Der Vorübergehende sah an einer besonders schmucklosen, kahlen Mauer, die ein kirchliches Gebäude von der Außenwelt abzutrennen hatte, ein aufgespanntes, sonnig buntes Transparent, Aufschrift “Gott glaubt an dich”. Die Glocke schlug zwei Mal, es war halb. Und. Er war beinahe so berührt, als hätte er ein Werbeplakat für Damenbinden gesehen.
Kategorie: Persönliches
Wie hübsch es doch immer wieder ist, wenn aus der jede Erwartung zum Frieren bringenden Kälte heraus des Morgens um halb sechs unsichtbare Vögel als Herolde eines sinnlosen Tages in das Erwachen trällern. Bald schon kriecht eine kühle Sonne über den Horizont, bald schon erwachen die dröhnenden Verbrennungsmotoren der Ersten, die sich übermüdet in ihren Tag schleppen, aber noch scheint der Tag frisch und schadlos — eine Illusion. Die ich mir gern gefallen lasse.
Es ist jetzt schon einige Zeit her, dass ich von den Beamten einer vorbeifahrenden Polizeistreife ausführlich kontrolliert wurde und dabei auch einige Fragen zu hören bekam, deren Zweck einzig darin bestand, meinen Geisteszustand zu untersuchen: Fragen nach meinem Namen (bei anschließendem Vergleich des mitgeteilten Namens mit dem Personalienausweis* in der Hand), dem aktuellen Datum, der Tageszeit und auch nach dem Ort, an dem ich mich befand; ganz so, als sei ich nicht mehr bei Sinnen gewesen. Abgeschlossen wurde die spontane Befragung mit der Frage, ob ich gedächte, Selbstmord zu begehen. Der offensichtliche Verdacht der Polizisten, ich hätte ein gestörtes Verhältnis zu grundlegenden Aspekten der Realität, er wurde nicht etwa dadurch erweckt, dass ich wie ein Berserker brüllend durch die Straßen gegangen wäre, denn sonst müssten eine solche plumppsychologische “Untersuchung” bei jedem Volksfest und jedem Fußballspiel zehntausendfach durchgeführt werden. Nein, ich zeigte kein Zeichen von Aggression und war vollkommen ruhig. Meine für das langsam vorbeifahrende Auge so verdächtig aussehende “Tätigkeit” bestand darin, dass ich an einem Fluss stand und mehrere Minuten lang einen Reiher betrachtete, der reglos in die trüben Fluten schaute, so, wie Reiher dies zu tun pflegen. Dass einer herumsteht und abseits der Bedingungen eines gesellschaftlichen Prozesses, der unentwegte Hast und Tätigkeit von allen Menschen fordert, für einen kurzen Moment müßig innehält, um einen erfreulichen Aspekt seiner Welt zu betrachten, das reicht (mindestens) bei diesen beiden Uniformierten hin, um den Verdacht einer Geisteskrankheit zu erwecken, um einen innehaltenden Menschen offen und kalt zu pathologisieren, während man das Hoheitszeichen an Arm und Kopf trägt. Eine routinierte Geste, die ihre schnelle Wirkung nicht verfehlt, die aber erst mit etwas zeitlichem Abstand verstanden wird. Mögen die “Gesunden” noch viel Spaß beim Strampeln im Kühlschrank haben!
*Das in Plastik eingeschweißte Kärtchen weist meine Personalien aus, und nicht etwa mich als Personal.
Wenn man sich am grellen warmen Tag vom Unwillen des Schmerzes zur Müßigkeit treiben lässt; wenn man sichtet, was sich am Lebensabrieb von gut fünfunddreißig Jahren vollgeschriebnen Tagebuch gilb und dümplig in das Jetzt gerettet hat; wenn man lesend wie im Leben eines längst schon Fremden verfolgt, wie jeder einst vorhandne Überschwang zerbrach, ja, zerbrechen musste, weil die Kraft eines Einzelnen eine kleine ist und weil die Bequemlichkeit der meisten anderen Menschen auf dem Trampelpfad des Daseins eher in allerlei Bespaßungen und Ablenkungen getrieben hat und nicht in den entschlossenen Einsatz für ein besseres Leben; wenn man sich blätternd daran erinnern muss, was alles gescheitert ist, wie viel zunächst begeisterte Aufnahme von Seiten ebenfalls bedrückter Mitmenschen sich in weniger als einer Woche in Gleichgültigkeit wandelte, sobald es darum ging, gemeinsam etwas zu tun, damit jeder besser für sich leben kann; wenn man rückschauend sehen muss, wie selbst Gescheiterte und Verachtete noch darum bestrebt waren, einem konformistischen Anspruch zu genügen, dem sie nur auf Kosten ihrer Gesundheit und nur mit allerlei Hilfsmitteln genügen konnten, immer in einer antlitzlosen Angst, jene Zuwendung nicht zu erlangen, die gar nicht mehr erfolgen kann; wenn man im Trübsinn der Tintenpaste vieler Kugelschreiber versinkt und sich daran erinnert, wie viel an sich lichtvolles Leben im direkten Freitod oder im krepligen Selbstmord des damals so leicht verfügbaren Heroins zum Würmerfraß und zum Zement der Zustände geworden ist; wenn man das alles noch einmal vor Augen hat, was durch den schlichten Vorgang des Notierens eine Wirklichkeit und Wirksamkeit über den unmittelbaren Affekt erhalten konnte; denn vergeht einem auch als heiterstes Wesen ein wenig die Lust an einer Fortsetzung dieses stinkenden Daseins neben dem Schindanger der Gesellschaft, das spukhaft wie ein Gespenst in diese Welt hineingeboren wurde. Und…
…so fragt man sich trüben Sinnes, was das alles einen noch zu sagen hat, das alles, wofür man einstmals doch lebte. Mit dem Rückblick auf die vergebliche Mühsal kommt der Blick auf die gegenwärtige Kraftlosigkeit, auf das absehbare völlige Scheitern jeder weiteren Anstrengung und die Ergebung in das Unvermeidliche. Ja, man fühlt sich fast schon wie ein CDU-Wähler im Rentenalter.
Als die fromme fromme Christin (mit recht biblizistischer Glaubensauffassung) mich dafür, dass ich ihr im fröhlichen Bibelroulette (wer kennt die passendesten Sprüchlein, um schnell im Gespräch darauf zu setzen) mindestens ebenbürtig war, schließlich als ein “Arschloch” benannte, empfand ich das als Ehrentitel…
Ich träumte, dass ich in der vorgerückten, späten Nacht in einer namenlosen Kleinstadt sei und dort auf den Zug wartend barfuß am Bahnhofe stand, weil ich noch nach Hannover musste. Der Bahnsteig war leer, und alle hilfreichen Informationen wie Schilder, Aushänge und Fahrpläne waren verschwunden. Nur die Uhr. Zeigte die Zeit, und es war halb eins und damit längst schon nach Mitternacht. Völlig unklar, ob hier noch ein Zug kommt. Ich ging auch über die anderen Bahnsteige, aber überall fehlte der Fahrplan, so dass niemand wissen könnte, was da kommen soll. Langsam darauf eingestellt, die Nacht an diesem tristen Bahnhof verbringen zu müssen, verließ ich die Bahnsteige und ging etwas umher. Es war hell beleuchtet dort, und es war trotz der vorgerückten Zeit erstaunlich gut besucht, aber die Menschen schwiegen; sie waren gleich gekleidet, wie gesichtslos und frei von individuellen Merkmalen. Sie hätten auch. Eine bloße Dekoration für das Geschehen sein können, das andere, hier unsichtbare, geschehen lassen.
Mir wurde kalt.
Immerhin waren diese vielen Menschen ein Hinweis darauf, dass da noch ein Zug kommen könnte, und so wartete ich weiter. Und tatsächlich, nach einiger Zeit unter den Schweigenden — ich hatte selbst schon das Sprechen aufgegeben, und seit ich nicht mehr sprach, trug ich Schuhe — kam plötzlich, wie auf ein Kommando, Bewegung in die stumme Masse. Alle gingen zu einem Bahnsteig, ohne dass es eine für mich hörbare Ansage gegeben hätte. In der verzweifelten Hoffnung, es könne ein Zug kommen, der mich wenigstens von diesem gruseligen Bahnhof fortbringt, folgte ich schweigend der schweigenden Masse und wurde so zum Teil dieser Karikatur einer Prozession.
Doch was ich auf dem Bahnsteig sehen sollte, hätte ich niemals erwartet. Selbst der einfahrende Zug schien zum Schweigen entschlossen; er war völlig unhörbar. Die Lokomotive sah nicht nur modern, sie sah futuristisch aus; sauber, glänzend und leuchtend gelb lackiert, wo nicht das kalte Metall seine Reinheit zeigte; ein Anblick, der nicht den Eindruck erweckte, als sei es ein Fahrzeug von dieser Welt. Doch die Wagen, die davon gezogen wurden, waren dreckig und schäbig und sahen aus, als wären sie für den Transport von Gütern oder Vieh bestimmt. Doch die stummen, merkmallosen Menschen. Stiegen langsam ein, als sei dasgerade ihre Bestimmung. Als endlich alle eingestiegen waren, stand der lautlose Zug mit der glänzenden Lok und den heruntergekommenen Wagen für das Menschenmaterial noch lange. “Ganz so, als würde er auf etwas warten”, dachte ich mir dabei, während ich auf dem mittlerweile menschenleeren Bahnsteig stand und diese surreale Szene betrachtete.
Überrascht hörte ich eine Stimme in mir, freundlich wie die Stimme Satans oder eines anderen Werbers. Diese Stimme — wie ungewohnt der Klang von Wörtern doch nach langem Schweigen ist, wie warm da selbst das beflissenste, zweckmäßigste Geschwätz klingen kann — erklärte mir voll wohlgeübter Begeisterung, dass ich die modernste Lokomotive der Welt vor mir sähe, dass ich mich nicht darüber verwundern solle, dass es keine Diesellok wäre und dass sie dennoch keinen Stromabnehmer brauche, denn dies sei der neue, klimaneutrale, effiziente Atomzug, der alle Geschwindigkeitsrekorde halte. Da dachte ich bei mir, dass mir von solchen Stimmen vieles erzählt werden könnte und dass es schlichterdings absurd ist, dass ein solches Wunder der Technik an einem dermaßen unwichtigen Bahnhof Halt macht, doch es schien, als könne die Quelle dieser Stimme die Gedanken der Verstummten kennen, und so wurden diese Einwände beantwortet. Dieser Zug, so erfuhr ich, fahre aus Sicherheitsgründen und wegen des Terrorismus nur die kleinen Bahnhöfe an, und dies auch stets im Geheimen, seine Herkunft und sein Ziel sei Israël, und er komme, um zu sammeln. Und noch, während ich begleitet von trüben Bildern blutgedüngten “heiligen” Landes dachte, dass die Viehwagons und das Streben nach technischer Perfektion und die gut organisierte Massenzuwanderung wie ein Spiegelbild des Holocaust wirken, forderte mich diese Stimme auf, in den Zug einzusteigen, der nur noch auf mich warte — einen anderen Ort hätte ich als geborener Fremder ja nirgends. Als ich meinen Mund auftat, um laut zu widersprechen. War meine Stimme schon ausgewandert, war ich längst schon im faszinierten, schweigenden Betrachten der Szene zum Schweigenden geworden. Und die fremde, freundlichkalte Feindesstimme in mir war lauterschon als jeder Gedanke und jedes Gedenken, fand Tausendgrund für mich, den Weg des Schweigens zu gehen und hunderte der Krankheitsnamen und Kurvorschläge, um damit zu benennen, dass ich ichselbst sein wollte, während der Zug mit der glänzenden Lokomotive und den heruntergekommenen Wagen auf mich wartete und ich langsam, unentschlossen, gar nicht mehr aus eignem Willen Schritt für Schritt auf einen der vorderen, dreckigen Wagen zuging, dessen schweigende Tür noch einen dunklen muffigen Spalt für mich offen stand…
Ich erwachte wringefeucht im Schweiß. Und schreiend.
Zeitgenossin: Du solltest in der Zeitung wenigstens die Todesanzeigen lesen! Deine Mutter könnte gestorben sein, und du wüsstest es gar nicht.
Nachtwächter: Meine Erzeugerin ist schon längst gestorben. Sie starb, als ich unter schwierig abzuschüttelnden Selbstmitleid einsehen musste, dass ich als Gespenst geboren bin, dass mein Leben etwas spukhaftes hat, und auch ebenso unerwünscht wie ein Spuk ist. Sie war schon tot, als sie an mir trug und mich gebar, um mich mit diesem Herzfrost, zu dem nur Weiber die Kälte haben dazu zu benutzen, einen Mann an sich zu binden, mit den Handschellen einer Hochzeit zu binden. Sie dokumentierte ihren Tod vor mir und vor den Augen der Welt, als sie mich wegwarf, nachdem dieser Plan in der Scheidung scheiterte; als sie mich, so gut sie konnte, postnatal abtrieb. Was hätte der biologische Tod dieses gefräßigen Fleisches den Tatsachen hinzuzufügen, was machte es für einen Unterschied, wenn endlich auch ein Leib so kalt und verrottet wäre, wie es die Seele immerschon war? Diese Tränen sind schon geweint. Der Abschied liegt hinter mir. Und. Der Kosmos ist meine Mutter geworden, und jeder, der fühlt und denkt, ist mit mir verwandt. Ich brauche keine Todesanzeigen, ich lasse die Toten ihre Toten begraben.
Leergeschrieben. Ganz so, wie ein Einwegkugelschreiber im Mülleimer. Und — recht betrachtet — auch genau so weggeworfen.
Wer sich wundert: Die 10 Jahre heißen nicht, dass ich 10 Jahre gebloggt hätte. Aber. Dass ich 10 Jahre geschrieben, ja, beschrieben habe, das heißen sie.
Wenn man die träge Masse seines Körpers auf das Fahrrad schwingt und auf dem Weg in die Stadt nicht mehr friert; wenn auf dem Weg für eine gute halbe Minute eine Frau auf inline skates neben einem fährt, die ihr Händi* am Ohr hat und mit lauter Stimme, beinahe so, als müsse sie mit nur dieser Stimme die Entfernung überbrücken, ihrer Freundin von ihrer aktuellen Illusion in Liebessachen berichtet; wenn man am Fluss langfährt, wo im noch kalten Gras gackernde Backfische mit ihren beneidenswert großen Klapprechnern sitzen und YouTube glotzen; wenn die Vöglein einander ihre Wünsche nach Nachwuchs und Revier kreischend zuzwitschern; ja, wenn sich auch noch beim Grießgrämigsten eine allgemeine Heiterkeit und ein Hang zum Leichtsinn breit machen, ein Leichtsinn, der sich auch darin zeigt, dass die noch schwachen Sonnenstrahlen in einem t-shirt begrüßt werden — dann ist klar, dass der Frühling endlich angekommen ist; der Frühling, der sogar den Lärm und das überwältigende Grau der Stadt erträglicher macht.
Und wenn man in der Stadt das Pech hat, dass einem jemand etwas Gutes tun möchte und einem eine Zeitung zusteckt, und wenn man so blöd ist, diese von jeder Lebenswirklichkeit abgehobene Zeitung auch zu überfliegen, denn gibt es darin zum Frühling nur zwei Meldungen. Nämlich. Dass wir sofort wieder Angst haben sollen vor den ganz besonders vielen Zecken und dass wir uns besser impfen lassen sollten. Und. Dass es schwere Zeiten für Pollenallergiker werden — bezeichnenderweise auf der gleichen Seite wie das Evangelium der Werbung für das Mittelchen dagegen.
*Ich betrachte das recht künstliche Werbewort “handy” als ein deutsches Wort und passe es deshalb ebenso an die deutsche Phonetik an wie dies im Falle von “Büro” (bureau), “Keks” (cakes) oder “Streik” (strike) schon lange üblich ist. Wer sich daran stört, sollte eher froh darüber sein, dass ich nicht “Quasselfunke” schreibe.
Ich ertappe mich dabei, dass ich die interaktive Rechtschreibprüfung in modernen Programmen standardmäßig ausschalte und lieber diese paar Fehler in Kauf nehme, die ich zwar mache, aber auch beim dritten Überlesen nicht sehe. (Wenn ich sehr sorgfältig bin, lasse ich die Rechtschreibprüfung am Ende einmal über den gesamten Text gehen, doch in der Regel erspare ich mir diese Sorgfalt, wenn ich fürs Internet schreibe.)
Das liegt an der Kombination, wie ich auf Papier zu arbeiten pflege und wie die Rechtschreibprüfung seit knapp einem Jahrzehnt dem Benutzer präsentiert wird. Wenn ich auf Papier schreibe (was selten geworden ist) und ein Wort oder eine Passage rot unterstreiche, denn markiere ich damit für mich selbst, dass es sich um eine wichtige, zentrale Stelle im Text handelt, die ich später, wenn mir der Text schon ein wenig fremd geworden ist, auch querlesend schnell wiederfinden möchte. Es handelt sich um diejenigen Teile des Textes, die ich mir, wenn ich das Thema darlegen möchte, besonders einzuprägen habe. Kurz: Ich unterstreiche das sicher Richtige und Wichtige rot. Die Rechtschreibprüfung macht es hingegen genau umgekehrt. Sie markiert in roter Signalfarbe, was falsch oder fragwürdig ist, und sie zieht auf diese Weise die Aufmerksamkeit noch während des Schreibens auf das Falsche und Fragwürdige, damit ich mich auch ja nicht auf das Richtige und Wahre konzentrieren kann. Ja, in gewisser Weise trainiert sie mich auf das Falsche und Fragwürdige, wenn auch nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern durch den im Hintergrunde laufenden, mechanischen Abgleich mit einem Wörterbuch voller genormter Schreibungen, indem sie mir den Text so präsentiert, als handele es sich bei den Abweichungen von dieser Normung um das Wichtige. Sie ist wie ein pedantischer, unentwegt in den Prozess des Schreibens ätzender Lehrer, den ich mir verinnerlichen soll, um auch immer auf die Einhaltung der genormten Schreibweise zu achten und meine Aufmerksamkeit auf die Fehler zu richten, die ich dabei mache, damit ich mir diese Fehler gut einpräge. Gar nicht klar kommt so eine Rechtschreibprüfung mit meiner Neigung, beim schnellen Schreiben alle Wortendungen wegzulassen, um die Sätze in einer stark flektierenden Sprache wie der deutschen leichter umstellen zu können, ohne dabei jedes Mal drei Wörter bearbeiten zu müssen — ein Arbeitsweise, die übrigens völlig klar macht, dass der Sinn weder in der Grammatik noch in der Rechtschreibung sitzt, sondern im geäußerten Gedanken. (Der Stil sitzt hingegen sehr wohl in der Form, wie die sprachwirkliche deutsche Aussage “Klappe oder ich mach dich Messer” zeigt.)
Zumindest für mich ist die moderne Form der Rechtschreibprüfung ein Beispiel einer schlecht entworfenen Benutzerschnittstelle, die das genaue Gegenteil der beabsichtigten Funktion bewirkt, und ich glaube, dass das auch vielen anderen Menschen so geht. Psychologisch ist die Hervorhebung von Fehlern einfach ein Fehlgriff, der zu einer ungünstigen Konditionierung führt. Ich gehe davon aus, dass ein guter Teil der wachsenden Inkompetenz in Rechtschreibfragen auf diese schlecht entworfene Benutzerschnittstelle zurückzuführen ist; darin bin ich zwar nicht allein, aber ich habe völlig andere Gründe für diese Annahme. Es ist nicht so, dass es zur Nachlässigkeit führt, wenn man sich auf die Dienste eines Abgleichs mit einem Wörterbuch verlässt, sondern es ist so, dass die gegenwärtige Benutzerpräsentation der Rechtschreibprüfung dazu führt, dass man sich auf seine Fehler konzentrieren muss und sich so erst die Fehler richtig einprägt. Vermutlich könnten viele Menschen ihre (übrigens für den Sinngehalt des Geschriebenen unwichtige) Fähigkeit in der deutschen Rechtschreibung verbessern, indem sie — wie ich — die interaktive rote Unterkringelung der Fehler abschalten und am Ende ihres Schreibens, wenn sie sich darauf konzentriert haben, ihren Gedanken in Wort und Form zu bringen, einmal die Rechtschreibung des gesamten Textes überprüfen lassen. Denn das. Kann auch weiterhin eine große Hilfe im Dschungel der barocken Unlogik der deutschen Schriftsprache sein.
Wer sich über diese seltsame, prominent platzierte Grafik in der Sidebar dieses Blogs wundert: Das ist ein Link auf die wohl einzige Aktion zur kommenden FIFA-Fußball-WM, die mein Gefallen findet.
Es ist so, dass mein Verhältnis zum Fußball ein recht gleichgültiges ist, und dass ich mich lieber mit anderen, erfreulicheren Dingen beschäftige. Leider erzwingen es gewisse Barbaren, dass ich mich unter ihrer Gewaltlust doch mit diesem unwichtigen Ballgetrete befassen muss.
Während der auf uns alle zukommenden, von den meisten fühlenden und denkenden Menschen noch gut verdrängten Geldmeisterschaft wird es kein Entrinnen geben. Der Medienapparat wird seine ganze Definitionshoheit aufspielen, um aus diesem eher nebenläufigen Ereignis in der ihm eigenen Künstlichkeit eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung zu machen. Die mit der Contentindustrie so verzwirnte Werbewirtschaft wird diesen Ball annehmen, und überall wird es diese “Fußballprodukte” geben, die ungefähr so viel mit Fußball zu tun haben wie ein betonierter Parkplatz mit dem Leben; vom Bier bis hin zum Brotaufstrich bis hin zum geschmacklosen Tinnef wird alles beballert beworben werden. Und die Barbaren, die in dieser künstlich geschaffenen Medienwelt leben, werden diese Spiele zu gern annehmen und darüber auch allzuleicht übersehen, dass sie immer weniger Brot dabei haben. Um die Menschen in Deutschland besser über die Realität ihres trüben Daseins hinwegzutrösten, werden — wie schon zur FIFA-WM 2006 und zur EURO 2008 — noch an den unmöglichsten Orten so genannte public viewing areas errichtet werden, an denen sich tatsächlich Menschen versammeln, um eine Leinwand anzubrüllen. Und das Fernsehen — welch Glück, das wenigstens das nicht in mein Leben hineinragt! — es wird nicht nur irgendwelchen Balltretern direkt nach dem Spiel vor einer Tafel voller Reklame ein Mikrofon ins Gesicht halten, als ob diese Leute nicht nach dem Duschen ein bisschen zusammenhängender sprechen könnten, es wird sogar von diesen public viewing areas berichten und das Torgejohle von dort darbieten, als ob das auch nur die Spur eines Wertes hätte. Und die Menschen, die dieser Ätzung ihrer Sinne ausgesetzt sind, sie werden alle diesen Unsinn mit ihrem Mund wiedergeben, als ob sie kein eigenes Leben hätten.
Nein, auf den Wert und auf den Verstand wird es nicht ankommen. Dafür wird alles schwarz-rot-gold. Überall sieht man Winkelemente in allen möglichen Größen, und etliche schmieren sich diese Farben sogar in das Gesicht, so dass man irgendwann anfangen wird, die Blinden zu beneiden. Mit Patriotismus hat das nicht einmal etwas zu tun, es ist nur Reaktion auf eine mediale Inszenierung, die sich beliebig von Deutschland ablösen lässt, und deshalb verwundert auch nicht die fahnenschwenkende Begeisterung, während Deutschland an den Meistbietenden verhökert wird und es immer mehr Menschen in Deutschland immer mieser geht. Deutschland ist diesem Menschen einfach nur scheißegal, und genau diese Haltung wird von den Schreibtischtätern der Jorunaille und den betont süddeutsch sprechenden Hackfressen der Glotze als “Patriotismus” bezeichnet werden, damit sich auch ja keiner darauf besinnt, worauf es wirklich ankommt. Deshalb klingt das Gebrüll aus der Ferne auch eher wie “Tschlannd”…
Gut, genug geätzt für heute. Wenn man nichts dagegen tun kann und nicht das Glück hat, taubblind zu sein, denn muss man so oder so mitmachen. Und sich über die Illusion in schwarz, rot und gold aufzuregen, ist die unerfreulichste Form des Mitmachens. Deshalb diese tolle Aktion, die sich darauf besinnt, welche Plätze denn noch gar nicht in diesen Farben dekoriert sind und dieses Versäumnis der Fans ausbügelt.
Ich wünsche mir, dass das breiten Zuspruch und viele mitmachende Menschen findet.
Sollten sich Trolle in den Kommentaren einfinden: Bitte gut füttern, denn das gibt ihnen Kraft, den unfassbaren Blödsinn solcher Veranstaltungen mit krankhaften Stolz aufzuführen und damit noch etwas fühlbarer zu machen…
Und der Nachtwächter sagte: Ich bin in Armut geboren, und deshalb bin ich. Als Gespenst geboren. Von früh auf hatte ich zu lernen, dass ich ein Nichts bin, fern vom alledem, was um mich herum als Leben betrachtet wurde. Mein Bruder im Staub, auch ich hatte einmal Hoffnung, genau wie du; ja, ich hatte diese Hoffnung schon als Kind. Und ich versuchte, alles zu tun, um der drangvollen Enge meines Lebens zu entkommen. Ich bildete mich, so gut es die mies sortierte Bücherei zuließ — vom Internet war damals noch keine Rede — denn ich wusste, dass Bildung das Wichtigste ist, um die Kreiselhölle aus Armut, Alkoholismus, Kleinkriminalität und Gewalt zu verlassen, aus der ich als ein Dunst Gestalt annahm. Aber ich musste dabei lernen, dass es nicht auf Bildung und nicht auf Fähigkeit ankommt, in der Schule musste ich es erstmals lernen, als ich der verachtete, geprügelte und angespieene Außenseiter war, der alte Kleidung, einen gebrauchten Ranzen und zwei Jahre alte Schulbücher hatte, die sich in ein paar trivialen Kleinigkeiten von den aktuellen Ausgaben unterschieden, damit auch ja jedem Kind die aktuellen Ausgaben gekauft werden. Und als ich dann sonderlich wurde, was gar nicht überraschend ist, da musste ich es durch die schlagenden Hände in einem Kinderheim der Diakonie lernen, dass ich mich nur zu fügen habe, unter Schmerz und Angst zu fügen. Ich hatte unter der Diktatur der strukturellen Gewalt zu lernen, was mein Platz in der Matrix sein soll, und glaube mir, Bruder im Staub, diese Pille hat mir nicht geschmeckt und drang erst zweieinhalb Jahrzehnte später so richtig in meinen Bauch ein. Und wandelte sich dort. In die fröhliche Einsicht völliger Sinnlosigkeit allen Strebens. Das erst machte es mir erträglich, in meinem gespenstischen Dasein mit doppelter Mühe nicht einmal die halbe Wirkung entfalten zu können, nicht handeln zu können, sondern bestenfalls ein wenig zu spuken. Doch keine Freunde zu haben; es hat auch sein Gutes. Man versteht schon als beobachtendes Kind, wie sich Menschen nur gegenseitig benutzen, und man wendet seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge als das verlogene Lächeln, auch schon als Kind. Das Wissen muss trösten, lange bevor es nützlich wird; über die Kälte und die Aussichtslosigkeit muss es trösten, denn mehr als dieses dürftige Wissen und Bewusstsein gibt es nicht. Im Sekundenglanz meines Seins. Es bleibt nur in mir, und wird einst zusammen mit meinem ganzen Dünsteln in die Verwesung fallen. Ich hatte auch von den frommen, gewalttätigen Erziehern zu lernen, dass einem Gespenst kein Respekt gezollt wird, und das kleine Büchlein, dem ich schon als Kind meine Beobachtungen anvertraute, um mein Denken vom Augenblick zu emanzipieren und die übergeordneten Muster sehen zu können, es wurde mir von den herzlosen Prügelfrauen entwendet und einem Psychologen gegeben, damit mich dieser Assimilationsarbeiter besser bearbeiten kann. Seither mache ich alle meine Notizen in einem selbst ersonnenen Schriftsystem, das solche Zugriffe frustriert, um wenigstens mein Denken für mich und hoffentlich klar zu behalten. Auch nach dieser Zeit gab es keine Freiheit, so schön sich auch davon träumen ließ, sondern nur Verachtung und Kälte und das langsame Dahinwelken meiner Handvoll Freunde mit ähnlichem Schicksal, die am Heroin und an der verinnerlichten Hand der Gesellschaft, am Freitod starben. Was mir hilft, weiterhin zu leben, ist nur die heitere Einsicht in die vollkommene Sinnlosigkeit und das Wissen um den überpersonalen Prozess, der über die Gesellschaft abläuft. Ich bin als Gespenst geboren, arm und außerhalb jeder Aufmerksamkeit, und der Bruder im Staub, der mir begegnet, der begegnet einer Spukerscheinung, die ihn schaudern macht. Denn in diesem Spuk. Spiegelt sich sein eigenes Leben. Solchen geisterhaften Spiegeln werden viele Namen gegeben. Der gemeine Fernsehzuschauer, Autofahrer und Verbraucher nennt mich schlicht asozial, wenn ich ihm nach etwas frage, was er mir kampflos zu geben bereit ist. Der Mensch, der an mir lernt, dass es ein Leben jenseits der Hoffnung gibt, nennt micht Elias. Und wer wirklich kalt und bis ins Herz verrottet ist und mir einen bösen Spottnamen geben will, der spricht von der Chancengleichheit.



