Kategorie: Endtexte


Fortschritt

Es gibt zwei Arten Fortschritt, eine von den Herrschenden und Besitzenden erwünschte Art und eine von ihnen nicht erwünschte Art.

Beide Arten schreiten fort, bringen vorwärts, breiten Zivilisation aus. Sie unterscheiden sich nur darin, dass sie von den Herrschenden und Besitzenden erwünscht sind oder nicht.

Es gibt den Fortschritt, der das Leben einer Minderheit der Menschen reicher, freier und besser macht, so dass die große Mehrheit der Menschen dafür mit ihrem Besitz, ihrer Lebenskraft, ihrer Unabhängigkeit und ihren Freiheiten bezahlen muss, das ist der erwünschte Fortschritt, der sich politisch als ständig geforderte “Innovation” und “Zukunftsfähigkeit” verklausuliert.

Und es gibt den Fortschritt, der das Leben einer großen Mehrheit von Menschen reicher, freier, unabhängiger und besser macht, so dass eine zuvor privilegierte Minderheit in diesem Prozess ihre Privilegien verliert, das ist der nicht erwünschte Fortschritt, der mit allen Mitteln unterbunden werden soll, dessen Genuss mit jeder nur erdenklichen Angst angereichert werden und nach Möglichkeit sogar kriminalisiert werden soll — gar nicht so sehr anders, wie man auch Pflanzen für illegal erklären und ihre Nutzung mit als Recht verlarvter Gewalt unterbinden kann, ohne dass sich dadurch etwas an den Pflanzen ändert.

Der von den Herrschenden und Besitzenden erwünschte Fortschritt wird mit der institutionaliserten Gewalt der Herrschenden und Besitzenden (und mit der psychischen Einlullung vieler Menschen durch die Freunde der Herrschenden und Besitzenden aus der organisierten Religion und ihrem Bastardkind aus dem organisierten Bankwesen) durchgesetzt. Der von ihnen nicht erwünschte Fortschritt kann sich nur durchsetzen, wenn er mit der Gewalt einer großen Mehrheit der Menschen gegen eine grenzenlos und bis zum fabrikmäßigen Gemetzel gewaltbereite Minderheit von Herrschenden und Besitzenden durchgesetzt wird.

Anders nicht.

Frieden ist nämlich nur mit jemandem möglich, der im friedlichen Miteinander einen Wert sieht…

Dieser Beitrag ist absichtlich leer

Das so genannte “Leistungsschutzrecht” ist eine Enteignung der Menschen, die das Internet gestalten. Das einzige, was unter der gewollten Rechtsunsicherheit dieses “Rechts” für die kommenden Jahre im Rechtsraum der BRD noch möglich sein wird, sind Katzenfotos, diese Gartenzwerge des Internet.

Warum ich nicht die Piraten wähle

Piratenpartei!

Vor etwas mehr als einer Woche hat David Christopher Georg Lauer in seinem Blog — nachdem das Ergebnis der Landtagswahl in Niedersachsen nicht so befriedigend für die Piratenpartei war — die offene Frage an alle gestellt, die euch nicht wählen, warum sie euch eigentlich nicht wählen.

Dies ist meine Antwort, die weder in einen Blogkommentar passt noch in einer flüchtigen Viertelstunde geschrieben werden konnte. Wer schnell lesen und auffassen möchte, ist hier am falschen Ort. Oder. Um es in diesem bei euch, Mitglieder der Piratenpartei, so gern gepflegten Soziolekt zu sagen:

tl;dr — Ihr werdet die Grünen 2.0, und die braucht niemand. Auf diesem Weg seid ihr weit vorgeschritten und jetzt in der Beta-Phase. An einer anderen Entwicklung habt ihr kein kommuniziertes und wirksames Interesse. Wenn ihr das nicht lesen wollt, schließt einfach jetzt das Browserfenster und kreist um die eigene Achse, bis ihr und euch zu schwindeln beginnt! In der folgenden halben Stunde Lesens wird alles noch viel unerfreulicher.

Warum ich annehme, dass ihr kein Interesse daran habt, das zu lesen? Schon der Herr Lauer hat nur die Frage gestellt, warum man nicht die Piratenpartei wählt; er hat nicht die Frage gestellt, warum 98 Prozent der sich ins Wahllokal schleppenden Menschen ihr Kreuz an einer anderen Stelle gemacht hat. Ganz so. Als gäbe es keine Alternative zu euch, die ihr euch einmal als Alternative angeboten habt. In der Arroganz habt ihr längst Bundestagsniveau erreicht, ihr Piraten, und ihr merkt es nicht einmal.

Ich muss im Folgenden ein kleines bisschen ausholen, bevor ich auf die Fragen des Herrn Lauer eingehen kann. Ich hoffe, dass es beim Lesen nicht zu sehr ermüdet. Auf die für mich sonst unentbehrliche ätzende Ironie, mit der ich “politische” Themen auf Genießbarkeit würze, verzichte ich so weit, wie es mir gerade möglich ist — aber ein bisschen angewandter Humor ist leider vonnöten, um sich den Wahnsinn erträglich zu machen.

Vorab Eins

Zunächst einmal: Ich bin Nichtwähler. Aus Überzeugung. Ich werde mich erst dann als Obdachloser um einen Wahlschein bemühen — was zur Steigerung des Verdrusses gar nicht so einfach ist — wenn darauf ein Feld vorgesehen ist, auf dem ich mich meiner Stimme enthalten kann, damit mein so ausgedrücktes “Ich will niemanden und keiner Partei aus diesem Angebot das Recht einräumen, mich bei der Gestaltung der öffentlichen und gemeinsamen Aufgaben zu vertreten” den angemessenen Niederschlag im Endergebnis findet und amtlich protokolliert wird. Bei jeder vergleichsweise unwichtigen Wahl eines Vereinsvorstandes oder eines Klassensprechers wird Menschen selbstverständlich die Möglichkeit einer Stimmenthaltung eingeräumt, die auch als solche protokolliert wird, in jeder Parlamentsabstimmung kann sich ein Abgeordneter der Stimme enthalten, ja, sogar in innerparteilichen Wahlen räumt sich die politische Klasse dieses Recht selbst ein; aber der wahlberechtigten Bevölkerung wird genau diese Wahlmöglichkeit vorenthalten. Und das für eine wichtige, geradezu gesellschaftskonstituierende Entscheidung mit weitreichenden und langfristigen Auswirkungen auf das Leben der davon betroffenen Menschen. Hinterher wird von Vetretern der classe politique an der Wahlbeteiligung gedeutelt, dass sich die Balken in den Diagrammen nur so biegen — im Zweifelsfall ist sie wegen des Wetters so gering, und nicht, weil zu einer Wahl gehört, dass man auch eine Auswahl habe. Allein die Verachtung der Wahlberechtigten, die sich in der Verweigerung einer Möglichkeit zur Stimmenthaltung Ausdruck verschafft hat, ist nicht etwas, was ich mir als großes, demokratisches Privileg, als “Wahlrecht”, andrehen lasse.

Vorab Zwei

In gewisser Weise wäre ich die ideale “Zielgruppe” — ich sehe bei diesem menschenverachtenden Wort von Werbern immer Menschen im Fadenkreuz stehen — der Piratenpartei gewesen. Ich bin vom gegenwärtigen Zustand der repräsentativen Demokratie in der BRD vollständig abgegessen und sehe bei der Fortsetzung des gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozesses keine erträgliche Perspektive für mich selbst. Sehr viele Menschen, die mir etwas näher stehen, sind zu einer ähnlichen Ansicht gekommen und reagieren darauf in der ihnen eigenen, persönlichen Weise: Einige von ihnen stürzen sich in den klebrigen Traum des Irrationalismus — es ist unfassbar, wie viel dumme und fundamentalistische Religion und Neureligion es inzwischen wieder gibt — einige schlagen sich durch lang anhaltenden Missbrauch von Psychopharmaka leidlich funktionierend durch die Trübnis ihres Seins, einige haben noch die verzweifelte Hoffnung eines Schiffbrüchigen, der sich krampfhaft ans Firmament klammert, um den Kopf nach Luft schnappend über Wasser zu halten und dabei doch seine zunehmende Schwäche und die Aussichtslosigkeit seines nackten Kampfes in einer hungrigen Hölle voller Überflusses im Immer-wieder-Scheiterns spürt und dieses Fühlen nicht verdrängen kann.

Von “der Politik” erwartet niemand mehr etwas, der es mit mir aushält.

Unter “der Politik” ist in diesem Kontext das zu verstehen, was von der herrschenden Meinung (also den halb-staatlichen Rundfunkmedien und dem Presse- und Rundfunkapparat von drei Handvoll Milliardären) als “Politik” bezeichnet wird — also ein künstlich emotionalisierter Personenkult, Nichts sagende Bullshit-Statements irgendwelcher als recht austauschbar empfundener Gestalten und die auch für Menschen mit schwächerem Denkmuskel unmittelbar wahrnehmbare Korruption aller politischen Strukturen, während das Leben eines bedeutenden Anteils der Bevölkerung von voranschreitender Verschlechterung, Armutsgefahr und Angst vor dem Verlust noch des wenigen Verbliebenen geprägt ist.

In alledem wird den Menschen, mit denen ich zu tun habe, ihr bisschen Heimat unterm Arsch weg enteignet. Selbst ein eher schmuddeliger Stadtteil wie Hannover-Linden wird in eine… sorry, ich kann es nur in sehr unsachlichen und ätzenden Worten sagen… alternativtümelnde Disneyworld-Hölle für Wohlstandsalternative, Sozialpädagogen und sonstige Grüne-Wähler verwandelt, die mit einem aus ihrer Brust dringenden spießigen Mief jede Lebendigkeit unter einem Berg von Ökobrötchen, Schmalspuresoterik und menschfernem Lehrer- und Besserwisser-Gelaber “aber das hat auch was Positives” ersticken. Wohnungen werden systematisch entmietet, edelrenoviert, an ortsfremde Besitzende vermietet; die Polizei nervt inzwischen jede harmlose Ansammlung von nur drei Menschen mit willkürlichen und oft im unnötig aggressiven Ton durchgeführten Personenkontrollen; die Menschen, die dem objektiven Grau Lindens einmal eine reizvolle Farbigkeit gegeben haben, stören die Umwandlung jedes Miteinanders in einen sozial optimierten Geschäftsvorgang und sind im Straßenbild nicht mehr erwünscht, was man sie auch deutlich spüren lässt.

Ich lese und höre von Menschen aus anderen Teilen Deutschlands, dass es andernorts nicht anders aussieht.

Eine fressende Tristesse breitet sich aus in Deutschland. Sie ragt noch nicht in jedes Leben hinein, aber sie ragt in immer mehr Leben hinein. Der Hartz-IV-Terror — die Willkür der Jobcenter gegenüber Menschen, deren Arbeiten niemand mehr angemessen bezahlen will, ist nichts anderes als mit der Angstpeitsche völliger Verarmung durchgezogener, staatlicher Terror zugunsten irgendwelcher Menschenmaterialverleiher — gibt diesem Prozesse eine übergeordnete, unmittelbar existentielle Prägung.

Vorab Drei

Ich selbst bin Programmierer. Ich lebe seit fast zwölf Jahren freiwillig als brotloser Künstler und obdachloser Bettler und lehne jede Arbeit für Geld ab. Was ich tue, das tue ich ohne einen Gedanken an den Wahnsinn des Papiers, das die Menschen irre macht. Wenn ich daran denke, wie oft ich damals, als ich noch arbeitete, meinem Gelde hinterherlaufen musste, während mich der “normale” Kostenapparat eines in der BRD “normalen” Lebens verzehrte, bin ich froh über diese Entscheidung. Zumindest habe ich seit über zwölf Jahren keinen Tag mehr gehungert, ganz im Gegenteil, richtig fett bin ich geworden an meinem Platz neben der unvermeidlichen Mülltonne im Lande Überfluss.

Meine Mitwelt habe ich abgeschrieben, und sie hat mich abgeschrieben. Mit meinem eigenen Leben habe ich vollständig abgeschlossen. Die Angst meiner Mitmenschen, die mir oft nur noch als wandelnde Angstabwehrfassaden gegenübertreten, erstickt jede Möglichkeit eines gemeinsamen Aufbruchs. Lächelnde Masken suchen den Schrecken zu verbergen, damit man nicht erschrickt; doch der Schrecken spiegelt sich in der Krampfigkeit dieser Grimmasse (und der Verschreiber ist Absicht). Hier ist das Reich der Psyche, nicht des Verstandes; hier ist die eiskalte Hölle selbst, die Verneinung des Lebens, das Kaiserreich der unbarmherzigen Zivilisationsmutter Depression und ihrer kleinen, dummen, hässlichen Schwester Hoffnung inmitten glänzender Kauftempel voller feilgebotener kleiner Heilsversprechen. Ich kann als Vorübergehender mit der mir eigenen Fröhlichkeit zu jedem meiner hoffnungsblinden Zeitgenossen sagen: “Aber immerhin: wir sind doch vom Reichtum umgeben“.

Ich habe die Generation Praktikum kennengelernt, besser, als ich das jemals gewollt hätte. Menschen, dreißig Jahre alt, die ihr ganzes Leben vor lauter fremdbestimmter Mühe niemals Zeit hatten, auch nur einen tieferen Gedanken selbst zu denken, die jahrelang für nichts und ihre Armut gelernt und gearbeitet haben; hoffnungsvoll wie die Schwachsinnigen, die glauben, sie würden für das Unglück unsichtbar, wenn sie nur vorm Unglücke die Äuglein verschließen. Ich bekam und bekomme mit, wie stark sie ihren Sinnesapparat reizen müssen, damit ihnen niemals diese aufdringliche Frage nach dem Sinn aufkommt, die ihren ganzen Lebensentwurf endlich als das entlarven würde, was sie mit ihrem Lebensentwurf und aller damit verbundenen Mühe vermeiden wollten. Und. Ich bekomme mit, was für ein “gutes” Geschäft das geworden ist.

Es ist ein fressendes Elend, fressend wie Krebs. Wer davon spricht, wird zum Aussätzigen, denn er bedroht diejenige Verdrängung, die eine “Gemeinschaft” begründen muss, welche auf einem Schlachtfeld voller Überfluss nichts Gemeinsames, nichts die Menschen Verbindendes mehr hat. In der Hand halten sie ein Glas Rum, Marke “Flucht”, neben ihnen steht eine Flasche, hinter der Flasche ein Fass, hinter dem Fass ein ganzes Zuckerrohrfeld.

Die Piratenpartei

In diese kurz skizzierte Situation — die zwar meine ist, von der ich aber aus vielen Begegnungen weiß, dass ich nicht allein in ihr bin, wenn auch kaum jemand zur radikalen Konsequenz der Resignation bereit ist — also, in diese Situation vieler Menschen, trat die Piratenpartei.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” (Hesse). Dem professionellen, abgewichsten, verantwortungs- und skrupellosen, bis zur Obszönität korrupten Politbetrieb aller im Bundestage vertretenen Parteien trat eine junge, erfrischende Bewegung gegenüber, die genau dahin zu packen schien, wo es weh tut. Erneuerung und Transparenz heißen auf russisch übrigens “Perestroika” und “Glasnost”, zwei Begriffe, die den Älteren noch im Ohre klingen sollten.

Bei den anfänglichen Erfolgen der Piratenpartei ging es nicht und niemals um Programmatik. Kaum ein Wähler in dieser medial entpolitisierten, alles unter Tittitainment-Aspekten betrachtenden Gesellschaft liest Parteiprogramme. Auch eure Wähler tun dies in ihrer Mehrheit nicht. Es ging auch niemanden wirklich um die “Netzpolitik“. (Dieses Wort ist für mich das Unwort des Internetzeitalters, denn Freiheit ist nicht teilbar — aber die wahlkämpfende Verwendung dieses Unwortes durch die classe politique im kommenden Bundestagswahlkampf wird gerade in gewohnter kalter Professionalität vorbereitet) Das “gefühlte Programm” der Piraten war Perestroika und Glasnost, und es ist jetzt genau so bitter nötig wie vor einem Jahr, denn in der deutschen Kryptokratie ist nichts durchschaubar oder neu geworden.

(Wie “transparent” doch dieser Vortragsmillionär Peer Steinbrück ist, der sich als neue Kraft anbiedert! Wofür tritt der ein, dieser offene Kumpan der Ausbeuter mit seinen empfangsbereiten Händen? Für mehr soziale Gerechtigkeit? Wenns nicht alles so bitter wäre, es wäre ein verdammt gutes komisches Theater.)

Das Gerede von Menschen, die im Sinne der Contentindustrie und damit der veröffentlichten Meinung zum Vorstanzen der öffentlichen Meinung für “die Politik” stehen, dass ein möglichst alldurchwaltendes Programm hermüsse, war in keinem Fall das Gerede von Menschen, denen der Sinn nach Transparenz und Erneuerung stand. Es war das, was in meiner Jugend dieser ehemaligen Alternativpartei “Die Grünen” schon als vergifteter Bonbon in den Rachen gestoßen wurde; ein scheinbares Ernstnehmen eines neuen Aufbruches, das aber nur den Zweck hatte, den Skandal des in Wahlen auch noch erfolgreichen politischen Konventionsbruches durch Assimilation zu beenden. Was aus den Grünen geworden ist, die sich diesen vergifteten Bonbon so gut schmecken ließen, habe ich schon gesagt: Eine ehemalige Alternativpartei. Diese verbreitet einen bourgeoisen Mief noch abgestandener und lustvoll gewalttätiger als die CDU; ein sumpfiges Stickgas, bei dem keiner mehr an Forderungen wie direkte Demokratie und Stärkung von Bürgerrechten denkt, solange das grüne Benzin aus der Steckdose kommt. Den Atomausstieg hat dann Frau Merkel erledigt, während die engagierten Pazifisten aus Alzheim zusammen mit der SPD unter dem Hartz-IV-, Bordell- und VW-Kanzler Gerhard “Wladimir Putin ist ein lupenreiner Demokrat” Schröder die Militarisierung der Außenpolitik vorangetrieben haben.

Die Piratenpartei sollte diesen vergifteten Bonbon ausspeien!

Perestroika und Glasnost, also Transparenz und Erneuerung, auf möglichst allen Ebenen dieser Gesellschaft ist (zunächst) das Einzige, was benötigt wird. Es ist erforderlich, um den Prozess der Entpolitisierung der Gesellschaft aufzuhalten und umzukehren.

Keine Personenkulte an neuen Personen, keine Talkshow-Demokratie bei barbarischen Applausstaffagesendungen, die als Polittalkshows verkauft werden, obwohl sie von ihrer Anlage und Absicht her reine und systemerhaltende Entpolitisierung sind. Keine Fortsetzung surrealer Sprechakte, die den Sinn der Zuhörer vernebeln sollen, die wie Ahoj-Brause kurz im Munde aufschäumen, aber eigentlich recht eklig sind, wenn man hinterher seinen Gaumen ehrlich befragt.

Und vor allem: Kein Appell an die kalte und so leicht beeinflussbare Psyche. Sondern. Einsicht und intellektuelle Klarheit im Verfolgen des Weges von Transparenz und Erneuerung auf allen Ebenen. Denn nur das kann dem Ansturm der aufgeblähten Nichtigkeiten und “alternativlosen” Entscheidungen, hinter denen sich gut verborgene Interessen einer kleinen Minderheit der Bevölkerung verstecken, Widerstand leisten. In der psychischen Manipulation ist der etablierte Apparat stark, er hat siebenundsechszig Jahre nichts anderes getan und seine Perfidie dabei ständig ausgebaut. Dagegen stinkt kein Emporkömmling so schnell an. Das Überwinden dieses Zustandes geht anders!

Der Niedergang der Piratenpartei

Ihr Piraten wart, ohne dass das jemals direkt kommuniziert wurde, die gefühlte Partei der Transparenz und Erneuerung in einer verkrusteten Kryptokratur.

Jetzt seid ihr angekommen. Was man als Außenstehender von der Piratenpartei mitbekommt, ist ein lächerliches Gerangel um Pöstchen; eine offene Bühne für miese Schauspieler; ein peinliches Theater im Versuch, die Strukturen dessen anzunehmen, was zu überwinden ist; ein selbstreferenzielles Karussell der Peinlichkeiten — oder kurz: Eine Sichtbarkeit der Zustände in einer “politischen” Parallelwelt, von denen jeder Wache insgeheim weiß, dass sie in der Parallelwelt der CDUSPDCSUFDPGRÜNETC in genau gleicher Weise im Verborgenen ablaufen.

Ich — und das bin nicht nur ich, der das so wahrnimmt, es sind auch andere Menschen, mit denen ich täglich spreche, wenn es auch nicht jeder so deutlich formuliert, wie ich es jetzt tue — ich warte nur noch darauf, dass ihr euch eine professionelle Reklameabteilung (also dafür bezahlte, gewerbsmäßige Lügner) haltet, die durch eine künstliche Außendarstellung dafür sorgen soll, dass das alles nicht mehr in der Öffentlichkeit und vor den Kameras und Tastaturen des psychischen Bordells der Journaille sichtbar wird. Dann seid ihr wirklich schlussendlich das geworden, was keiner mehr wollte, der sich euretwegen einmal hoffnungsvoll in ein Wahllokal geschleppt hat, weil es zur Abwechslung einmal eine scheinbare Alternative in der gräulichen Alternativlosigkeit gab; eine Alternative, für die man zur Freude der Angst. Nicht. Zum Revolutionär werden musste.

Für die Piratenpartei ist das freilich das Ende, weil es das Ende des kurzen Frühlings von Transparenz und Erneuerung ist. Was bleibt, ist ein Name, der genau so hohl und mit beliebigen Inhalten füllbar ist wie jeder andere Markenname. Und vielleicht eine Wählerschaft von einem bis zwei Prozent bundesweit, Menschen, die “Netzpolitik” wichtig finden, weil sie ein Telefon zum Streicheln haben, das sie mit Gefühl 2.0 nutzen, und weil sie darüber frei und billig “Content” konsumieren wollen, um nicht diese geistlose Leere an dem Ort fühlen zu müssen, an dem eigentlich sie selbst sein sollten.

Die Wahlplakate des niedersächsischen Landesverbandes mit ihren offenen Anleihen an die Nichts sagende Werbung für Markenfetische waren da schon ein unfreiwillig passender Vorgeschmack auf das Kommende. Eine Reklamefirma wird ergänzend zu den üblichen bedeutungsschwer klingenden und bedeutungslos seienden Claims noch Personen auf Plakaten empfehlen, denen man schön mit Photoshop jene Unvollkommenheiten wegradiert, welche die wahrgenommene Hülle eines Menschen zur Person machen, zur persönlichen Person: sterblich, schwach, ausgeliefert und verletzlich wie ein Mensch. Denn das. Ist in der dann verkauften Fassade schlecht fürs Geschäft im eiskalten Reich der Psyche.

Drei Fragen

Ich sagte ja schon eingangs, dass ich etwas in die Breite gehen muss. Drei Fragen waren formuliert, die man kurz beantworten könnte, aber wenn ich das ohne weitere Erläuterung getan hätte, wären meine Antworten wertlos und patzig geworden.

Warum ich nicht die Piraten gewählt habe?

  1. Ich bin überzeugter Nichtwähler. Und ich muss eingestehen, dass mich die Piraten vor einem Jahr bei den Kommunalwahlen wirklich etwas schwach in meiner Überzeugung gemacht haben.
  2. Was die Piraten für mich immerhin so wählbar gemacht hat, dass ich in meiner Überzeugung schwach wurde, ist zerstört. Die Piraten treten nicht mehr mit dem “gefühlten Programm” der Transparenz und Erneuerung auf, sondern wirken wie ein Wahlverein unter vielen; wie ein kollektives Vehikel unerfreulicher Zeitgenossen, das Menschen zu ihrem eigenen Vorteil in Herrschaftspositionen setzen soll. Damit haben sie den einzigen Vorzug, eine Alternative zum bestehenden politischen Betrieb zu sein, verloren. Geblieben ist ihnen der Nachteil, eine politische Partei zu sein, die nicht eine andere Gesellschaft anstrebt, sondern die bestehende zu erhalten sucht — zur Not mit Gewalt, denn jede durchgesetzte Politik ist staatlich monopolisierte Gewalt.
  3. Überdem hat die Piratenpartei mir — der ich einen wichtigen Teil meines Lebens “im Internet” verbringe — nicht einen einzigen Grund genannt, warum ich annehmen sollte, dass sie meine persönlichen Interessen vertrete. Statt einem konstanten Finger, der auf die schmerzhaften Stellen dieser verrottenden Gesellschaft deutet, sehe ich Finger, die in unguter Verliebtheit über blitze geile Gadgets streicheln.

Warum ich bei der Bundestagswahl nicht die Piraten wählen werde?

  1. Ich bin überzeugter Nichtwähler. Und ich bin in meiner Überzeugung sogar noch bestärkt worden, weil ich nun weiß, dass es gut ist, dass ich bei der letzten Gelegenheit nicht in einer kindischen Begeisterung meiner kurzen Schwäche nachgegeben habe. Zu den welkgewordenen Grünen gesellt sich ein Wrack am Meeresgrunde. Veränderung geht anders. Transparenz und Erneuerung gehen auch anders.
  2. Was die Piraten für mich vollends unwählbar macht, ist, dass sie die Strukturen dessen annehmen, was meiner Meinung nach zu überwinden ist.
  3. Überdem nennt die Piratenpartei mir — der ich einen großen Teil meiner Lebenszeit über das Internet kommuniziere und distanziert, aber doch keineswegs desinteressiert die Entwicklung der Piratenpartei verfolge — nicht einen einzigen Grund, warum ich annehmen sollte, dass sie meine persönlichen Interessen vertritt. Und zwar. Nicht einmal in Bezug auf das Internet. Dass das Internet in der heutigen Form in ein Kommerznetz mit deutlich gesenkter und gelenkter “Partizipation” umgewandelt wird, gehört zu den Fakten meines Daseins, mit denen ich mich widerwillig abfinde. Ich schaue wenigstens — im Gegensatz zu denen, die die Fäuletons in verdummender Absicht digital natives nennen, weil das für die so Bezeichneten besser als ein wahres “technisch analphabetische Melkkühe der Gagdet-Verkäufer” klingt — auf eine hübschere Zeit des Internet zurück, die für mein Leben große Bedeutung hatte. Dass es ausgerechnet für Mitglieder der Piratenpartei geradezu typisch ist, verrammelte Enteignungscomputer mit Apfellogo zu streicheln (und leider ohne erwachendes Bewusstsein mit dem Wort vom “Jailbreak” zu sagen, dass es sich bei diesen Geräten um technische Gefängnisse handelt); Webdienste zu nutzen, die aus der Anreicherung der zwischenmenschlichen Kommunikation mit Reklame ein Businessmodell machen und die größtenteils unbeleckt von jedem technischen Verständnis sind (den kleinen anderen Teil der Mitglieder der Piratenpartei durfte ich auch teilweise kennenlernen, und ich habe ihn nicht vergessen); zeigt mir, dass der Zerstörung des Internet auch durch die Piratenpartei nichts entgegengesetzt werden wird. Ganz im Gegenteil…

Was müsste die Piratenpartei ändern?

  1. Ein sofortiges und kompromissloses Beenden des Ankuschelns an entpolitisierende journalistische Deutungsschemata der “Politik”; ein sofortiger Abbruch der Bemühungen, “politikfähig” im Sinne von ARD, ZDF, RTL, Burda, Bertelsmann und Springer zu sein. Jede von der Journaille aufkommende Anfeindung — und diese wird im Erfolgsfall zum Fäkaliensturm, gegen den alles Getwittere ein laues Lüftchen ist — aufnehmen und zurückgeben. Die Piratenpartei steht zum Beispiel dank der ganz besonderen medialen Aufmerksamkeit im Rufe, ein Ort zu sein, an den Neonazis und Rassisten leicht Fuß fassen können, und sie hat darauf schon auf die falschste denkbare Weise reagiert, nämlich mit einem dieser surrealen politischen Sprechakte, der die Piratenpartei zum Ort der Toleranz und Gleichwertigkeit aller Menschen definierte, als ob sich dadurch wirklich etwas änderte. Die in meinen Augen richtige Reaktion darauf wäre gewesen, deutlich darauf zu verweisen, dass mindestens zehn Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ein gefestigtes “rechtsradikales” Weltbild haben und die an sich sehr nahe liegende Frage aufzuwerfen, wie es eigentlich in einer “Demokratie” möglich sei, dass dieses in der wahlberechtigten Bevölkerung so verbreitete weltanschauliche Deutungsschema keinerlei parlamentarische Relevanz in einer Partei erhält. Dies gewürzt um den Hinweis auf einige gut gelittene besonders bräunliche Gestalten im etablierten Politbetrieb und einem offenen — das meint immer auch: ergebnis-offenen — Umgang mit diesem Problem innerhalb der eigenen Partei. (Und ja: Es ist ein Problem, verdammt noch mal! Und nein: Dieses Problem verschwindet nicht, wenn man wegschaut.) Es ist ja nicht so, dass sich jemand hinsetzt und sich selbst bewusst sagt: “Ich will jetzt ein doofer und böser Rassist werden, der eine gewalttätige und autoritäre Regierung befürwortet“, sondern zu dieser Entwicklung kommt es in einer individuellen Reaktion auf einen oft bedrückenden gesellschaftlichen Kontext, der verstanden werden muss, wenn man etwas mehr dagegen tun will als Verdrängen. Politische Heuchelei gibt es schon genug. Aber wie gesagt, die Reaktion der Journaille wird zum stinkenden Sturm werden.
  2. Eine unerbittliche, immer sichtbare und deutlich kommunizierte Opposition zu dem, was man irreführend als “Neoliberalismus” bezeichnet. Es ist weder “neu”, noch ist es “liberal”, wenn unter der Beleidigung des erstrebenswerten Wertes des Liberalismus Bedingungen geschaffen werden, unter denen sich eine kleine Minderheit hemmungs- und verantwortungslos auf Kosten der Allgemeinheit bereichern kann. Es ist vielmehr eine Wiederkehr des alten Feudalismus, die mit diesem irreführenden Wort gemeint ist. Zu dieser Opposition gehört, damit sie konstruktiv und erfolgversprechend wird, ein klares Verständnis davon, was ein Staat mit seinen Strukturen leisten muss und was er nicht zu leisten versuchen sollte, wenn das Wort “Freiheit” eine über Sonntagsreden hinausreichende Bedeutung behalten soll. Der überpersonale und damit un-persönliche Staat regelt “die gemeinsame Sache” der Menschen, wozu selbstverständlich auch die Sicherung der Befriedigung von menschlichen Grundbedürfnissen gehört (Verkehrswege, Trinkwasser, Elektrizität, Nahverkehr, unbestreitbares materielles Existenzrecht eines jeden Menschen, Wohnen, vielleicht auch der Internetzugang), aber natürlich auch die Abwendung von Tätigkeiten, die für die Gemeinschaft schädlich sind (durch Polizeien, Rechtswesen und damit verbundene Einrichtungen). Der Staat hat sich in dieser Interessenabwägung aus dem Privatleben der Menschen so weit wie nur irgend möglich herauszuhalten. (Meiner Meinung nach gehört auch Drogenbenutzung zum privaten Bereich der Lebensgestaltung eines Menschen und somit mindestens im Falle minder giftiger Rauschmittel entkriminalisiert; ebenso hat der würdevolle selbstbestimmte Tod ein verdammtes, niemals in Frage gestelltes Menschenrecht ebenso wie das selbstbestimmte Leben zu sein.) Aus dieser Betrachtung ergibt sich der Forderungskatalog fast von allein; zum Beispiel ist es falsch, Infrastruktur zur Befriedigung der Grundbedürfnisse und zur Sicherung gemeinsamer Interessen an gewinnorientierte Unternehmungen zu übertragen und damit die Grundbedürfnisse zu einem Objekt des Handels und der Spekulation zu machen. Zurzeit noch bestehende Entwicklungen in diese Richtung müssen umgekehrt und bis zu ihrer wirksamen Umkehrung in ihren Folgen abgemildert werden. Das Bankwesen bedarf einer besonders engen Regulierung und Kontrolle, da es sich um eine “gefährliche” Tätigkeit handelt; eventuell ist wegen seiner gewachsenen gesellschaftlichen Bedeutung sogar an eine Verstaatlichung zu denken, auf jeden Fall muss der Zustand beendet werden, dass Profite privatisiert und Verluste quasi “verstaatlicht” werden.
  3. Eine deutliche strategische Ausrichtung auf die Kommunalpolitik. Es handelt sich bei der Kommunalpolitik um einen Bereich, der in der veröffentlichten Meinung nur wenig Ansehen hat, obwohl keine andere Politik so fühlbar in das alltägliche Leben der Menschen hineinragt. Mit einem markanten kommunalpolitischen Schwerpunkt kann Menschen klar gemacht werden, dass die Politik der Piratenpartei — die ich in diesem Kontext vor allem als Transparenz und Erneuerung verstanden wissen möchte — mehr ist als “kostenloses WLAN für alle”. Es ist zum Beispiel faszinierend und höchst ärgerlich, wie viele Baustellen hier in Hannover Ende Oktober, im November und sogar noch im Dezember aufgemacht werden, nur, damit Budgets ausgeschöpft werden und Budgetkürzungen für das nächste Jahr vermieden werden. Hier führt die gegenwärtige kommunale Verwaltungspraxis zu hirnloser Verschwendung von begrenzten Mitteln. In solchen Bereichen kommunalpolitisch aufzutreten und für Transparenz und Erneuerung zu werben und diese dann auch so weit wie möglich herbeizuführen, führt zu “fühlbarer” Politik, zu einer wegen der unmittelbaren Betroffenheit auch zum Mitwirken einladenden Erfahrung, die dem gefühlten Ausgeliefertsein eines großen Teiles der Menschen etwas entgegensetzt. Dabei würde auch dem einen oder anderen klar werden, dass die Piratenpartei — anders, als es der Betrieb der Contentindustrie gern darstellt, um mit dem tückischen Blei des Druckers ein Deutungsschema in die Köpfe zu prägen — keine “Kinderpartei” ist. Diese strategische Ausrichtung ist zwar mit vielen Mühen und Kämpfen gegen Windmühlenflügel verbunden (allein die Seilschaften hier in Hannover…), denen nur wenig überregionaler Ruhm gegenübersteht, aber sie schafft die Grundlage für ein allgemeines Verständnis, warum ein anderer politischer Stil sein muss, warum es keine Alternative zu Transparenz und Erneuerung gibt. Zur kommunalpolitischen Ausrichtung gehört auch die Dokumentation derartiger Themen im Internet, wie es gerade die Berliner Piratenpartei mit ihrer Website zum “Fluchhafen” recht interessant hinbekommt. (Allein diese Website muss viel deutlicher kommunuziert werden, und zwar zusammen mit der bohrenden Frage, warum das eigentlich sonst niemand tut; weder die Stadt Berlin noch eine andere im Untersuchungsausschuss vertretene Fraktion.)

Der Nachtwächter

Dschungelcamp

Ich lebe in einer Zeit, in der immer Geld für den Krieg da ist, und in der niemals Geld für die Bildung da ist; ich lebe in einer Zeit, in der die Profite der Banken und Großunternehmen privatisiert und ihre Verluste und Geschäftsrisiken vom Staate übernommen und zu Kosten der Gemeinschaft gemacht werden; ich lebe in einer Zeit, in der sich so genannte “Jobcenter” in einem quasi Rechtsfreien Raum unfassbare Demütigungen und existenzielle Einschüchterungen von Menschen, für deren Arbeit niemand mehr bezahlen will, herausnehmen, und in der sadistische Demütigungsshows im Fernsehen ein gut unterhaltenes und spürbar begeistertes Millionenpublikum finden. Und du fragst mich danach, was ich für eine Aussicht habe? Braun ist mir vor Augen, nur noch braun. Ein Mob macht nur so lange Spaß, so lange man selbst ein von Gruppendynamik gesteuerter Teil seiner ist, sein lästiges Verantwortungsgefühl und die Zwangsjacke der Zivilisation in diesem überpersonalen Geschehen ablegen kann. Und auch dann nur. Wenn sich kein leerer Kreis um einen bildet.

Ewige Erinnerung

Zur ewigen Erinnerung an die Angehörigen der USSR und anderer Nationen, Opfer der Nazi-Brutalität, grausam gemordet zu Hannover am 8. April 1945

Ewige Erinnerung? Ein im flugs abgeworfener Kranz neben der vorbeirauschenden Straße, ein paar wehrlose, frechrote Blütenköpfe in den Herbst. In die verkürzte Sonne, in die erbrauenden Blätter, mit Schleiflein vom DGB. Und kein Mensch. Die Menschen sind auf der anderen Seite, am Nordufer des Maschsees beim “Willen zum Aufbau” als frühen Vorläufer des heutigen “Sozial ist, was Arbeit schafft” und des heutigen Hartz-IV-Staates. Dort gibts ja auch Attraktives, dort gibts Tretboote, Pommes und Bratwurst. Der ranzige Duft des Öles aus dem Schnellimbiss beißt auch auf dem Friedhof noch in die Nase.

Fanartikel billig

S. ist tot

Vim vi repellere licet

S. ist tot, und niemand kann es fassen. Niemand, das heißt: Niemand von all diesen Menschen, die glaubten, dass sie S. schon deshalb kannten, weil sie in ihrer ständigen Gegenwart waren; solche Menschen wie die Eltern oder der Lebensabschnittsgefährte. Sie hat doch gestern noch mit so ungewohnt klarer Stimme am Telefon gesprochen, mit so einer ungewohnt klaren Stimme.

Und dann hat sie dafür gesorgt, dass sie ein paar Stunden ungestört ist und sich mit ihren gesammelten Tabletten und einer großen Menge Alkohol vergiftet. Tabletten hatte sie viele. Man bekommt sie ja mit flottem Stift verschrieben, wenn die Körpermaschine trotz der blutenden Psyche weiterhin im betrieblichen Produktionsprozesse verwertbar sein soll, und auch, um einen Menschen mit einer solchen Körpermaschine immer wieder einmal ruhig zu stellen, wenn die gewöhnliche Sedierung mit dem Fernsehempfänger nicht ausreicht. Es ist ein gutes Geschäft mit den Tabletten, gerade unter dem gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufenden Prozess. Und deshalb hat ein Mensch mit schweren Problemen eben viele Tabletten, vor allem, wenn er mit dem Zielbewusstsein der Erlösung ein wenig sammelt.

Jede Hilfe kam zu spät. Sie wusste genau, wie man sich die erforderliche Ruhe verschafft. Damit. Die Weltschmerztablette auch wirkt.

Ein paar als Rettungssanitäter bezeichnete Barbaren haben sich noch in der ihnen so eigenen Professionalität darum bemüht, mit den üblichen Mitteln die Körpermaschine wieder in Gang zu setzen, obwohl diese Körpermaschine zu einem Menschen gehörte, dem sein Dasein längst zum Ekel geworden war und der dies mit seinem Freitod völlig unübersehbar und unmissverständlich dokumentiert hat. Auch der Defibrillator bekam wieder einmal etwas zu tun. Niemandem hier ist das natürliche Recht auf seinen eigenen Tod gegeben. Genau so wenig. Wie hier irgend jemandem das natürliche Recht auf ein selbstbestimmtes Leben gegeben wäre. Und dann. Wurde S., die als Lebende nach ihren ganzen Erfahrungen mit dem Wert eines Menschen im BRD-”Gesundheitssystem” nichts so hasste wie das Innere einer Klinik, noch auf die Trage geschnallt und in die Klinik gefahren, auch das ist ja ein gutes Geschäft. Selbst. Wenn die Körpermaschine, die da an der Notaufnahme abgeliefert wird, schon anfängt, kühl zu werden und Leichenflecken auszubilden. Immerhin konnte die Energie für das Blaulicht und das Martinshorn eingespart werden.

Meine Überraschung war nicht sonderlich groß, als ich heute davon hörte. Ihre Stimme an der Kälte des Telefonapparates war wohl so klar — ich habe sie leider nicht selbst gesprochen und bin auf die zweite Hand angewiesen — weil ihr, S., zu diesem Zeitpunkt völlig klar war, dass sie das Ende ihrer Qualen jetzt selbst in der Hand hatte. Vielleicht war ich so wenig darüber überrascht, weil ich nicht nur mit ihr gesprochen habe, sondern ihr auch zuhörte. Was wirklich. Nicht immer leicht war.

Nun quälen sich die zu Hinterbliebenen gewordenen Menschen mit ihrem Bild von S. und den kognitiven Dissonanzen, und natürlich auch mit sinnlosen Selbstvorwürfen, als ob diese und der Strom von Tränen nicht um Jahrtausende zu spät kämen.

Dabei wird — wie bei jedem Freitod — so vieles verschwiegen und vergessen.

Schon, als sie noch lebte, hat man es gern und schnell vergessen, wie sie als drei- oder vierjährige Zwergin von einem Nachbarn sexuell missbraucht wurde. Wenn man so etwas aus der Erinnerung ausblendet — so bildet sich Mitmensch Mordsspießer das ein — denn hat es niemals stattgefunden. Und die Kinder vergessen ja sowieso, was ihnen geschah, also geschieht es gar nicht. Sie. Wusste es noch. (Zumindest in Andeutungen, die im Gesamtbild aber für mich mehr als deutlich waren.)

Man merkte es ihr so gar nicht an, als sie noch klein war — das sagen jene, die es ihr hätten anmerken müssen. Sicher, sie war ein “schwieriges Kind” und völlig in sich zurückgezogen, konnte niemandem vertrauen, wirkte oft ein wenig abwesend und war in vielen Dingen auch ein wenig ungeschickt. Deswegen musste sie auch die komplette strukturelle Gewalt des Zwangsschulsystemes der BRD kennenlernen, die gern im Wort von den “Hänseleien” verniedlicht wird, um den kalten Zynismus noch zu steigern. Aber sowas! Andere Kinder gehen doch auch zur Schule, und drehen nicht so völlig ab…

“Drehen nicht so völlig ab”, wie es bei S. im Alter von 11 Jahren, an der Schwelle zur Hölle der Pubertät, begann. Das In-sich-Zurückziehen nahm Züge einer ausgewachsenen Phobie an. Der Arzt des Dorfes nannte diese Phobie “Schüchternheit”, er ist eben Arzt und wird nicht für gute Dignosen und noch weniger für die Gesundheit der Menschen bezahlt, sondern dafür, dass er die Leistungsfähigkeit der Menschmaschinen erhält. Und das tat er auch bei S., indem er ihr etwas gegen die “Schüchternheit” verschrieb. Das waren ihre ersten Tabletten. Mit diesen gelang ihr immerhin die weitere Teilnahme am Schulunterricht, und sie saß auch nicht mehr den ganzen Tag weinend in ihrem kleinen Zimmer in dem großen Haus, wenn sie mal wieder von ihren Mitschülern verprügelt und bespuckt wurde.

Die Dosis steigerte sich, früh kam auch schon Alkohol dazu, der gleiche Alkohol, der in den größeren Zimmern des großen Hauses von den größeren Menschen in erheblichen Mengen gesoffen wurde, um die Ödnis des eigenen Lebens nicht so sehr fühlen zu müssen — eine sumpfige Ödnis, in der man nicht mehr miteinander spricht, in der man in stiller Entseelung nebeneinander herlebt und die moderne Dreieinigkeit von Arbeit, Fernsehen und Schlaf ein ganzes Leben formt. Diese Ödnis nennt sich Ehe und Wohlstand. Man kriegt ja nichts geschenkt. Man muss ja zufrieden sein. Und. Es fehlt ja auch eigentlich an nichts.

Und. Alkoholiker sind immer die anderen, und unsere Tochter hat zwar manchmal einen gesoffen, aber sie war keine Alkoholikerin und auch nicht von den Medikamenten abhängig. Dass sie einige Male im Koma lag, kommt vor, wenn man jung ist. Tja, mit dreizehn ist man eben noch jung.

Für einen Abschluss hat es noch gereicht. Die Parallelwelt der Schule, die als verkleinertes Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit dem rückblickenden Menschen beinahe niedlich scheint, lässt sich mit solchen Hilfsmitteln durchaus durchstehen — vor allem, wenn wenigstens ausreichend Geld da ist, um etwas Nachhilfe finanzieren zu können. Denn diese Schulzeit wurde für S. doch durch den einen oder anderen Klinikaufenthalt unterbrochen, und diesen ständigen Rückstand muss man ja irgendwie aufholen. Am Gelde ists jedenfalls nicht gescheitert.

Nach der Schulzeit. Verflüchtigte sich jede Hoffnung auf irgendeine Besserung wie von allein. Die Ausbildung scheiterte. Das bisschen Clique, das S. um sich hatte, beschränkte sich in der sozialen Interaktion auf Einkaufen, Diskobesuche und ausgiebigen Alkoholgebrauch. Probleme hatte man niemals. Die Verdrängung, die S. aus ihrem direkten Umfeld kannte, setzte sich nahtlos außerhalb dieses Umfeldes fort, bis im Laufe der Jahre auch noch dieser kärgliche Trost in vielen Hochzeiten zerstob. Und. Das richtige Schweigen begann, das nur von einigen so genannten Beziehungen unterbrochen wurde, die den Charakter eines Verkehrsunfalles hatten.

Sicher, S.s Fassade sah gut aus, sie war eine attraktive, schlanke Frau mit gutem Geschmack und auch scharfen Gedanken, wenn sie einmal ansprechbar war. Elend macht eben auch klug. Man sah und hörte ihr nicht an, dass sie schon als Kind von einem unbeschreiblichen Selbsthass zerfressen war, dass sie sich nach dem völligen Scheitern jeder Lebensperspektive und jedes Versuches der Selbsttröstung mit regelmäßigem selbstverletzenden Verhalten eine Karthasis verschaffte, die dann im Laufe der Jahre auch fad wurde. Sie trug halt lange Ärmel. Die Fassade ist dort, wo sie herkommt und wo das große Haus steht, wichtig. Über alle Maßen wichtig.

Dorthin, in das große Haus, ging sie immer wieder einmal zurück, wenn sie “abgestürzt” war und aus der Klinik entlassen wurde, was mit ermüdender Regelmäßigkeit geschah. Und dort, im großen Haus beim Fernseher und der gut gefüllten Hausbar, gaben ihr die jetzt so Überraschten gern und reich ihren Rat, wann immer sie dort war. Sie müsse sich nur zusammenreißen und wieder arbeiten, denn komme sie schon auf andere Gedanken. Die paar Assimilationsarb Sozialarbeiter, die sie in der Klinik kennenlernte, sagten ihr übrigens inhaltlich das gleiche, schlugen aber tendenziell eher ein “Arbeiten” mit therapeutischem Hintergrund, eine so genannte “Ergotherapie”, vor, diese begleitet von Maßnahmen zum Alkohol- und Medikamentenentzug. Arbeit macht frei.

Niemand glaube, dass S. das alles nicht versucht hat! Für einige Wochen ist die Verdrängung ja aufrecht zu erhalten, aber eben nicht auf Dauer. Der letzte Versuch — oder genauer: das Scheitern des letzten derartigen Versuches — führte S. mit einer so starken Vergiftung in die Klinik, dass sie tagelang im Koma lag und dem Tod gerade so eben von der Schippe gesprungen war.

Sie hatte sich noch nicht einmal so richtig davon erholt, da begann wieder das professionelle Gefasel vom “Arbeiten” und die familäre Ergänzung vom “Zusammenreißen” — und der in solch neoliberal nützlicher Stumpfpsychologie mitschwingende Vorwurf, es sei alles ihre Schuld, sie suche sich ihr Elend doch selbst aus.

Nun hat sie ihr Elend selbst beendet. Denn das konnte sie. Gut geplant, schmerzlos und mit einer Zielstrebigkeit, die jeden Gedanken an einen rein appellativ gemeinten Suizid den Boden raubt, trotz des eher unsicheren eingesetzten Mittels.

S. ist tot.

Ihre Seele erfror in der schweigenden Kälte. Und die Schweigenden sind überrascht, betroffen, erschüttert. Damit hätten sie denn doch nicht gerechnet. Damit, dass S. auf die strukturelle Gewalt in ihrem Leben, der sie gar nicht mehr entkommen konnte, reagierte, indem sie sich selbst Gewalt antat und damit ihre Ohn-Macht beendete.

Demnächst wird es eine Todesanzeige für S. geben, in einer kleinen regionalen Zeitung irgendwo auf dem weiten Land des kalten Schweigens. Die Gestaltung und den Text der Anzeige wird jemand übernehmen, der sich dafür bezahlen lässt, und er wird die üblichen Phrasen zu Papier bringen, so etwas wie “Für uns alle unerwartet ist sie in der Blüte ihres Lebens entschlafen”. Wenn er einen ganz lichten Moment hat, schreibt er einfach nur “Sie ist erlöst”. Da sein Geschäft auch ohne lichte Momente läuft, wird er wohl eher keinen lichten Moment haben.

Und dann kommt die Beerdigung. S. war getauft, also wird sich ein Pfaffe hinsetzen und in seinem Notizbuch nachschauen, ob er schon eine wiederverwertbare Ansprache für einen derartigen Todesfall hat. Pfaffen verlassen sich genau so treffsicher auf das schlechte Gedächtnis der Menschen wie Politiker, und sie sind genau so gut wie jene im Belügen der Menschen und im Vermeiden eigener Mühe geübt. Wie sich doch alle Geschäfte aneinander angleichen! Und wie wichtig doch überall die Fassade ist.

Man wird ein Loch graben und einen Sarg dort hineinsenken, wo man hinterher einen Stein auf das Gras stellt und für ein paar grüne Lappen ein paar Blümchen von der Gärtnerei pflanzen und pflegen lässt, damit auch diese Fassade gut aussieht. Auch das. Ist vor allem ein gutes Geschäft. Und die Menschen, die zu Hinterbliebenen geworden sind, werden sich hinstellen und sich gegenseitig versichern, wie völlig unerwartet das alles kam; einige werden sich allerdings schon an der offenen Grube klammheimlich auf den Kuchen, den Kaffee und den in der Speiseröhre so warmen Schnaps freuen. Es ist ja Herbst.

Ich werde diese unpassende Komödie gewiss nicht besuchen, denn mir ist nicht zum Lachen zumute. Ich habe S. nämlich wirklich gemocht.

Und ich weiß. Dass S. mich vollkommen verstehen würde — wie sie generell vieles von meinem Ekel vor dieser Gesellschaft verstand, in der ich weiter mein trübes Dasein fristen muss. Sie. Ist ja jetzt gegangen. Vorgegangen.

Elend. Macht eben klug.

Knapp anderthalb Prozent aller Todesfälle in der BRD sind sicher erkannte, erfolgreiche Suizide, es handelt sich um ungefähr 12.000 Menschen im Jahr. Niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist; wie viele seltsame Unfälle mit tödlichem Ausgang, falsche Dosierungen von Medikamenten, Drogen- und Alkoholexzesse, systematische Unterernährungen und dergleichen mehr in Wirklichkeit in bewusster oder doch wenigstens latenter suizidaler Absicht herbeigeführt wurden. Nur jeder zehnte bis zwanzigste Suizidversuch führt zum Tode, und auch bei den Suizidversuchen ist die Dunkelziffer nicht abzuschätzen. Das kalte Schweigen geht weiter.

Ach ja, wer glaubt, S. identifizieren zu können: Der Anfangsbuchstabe des Namens wurde von mir geändert, und jeden hilfreichen Hinweis aus der ersten Version dieses etwas zu langen Textes habe ich bewusst entfernt.

Nur, um das mal gesagt zu haben…

Nur, um das mal gesagt zu haben. Das Arschloch, das am vergangenen Samstag einem Bekannten von mir und seiner weiblichen Begleitung im UJZ Glocksee etwas liquid ecstasy in einem Getränk verabreicht hatte, um hinterher die Frau von ihrem so wehrlos gemachten Begleiter zu trennen und zu vergewaltigen, sollte besser schleunigst die Stadt Hannover verlassen und alle Spuren hinter sich verwischen. Wenn ich den in die Finger kriege, wird er lernen, wie seine eigenen, rohen Hoden schmecken.

Wie du aussiehst, du Bastard, das weiß ich schon. Und ich kriege dich.

Der Tisch

Ich träumte, dass sich ein bezahlter Sozialarbeiter auf meinem Weg um mich kümmere, damit er mich verkümmern macht. In der Person dieses Sozialarbeiters überlagerten sich zwei Menschen, die mir früher einmal wichtige Freunde waren, mit denen ich viel viel sprach, die aber jetzt eben so gut auf dem Mars leben könnten, so fern sind sie von meinem Leben an der unsichtbaren Kette ihrer systemisch kontrollierten Bedürfnisse. Auch ein Lehrer, der in meiner Kleinzeit mir gegenüber den Menschen heuchelte, fand sich in den Gesten dieser Überlagerung. Er redete lange auf mich ein, um mich Erwachsenen zu erziehen, um mich, den Lächelnden und Vorübergehenden, zu dem zu führen, was er für Glück hielt.

Und. Er hatte einen gewissen Erfolg damit, weil ich Hunger hatte, selbst noch im Schlafen. Denn er lud mich, ganz unverbindlich, wie er in der Lüge der Werber sagte, dazu ein, dass ich doch einfach einmal kommen sollte, um wenigstens zu essen. Diese Menschen, die dafür bezahlt werden, dass sie an der Assimilation arbeiten, verpacken ihre Gewalt ja immer als ein Angebot, das freiwillig angenommen werden könnte, und sie verschweigen. Immer den Hunger und Einsamkeit und die Angst; diese Peitsche, die Menschen so scharweis in jene professionell kalte Hölle treibt, in der sie ihren Job machen.

Noch im Traum wusste ich das. Und lachte darüber. Aber ich kam, denn ich hatte Hunger. Dort. War ein großer, grellweiß neonflackernder Raum mit einem Tisch, an dem etwa fünfzig Menschen saßen. Als dieser Sozialarbeiter mich kommen sah, konnte er das Triumphierende in seiner Haltung kaum unterdrücken, aber er musste mich ja “professionell” behandeln und tat dies auch in großer Geübtheit. Er rückte mir in gespielter Demut und Dienstbarkeit einen Stuhl an den großen Tisch, direkt neben seinem Platz, damit er besser vor dem Druck der versammelten Runde auf mich einreden könnte. Am Tisch das Schweigen des Elendsgemeinschaft. Alle dort bekamen das, was sie dort haben wollten: Einen schmalen Teller und kleine Geschenke. Nur ich nicht, denn “ich war ja noch nicht dabei”, aber ich könnte natürlich “freiwillig und in eigener Verantwortung” mitmachen. Doch der Traum macht die Seele frei von der strukturellen Gewalt, deshalb flüchtet man auch so gern in ihn. Und so. Konnte ich dieser Ansage heiter entgegentreten und diesem Wolf im Schafspelze erklären, was er da gerade tut, was er an mir und anderen tut. Noch, als er vom Tode sprach — auch diese Wucht musste er an mir probieren — blieb ich heiter und sprach vom Leben, dass dem Tod vorangeht und dem Lebenden Alles ist. Die anderen Menschen an diesem großen Tisch hatten ihre bohrenden und gefräßigen Blicke auf mich gerichtet, sie sahen aus, als wollten sie jeden Moment die verinnerlichte strukturelle Gewalt an mir ausleben, doch sie waren während dieser Situation wie versteinert. Das Klappern der Bestecke, der Grund dieses Ortes, war. Verstummt. Ich stand auf und ging aus diesem grellen Raum in eine hungrige, graue Trübsal, die mir in diesem Kontrast wie ein warmes Licht erschien.

Und. Ich erwachte aus dem Albtraum. Ich musste weinen, weinen um meine zwei Freunde, die mir einst so viel bedeutet hatten, und die jetzt fernweit sind und um alle die anderen Menschen da drinnen. Es gibt Träume, die den Geschmack des Freitodes süß erscheinen lassen, Träume, in denen sich das geraubte, enteignete, missbrauchte Leben spiegelt.

Kreuz-Weise? Kreuzweise!

Mensch Jesus, bleib oben,
Sonst schlagn die dich tot!

Bettina Wegener

Jesus aus Nazaret starb nicht am Galgen auf Golgata.

Er starb und stirbt Tausende und Tausende der Tode. (Und gar mancher dieser Tode ist schlimmer und grausamer als das barbarische römische Justizmorden.)

Er — der übrigens nur wenig von formeller Religion gehalten haben soll — starb das erste Mal, als Saulus auf dem Wege nach Damaskus seine historisch gewordenen Hirnblitze ( Apg. 9 ) sah und darin einen nützlichen Leichnam für seinen gekränkten Narzissmus halluzinierte und aus diesem Kadaver eine Religion zimmerte.

Er — der übrigens niemals selbst auch nur einzige Zeile niedergeschrieben hat, die sich bis heute erhalten hätte und der deshalb offenbar nichts von einer auf ihn basierenden Schriftreligion hielt — starb bei allen gläubigen Empfängern der Briefe, die dieser Saulus lieber unter seinem neuen Namen Paulus verfasst hat, um der Welt zu erzählen, dass seine Halluzination der neue und einzige Gott für alle sei. Dass dieser sich Paulus nennende Saulus einer jüdischen Sekte angehörte, deren bis zur Neurose perfektionistische Form der Religionsausübung von Jesus immer wieder in ätzender Form kritisiert wurde, ist offenbar niemandem aufgefallen, und es schert sich bis heute keiner darum. Schon Paulus hat sich einen Dreck für die wirkliche Person hinter diesem Jesus interessiert und fand seine eigenen Trugbilder viel attraktiver — und genau so geht es bis heute den Judasfreunden, die diesen ganzen Unfug glauben und die sich Christen nennen.

Er — der einmal gesagt haben soll: “Ich lebe, und ihr sollt auch leben” — starb, als die paulusgläubigen römischen Sklaven singend und schafdoof in den Tod gingen und damit das System der Sklaverei erhielten. Ganz so. Wie es Paulus gefiel, damit er auch weiter Gefallen an seinem Sklaven hat. Er stirbt bis heute, wenn Christen in einem bekannten Danklied den Satz “Danke für meine Arbeitsstelle” singen und damit die heutige Form der abstrakten Arbeit heilig sprechen, den Armen zur Knechtschaft und den Besitzenden zum sprudelnden Reichtum und zum Wohlgefallen.

Er — nach Aussagen seiner frommen Gegner ein “Fresser und Weinsäufer und Freund aller Sünder” — starb, als Menschen ihre Sexualität von sich abspalteten und sich deshalb psychisch und körperlich selbst zerfleischten. Bis heute stirbt er in jeder Neurose, in jeder Bulimie, in jeder Unfähigkeit zur Liebe. Und. Alle diese Krankheiten sind nur moderne Bastardkinder der älteren Krankheit der Askese, der sinnlichen Selbsttötung als Lebensentwurf.

Er — der auf die formelle Anrede eines Fragestellers einmal erwidert haben soll, dass er nicht “gut” genannt sein möchte, weil niemand als Gott allein gut sei — starb, als die Gläubigen des Paulus ein paar Jahrhunderte später erbost darüber stritten, ob ihr Jesus nun wesensähnlich oder wesensgleich zu Gott sei. Und. Als die Vertreter der letzteren Auffassung, die aus diesem Streit als Sieger hervorgingen, die Vertreter der ersteren Auffassung zu gottlosen Menschen erklärten, die für ewig in der Hölle zu brutzeln haben. Und. Genau So. Gilt es bis heute.

Er — der überliefert wurde als einer, der jede Form der Herrschaft durch Menschen über Menschen nicht für den Willen Gottes hielt — starb, als der heilige Hirnfurz des Paulus unter dem römischen Kaiser Konstantin zur neuen Staatsreligion des imperium romanum wurde. Als. Der von Paulus deformierte Jesus die staatliche Gewalt heiligen musste, so mörderisch sie auch wütete. Das tut dieser Jesus bis heute von seinem heiligen Galgen herab, dieser nützliche Kadaver der Herrschenden und Besitzenden und Großmörder aller Zeiten.

Er — der von der frommen Elite seiner Zeit gesagt haben soll, dass sie sich vor die Türe stelle, die in ein besseres Leben führt; dass sie dort selbst nicht hindurchgingen, aber auch niemanden anders hindurchließen — starb und stirbt am Petersplatz, wo sich ein Hurenbock nach dem anderen hinstellte und sich als “Heiliger Vater” anreden und als Stellvertreter Gottes betrachten ließ und lässt, ja, bis heute so anreden und betrachten lässt. Auch. Von den staatlichen und wirtschaftlichen Verdummungsanstalten in Form des Rundfunks und der Presse.

Er — der überliefert wird als einer, der gleich einem durchgeknallten, auf einem Trip hängengebliebenem Hippie jede Form der Gewalt in jeder Situation abgelehnt haben soll — starb und stirbt, wenn sich seine selbsternannten Verwalter gestikulierend vor die Waffen stellen und in “seinem” Namen ihre Zaubersprüche abmurmeln, damit diese Waffen auch ja ein gesegnetes Morden für die Wahrung der Besitzstände der Herrschenden und Besitzenden vollbringen. Er stirbt auch im “geistlichen Beistand” für die Soldaten, damit diese auch ja ein billiges und williges Kanonenfutter abgeben.

Er — der angeblich in den formellen Gottesdiensten seiner Zeit so viel Heuchelei erblickte und dies in derart trefflicher Form zum Ausdruck brachte, dass man ihn schließlich deswegen umbrachte — starb und stirbt auf den Schlachtfeldern der vielen vielen “heiligen” Kriege in “seinem” Namen, vom ersten Kreuzzug, über den Tag, an dem der Katholik Adolf Hitler die Worte “Wir werden in diesen Krieg ziehen wie in einen Gottesdienst” aus den Volksempfängern schallen ließ, bis hin zu den jüngsten crusades US-amerikanischer Präsidenten.

Er — der berichtet wird als einer, der in Bezug auf eine Ehebrecherin einmal die recht anzüglichen Worte “Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt” gesprochen haben soll — stirbt in jeder mit der politischen Macht der heutigen Paulusjünger, Galgenanbeter und Judasfreunde verhinderten Empfängnisverhütung oder Abtreibung, bei der ein Mensch draufgeht, lebenslang als Krüppel leidet oder — noch viel schlimmer — als unerwünschter Mensch (oft gar als Ergebnis einer Vergewaltigung) psychisch so deformiert wird, dass von einem Leben keine Rede mehr sein kann.

Er — der so viel von der Liebe erzählt haben soll — stirbt in jedem Entwurf einer kalten, körperlosen Form des Miteinanders, auf welchem die Gläubigen des Paulus den Stempel “Liebe” geprägt haben sollen, bis hin zum heutigen Geschäft mit der von unterbezahlten Elendsarbeitern ausgeübten “Pflege”, bei dem vor kirchennahe Organisationen ihren Schnitt machen. Und. Er stirbt in der Betrachtung des Geschlechtsverkehrs als “eheliche Pflicht”, die man zu erfüllen hat, fast so, wie den “Dienst am Vaterland”.

Er — von dem die unbekannten antiken Autoren einen ganzen Stammbaum seines Vaters Josef überliefert haben — stirbt an der psychischen Kastration, die sich im Gefasel von der “unbefleckten Empfängnis Mariens” Bahn brach und bricht und darauf basierend einen Verzicht auf jeglichen Sexualgenuss fordert. Vieles von der Kälte in den heutigen Gesellschaften ist eine Spätfolge dieser christlichen Sexualverdammung und sich über Jahrhunderte erstreckenden religiösen Verschneidung der Gläubigen. Welchen Zweck. Der Stammbaum dieses Mannes da haben soll, kann einem auch der geschwätzigste Theolügner des Christentums nicht in einleuchtender Weise erläutern. Deshalb redet man in den Lügendiensten auch nicht so viel darüber, sondern fordert lieber die Menschen zur Enthaltsamkeit auf.

Er — der zwar kein Asket gewesen sein soll (vielleicht sogar ein kleines Wämplein hatte, so gut, wie er sich oft irgendwo einlud), aber zu einer allgemeinen Haltung der Sorglosigkeit in Fragen des Essens aufgerufen haben soll — stirbt in der Heiligung des Konsums. Und. Zwar genau so, wie er schon vorher in der so genannten “Eucharistie” starb, dem magischen Essen einer trockenen Hostie, die im faulen Zauber des “Gottesdienstes” als heilbringendes Opfer aus Menschenfleisch gedacht ist. Der Judas, auf dem ihr Christen euren mörderischen Judenhass basieren lasst, der hat ihn “nur” verraten und verkauft, aber ihr Christen esst ihn auch noch auf!

Er — der doch schon so lange tot ist, dass sich niemand sicher sein kann, dass er überhaupt einmal gelebt hat — starb und starb und stirbt und stirbt und wird immerfort gemordet. Und. Alle seine Mörder sind brave Christen, die dem Paulus jedes seiner eiskalten Worte abgekauft haben und sich deshalb einen Scheißdreck für Jesus interessieren. Weil. Sie sich auch sonst einen Scheißdreck für Menschen interessieren, jedenfalls für andere Menschen als sich selbst.

Und. Er — der so viele warme und noch viel mehr wirre Reden gehalten haben soll — kann doch gar nichts dafür, dass Paulus so einen tollen, goldenen Galgengötzen aus ihm geschnitzt hat. Niemand interessiert sich für seine Reden. Wenn sich die Christen für Jesus aus Nazaret interessierten, gäbe es weniger Christen. Die Christen interessieren sich mehr für Paulus, der ihren Narzissmus heiligt, für gutes Essen, dass ihnen alles andere ersetzen muss, für die Abwehr ihrer Angst, die sie in der Religion finden und für ein neues Auto und einen größeren Fernseher — auf wie viel und wessen Blut dieser “Segen” gedeiht, ist ihnen dabei recht gleichgültig. Und. Die Christen interessieren sich brennend für die Unterdrückung jeder Strebung, die ihren primitiven, barbarischen und narzisstischen Interessen zuwider läuft. Deshalb stört sich keine christliche Kirche jemals an einen Krieg oder an diesem brutalen Gemetzel an ganzen Völkern und Kulturen, das mit dem Wort von der “Globalisierung” bezeichnet wird. Sie. Stört sich auch niemals an der Indoktrination der Kinder in staatlichen Schulen und an der Unterdrückung von anders gläubigen Menschen, sondern macht aktiv mit.

Verstehst du, Schwester?

Das ist der Grund, weshalb ich kein Christ sein kann. Ich habe nicht nur die Gewalt des Christentums am eigenen Leibe gespürt, ich habe zu allem Überfluss auch noch die Bibel gelesen. Ich müsste mich selbst belügen, um Christ zu sein. Und? Wie soll ich das anstellen? Ich glaube diesem Paulus und allen seinen Nachfolgern nicht ein einziges, den Menschen mit heftig knallender Angstpeitsche eingepeitschtes Wort.

Das verstehst du nicht, Schwester?

Deine Dummheit, Schwester, ist selbstverschuldet. Habe den Mut, vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer zu werden, und du wirst ganz schnell verstehen, warum unter den vielen tausend Dankgebeten der christlichen Religion nicht einmal ein Dank für den Verstand des Menschen hörbar wird. Der Verstand muss in der Religion des Paulus und des Judas unterdrückt werden, denn er nimmt dieser psychischen Fessel ihre Kraft.

Wenn du bei deiner Dummheit bleibst, überrascht mich das nicht. Du reihst dich in eine lange Reihe von dummen Menschen durch die Zeiten ein und glaubst dabei den Beistand eines Jesus zu haben, der gesagt haben soll: “Der Weg ist breit, der ins Verderben führt, und viele sinds, die auf ihm gehen. Aber der Weg ins Leben ist eng, und nur wenige gehen darauf.”

Wenn du mich nicht verstehst, wenn du mich als einen Ungläubigen, Gottlosen, vom Teufel Besessenen ansiehst, denn reihst du dich in diese lange lange Reihe durch die Zeiten ein. Und längs dieser Reihe stehen die rauchenden Scheiterhaufen und die von Raben umflatterten Galgen und die mit Schmerz umflochtenen Räder und die Folterkammern und die Bordelle des Vatikans und legen ein zum Himmel schreiendes Zeugnis von den Zeiten ab, in denen die christliche Religion Grundlage der Gesellschaft war. Der Gott, an den du glaubst, der Gott, für den Zeit keine Bedeutung hat, wird die Geschichte genau so sehen — und deine Position darin. Und das. Ist der Platz den du selbst im Geschehen einnimmst, meine stinkende Schwester. Augen und Ohren und einen Kopf hast du: Zu den Risiken und Nebenwirkungen deiner Haltung schlage ein beliebiges Geschichtsbuch auf, und zu Jesus aus Nazaret schlage deine Bibel auf und vergiss mal für eine Woche den Paulus!

Und wenn du denn immer noch nicht verstehst, meine kindische Schwester, denn ist das dein Problem. Ich bin dafür nicht zuständig, lass mich bitte damit in Ruhe. Und wenn du es irgendwann, wenn die Barbarei sich wieder ausbreitet, zu meinem Problem machen willst und mich in meiner Andersgläubigkeit — es gibt keinen Menschen, der ungläubig wäre — bedrängst und verfolgst, denn wisse, dass ich dir nicht eine andere Backe hinhalten werde, sondern für das Recht auf mein verdammtes, von Geistarmen wie dir ständig angeknabbertes Dasein einstehen werde. Wenn es wirklich sein muss, auch in einem Kampf auf Leben und Tod. Jesusse, die wie ein blökendes Schaf freiwillig zum Metzger trotten, hatte diese ganze Geschichte schon genug. Die halten sich alle für so weise durch das Kreuz, aber sie können mich mal kreuzweise.

Und jetzt geh, Schwester! Du hast noch etwas zu lesen…

Wer sich hier angesprochen fühlt, ist gemeint. Wer männlichen Geschlechtes ist, lese einfach Bruder. Wer kopfschüttelnd und voller Unverständnis diesen langen Text gelesen hat, verzeihe mir bitte, aber nach diesem Gespräch mit einer christlichen Fundamentalistin musste es einfach raus, mir wäre sonst die Gallenblase explodiert — deshalb ist vieles auch ein bisschen roh formuliert.

Offener Brief an die Piratenpartei

Aktueller Nachtrag: Bodo Thiesen hat sich in einem Offenen Brief deutlich von den kritisierten Aussagen distanziert. Der Schaden für die Piratenpartei und für die von dieser Partei vertretene Sache bleibt angesichts des Umganges mit dieser Affäre bestehen, und die Verwendung dieser Angelegenheit in der Propaganda gegen die Piratenpartei und gegen jeden Streiter für ein freies Miteinander in Verschiedenheit im Internet wird so sicher kommen, wie das Amen in der Kirche. Mein offener Brief an die Piratenpartei bleibt hier zum Zweck der Dokumentation unverändert erhalten und ist in vielen Punkten auch trotz dieser erfreulichen Distanzierung und der klaren Worte in Bodo Thiesens Offenem Briefe noch aktuell.

Ein fröhliches Hallo!

Als jemand, der wegen seiner Verstandesfunktionen nicht daran glauben kann, dass sich der gegenwärtig über die Gesellschaft ablaufende, überpersonale Prozess dadurch überwinden lässt, dass man sich in diesem über die Gesellschaft ablaufenden, überpersonalen Prozess einbringt und ihn auf diese Weise auch fördert und vorantreibt, stehe ich jeder Form der zurzeit institutionaliserten Politik mit großem Pessimismus gegenüber. Das gilt auch euch, für den jungen und bunten Haufen, der sich “Piratenpartei” nennt und in der BR Deutschland parlamentarische Wirkung entfalten will. Wegen dieses rationalen Pessimismus (der in einem sehr fröhlichen Menschen wie mir zur Blüte kommt) und wegen meines genauen Wissens darum, dass ich auf dem Politikmarkt keinen hohen Marktwert erzielen kann, käme ich niemals auf die Idee, mich innerhalb einer politischen Partei in der BR Deutschland zu engagieren.

Doch bezogen auf euch, auf die “Piratenpartei”: Zu diesem Pessimismus hat sich bislang wenigstens für euch eine kleine Prise Sympathie gesellt, seid ihr doch genau jener Kriminalisierung technischer Möglichkeiten und vorsätzlich zum Standard gemachten Rechtswillkür im Internet entgegen getreten, die auch mein Leben betrübt und über diesen etwas schrägen Zugang eine Stimme erhoben, die im Zeitalter voranschreitender Restriktion die “guten alten Bürgerrechte” einfordert. Dieser kleine Hauch der Sympathie hätte für sich allein gewiss nicht dazu geführt, dass ich euch wähle — denn ich weigere mich nun einmal, eine lediglich simulierte “Demokratie” auch noch dadurch zu stützen, dass ich mich an ihr beteilige.

Aber sie hätte fast zu öffentlichen Akten der Sympathie geführt, die sogar weit über das kreuzweise Blöken eines Stimmviehs hätten hinaus gehen können.

Ich bin rückblickend — wieder einmal in meinem Leben — froh darüber, dass ich kein Mensch von leichtherzigen, emotionellen Entschlüssen bin. Die Regung der Sympathie mag eine schöne sein, aber sie gehört in ein völlig anderes, eher affektiv funktionierendes und evolutionär älteres mentales System als in jenes mentale System, mit dem man meiner Meinung nach vernünftige Entscheidungen zur Regulierung des gemeinsamen Miteinanders — ich vermeide das oft missbrauchte und zum schwammhaften Nichts verkommene Wort Politik an dieser Stelle — treffen sollte.

Tatsächlich haben wir die beklagenswerten Zustände der Jetztzeit und hatten wir viele beklagenswerte Zustände der Vergangenheit vor allem deshalb, weil viel zu viele Menschen ihre Entscheidungen — seien es politische Entscheidungen, oder seien es viel banalere, etwa Kaufentscheidungen — mehr unter dem Diktat der reklamepsychologisch leicht manipulierbaren Sympathie und Antipathie als durch Anwendung einer einfachen, vernunftgemäßen Erwägung treffen.

Ja, ihr habt es — wie bislang auch jede andere Partei in der BR Deutschland — geschafft, diesen kleinen Funken Sympathie in mir wieder auszulöschen. Und. Zwar. Sehr Gründlich.

Es mag sein, dass ihr überwiegend einer Generation angehört, die vom Hitlerwahnsinn in Deutschland nichts anderes kennt als die Vermittlung des Schulunterrichtes, die man sich für ein Referat und eine Klassenarbeit in den Kopf paukt, um sie wie jeden anderen, nutzlosen Schulstoff nach der Leistungskontrolle wieder zu vergessen. Das ist es, was ich euch als Entschuldigung zubilligen möchte, bevor ihr mit noch hilfloseren Ausflüchten beginnt.

Aber lasst euch das eine bitte gesagt sein: Dass ihr so einen wie Bodo Thiesen, einen Relativierer des industriell betriebenen Massenmordes im Deutschen Reiche unter der Herrschaft Adolf Hitlers, in parteiliche Ämter und Würden bringt, das geht gar nicht!

Noch einmal zur Klarstellung: Gar nicht geht es! Nicht ein bisschen!

Versteht mich jetzt bitte nicht falsch! Ich habe nichts dagegen, dass Menschen seltsame Meinungen vertreten, ich bin sogar der Auffassung, dass die Unterdrückung seltsamer Meinungen ein Fehler ist und dass jeder Mensch im Gegenteil dazu imstand gesetzt werden muss, einen Spinnkopf unter Verwendung seines Bewusstseins als solchen zu erkennen und mit dieser Erkenntnis verantwortlich umzugehen. Denn Spinnköpfe, deren Auffassungen den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben, die wird es immer geben und sie sollen von mir aus auch unbedrängt als Spinnköpfe leben können, so lange ihre Spinnerei harmlos ist. Ich habe nur etwas dagegen, dass ihr so einem Spinnkopf mit einem Amt ausstattet und ihm damit eine Plattform gebt.

Natürlich könntet ihr diesen personellen Fehlgriff kitten, indem ihr euch klar distanziert und Bodo Thiesen innerparteilich isoliert — aber zumindest im Saarland scheint euer Vorstand doch ziemlich auf der braunen Linie zu sein:

Die Postitionen von Bodo Thiesen sind sicherlich fragwürdig. Eine tatsächliche Relativierung des Holocoust geben sie aber derzeit nicht her! Er zweifelt offenbar an den Details ODER am gesamten. Entweder drückt er sich bescheuert aus, oder er ist es tatsächtlich. Nur wird das aus dem gesagten nicht klar! Daher heisst es wohl “in dubio pro reo” [...] ich finde einige Details in der deutschen Geschichte schlicht Pauschalisierung derselben. Der Norwegenfeldzug war wohl nach allen mir bekannten Fakten ein reiner Reaktionskrieg und keine reine Angriffshandlung.

Wenn jemand daran zweifelt, dass der fabrikmäßige Massenmord in dieser Größenordnung stattgefunden hat und dabei nicht einmal klar macht, dass er überhaupt den fabrikmäßigen Massenmord für eine Tatsache hält, denn relativiert er nicht den Holocaust und man kann im Zweifelsfall noch für ihn sein. Schließlich war das mit Norwegen auch kein kriegerischer Überfall. Immerhin wird hier noch nicht gesprechblast, dass die die Polen Schuld am Zweiten Weltkrieg seien und die Deutschen haben sich nur gewehrt hätten. :mrgreen:

Oder einmal ein etwas kürzeres und kälteres Abwiegeln, Besänftigen, Rechtfertigen in der Twitter-Version:

Was soll da los sein, ein Mensch hat in jungen Jahren mal Bullshit von sich gegeben. Das Zitat ist meines Wissen nach sehr alt

Klar, ist sehr alt, das Zitat. Das Gras wächst schnell, sogar über die Gräber derer, deren Blut zum Himmel schreit. Manche scheinen die so entstandene Wiese sogar schon für einen Spielplatz voller Vogelgetwittscher zu halten.

Aber von meinem eher emotionalen “Ihr habt euch unmöglich gemacht” einmal abgesehen — ich sage ja selbst, dass die leicht manipulierbaren Affekte eine fragwürdige Grundlage fürs Politische sind: Ihr habt mit der innerparteilichen Förderung eines solchen Braunkopfes und so einem unreflektierten Blah zum Thema alle Ziele in Gefahr gebracht, für die ihr einzutreten vorgebt.

Benutzt doch bitte jetzt einmal für eine einzige Minute euren Restverstand und versetzt euch in die Lage eurer Gegner — also in die Lage der Leute in der Contentindustrie und in die Lage der führenden Köpfe in den Parteien und der Journaille!

Ich sage es euch, die können auch jetzt noch nicht ihr Glück fassen. Ihr seid schon tot.

Es ist dank eurer grenzenlosen Idiotie eine Kleinigkeit geworden, die “Piratenpartei” in der Propaganda zu behandeln. Ich bin kein Experte in der Massenmanipulation, aber ich würde da etwa die folgende Vorgehensweise anwenden:

  • Als erstes brauche ich ein griffiges Schimpfwort für euch, so eines, dass niemals vor Gericht als Beleidigung durchgeht ist und doch für die Mehrzahl der Menschen — wie gesagt, diese treffen ihre Entscheidungen affektiv — vollständig abwertend klingt. Ich würde die Wortschöpfung “Digitalisten” nehmen. Das klingt nach Menschen, die Digitaltechnik — für die meisten Menschen ein Fremdkörper — über alles andere setzen wollen.
  • Dieses Schimpfwort brauche ich, damit ich nicht dauernd euren selbst gewählten Namen in das Fernsehen und die Presse bringe, denn ich will keine Werbung für euch machen, sondern euch schaden.
  • Dann brauche ich ein paar griffige Thesen, die auch für den bierduseligen Stammtisch geeignet ist. So etwas wie “Die Digitalisten sagen, ohne Internet gäbe es keine Demokratie. Und? Was hatten wir die ganze Zeit”. Versteht ihr den Stil? Genau so geht Propaganda, für die Bildzeitung geht es sogar noch eine Größenordnung plumper.
  • Und jetzt zur Steilvorlage, die ihr geliefert habt. Daraus machte die Propaganda ein “Diese Digitalisten verwechseln sogar das Internet mit der Wirklichkeit. Weil jeder Nazi im Internet eine Stimme haben kann, wollen die auch Nazis in der Politik haben. Und Kinderficker.” — natürlich in etwas gemäßigteren Tonfall, aber in dieser Zielrichtung.

Versteht ihr? So etwas zieht sich demnächst durch alle Medien, und daraus lassen sich Menschen ihre Meinung bilden. Und schon kann man alle eure bürgerrechtlichen Forderungen auf kurze Phrasen runterbrechen und darauf verweisen, wer es bei euch zu etwas bringt. Wartet mal ab, Frontal 21 im ZDF ist ein guter Kandidat für den ersten medialen Angriff auf euch. Die meisten Wähler in der BR Deutschland sind sehr leicht manipulierbar, ihr werdet es noch merken. Und am Ende der Kampagne regiert die Partei von Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen zusammen mit einer CSU, die am liebsten alle menschenverachtenden Ideen des Papstes in Tagespolitik umsetzen würde und dieser heillose Pakt koaliert mit einer FDP, die Hartz IV auf 250 Euro kürzen will und es dabei keineswegs skandalös findet, wenn ein Vollzeitjob nur 350 Euro im Monat bringt.

Glaubt mal ja nicht, dass es in den kommenden Klassenkämpfen nur ums Internet geht. Es geht um die menschliche Würde selbst. Eben darum verbietet sich jede Gemeinschaft mit Holocaustleugnern!

Und nicht nur, dass ihr der Sache geschadet habt, ihr habt auch mir persönlich geschadet, denn ich stehe in meinem Umfeld und in allem, was ich tue, im Wesentlichen für die gleichen Ziele wie ihr ein. Das geht so weit, dass ich immer wieder einmal für einen Aktivisten eurer Partei gehalten werde. Ihr habt mich für dieses Streben — das bei mir inzwischen den Umfang eines Lebenswerkes hat — in die begriffliche Nähe von Neofaschisten und Holocaust-Leugnern gestellt, als ob ich nicht schlimm genug wäre, dass mehr als die Hälfte meiner Familie unter Hitlers Herrschaft fabrikmäßig ermordet wurde. Und. Ihr erlaubt es mit eurem Tun einer gut funktionierenden Meinungsindustrie, in den kommenden Wochen auf dieser Nähe herumzureiten, auf das die Stimmviecher zur müden Komödie der Bundestagswahl auch die richtige Deinung erhalten.

Ihr seid schon Verräter, bevor ihr richtig mit der Politik angefangen habt. Die billige Verharmlosung schwerer, gegen das Leben selbst gerichteter Verbrechen ist keine Meinung, sondern lebensverachtender Zynismus.

Und dafür. Verachte und hasse ich euch.

Löst eure verkackte Partei, die schon vor ihrem eigentlichen Anfang auf ganzer Linie gescheitert ist, bitte einfach auf!

Mit deutlichem Gruß!

Der Nachtwächter
Nach Diktat verreist

PS: Und kommt jetzt ja nicht auf die Idee, irgendeinen “Dialog” mit mir zu suchen. Ihr steht längst auf einer Seite, die mein Leben negiert. Und ich weiß das und will mit euch nichts zu tun haben. Aufdringliche Versuche der Kommunikation werde ich als Akt der Gewalt betrachten und behandeln.

Nachtrag:  Piratenpartei distanziert sich von den Äußerungen eines einzelnen Mitgliedes

Der Bundesvorstand der Piratenpartei fordert das Parteimitglied Bodo Thiesen dazu auf, sich eindeutig und endgültig von seinen fragwürdigen Äußerungen zum Holocaust zu distanzieren. Bereits im Juni 2008 hatte der Vorstand Thiesen dafür eine Verwarnung erteilt. Durch die erneut laut gewordene Kritik innerhalb der Partei sowie in der Blog- und Twittersphäre hält der Vorstand eine noch klarere und deutlichere Distanzierung für nötig. Sollte Bodo Thiesen dieser Aufforderung nicht binnen 24 Stunden nachkommen, wird der Bundesvorstand die entsprechenden Maßnahmen ergreifen. [...]

Der Bundesvorstand erklärt daher im Namen der Piratenpartei:
“Wir erklären hiermit in Übereinstimmung mit der Satzung der Piratenpartei Deutschland, dass wir faschistische Bestrebungen jeder Art entschieden ablehnen.

Weiterhin erklären wir, dass wir den Holocaust als historische Tatsache ansehen und deren Relativierung oder Verharmlosung nicht dulden werden.  [...]

Nachtrag ZweiBodo Thiesen / Stellungnahme persönliche Meinung vs. Parteimeinung

Letzte Erklärung

Zukunft ist etwas, das die Menschen erst lieben, wenn es Vergangenheit geworden ist.

William Somerset Maugham

An alle Politiktreibenden in der BR Deutschland!

Damit ihr überhaupt eine Chance habt, diesen Text zu verstehen, muss ich mich kurz vorstellen. Keine Sorge, ich komme schnell zur Sache, damit sie sich gleich wieder mit Ihresgleichen in ihrer Parallelgesellschaft aufhalten können.

Mein Name ist Elias Schwerdtfeger, aber er tut nicht viel zur Sache, da hier viele Namen mit einer vergleichbaren Geschichte und mit einer ähnlichen Mitteilung stehen könnten. Ich wurde 1966 geboren, bin also keineswegs ein jugendlicher Wirrkopf unter den Bedingungen der pubertären Verzweiflung. Der prägende Stempel auf meinem direkten familiären Umfeld war Armut, Alkoholismus und Aussichtslosigkeit. Meine früheste bewusste Erinnerung ist die Mondlandung, die sich gerade zum vierzigsten Mal gejährt hat — oder besser: die ganz besondere Aufregung in meinem Umfeld und das lange Wachbleiben, die mir selbst als dumpfbewusster Zwerg nicht entgangen sind. Anders, als viele politisch-ideologisch geprägte Menschen habe ich die Möglichkeiten der Technik nicht als eine Bedrohung erlebt, die zur Ursache gut gepflegter und propagandistisch ausgebeuteter irrationaler Ängste wird, sondern auch und vor allem als eine große Chance für jeden Menschen und damit auch für mich. Und ich habe mich deshalb immer, schon als Kind, mit Technik beschäftigt, habe versucht, sie zu verstehen und sie für mich (und später, als Programmierer, auch für andere Menschen) nutzbar zu machen — und ich tue dies bis heute.

Persönliche Anmerkung mit Lokalkolorit: Als einen besonderen Segen und eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges empfand ich in meinem unstillbaren, frühen Wissensdurst die Existenz öffentlicher Leihbüchereien. Neben einiger Trash-Literatur, die ich verschlang, erhielt ich auch die Möglichkeit, mich in Themen einzulesen, die meinem sozialen Umfelde fremd waren, erhielt ich also einen einfachen Zugang zu einer Chance, mich selbstständig zu bilden. Diese Chance habe ich begierig ergriffen. Die hannöversche Bücherei, in der ich dies in erster Linie tat, wurde kürzlich geschlossen, weil die paar tausend Euro für ihren Betrieb eingespart werden sollten. Der gleiche, von einer CDU-Regierung geführte Rat einer Stadt, die auf diese Weise den einfachen und nahe gelegenen Zugang zur Bildung für jeden verschlossen hat, er hat nicht die geringsten Probleme damit, am anderen Ende der gleichen Straße Millionen von Euro in eine Ruine wie dem Ihmezentrum zu stecken, obwohl es dort nicht einmal eine langfristige Aussicht auf irgendeine Nachhaltigkeit gibt. Dies ist eine Botschaft der “Zukunftspolitik” in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, die nicht nur ich so verstanden habe, wie man sie nur verstehen kann.

Mein erster Computer war ein VC-20. (Nein, ich erkläre ihnen jetzt nicht, was das ist, fragen sie doch bitte einmal Google, wenn es sie überhaupt interessiert!) Es war ein nach heutigen Maßstäben bescheidenes und überteuertes Gerät, und ich hatte wegen der Armut meines Umfeldes große Mühe und viel Aufwand im Vorfelde, ihn zu erwerben, aber ich habe in der Folgezeit an diesem einen Beispiel eines kleinen Computers gelernt, wie ein Computer funktioniert und wie man ihn programmiert. Diese Erfahrung wurde für mich der Grundstein einer lebenslangen Beschäftigung mit einer Technik, der man damals noch gar nicht ansehen konnte, in wie hohem Maße sie einmal heutigentags das Leben prägen würde.

Noch bevor es das Internet in Form des Massenphänomens World Wide Web gab — eine Entwicklung, die sich vor allem mit der Veröffentlichung des NCSA-Browsers Mosaic und noch mehr mit der Veröffentlichung des Mosaic Netscape 0.9 beta verbindet; zwei Browser, die mit ihren leicht verständlichen Benutzerschnittstellen erstmals auch einen Weg für technische Laien in “das Internet” ebneten — waren mir die Möglichkeiten vernetzter Informationssysteme bewusst. Zugegeben, die damalige Mailbox-Kultur zeichnete sich nicht gerade durch Komfort aus, aber sie bot mir und anderen Pionieren der DFÜ schon alles, was viele Menschen später als den “Geist des Internet” kennenlernen sollten. Es gab offene Diskussion zu Alltäglichkeiten und Fachthemen, ein Mailsystem und ein Mit-Ein-Ander in offener Verschiedenheit; zuweilen auch in streitbarer oder trolliger Verschiedenheit. Zum Glück gab es keine Spur der Kommerzialisierung, sie hätte diesen Geist wohl an der Wurzel verdorren lassen.

In diesen ganz frühen Anfängen war es kein politisches Thema. Es war in der Außenwahrnehmung so etwas Ähnliches wie ein schräges Hobby für eine Handvoll schräger Typen, vielleicht entfernt ähnlich zum ebenfalls technischen Hobby des Amateurfunks. Für die Post war es sehr wohl ein Thema; die Taktung der Telefongebühren stand in einem direkten Zusammenhang mit der zunehmenden Benutzung der damals analogen Telefonleitungen zum Zweck der Datenübertragung und Kommunikation; und erst, als diese jetzt tote technische Kultur zunehmend von der neueren Kultur des Internet abgelöst wurde, löste sich diese Einteilung der Gesprächsdauer in Kostenabschnitte wieder auf, bis hin zum heutigen Angebot so genannter “Flatrates” für die Telefonie.

Es wurde weder zu einem politischen Thema dadurch, dass über die damaligen Mailboxen ein fröhlicher Austausch urheberrechtlich geschützter Daten praktiziert wurde, noch reichten die teilweise radikalen politischen Standpunkte damaliger DFÜ-Teilnehmer dazu hin, Mailboxen zu einem politischen Thema zu machen. Es wurde schlicht politisch verpennt, wie dies auch in der Folgezeit in der BR Deutschland bei technischen Entwicklungen typisch werden sollte. Dabei entstand gerade hier ein Biotop — oder sollte ich eher “Bitotop” sagen — in dem sich eine wahrhaft demokratische Kultur entwickelte, die in mancher Frage vom harten Ringen um einen Standpunkt und von einer Darlegung auch komplexerer Standpunkte geprägt war.

Als ich 1995 in der CeBIT-Halle meine erste Begegnung mit dem World Wide Web, den modernitätsbesoffenen Werbeheinis an den Ständen und den klickigen Webbrowsern der damals neuen Generation hatte, konnte ich über diese Ödnis nur lachen. Es schien mir zu sehr jene Form der Einweg-Kommunikation zu sein, die ich schon längst hinter mir hatte. “Bunt” und “interessant” waren für mich stets zwei sehr verschiedene Attribute, und der viel beschworene elektronische Katalog eines Versandhauses für Tinnef war das letzte, was ich meinem Dasein hinzufügen wollte.

Aber ich bin in meiner Persönlichkeit ja so gestrickt, wie es von euch Politiktreibenden immer wieder von allen Menschen gefordert wird. Ich habe mich also auch mit dieser Technik beschäftigt, habe HTML gelernt, später auch Perl und noch später PHP, um auch interaktivere Dinge realisieren zu können. Ich habe mir einen Webserver aufgesetzt, um ein wenig mit der Technik “spielen” zu können, damit ich einen Eindruck davon erhalte, was im Rahmen dieser Technik möglich ist und was nicht. Dies alles, noch bevor das World Wide Web zum Massenphänomen und in der Folge auch immer mehr zum “World Wide Waste” einer herrgottsdummen kommerziellen Nutzung wurde.

Ich bin eben genau das, was ihr Politiktreibenden in euren Forderungen an die Menschen unter eurer Herrschaft immer haben wollt. Ich betrachte mein Leben als ein lebenslanges Lernen, ich betrachte technische Innovationen als eine für mich und andere zu nutzende Chance, ich betrachte die damit verbundenen sachlichen Schwierigkeiten eher als zusätzlichen Ansporn zu erhöhter Anstrengung denn als ein ernsthaftes Hindernis, das mich jammern und verzagen macht. Auf diesem Weg habe ich mir einen Satz von Fertigkeiten erworben, von denen ich zum Zeitpunkt des Erwerbes noch gar nicht wissen konnte, dass sie auch einmal eine gesellschaftliche Bedeutung haben könnten. Und. Ich fahre — mit mittlerweile gebremsten Tempo — damit fort, mir solche Fertigkeiten anzueignen. Manchmal macht mir das einen Heidenspaß, und manchmal verursacht es mir Kopfschmerzen. Wenn ihr Politiktreibenden wirklich einmal etwas gelernt habt — man merkte es euch ja bislang in der von euch betriebenen Politik meist nicht an — denn kennt ihr ja auch diesen Prozess des Wissenserwerbes und den Stolz auf die zunehmende Literalität in einem Fachgebiet, das man sich aneignet.

Natürlich hatte das alles irgendwann auch zur Folge, dass ich mir eine Zeitlang meinen Lebensunterhalt als Programmierer verdiente. Dabei durfte ich in bitterster Form erfahren, dass man mit einem solchen Beruf in der BR Deutschland in einer Weise ausgebeutet wird, die jeder Beschreibung spottet. Meine Mitmenschen waren zwar immer wieder fasziniert und sagten so etwas wie “Da verdienst du ja richtig Kohle”, aber die Wirklichkeit sah anders aus. Ich hatte mich auf ein Leben als moderner Nomade ohne jede Stabilität in meinen Daseinsbedingungen einzustellen, wurde unter gezielter Ausnutzung der von euch Politiktreibenden ermöglichten zweijährigen Probezeit flugs eingestellt und nach Bedarf wieder kurzfristig entlassen, und zu allem Überdruss war ich einen Großteil meiner Zeit damit beschäftigt, meinem Gehalte hinterherzurennen, das sehr häufig ganz einfach nicht bezahlt wurde. Beinahe so, als würden die so genannten “Arbeitgeber”, die die Früchte meiner Arbeit begierig an sich rissen, denken, es sei unrecht, jemanden für sein Hobby auch noch Geld zu geben. Dabei habe ich, um überhaupt ein paar Mark und später Euro zur Begleichung meines persönlichen Kostenapparates zu bekommen, eher regelmäßig als gelegentlich Fristen setzen müssen und diese mit der zusätzlichen Ankündigung salzen müssen, dass ich im Falle der Nichteinhaltung ohne weitere Warnung sofort eine Anzeige wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung erstatten würde — denn eine “normale” Friststellung hatte bei diesen Menschgeiern keineswegs Erfolg. Natürlich war das Geld nach solcher Rede immer sehr schnell da und wurde mir in einer Weise, die meine ebenfalls um ihren Lohn geprellten Kollegen nicht bemerken sollten, bar in die Hand gedrückt, denn das Geld fehlte in diesen Unternehmen niemals, es sollte einfach nur auf diese Weise eingespart werden. Man wurde eingestellt, wie ein Stück Scheiße behandelt und wieder weggeworfen, und dies an recht vielen Stellen, die sich vom äußeren Anschein her sehr seriös und solide gaben, ja, die sogar Aufträge von staatlichen Institutionen erhielten. Im Zuge meines eigenen Vernutztwerdens durfte ich ganz “nebenbei” so viele menschliche Tragödien erleben, dass ich sie in ihrer Fülle nicht einmal mehr andeuten kann — zum Beispiel einen Administrator, der sich in seinen rückständigen Gehaltszahlungen so lange mit leeren Worten hinhalten ließ, bis wegen seines Mietrückstandes die Räumungsklage kam und er obdachlos wurde, er endete als Alkoholiker; oder auch viele Azubis in den recht frischen IT-Berufen, die nichts lernten und in keiner Weise betreut wurden, sondern einfach nur geistlose Routinearbeiten als billige Arbeitskräfte zu verrichten hatten und im Verlaufe ihres außerbetrieblichen Resttages zusehen konnten, wie sie einmal durch die staatliche Prüfung kommen sollten.

Als ich das alles nicht länger ertragen wollte, machte ich einen Schlussstrich unter mein modernes Nomadenleben an der digitalen Mülltonne. Seitdem lebe ich als obdachloser, bettelnder Künstler von dem, was mir kampflos gegeben wird. Ich habe diese Entscheidung in nunmehr acht Jahren nicht einmal bereut, obwohl ich in einigen kalten Winternächten nur knapp am Verrecken vorbeigeschrammt bin. Mein Leben ist von einer großen Heiterkeit geprägt, die viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld geradezu ansteckend finden — diese Heiterkeit kombiniert sich allerdings mit einer unbezwingbar gewordenen Sturheit in jenen Dingen, für die ich lebe, ganz so, wie sie nur jemand an den Tag legen kann, der wirklich genau weiß, dass er nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren hat.

Wie ihr Politiktreibenden an diesem Text sehen könnt, entfaltet auch ein derart marginalisiertes Dasein dank der gegenwärtigen Technik eine gewisse, wenn auch sehr kleine und dennoch stets attackierte Außenwirkung. Ich zumindest bin froh über diese Technik, und ich weiß zum Glück darüber hinaus auch, dass dieses Leben auch noch etwas Fröhlicheres als diese Technik anzubieten hat.

Meine in vielen Jahren erworbenen Fähigkeiten und meine ganzen Erfahrungen setze ich weiterhin in Projekten ein, von denen ich persönlich überzeugt bin. Diese Projekte sind allesamt exquisit nicht-kommerziell und ein wichtiger Beitrag zur Kultur in Deutschland jenseits des merkantil ausgebeuteten Kulturbetriebes — denn die Ware Kultur ist nicht die wahre Kultur. Vieles von meinen Kenntnissen und Erfahrungen gebe ich auch weiter, wenn ich den Charakter meines Gegenübers nur für geeignet dazu halte. Käuflich bin ich nicht mehr, aber für einige Menschen unbezahlbar geworden. (Und wenn jetzt ein Leser daran denkt, mir einen “Job” im üblichen Sinne des Wortes geben zu wollen: Vergiss es! Und. Such dir einen anderen Idioten, der für dich die Arbeit macht und der dir die Kohlen aus dem Feuer holt und dafür zum braven Steuerzahler in der völlig abgefuckten Gesellschaft der BR Deutschland werden möchte!)

So weit zu mir, und viele zwar persönlich wichtige, aber im sachlichen Kontext eher irrelevante Punkte habe ich fortgelassen, um die Textmenge gering zu halten.

Nun also endlich zur Sache. Also seid ab hier wieder aufmerksam, ihr Politiktreibenden, denen die Menschen und ihre Leben doch so fühlbar gleichgültig sind!

Ich bin also — natürlich mit Ausnahme meines bewusst gewählten, jetzigen Lebensstiles — genau so eine Persönlichkeit, wie ihr sie gern haben wollt, wenn ihr in die massenmedialen Mikrofone und Kameras von Innovation, Zukunft und Nachhaltigkeit sprecht, um damit die Menschen zu verblenden.

Und das einzige, was euch Politiktreibenden einer solchen Persönlichkeit und ihrem kulturellen Hintergrund gegenüber einfällt, ist eine durchgehende Kriminalisierung ihres gesamten Lebens, eine ständige Haltung der Beschimpfung und eine zu Politik werdende Angst angesichts einer gesellschaftlichen Entwicklung, die ihr Politiktreibenden einfach nicht zu verstehen scheint.

Das Folgende ist nur eine kleine Liste der von euch Politiktreibenden durchgezogenen Kriminalisierung, Schmähung und Verachtung der Mitgestalter des deutschsprachigen Internet. Sie wäre leicht um die rabulistischen Blendworte von den “Raubkopien“, “Musikdownloads“, “neuartigen Rundfunkgeräten” und dergleichen mehr zu ergänzen, aber ich will mit meinem Schreiben auch einmal an ein Ende kommen.

“Hackertools”

Wie eben schon gesagt, setze ich meine Fertigkeiten weiter ein, obwohl ich nun keinen Lohn mehr dafür erhalte. (Könnt ihr bis ins Mark korrupten Politiktreibenden so etwas überhaupt noch verstehen? Das da jemand Dinge einfach aus tiefer, innerer Überzeugung tut?) Unter anderem betreue ich die ständig mit dem Internet verbundenen Server einiger Projekte, die ich persönlich für fördernswert halte und deshalb trotz meiner manchmal erschwerenden Lebensumstände mit aller Kraft unterstütze.

Jeder permanent mit dem Internet verbundene Rechner ist ein “Opferrechner”. Er ist ständig diversen Angriffsversuchen ausgesetzt, die in ihrer Perfidie und technischen Durchführung die gesamte Spannweite vom “Kinderkram” bis zur ernstzunehmenden Attacke abdecken können. Das ist für mich kein Grund zum Flennen, sondern ein Anreiz, meine Gegner ernst zu nehmen und mich gegen ihre Angriffe so gut es geht zu wappnen.

Um diese zuweilen geistlose Aufgabe erfüllen zu können, benötige ich als Hilfsmittel die gleiche Gattung Software wie die Angreifer. Ich muss sogar die umlaufenden Exploits ausprobieren können, um Gewissheit darüber zu erlangen, ob die von mir vorgenommenen Gegenmaßnahmen hinreichend sind. Doch genau für den Besitz dieser Software — unabhängig davon, was ich damit mache — werde ich in der BR Deutschland schon zum Straftäter. Ich komme aber nicht umhin, dieses Risiko angesichts einer oft willkürlich urteilenden Justiz und völlig irrationaler und aus einer netzfernen Parallelgesellschaft stammender Gesetze auf mich zu nehmen, und ich werde das auch fortan tun. Ihr habt mich längst in die Kriminalität gedrängt, und nicht nur mich, sondern darüber hinaus jeden Menschen, der sich ernsthaft um eine sichere und vertrauenswürdige Informationstechnik bemüht. Denkt bitte daran, Politiktreibende, wenn ihr das nächste Mal vom “Standort Deutschland” und der erforderlichen Förderung von “Zukunftstechnologien” faselt! Und. Wenn ihr zur Abwechslung einmal nicht die Menschen in Deutschland belügen wollt, haltet einfach den Mund!

Und übrigens: Wenn es doch einmal einem Angreifer gelingt, einen erfolgreichen Angriff gegen einen von mir betreuten Server zu fahren, denn setze ich mich nicht wie diese Idioten aus der totalen Webkommerzialisierung hin und jammere in der Lobby des Reichstages laut nach dem gesetzgeberischen Gnadenhammer, sondern ich analysiere die Struktur dieses Angriffes, treffe für die Zukunft geeignete Gegenmaßnahmen und bedanke mich bei meinem im Regelfall anonymen Sparringpartner für das kostenlose Sicherheitstraining, das er mir mit seinem gelungenen Angriff erteilt hat. Wer einen Server betreibt und nicht das Personal verfügt, das fachlich kompetent solchen Angriffen begegnen kann, der soll entweder dieses Personal einstellen und angemessen bezahlen — ich kenne etliche zu dieser Aufgabe gut befähigte Arbeitslose mit teils langjähriger Erfahrung, die beim Warten in den Hallen der Armutsämter über den bei euch Politiktreibenden immer wieder postulierten “Fachkräftemangel” nur den Kopf schütteln können — oder eben einfach keinen Server mit ständiger Verbindung zum Internet betreiben. Ende jeder weiteren Kommunikation in dieser Sache.

“Rechtsfreier Raum”

Ihr Politiktreibenden beizt so gern die Gehirne der Unwissenden mit der Lugrede davon, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sei. Dieses Gefasel ist übelste und fadenscheinigste Rabulistik, mehr nicht. Das Internet ist mitnichten ein “rechtsfreier Raum”, ganz im Gegenteil. Das arglose Gestalten einer eigenen, noch so unbeachteten und persönlichen Webpräsenz kann in der BR Deutschland mit ihrem ausufernden Abmahnwesen und ihrem umfassenden Rechtsschutz für beleidigte Leberwürste schnell eine Angelegenheit werden, die die persönliche Existenz bedroht. Das Internet ist in Wirklichkeit ein Raum von großer Rechtsunsicherheit, in dem das gesprochene Recht einen Hang zu einer Beliebigkeit hat, die für die davon betroffenen Menschen sehr teuer, ja, existenzbedrohend teuer werden kann. Diese Rechtsunsicherheit, ihr Politiktreibenden, sie ist von euch gewollt und wird von euch seit Jahren aufrecht erhalten, obwohl der von gewissen skrupellosen Zeitgenossen damit getriebene Wahnsinn mittlerweile zum Himmel stinkt. Man könnte fast denken, ihr wolltet das genau so haben, damit sich die persönliche Mitteilung aus der individuellen Lebenswirklichkeit mit einem großen Maß an Unsicherheit und Angst verbindet und deshalb auch immer öfter einmal unterbleibt — vielleicht auch, damit sich ein Schleier des Schweigens über diese Wirklichkeit senkt, unter dem ihr euch einfach weiter durchwursteln könnt.

Näheres zu diesem Thema könnt ihr hier lesen, wenn es euch überhaupt interessiert.

Was ihr Politiktreibenden hingegen regelmäßig aus dem Internet zu machen gedenkt, wenn ihr das blinde Wort vom “rechtsfreien Raum” im Munde führt, ist übrigens so etwas Ähnliches wie ein “rechtsfreier Raum”, es ist ein Raum, der frei ist von jenen Bürgerrechten, die ihr sonst in euren hingelogenen Sonntagsreden als große Errungenschaft eurer tollen Demokratur hinstellt.

“Killerspiele”

So lange ich Computer kenne, wurden Computer zum Spielen verwendet, ohne dass jemand etwas ernsthaft Anstößiges daran gefunden hätte. Die Mehrzahl dieser Spiele waren und sind Darstellungen des Kampfes. In diesem Punkte gleichen die mit einem Computerprogramm realisierten Spiele den älteren Brettspielen wie Malefiz, Mensch ärgere dich nicht, Backgammon oder Schach. Was an den mit einem Computerprogramm gespielten Spielen anders ist, das ist von eher qualitativer Natur, es liegt in der Interaktivität der Spielhandlung, in der realitätsnahen Darstellung der Kampfhandlung. Das Ziel des Spieles ist der Sieg, und auf dem Weg dahin muss — wie beispielsweise auch beim Skatspielen — Selbstbeherrschung, Konzentration, Verarbeitung von Frusterlebnissen und überlegtes Verfolgen einer erfolgversprechenden Strategie geübt werden. Die Unmittelbarkeit eines interaktiven Computerspieles fügt diesen klassischen Übungen noch die zusätzliche Übung des Reaktionsvermögens hinzu. Dies alles war schon so, als noch zum Auftakt der Achtziger Jahre die pixeligen Aliens in Space Invaders oder die bunten Insekten in Galaga milliardenfach ihre fiepsigen Pixelleben aushauchten und sich dabei der Kassenbehälter des Coin-Ops mit klimpernden Markstücken füllte, und nun sind durch den technischen Fortschritt die simulierten Spielsituationen im Laufe der Zeit ansprechender und gleichzeitig anspruchsvoller geworden. Für jene, die gern spielen — ich gehöre übrigens nicht dazu — eine Steigerung des Genusses, vielleicht entfernt vergleichbar mit dem Unterschied zwischen einem Beinahe-Essen (so übersetzt man doch “fast food” in der richtig falschen Weise, oder?) bei McWürgreiz und einem Fest für Auge und Gaumen in einem gehobenen Restaurant. Das werdet ihr Politiktreibenden mit euren fetten Wampen und eurer unersättlichen Lust nach einem verfeinerten Lebensstil doch verstehen können.

Doch ihr Politiktreibenden seht das natürlich ganz anders. Da haben einige junge Menschen eine echte Waffe in die Hand genommen, sind in ihre Schule gegangen und haben dort systematisch Mitschüler und Lehrer ermordet. Da fragt ihr euch nicht etwa, warum eigentlich als Bühne dieser so genannten “Amokläufe” mit ermüdender Regelmäßigkeit eine Schule gewählt wird, dieser Unort der gesellschaftlichen Siebung und der Vorbereitung auf ein Dasein als Batterie im betrieblichen Produktionsprozess. Nein, ein Nachdenken über ein System, das so viel Verzweiflung auszulösen vermag, ist von euch Politiktreibenden offenbar zu viel verlangt. Stattdessen tut ihr Politiktreibenden das, was ihr am besten könnt; ihr redet Lügen, die von eurem speichelleckerischen Medienapparat millionenfach wiedergegeben und konditionierend vor das letzte müde Auge gestellt werden. Und so redet ihr unbeleckt von auch nur der mikroskopischten Spur einer Kompetenz davon, dass so genannte “Killerspiele” die so genannten “Amokläufe” auslösen würden, auch wenn völlig offensichtlich ist, dass die Wurzeln der Verzweiflung ganz andere sind. Die Spuren der Wirklichkeit hinter den so genannten “Amokläufen” im Internet, die lässt hingegen ein willkürlich vorgehender Polizeiapparat still verschwinden, wann es möglich ist.

Auch, wenn ich selbst nichts an derartigen Spielen finden kann: Sie sind fester Bestandteil der digitalen Kultur, und zwar von Anfang an. Als Ken Thompson in den späten Sechziger Jahren das Betriebssystem Unix schrieb, ja, dieses Unix, welches das ganze Internet erst möglich gemacht hat, da wurde die erste darauf laufende Anwendung ein Spiel namens Space Travel. Tatsächlich ist das früheste UNIX nur entstanden, um dieses Spiel auf einer PDP-7 zu programmieren.

Die Nutzung eines Computers als unermüdlicher Spielpartner und das spielerische Kräftemessen mit einer Maschine sind vom frühesten Tag an feste Bestandteile der digitalen Kultur gewesen. Als der Computer immer mehr zum Alltagsgegenstand wurde, da wurden Spiele am Computer für viele Menschen zum selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens. Die immer elaboriertere graphische Darstellung und wachsende Komplexität der Spielhandlung ist eine natürliche Folge des technischen Fortschrittes. Mittlerweile ist eine ganze Generation von ihrer frühen Jugend an damit aufgewachsen. Und die wenigsten dieser Menschen gehen in ihre Schule und ermorden andere Menschen. Die von euch Politiktreibenden postulierte Kausalität ist einfach nur gefährlicher Unfug. Gefährlich ist dieser Unfug deshalb, weil die wirklichen Ursachen solcher Mordtaten keinerlei Aufmerksamkeit und Milderung erfahren, was den nächsten so genannten “Amoklauf” an einer Schule in der BR Deutschland zur sicheren Wette macht.

Aber euch Politiktreibenden ist es ganz offenbar völlig egal, wenn ein paar Leute beim Durchsetzen eurer Beglückungsideen verrecken. Um ja nichts an euren Fehlern und Versäumnissen der letzten zwei Jahrzehnte korrigieren zu müssen, nehmt ihr es lieber in Kauf, eine ganze Generation zu beleidigen und — mit dem von euch geplanten und wohl demnächst in Gesetz gegossenen Verbot der von euch so genannten “Killerspiele” — weiter zu kriminalisieren. Die Killerschulen werden wohl noch so manches Opfer kosten, und ein Gutteil des dabei vergossenen Blutes klebt an euren schmutzigen Händen, da hilft alles Waschen in Unschuld nichts.

Internetzensur

Die jüngste Entgleisung von euch Politiktreibenden gegenüber der gewachsenen digitalen Kultur ist die hanebüchene Rabulistik einer Ursula von der Leyen, dass es nun eine beliebig missbrauchbare Zensurinfrastruktur für das Internet geben muss, um die Verbreitung von Kinderpornografie zu unterbinden. Dabei ist es nicht einen Moment lang um den Schutz von Kindern oder die strafrechtliche Verfolgung übler Verbrecher gegangen, sonst wären wirksame Maßnahmen zur Verwirklichung dieser Absicht erwogen und ergriffen worden. Das Ziel dieses Lehrstückes der miesen Propaganda war es vom ersten bis zum letzten Akt, das Empörungspotenzial, dass sich mit diesen Verbrechen verbindet, in politisch gewünschte Wege zu lenken, um über diesen psychischen Hebel eine Internetzensur in der BR Deutschland einführen zu können. Der gesamte Vorgang ist hervorragend im deutschsprachigen Internet dokumentiert, ich will das alles hier nicht wiederholen. Bemerkenswert und im höchsten Maße be- und verachtenswert ist es jedoch, dass für diesen Zweck bereits schwer misshandelte Menschen, die wegen dieser Erfahrung eine schwere Last in ihrem ganzen Leben tragen müssen, noch einmal politisch missbraucht wurden. Wie wenig ein derart widerlicher, politischer Kindesmissbrauch euren ethischen Maßstäben widerspricht, ihr Politiktreibenden, das habt ihr bei der namentlichen Abstimmung im Bundestage mit einer “überwältigenden Mehrheit” unter Beweis gestellt und für die Nachwelt dokumentiert.

Politiktreibende, mancher von euch hat vielleicht gar nicht so recht gewusst, über was er da eigentlich abstimmt. Das ist allerdings keine Entschuldigung, denn jeder von euch kann sich der Stimme enthalten, wenn er sachlich keine Ahnung hat. Auch unwissende Täterschaft ist Täterschaft.

Aber dennoch will ich euch Politiktreibenden ein paar Worte dazu sagen.

Ich bewege mich ja doch schon ein paar Tage im Internet, und ich “durfte” dabei so einiges kennenlernen. Als jemand, der eine Kultur des Miteinanders in Verschiedenheit als Selbstverständlichkeit kennengelernt hat, habe ich nur wenig Berührungsängste selbst gegenüber den schrägsten Erscheinungen des Lebens und keine große Scheu, auch mal einen nicht ganz so koscheren Link in einem für mich eher ungewöhnlichen Kontext anzuklicken, wenn ich für ein Thema ein wenig recherchiere. Ich habe — neben dem deutlich überwiegenden Wertvollen und Großen oder doch wenigstens Lesenswerten — Stolperstellen auf der Datenautobahn gefunden, von denen mir zum Teil ganz anders geworden ist: Wirre Websites von UFO-Sekten und in meinen Augen gemeingefährlichen christlichen Fundamentalisten; lange “Beweisketten” für gewaltige Verschwörungen; paranoid klingende Hinweise, dass uns im Jahre 2012 der Weltuntergang bevor steht; Einblicke in den glitschigen Fetischismus einiger homosexueller Männer, die tiefer waren, als ich es in diesem Moment für erträglich hielt und große Haufen den Nichtsigen und Belanglosen in unangemessener technischer Aufbereitung. Genau diese Vielfalt finde ich gut und wertvoll am Internet, denn sie spiegelt die Vielfalt des gegenwärtigen menschlichen Lebens wider, ist ein digitales Zeugnis einer durchaus interessanten und bunten gegenwärtigen Lebenswirklichkeit, die mir sonst vollends unbekannt geblieben wäre. Aber über genau eine Sache bin ich niemals gestolpert, so sehr ich auch auf recht matschigen Pfaden durch das Netz der Netze stapfte, und das ist Kinderpornografie.

Es scheint also gar nicht so leicht zu sein, solche Inhalte zu finden. Aber dennoch habt ihr Politiktreibenden es hinbekommen, das Wort “Kinderpornografie” in der öffentlichen Wahrnehmung semantisch so in die Nähe des Wortes “Internet” zu stellen, dass ein noch Unwissender geradezu einen Ekel vor dem Internet und vor den vielen Gestaltern des Internet empfinden muss. Dabei entsteht schon der Eindruck, dass die systematische Verunglimpfung eines Netzwerkes von Computern, das gemacht ist, Menschen zusammenzubringen, die eigentliche Absicht hinter all den Lügen und der mit hohem Aufwand in die Massenmedien gedrückten Propaganda war. Um die Verunglimpfung auf die Spitze zu treiben, ihr Politiktreibenden, habt ihr in euren Lugreden nicht einmal mehr davor zurückgeschreckt, jeden Menschen, der zu der technisch wenig anspruchsvollen Leistung imstande ist, mit ein paar Klicks einen anderen Nameserver einzustellen, in die Nähe einer abstoßenden Kriminalität zu stellen. Rhetorisch habt ihr damit eine ganze Generation kriminalisiert, die mit der Selbstverständlichkeit der IT-Technik aufgewachsen ist, und es scheint für jeden Menschen, dessen Augen und Ohren an ein funktionierendes Gehirn angeschlossen sind, nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis ihr auch diese unverschämte Kriminalisierung in eine Gesetzesform gießen werdet.

Wenn man euer Treiben vor sich sieht, ihr Politiktreibenden, denn kann man schon einmal die klammheimliche Hoffnung bekommen, dass die gezielten Schüsse eines im Schützenvereine ausgebildeten, so genannten “Amokläufers” diesem Treiben ein Ende setzen mögen. Bevor. Es zu spät ist.

Abschaffung des Postgeheimnisses für E-Mail

Aber zurück zur Zensur, ihr Politiktreibenden, zur Zensur des Internet, die ihr ermöglicht habt. Ist euch eigentlich klar, was die angestrebte Form der Zensur wirklich bedeutet?

Ihr wollt die Zensur durchführen lassen, indem das BKA ohne jede öffentliche Kontrolle den Zugangsprovidern geheim gehaltene Listen von Domains gibt, und die Zugangsprovider sollen diese Listen dann nicht auf die eigentlich zugeordnete IP-Adresse abbilden, sondern auf die Adresse eines Servers, der bei einem beliebigen HTTP-Request das mittlerweile berüchtigte Stoppschild ausliefert. Dieses zeigt dann dem Surfer, der irgendwie auf diese Seite gelangt ist, dass er einen gesperrten Bereich betreten hat. Dieses Erlebnis soll den Surfer dann wirksam abschrecken. Das ist zumindest der Teil, der jetzt monatelang in der öffentlichen Diskussion breitgetreten wurde, um diese Unverschämtheit der Zensur zu rechtfertigen und die wirklichen Auswirkungen der Zensurmaßnahme zu verschleiern.

Wenn ihr euch nur ein bisschen technisches Verständnis eingeholt hättet, denn wäre euch auch klar gewesen, dass so ein Domainname keineswegs nur eine Site im World Wide Web angibt — und wenn ihr auf Anforderung eurer Fraktionsspitze blind zugestimmt habt, ohne dieses technische Verständnis zu haben, befreit euch das keineswegs von der Schuld, die ihr mit dieser Tat auf euch geladen habt, Politiktreibende. Innerhalb dieser Domain kann es zum Beispiel E-Mail-Adressen geben. Die E-Mails an diese Adressen gelangen dann nicht mehr zu ihrem regulären Empfänger, sondern werden an einen Server im Internet zugestellt, der in geheim gehaltener und völlig unkontrollierter Weise vom BKA betrieben wird. Es wurde von euch Politiktreibenden eine Infrastruktur in den Gesetzesrang erhoben, die es dem BKA ermöglicht, ohne jegliche Kontrolle E-Mails mitzulesen, die an eine vom BKA beliebig bestimmbare Domain gehen. Wenn da jemand mit technischen Kompetenzen ein bisschen programmiert, kann dies auch so geschehen, dass beim HTTP-Zugriff auf diese Domain kein Stoppschild, sondern die gewohnte Website sichtbar wird — für mich wäre das eine kleine Fingerübung, die mich höchstens drei Tage entspannte Arbeit kostete. So etwas mag in der gegenwärtigen Formulierung eures Gesetzes, Politiktreibende, illegal sein, aber es ist in der Durchführung vergleichsweise leicht möglich und es kann auf der anderen Seite unmöglich entdeckt werden. Für wie groß haltet ihr wohl das Hindernis, dass es unter diesen, von euch geschaffenen Bedingungen eingesetzt wird? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es unter dem Banner der Gefahrenabwehr einmal dazu kommen wird. Die technische Infrastruktur, mit der diese Technogestapo ermöglicht wird, war euer in einer Abstimmung geäußerter und offiziell dokumentierter politischer Wille, ihr Politiktreibenden. Wie viele so genannte “Grundrechte” wollt ihr eigentlich noch abschaffen in eurer lähmenden Angst vor einem Volk, das ihr doch zu vertreten vorgebt?

Ob es um einen Strafverteidiger, einen Geistlichen, einen Arzt oder um einen Journalisten geht, dessen Mail-Kontakte für das BKA aus irgendeinem, durch nichts kontrollierbaren Grund interessant werden — die mögliche Neugier der jetzt geschaffenen Gestapo kann unauffällig und mühelos befriedigt werden. Das ist es, was ihr Politiktreibenden mit eurer Zustimmung ermöglicht habt. Und erzählt mir bloß nicht, dass ihr das nicht gewusst und auch gar nicht gewollt habt. Dafür fügt es sich viel zu gut in das Bild, das ihr in eurem sonstigen Tun abgebt. Wer nicht blind ist und wer durch euer verlogenes Gelaber in dieser Sache nicht verblendet wurde, der sieht einen klaren, roten Faden in allem, was ihr tut. Und. Er weiß, diese Struktur zu deuten.

Ich bin weg!

Ja, Politiktreibende, ihr steht jetzt im Wahlkampf, und ihr würdet so gern das Internet für eure Einwegkommunikation und für die Verbreitung eurer diversen Lügen benutzen. Aber ihr habt euch für das Miteinander im Internet und darüber hinaus auch für jeden anderen Diskurs disqualifiziert. Das gilt auch für die Mitglieder jener im Deutschen Bundestage vertretenen Parteien, die den starken Eindruck erwecken, dass sie nur wegen ihrer Opposition gegen das jüngste Gesetz zur Volksentrechtung gestimmt haben, dass sie aber in einer Regierungsbeteiligung ebenfalls ohne Zögern und aus einem kalten Kalkül der Machterhaltung heraus für die weitere Volksentrechtung gestimmt hätten.

Dass ich euch allen nicht einen Millimeter mehr über den Weg traue, ist nicht ein allgemeiner Hang zum Misstrauen, sondern das Ergebnis von immer wieder gemachter Erfahrung, die jede im Bundestag vertretene Farbe trägt. Ihr kriminalisiert, beschimpft, verunsichert und entrechtet eine ganze Generation, und ihr bekommt davon nicht genug — in Wirklichkeit seid ihr es jedoch, ihr Politiktreibenden, die hier kriminell sind, bis zum leichtherzigen Bruch an sich eindeutiger Artikel des Grundgesetzes kriminell. Wenn die BR Deutschland wirklich der Rechtsstaat wäre, als den ihr sie so gern in euren weihevollen Reden darstellt, dann könnte ich wenigstens darauf vertrauen, dass ihr dafür zur Verantwortung gezogen würdet. Aber angesichts der täglich erfahrbaren Wirklichkeit in der BR Deutschland wäre ein solches Vertrauen dumm und naiv.

Ihr müsst euch fortan ohne mich behelfen, denn ich rede nicht mit Menschen, die mich unentwegt beleidigen, belügen, kriminalisieren und bis zum Entzug der Grundrechte entrechten. Dieses Ende der Kommunikation gilt auch für alle Mitglieder in euren verbrecherischen Wahlvereinen, den so genannten “Parteien”. Wo in der Auseinandersetzung keine Worte mehr möglich sind, bleibt leider nur noch die Gewalt — und diese geht übrigens von euch aus, ihr Politiktreibenden, nicht von mir. “Killerspiele” spiele ich übrigens auch nicht, aber ich kenne den Absatz 4 des Artikels 20 im Grundgesetz. Sollte mich mein weiterer Weg unter eurer verbrecherischen und zunehmend diktatorische Züge annehmenden Herrschaft, ihr Politiktreibenden, in ein Gefängnis führen, so erachte ich dies in einer Zeit, in der gefährliche und verantwortungslose Kriminelle mit Ämtern ausgestattet, mit Steuergeldern beglückt und mit Auszeichnungen überhäuft werden, als eine Form der Ehre.

Viel Spaß bei der verlogenen Aufführung eures Wahlkampfes, Politiktreibende — und wundert euch nicht darüber, was euch auf der Straße begegnet, wenn ihr hierfür noch eure Parallelgesellschaft verlassen müsst!

Go and sniff my open port!*
PLONK!

* Und weil ihr Politiktreibenden dieses GASMOP nicht verstehen werdet und wohl auch von eurer “geistigen” Ausrichtung her nicht dazu imstande sein werdet, es wie ein normaler Mensch einfach einmal nachzuschlagen, hier noch die Erläuterung dazu: Es handelt sich schlicht um eine etwas technisch ausgedrückte Variante des Schwäbischen Grußes. Was dieses PLONK bedeutet, kriegt aber bitte selbst raus, es ist nicht schwierig zu verstehen…

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