Nachdem — anders als es von der medialen Kriegspropaganda der täglich in die Hirne gestreuten Islamangst gewünscht war — völlig klar ist, dass der Mörder von Oslo und Utøya kein armer und leicht fanatisierbarer Moslem mit geringer individueller Lebensaussicht, sondern ein vermögender und offenbar gebildeter Christ mit extrem konservativer Weltsicht war, ist klar, was die nächste Strategie in der medialen Darstellung sein wird: Der Mörder wird wortreich zum Psychopathen erklärt werden, zum irren Einzeltäter, damit auch nicht ein Gedanke an den sozialen und politischen Kontext verschwendet werden muss, in dessen Schatten eine derartige Mordlust erblühen konnte. Denn das. Ist beinahe eine Konstante in der medialen “Aufbereitung” politischer Gewalt: Die Täter aus dem “linken” politischen Spektrum und seit zehn Jahren auch jene mit islamisch-religiösen Hintergrund sind organisierte und gefährliche Terroristen, denen gegenüber ein so gewaltiger und nach Möglichkeit auch gewaltsamer Präventivstaat aufgebaut werden muss, dass darunter bürgerliche Freiheitsrechte zu ersticken drohen; die anderen Täter hingegen, deren Tat sich als ein vergrößerendes Zerrbild des “konservativen” Wertekanons darstellt, sind irrsinnige Einzeltäter.
Übrigens: Der offene Rassist Thilo Sarrazin ist übrigens immer noch Mitglied der SPD und wird immer noch von einem Medienapparat umhätschelt, der ihm die Möglichkeit gewährt, sich und die von ihm offensiv vertretene Ideologie in Szene zu setzen — neuerdings sogar ausgerechnet aus der Opferrolle… dokumentiert und gesendet im Zweiten Deutschen Fern-Sähen.




Das IST ja gerade das Schlimme. Er ist mit ziemlicher Sicherheit kein Psychopath sondern ein relativ “Normaler”. Aber unerklärbar ist trotzdem wie ein solcher politischer, religiöser und sozialer Kontext, von dem Du redest bei dem Einen Menschen eine Mordlust zum blühen bringt und bei fast allen anderen nur lautes Gerede am (online) Stammtisch.
Ich persönlich glaube (auf Grundlage einiger persönlicher Erfahrungen mit Menschen aus dem “rechtsextremen” Umfeld), dass es sich um eine psychische Auswirkung zwischenmenschlicher Isolation (oder Ausgrenzung) in persönlich prägenden Zeiten handelt (bei den Menschen, mit denen ich sprechen konnte, war es meist zwischen dem 13. und 16. Lebensjahr), die als auch darüber hinaus andauernde Verzweiflung dem Leben einen bitteren Stempel aufdrücken. Wenn man mit diesen Voraussetzungen — die leider viel zu gewöhnlich und häufig sind, als dass ich sie “krank” nennen könnte — auf gewisse Erklärungsmodelle trifft und ein soziales Umfeld trifft, dass eine bequeme und möglichst umfassende Erklärung des eigenen Umglücks liefert (bei manchen ists eine Sekte, bei anderen eine Politsekte), wenn diese Ideologie in einem kleinen Kreis von Menschen, der echte Menschlichkeit vollständig ersetzen muss, immer wieder zirkuliert und sich in dieser Hallkammer selbst verstärkt, denn wird daraus eine Brille, die der gesamten Sicht auf die Welt eine Form gibt, die von außen kaum noch verstanden werden kann. (Wer schon einmal mit fundamentalistisch religiösen Menschen gesprochen hat, versteht das vielleicht.) Und wenn dann auch noch ein wachsende gesellschaftliche Billigung gewisser, als Gruppensinn stiftend verstandener Haltungen dazu kommt, bekommt die verzweifelte Flucht in die gemeinsame Subjektivität den trügerischen und doch überzeugenden Anschein von Objektivität, selbst noch für jemanden, der alles andere als dumm ist.
Tja, für unsereins sinds die Blogs und Stammtische, an denen wir (zum Glück nicht nur) eine gewisse Trübnis ausleben, diese müssen uns aber nicht ein Ersatz fürs ganze Leben sein. Obwohl ich oft ausgesprochen unfriedliche, barbarische und gewalttätige Ideen in Bezug auf manche Menschen und Institutionen habe, kommt es bei mir nicht zu einer Fanatisierung, die mich zum planvollen Berserker mit der trügerischen Gewissheit eines höheren, heiligen Zieles macht, sondern zur “gedämpften Wut” und Verdrängung des allzu direkten Mordenwollens durch Rationalisierung. Es liegt eben auch daran, dass ich es nicht nur mit meinesgleichen zu tun habe und dass ich immer wieder einsehen muss, dass in der Psyche eines Menschen nichts Gutes steckt — und damit auch in meiner Psyche nicht. Was ich bin und tue, ist keineswegs so frei, dass ich selbst Herr darüber wäre (und dennoch bin ich dafür verantwortlich), es erscheint in einem komplexen sozialen Prozess, der das hervorbringt, was ich “mein” “Ich” nenne. Jeder kann unter gewissen Umständen zum Mordläufer werden. Manchmal. Sogar mit sozialer Billigung, denn das in Norwegen Ungeheuerliche geschieht gerade in vielen vergessenen Kriegen auf der Welt, ohne dass es gesellschaftlich und medial geächtet wäre. Ich wollte, es gäbe unter den Menschen mehr Einsicht, damit es unter ihnen mehr Demut gäbe! Niemand verdankt sein Sein sich selbst.
Menschen und Einsicht.
Das läuft in einem anderen Zeitramen als dem Augenblick.
Augenblicklich sind Menschen, als Spezies gesehen Bestien. Wölfe im Schafspelz.
hübsch. donralfo in betroffenheitsrhetorik, der nachtwächter als stammtisch-püschologe und @tagespause als “zeitramen-schafspelz”.
hat mir echt viel gegeben. ^^