und nein, die Propaganda der Verleger ist nicht weniger verlogen.

Die Alleingängeler

Es ist doch seltsam, dass die gleichen Vertreter der classe politique der BRD, die so gern allerlei Forderungen nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit mit dem faulen Zauberspruch, dass es ja bloß keine “nationalen Alleingänge” geben dürfe abwehren, ausgerechnet beim von seiner Natur her über Staatengrenzen hinweggreifenden Internet keinerlei Probleme zu sehen scheinen, derartige Alleingänge zu machen. Vermutlich werden sie erst, wenn das letzte Internet-Unternehmen keinen Sitz mehr in der BRD hat, wenn immer absurdere Filterungen vonnöten (und nach und nach eingefordert) werden, um diese von Lobbyisten vorangetriebene politische Dummheit aufrecht zu erhalten und trotz alledem kaum noch ein Mensch Geld für die im Einwegprodukt Zeitung zusammengefassten Meldungen von gestern bezahlen will; vermutlich werden sie erst dann bemerken, dass — während sie mit ihrer ständigen nationalen Alleingängelung der Menschen in Deutschland beschäftigt waren — der Zug längst abgefahren ist. Ohne sie, und ohne ihre beflissenen und spendierfreudigen Freunde aus der Lobby des Reichstages.

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