Im Europa des Neunzehnten Jahrhunderts gingen die meisten gebildeten Menschen und alle Ärzte davon aus, dass es sich bei der Masturbation, der sexuellen Selbstbefriedigung, um eine gefährliche Perversion handele, die letztlich zu schweren körperlichen und nervlichen Krankheiten führe und deshalb mit allen Mitteln unterdrückt werden müsse — und zwar insbesondere bei den Frauen, die ja von Geburt an krank sind, die schon durch ihre organische Beschaffenheit zur Nervosität und Hysterie neigen. (Ein Überrest der damaligen medizinischen Auffassung eines inhärenten weiblichen Krankseins zeigt sich bis heute in der Spezialisierung des Frauenarztes, die nur selten hinterfragt wird.)

Die anfangs des Neunzehnten Jahrhunderts angewendeten Methoden, die sich in Überwachung, kalten Bädern und dem Trinken von speziellen Mineralwässern erschöpften, erwiesen sich jedoch nicht als hinreichend, um diese “Gefahr für die Gesundheit” abzuwehren; die in den Folgejahren häufig angelegten “Keuschheitsgürtel” erreichten das angestrebte Ziel zwar deutlich wirksamer, waren allerdings nicht praxistauglich, da sie auch die Funktion der weiblichen Genitalien als Ausscheidungsorgane behinderten und nicht nur angesichts der Monatsblutung schlichtweg unhygienisch waren. Nicht überliefert ist, wie viele schmerzhafte Entzündungen und ernsthafte Komplikationen auf dem Weg zu dieser naheliegenden medizinischen Einsicht lagen — aber es ist gewiss, dass Ärzte mit diesem Problemkreis konfrontiert wurden und nach “besseren” Wegen zur Unterdrückung der “gefährlichen” selbstbestimmten Sexualität suchten. Es war der englische Arzt Isaac Baker Brown, der auf dem Hintergrund dieses recht künstlichen Problemes dann in der Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts eine Lösung fand und ihre Anwendung unter anderen Ärzten propagierte, nämlich die operative Entfernung — also die Amputation — der Klitoris, mit welcher die Neigung zur Masturbation in vielen Fällen endgültig beseitigt werden konnte.

Diese Methode wurde über viele Jahrzehnte hinweg angewendet und während dieses Zeitraumes niemals ernsthaft hinterfragt. Noch im Jahre 1923 schrieb Maria Pütz (ja, das war eine Frau) in ihrer Dissertation*:

In drei mir speziell von Herrn Professor Dr. Cramer gütigst überlassenen Fällen trat nach Entfernung der Clitoris und einer teilweisen oder vollständigen Exzision der kleinen Labien vollständige Heilung ein. Masturbation wurde nicht mehr geübt, und selbst nach einer Beobachtungszeit von mehreren Monaten blieb der Zustand unverändert gut. [……]

Ein zweiter Einwurf der Gegner ist der, dass durch Herabsetzung der Libido auch die Konzeptionsmöglichkeit aufgehoben werde. Auch dieser Einwand ist unberechtigt; denn es steht fest, dass frigide Frauen, die den Coitus nur als Last empfinden und sich keiner sexuellen Befriedigung erfreuen, dennoch konzipieren und gesunde Kinder gebären. [sic!]

Wie selbstverständlich in diesem Zitat einer Frau eine offensichtlich barbarische und gegen die Sexualität von Frauen gerichtete Praxis “wissenschaftlich” gerechtfertigt wird, wie bereitwillig diese Frau dabei eine Reduktion der weiblichen Sexualität auf die Möglichkeit der Empfängnis und Geburt und ein Dasein als Fickloch für den Mann vornimmt und dabei noch die eigene sexuelle Lust für unbeachtlich erklärt, ist ein deutliches Denkmal dafür, wie hoch das Maß der Selbstverleugnung sein kann, mit der Menschen die herrschende Ideologie übernehmen.

Wer allen Ernstes der Meinung ist, dass dieser Irrsinn des Herumschnippelns an den Genitalien heute wenigstens in den “aufgeklärten” Gesellschaften überwunden ist, sollte sich darüber bewusst sein, dass seit den Neunziger Jahren eine andere Operation an den weiblichen Genitalien sehr beliebt geworden ist, die operative Verkleinerung der Schamlippen. Die Beliebtheit dieses Eingriffes steht im Zusammenhang mit der optischen Normierung des weiblichen Körpers durch die immer häufigere Nacktdarstellung in den allgegenwärtigen Medien der Contentindustrie und in der Pornographie. Die dort dargestellten Frauenkörper haben — um dem wollüstigen Blick ja kein Hindernis in den Weg zu legen — durchweg abrasierte Schamhaare. Darüber hinaus wird fotografisches Material für diese Verwendung stark digital nachbearbeitet, um die schon außergewöhnlich schönen Menschen bis an den Rand der körperlichen Unmöglichkeit nach dem Bilde fragwürdiger “Künstler” zu optimieren. Bei einer derartigen Massenstanze des marktwirksamen Minderwertigkeitskomplexes nimmt es nicht wunders, dass sich immer mehr junge Frauen zu einem Chirurgen begeben, um sich mit einigen Operationen an diese sehr künstlichen Vorgaben anpassen zu lassen.

Die gern als “Wissenschaft” verpackte ideologische Rationalisierung hat sich geändert, aber der Wahnsinn ist gleich geblieben: Ein Problem der Gesellschaft wird am Individuum mit einschneidenden Eingriffen “behandelt” — und dies geschieht keineswegs nur an den weiblichen Genitalien.

* Maria Pütz, “Über die Aussichten einer operativen Therapie in gewissen Fällen von Masturbation jugendlicher weiblicher Individuen”, Dissertation, Universität Bonn, 1923